21.11.2013

Timo Hildebrand über den Umgang mit Kritik und seine Zukunft

»Die Situation hat sich verschärft«

Um keinen Bundesliga-Torwart entfachen sich so regelmäßig heftige Diskussionen wie um Schalkes Nummer eins Timo Hildebrand. Wir sprachen mit ihm über den Umgang mit den Patzer von Chelsea, die Verschärfung der Kritikkultur und seine Zukunft in Königsblau.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Timo Hildebrand, an welchem Ort auf dem Schalker Vereinsgelände hat man den schlechtesten Handyempfang?
Ich vermute im Keller des Zeugwarts. Wieso fragen Sie?

Wenn man sich die Berichterstattung über Sie anschaut, könnte man annehmen, dass Sie sich regelmäßig dahin zurückziehen, um Ihre Ruhe zu haben.
Ich bin nicht 24 Stunden online, um das Netz nach Berichten über mich abzusuchen. Deswegen kann ich mich jederzeit frei bewegen und brauche mich nicht zu verstecken. Das ist kein Problem.

Nach Ihrem Patzer gegen Chelsea sagten Sie: »Ich kriege jetzt wieder auf die Fresse!« Warum haben Sie eigentlich so einen schweren Stand bei Medien und Fans?
Das ist eine gute Frage. Aber noch besser wäre, wenn Sie mir darauf eine Antwort geben könnten. Ich kenne nämlich keine. Vielleicht liegt es an meiner Vergangenheit oder an den Erwartungen, die in mich gesetzt werden. Alles was ich tun kann, ist die Leute mit meinen Leistungen zu überzeugen.

Ist die Position des Torwarts die Undankbarste im Fußball?
Das würde ich nicht sagen, aber wenn man als Torwart einen Fehler macht, ist das offensichtlich. Jeder kann das erkennen, deutlich eher als bei einem Feldspieler. Das sind vielleicht die Nachteile meines Jobs. Und trotzdem wollte ich niemals etwas anderes machen.

Im Anschluss an den Patzer versteigerten Sie Ihre Schuhe auf Facebook. Das Motto war »Aus Fehlern das Beste machen«. Entwickelt man mit der Zeit einen gewissen Humor beim Umgang mit Kritik?
So etwas ist mir das erste Mal in meiner Karriere passiert – und es wird sicher nicht wieder passieren. Mit dieser Versteigerung wollte ich das Thema für mich abhaken. Ich kann die Vergangenheit nun mal leider nicht ändern.

Sind die Schuhe schon weg?
Die Versteigerung läuft noch. Das Geld spende ich dann für einen guten Zweck. Mir haben die Schuhe kein Glück gebracht, deshalb wollte ich das Beste daraus machen. Man darf eben nicht alles so verbittert sehen.

Sie als Experte müssen es wissen: Hat sich die Art der Kritik im Laufe der Jahre verändert?
Das kann schon sein. Das Thema ist bereits nach dem Tod von Robert Enke diskutiert worden. Damals haben alle beteuert, im Umgang miteinander rücksichtsvoller zu werden. Aber im Grunde genommen, hat sich die Situation sogar noch verschärft.

Wie sehr belastet Sie das?
Ich suche den Dialog mit den Fans und versuche sie beispielsweise über soziale Netzwerke an meinem Leben teilhaben zu lassen. Nichts, was ich tue, folgt einem böswilligen Hintergedanken. Und trotzdem erfährt man manchmal negative Reaktionen.

Was tun Sie dagegen?
Ich bin ein reflektierter Mensch, aber ich habe auch gelernt, bestimmt Dinge zu ignorieren.

Spricht man mit Kollegen darüber, wie viel Fußballer eigentlich einstecken müssen?
Natürlich wird darüber gesprochen. Aber eigentlich muss ich Ihnen die Frage stellen: Warum ist das so?

Haben Sie den Eindruck, dass wir besonders harsch mit Ihnen umgehen?
Nein, da geht es jetzt nicht speziell um sie. Aber man kann doch den Eindruck bekommen, dass Fußballer heute schneller zum Freiwild gemacht werden. Das geht nicht von uns Spielern oder den Vereinen aus. Wir versuchen nur bestmöglich unseren Job zu machen, doch auch da passieren nun einmal Fehler. Wenn ich dann mal überblicke, was danach los ist, frage ich mich: Wieso ist das so? Wieso werden Fragen von Journalisten schon negativ gestellt? Und wieso versuchen viele oftmals nur das Schlechte zu sehen?

Vielleicht, weil negative Schlagzeilen sich besser verkaufen.
Wahrscheinlich ist es das, aber ich muss das weder verstehen noch gut finden.

Ihr Vertrag läuft zum Saisonende aus. Jüngst wurde berichtet, dass Schalke 04 nach einem neuen Torwart sucht. Wie sehr beschäftigt Sie das?
Natürlich bekommt man das mit, aber mir bleibt ja nichts anderes übrig, als mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und gute Leistungen zu bringen. Ich bin hier glücklich und denke momentan nicht darüber nach, wohin der Weg in der nächsten Saison geht. Sicher waren die vergangenen zwei Wochen nicht einfach für mich, aber ich habe schon wesentlich schlimmere Situationen in meiner Karriere erlebt.

Valencia, Hoffenheim, Lissabon – Nach Ihrem Weggang aus Stuttgart gleicht Ihre Karriere einer kleinen Odyssee. Nimmt man vor diesem Hintergrund das aktuelle Geschehen anders wahr?
Natürlich. Ich versuche heute negative Erlebnisse, nicht mehr so nah an mich herankommen zu lassen, wie ich es vielleicht noch vor fünf Jahren getan hätte. Man muss die Regeln des Geschäfts akzeptieren und nicht den Blick für die eigene Realität verlieren. Dann merkt man schnell, dass man nicht jeden Wahnsinn mitmachen muss.

Gab es Momente, in denen Sie gedacht haben: »Ich hab keine Lust mehr!«?
Solche Gedanken kenne ich nicht, weil ich das Fußballspielen viel zu sehr liebe. Ich war arbeitslos und habe trotzdem jeden Tag an mir gearbeitet. Ich wollte einfach nicht so aufhören.

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