Timo Hildebrand über den Umgang mit Kritik und seine Zukunft

»Die Situation hat sich verschärft«

Um keinen Bundesliga-Torwart entfachen sich so regelmäßig heftige Diskussionen wie um Schalkes Nummer eins Timo Hildebrand. Wir sprachen mit ihm über den Umgang mit den Patzer von Chelsea, die Verschärfung der Kritikkultur und seine Zukunft in Königsblau.

Timo Hildebrand, an welchem Ort auf dem Schalker Vereinsgelände hat man den schlechtesten Handyempfang?
Ich vermute im Keller des Zeugwarts. Wieso fragen Sie?

Wenn man sich die Berichterstattung über Sie anschaut, könnte man annehmen, dass Sie sich regelmäßig dahin zurückziehen, um Ihre Ruhe zu haben.
Ich bin nicht 24 Stunden online, um das Netz nach Berichten über mich abzusuchen. Deswegen kann ich mich jederzeit frei bewegen und brauche mich nicht zu verstecken. Das ist kein Problem.

Nach Ihrem Patzer gegen Chelsea sagten Sie: »Ich kriege jetzt wieder auf die Fresse!« Warum haben Sie eigentlich so einen schweren Stand bei Medien und Fans?
Das ist eine gute Frage. Aber noch besser wäre, wenn Sie mir darauf eine Antwort geben könnten. Ich kenne nämlich keine. Vielleicht liegt es an meiner Vergangenheit oder an den Erwartungen, die in mich gesetzt werden. Alles was ich tun kann, ist die Leute mit meinen Leistungen zu überzeugen.

Ist die Position des Torwarts die Undankbarste im Fußball?
Das würde ich nicht sagen, aber wenn man als Torwart einen Fehler macht, ist das offensichtlich. Jeder kann das erkennen, deutlich eher als bei einem Feldspieler. Das sind vielleicht die Nachteile meines Jobs. Und trotzdem wollte ich niemals etwas anderes machen.

Im Anschluss an den Patzer versteigerten Sie Ihre Schuhe auf Facebook. Das Motto war »Aus Fehlern das Beste machen«. Entwickelt man mit der Zeit einen gewissen Humor beim Umgang mit Kritik?
So etwas ist mir das erste Mal in meiner Karriere passiert – und es wird sicher nicht wieder passieren. Mit dieser Versteigerung wollte ich das Thema für mich abhaken. Ich kann die Vergangenheit nun mal leider nicht ändern.

Sind die Schuhe schon weg?
Die Versteigerung läuft noch. Das Geld spende ich dann für einen guten Zweck. Mir haben die Schuhe kein Glück gebracht, deshalb wollte ich das Beste daraus machen. Man darf eben nicht alles so verbittert sehen.

Sie als Experte müssen es wissen: Hat sich die Art der Kritik im Laufe der Jahre verändert?
Das kann schon sein. Das Thema ist bereits nach dem Tod von Robert Enke diskutiert worden. Damals haben alle beteuert, im Umgang miteinander rücksichtsvoller zu werden. Aber im Grunde genommen, hat sich die Situation sogar noch verschärft.

Wie sehr belastet Sie das?
Ich suche den Dialog mit den Fans und versuche sie beispielsweise über soziale Netzwerke an meinem Leben teilhaben zu lassen. Nichts, was ich tue, folgt einem böswilligen Hintergedanken. Und trotzdem erfährt man manchmal negative Reaktionen.

Was tun Sie dagegen?
Ich bin ein reflektierter Mensch, aber ich habe auch gelernt, bestimmt Dinge zu ignorieren.

Spricht man mit Kollegen darüber, wie viel Fußballer eigentlich einstecken müssen?
Natürlich wird darüber gesprochen. Aber eigentlich muss ich Ihnen die Frage stellen: Warum ist das so?

Haben Sie den Eindruck, dass wir besonders harsch mit Ihnen umgehen?
Nein, da geht es jetzt nicht speziell um sie. Aber man kann doch den Eindruck bekommen, dass Fußballer heute schneller zum Freiwild gemacht werden. Das geht nicht von uns Spielern oder den Vereinen aus. Wir versuchen nur bestmöglich unseren Job zu machen, doch auch da passieren nun einmal Fehler. Wenn ich dann mal überblicke, was danach los ist, frage ich mich: Wieso ist das so? Wieso werden Fragen von Journalisten schon negativ gestellt? Und wieso versuchen viele oftmals nur das Schlechte zu sehen?

Vielleicht, weil negative Schlagzeilen sich besser verkaufen.
Wahrscheinlich ist es das, aber ich muss das weder verstehen noch gut finden.

Ihr Vertrag läuft zum Saisonende aus. Jüngst wurde berichtet, dass Schalke 04 nach einem neuen Torwart sucht. Wie sehr beschäftigt Sie das?
Natürlich bekommt man das mit, aber mir bleibt ja nichts anderes übrig, als mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und gute Leistungen zu bringen. Ich bin hier glücklich und denke momentan nicht darüber nach, wohin der Weg in der nächsten Saison geht. Sicher waren die vergangenen zwei Wochen nicht einfach für mich, aber ich habe schon wesentlich schlimmere Situationen in meiner Karriere erlebt.

Valencia, Hoffenheim, Lissabon – Nach Ihrem Weggang aus Stuttgart gleicht Ihre Karriere einer kleinen Odyssee. Nimmt man vor diesem Hintergrund das aktuelle Geschehen anders wahr?
Natürlich. Ich versuche heute negative Erlebnisse, nicht mehr so nah an mich herankommen zu lassen, wie ich es vielleicht noch vor fünf Jahren getan hätte. Man muss die Regeln des Geschäfts akzeptieren und nicht den Blick für die eigene Realität verlieren. Dann merkt man schnell, dass man nicht jeden Wahnsinn mitmachen muss.

Gab es Momente, in denen Sie gedacht haben: »Ich hab keine Lust mehr!«?
Solche Gedanken kenne ich nicht, weil ich das Fußballspielen viel zu sehr liebe. Ich war arbeitslos und habe trotzdem jeden Tag an mir gearbeitet. Ich wollte einfach nicht so aufhören.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?
Das Gefühl vor vollen Rängen Bundesliga und Champions League zu spielen, ist nur durch wenig zu ersetzen. Da gibt es so viele Augenblicke und Herausforderungen, die einem kein anderer Job geben kann.

Nachdem Sie im Herbst 2011 Sporting Lissabon verlassen hatten, spielten Sie bei Manchester City und bei Eintracht Frankfurt vor. Auch ein Wechsel nach Holland war ein Thema. Am Ende blieben Sie dennoch ohne Vertrag. Was war der schlimmste Moment in dieser Zeit?
Bei Manchester City habe ich mich vorgestellt, in Frankfurt habe ich mittrainiert, um mich fit zu halten und in der Tat habe ich auch einige Angebote abgelehnt. Es war eine harte Zeit, aber als schlimm würde ich sie nicht bezeichnen. Natürlich waren Tage dabei, an denen ich gezweifelt habe. Aber ich habe in dieser Zeit vielleicht mehr über das Fußballgeschäft gelernt, als in den Jahren, in denen ich regelmäßig gespielt habe.

Was war das konkret?
Ich merkte, was für einen schönen Beruf ich eigentlich habe. Das macht demütig. Ich habe gelernt, dass man kleine Dinge wertschätzen sollte. Heute beschwere ich mich nicht, wenn mal richtig hart trainiert wird oder der Trainer Kritik übt, weil ich weiß: Ich habe einen richtig tollen Job.

Zahlreiche Nebenkriegsschauplätze gehören bei Schalke 04 fast schon zur Folklore. Gehört die Kritik an Ihnen am Ende ohnehin nur zum allgemeinen Schalke-Rummel?
(lacht) Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Nein, im Ernst: Beim FC Schalke ist eben immer etwas los. Das lieben die Fans an diesem Verein. Viel fokussiert sich auf Kevin-Prince Boateng oder Julian Draxler und wenn wir ein Spiel verlieren, dann rücke ich eben schneller in den Vordergrund. Das gehört dazu. Als Spieler ist es wichtig, dass man nicht alles für bare Münze nimmt.

Was ist für Sie typisch Schalke?
Ich bin noch nicht so lange hier, aber vom ersten Tag an habe ich gemerkt, dass die Fans im positiven Sinne verrückt sind. Für sie ist Schalke 04 der geilste Klub der Welt. Ich kann das verstehen.

Wie würden Sie denn einem ehemaligen Kollegen mit einem Satz erklären, was den Klub ausmacht?
Da müsste ich schon ein längeres Referat halten (lacht). Der Klub polarisiert einfach und das erzeugt eine besondere Identifikation der Zuschauer. Die Menschen leben Schalke 04.

Sie wirken trotz der Kritik an Ihnen immer sehr gelassen: Worüber haben Sie sich denn das letzte Mal außerhalb des Platzes so richtig aufgeregt?
Nüchternheit gehört zu meinem Naturell. Ich rege mich heute eigentlich nur noch über vermeidbare Fehler auf.

Einen Timo Hildebrand, der sich hupend durch den Straßenverkehr arbeitet, wird man also nicht erleben?
Glauben Sie mir, auch auf der Straße bin ich eher gelassen.

Derzeit steht Schalke 04 auf Platz 6. Der Abstand zur Spitzengruppe ist beträchtlich. War es richtig, dass die Saisonziele neu formuliert wurden?
Das ist nur realistisch. Die ersten drei Plätze haben sich abgesetzt. Da machen wir uns nichts vor. Aber die Saison ist noch lang. Jetzt haben wir sehr intensive Wochen vor uns, in denen die Weichen gestellt werden. Kommen wir in der Champions League weiter? Wie entwickelt sich die Tabelle? Hinter den ersten drei Plätzen geht es ja sehr eng zu.

Haben Sie denn noch ein persönliches Ziel in dieser Saison? Vielleicht mal eine positive Schlagzeile über sich zu lesen?
Wenn ich gut halte, erhöhen sich die Chancen vielleicht. (lacht) Mein Ziel ist recht schnell formuliert: Ich will in dieser Saison jedes Spiel für Schalke 04 machen, Punkte holen und die Zeit hier einfach genießen.

Timo Hildebrandt, Sie sind 34 Jahre alt und haben in Ihrer Karriere viel erlebt. Wie viele Jahre wollen Sie sich das eigentlich das noch antun?
Ich bin körperlich und auch mental gut drauf. Ich hab noch lange nicht die Nase voll vom Fußball und gelernt, all die Nebengeräusche auszublenden. Das hilft mir, mich auch in meinem Alter noch zu verbessern.

Das klingt nicht so, als würden Sie sich in der nächsten Saison als Nummer Zwei auf die Schalker Bank setzen?
Das weiß ich nicht. Darüber mache ich mir auch keine Gedanken. Ich kann die Zukunft sowieso nicht beeinflussen. Außerdem lebe ich sehr gerne in der Gegenwart.

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