Timo Rost im Interview

»Wir sind das gallische Dorf«

Timo Rost spielt nun schon seit sieben Jahren bei Energie Cottbus. Der Mannschaftskapitän spricht im Interview über das Erfolgsgeheimnis des Klubs, die Eskapaden in der Hinrunde und die Laktatwerte von Tomislav Piplica. Timo Rost im InterviewImago
Heft #87 02/2009
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87

Herr Rost, waren Sie eigentlich frei von Vorbehalten als Sie sich vor sieben Jahren für Energie Cottbus entschieden?
 
Natürlich hatte auch ich meine Vorurteile, es ist einem ja nichts anderes erzählt worden als Kind: Im Osten gibt es keine Bananen, jeder fährt einen Trabbi, alles ist grau. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich, wäre es hier wirklich so gewesen, ich wäre mit Sicherheit keine sieben Jahre hier geblieben. Wenn ich jetzt sehe, wie sich der Verein und auch die Stadt entwickelt haben, kann man darauf sehr stolz sein. Städte wie Leipzig und Dresden sind mittlerweile schöner als viele Städte im Westen. Wir haben also nicht umsonst den Soli gezahlt. (lacht)

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Sie hatten viele Angebote von anderen Vereinen. Warum sind Sie immer noch in Cottbus?
 
Ich wurde hier mit meiner Familie so herzlich aufgenommen, das habe ich noch bei keinem anderen Verein erlebt. Ich habe ein Haus im Spreewald, da habe ich meine Ruhe und kann abschalten. Man hat Dresden vor der Tür, Berlin vor der Tür, es ist also alles gar nicht so schlecht wie man vielleicht denken mag. Ich habe mir hier im Verein eine gewisse Position erarbeitet und die schmeisst man auch nicht so einfach weg für ein paar Euro mehr.
 
Sie fühlen sich dem Verein verbunden?
 
Ich bin nicht der Typ, der sofort abspringt, wenn es vielleicht mal den Anschein macht, es ginge alles den Bach hinunter. Das soll sich jetzt nicht blöd anhören, aber ich bin so erzogen worden, dass man dem Schwächeren hilft.
 
Können Sie sich vorstellen, in Cottbus alt zu werden?
 
Nein. Ich werde irgendwann zurückgehen nach Nürnberg, da bin ich groß geworden, da lebt meine Familie.
 
Der FC Energie Cottbus ist seit einigen Jahren der erfolgreichste Ostklub in Deutschland. Gibt es so etwas wie ein Erfolgsgeheimnis?
 
Vor jeder Saison werden wir totgesagt, wir sind bei allen Experten der Abstiegskandidat Nummer eins. Ich sehe uns als das kleine gallische Dorf, das jedes Wochenende die Römer herausfordert. Und diesen Kampf können wir nur über die mannschaftliche Geschlossenheit gewinnen – und dazu zähle ich den ganzen Verein, die Vereinsführung, die Waschfrau, den Busfahrer, die Fans. Jede Figur ist wichtig, was auch immer sie für eine Aufgabe hat.
 
Spieler kommen und gehen in Cottbus. Diese Identifikation muss also schnell vonstatten gehen, um den Klassenerhalt immer wieder aufs Neue sichern zu können.
 
Wenn man sich als Spieler für einen Wechsel zu Energie Cottbus entscheidet, muss man wissen, was für ein Fußball hier gespielt wird. Wir sind nie eine Mannschaft gewesen, die ihren Gegner an die Wand spielt. Immer wenn wir gedacht haben, wir können jetzt mit den Großen mitspielen, sind wir als Verlierer vom Platz gegangen. Das beste Beispiel ist für mich immer wieder Paulo Rink, der von Bayer Leverkusen als deutscher Nationalspieler zu uns kam. Paulo Rink war wahrscheinlich der beste Techniker, der jemals in Cottbus gespielt hat, aber er kam mit unserer Spielweise einfach nicht zurecht. Er wollte immer nur schönen Fußball spielen – und konnte nicht kämpfen.
 
Es ist natürlich immer wieder eine Frage der Mentalität des Spielers.
 
Definitiv. Ich bin auch ein Typ, der lieber Fußball spielen würde. Aber wenn du bei Energie Cottbus nur Fußball spielen willst, dann hast du hier keine Chance. Wir müssen über harte Arbeit ins Spiel finden, es geht immer über den Kampfgeist. Und nur wenn das bei allen elf Spielern der Fall ist, haben wir eine Chance, die Klasse zu halten. Wenn hier auch nur einer denkt, er sei etwas Besseres, bekommen wir ganz schnell Probleme.
 
Nach siegreichen Spielen kann man sich in Cottbus also nicht zurücklegen?
 
Ich wiederhole mich in diesem Punkt gerne: Wir können nur über die mannschaftliche Geschlossenheit punkten. Jeder Spieler muss sich zu 100% mit unserer Spielweise identifizieren. In der Mannschaft muss es harmonisch zugehen, da darf niemand ausscheren. In der Hinrunde haben wir uns mit manchen Eskapaden selbst ein Beine gestellt, das hat uns definitiv wichtige Punkte gekostet.
 
Sinnbildlich für die Geschlossenheit von Energie Cottbus steht immer noch die Mannschaft aus der Saison 2006/07.
 
Ja, absolut richtig. Vom Charakter her waren diese Typen wie Piplica, McKenna, Radu oder Munteanu genau das, was uns immer ausgemacht hat. Wenn der McKenna ein Trainingsspiel verlor, dann hat er in den Ball gebissen. (lacht) Das waren alles sehr mannschaftsdienliche Spieler, die für die Anderen gelaufen sind – und die Mannschaft hat es den Jungs natürlich zurückgezahlt. Da hat alles gepasst. Jetzt sind andere Charaktere da, die das erst noch verinnerlichen müssen.
 
Fehlt es Ihnen diese Saison ein bisschen an Typen in der Mannschaft?
 
Ein Oliver Kahn hat in München auch nicht alleine die Champions League gewonnen, der hat auch einen Effenberg und einen Matthäus in der Mannschaft gehabt. Du brauchst in einer Bundesligamannschaft drei, vier Typen, die das Heft in die Hand nehmen und die Philosophie vorleben, wie der Verein Fußball spielen will.
 
Wie wichtig ist momentan ein Spieler wie Tomislav Piplica?
 
Enorm wichtig. Typen wie Piplica wissen, wie hart hier gearbeitet werden muss, und leben das auch jeden Tag vor. Der ist fast 40 Jahre alt und hat Laktatwerte, von denen ein 18-jähriger nur träumen kann. Piplica würde für den Verein sein letztes Hemd geben – und so jemanden brauchst du einfach in der Mannschaft.
 
Nach den lukrativen Weiterverkäufen von Sergiu Radu und Vlad Munteanu zum VfL Wolfsburg hat sich Energie Cottbus zu einer Art Karrieresprungbrett entwickelt. Wird das auf Dauer womöglich zum Problem des Vereins?
 
Ich habe nichts dagegen, wenn ein Spieler sagt, er nutze Energie als Sprungbrett. Die Spieler müssen bei uns ja erst einmal entsprechende Leistungen bringen, um sich für andere Vereine überhaupt empfehlen zu können. Die Frage ist nur, wie die Jungs sich hier verhalten. Wenn da einer Disziplinlosigkeit die nächste folgt, habe ich als Kapitän der Mannschaft sehr wohl ein Problem damit.
 
Timo Rost, ist mit dem aktuellen Kader der Abstieg zu verhindern?
 
Wir müssen die Probleme vermeiden, die in der Hinrunde auftraten. Wenn wir zusammenstehen, dann glaube ich fest daran, dass wir den Klassenerhalt auch dieses Jahr schaffen können.
 
Also wird es wieder auf ein Herzschlagfinale hinauslaufen?
 
Uns läuft die Zeit davon. Aber ehrlich gesagt, ich brauche diesen Nervenkitzel auch, ich bin ein Adrenalin-Junkie. Natürlich würde jeder von uns gerne im Mittelfeld der Liga stehen, aber der Abstiegskampf macht doch irgendwie auch den Reiz von Energie Cottbus aus. (lacht)
 
Warum geht es in Cottbus nicht ohne Drama?
 
Das ist eine gute Frage, die ich auch gerne beantwortet wüsste. (lacht) Wenn die Lage bereits aussichtslos ist, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, setzt sich so etwas wie der Energie-Virus frei, dann gewinnen wir plötzlich unsere Spiele. Das ist wirklich unglaublich. Ich kann Ihnen das nur so erklären.

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