Timo Hildebrand über den FC Valencia

»Ich habe mentale Narben«

Timo Hildebrand galt als kommender Nationaltorwart, als er im Sommer 2007 beim FC Valencia anheuerte. Doch das Chaos beim spanischen Erstligisten beeinträchtigte den Keeper derart, dass er schließlich scheiterte.  Timo Hildebrand über den FC Valencia

Timo Hildebrand, gestern hat Werder Bremen gegen Ihren alten Klub aus Valencia gespielt. Haben Sie die Partie gesehen?

Ja, habe ich.

Und, hat Ihnen die Mannschaft gefallen?

Hat sie, ja. So wie Valencia aktuell drauf ist, wie die Mannschaft spielt – das hätte ich mir auch für meine Zeit damals in Spanien gewünscht.

Stattdessen wird Valencia stets als die Station in Erinnerung bleiben, in der Ihre Karriere einen Knick nach unten gemacht hat. Was ist damals falsch gelaufen?

Eigentlich alles. Ich kam 2007 in einen Verein, der durch die finanzielle Schieflage innerlich zerfressen war. Als kein Geld mehr da war, drückten sich Trainer und Manager die Klinke gegenseitig in die Hand. In eineinhalb Jahren habe ich vier Trainer kommen und gehen sehen. Ich hatte ein miserables Jahr erwischt. (Valencias Trainer zwischen Juli 2007 und Januar 2009: Flores, Koemann, Voro, Emery, d. Red.)

Die »finanzielle Schieflage«, von der Sie sprechen, ist ein Schuldenberg von inzwischen mehr als einer halben Milliarde Euro. Wie haben Sie die Geldsorgen des Klubs gespürt?

Generell wurden die Spielergehälter monatlich nur zu einem Bruchteil ausgezahlt, die Restzahlungen kamen im Juni und Januar. Ich fing im Juli 2007 in Valencia an, meine Winterrate sollte eigentlich im Januar 2008 überwiesen werden.

Wann haben Sie Ihr Geld bekommen?

Im März.

Haben Sie sich nicht beschwert?

Als Spieler geht man nicht dagegen vor, wir haben uns auf den Sport konzentriert.

Die spanische Immobilienkrise hat beim FC Valencia eine gigantische Geldblase platzen lassen. Wie kann dieser Klub, der mehr Schulden hat als alle Bundesligisten zusammen, überhaupt noch existieren?

Weil Spanien anders ist. Valencia ist ein großer Klub, dem wird nicht einfach so die Lizenz entzogen, weil kein Geld mehr da ist.

Haben Sie sich nicht Gedanken darüber gemacht, dass Ihr Arbeitgeber vom Papier her eigentlich pleite war?

Nein, denn als Fußballprofi hast du andere Sorgen. Ich hatte genügend Probleme.

Zum Beispiel die dauerhafte Rotation auf der Torhüterposition. Nicht nur, dass Sie das Tor mit Santiago Canizares teilen mussten – zur Saison 2008/09 wurde mit dem Brasilianer Renan Brito auch noch ein neuer Keeper verpflichtet. Für sechs Millionen Euro...

Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, aber sechs Millionen Euro sind in Spanien keine Summe. Das Geld sitzt in Spanien viel lockerer als in Deutschland.

Für Sie persönlich muss die Zeit in Valencia ja auch ein unglaubliches Auf und Ab gewesen sein.

Allerdings. Ich spielte gegen den Abstieg. Ich saß auf der Bank. Ich saß auf der Tribüne. Und trotzdem habe ich den spanischen Pokal gewonnen und gegen Barcelona eines meiner besten Spiele überhaupt gemacht. (Im Halbfinal-Hinspiel brach Hildebrand mit gezählten 14 Paraden den inoffiziellen Glanzparadenrekord der Zeitung »Marca«, d. Red.)

Wie fällt Ihr Fazit aus?

Ich habe sowohl negative als auch positive Erfahrungen gemacht.

Positive Erfahrungen?

Ich habe eine neue Sprache gelernt, neue Menschen und eine neue Kultur kennen gelernt. Ganz einfach meinen persönlichen Horizont erweitert.

Und dennoch werden Sie unter einem ganz besonderen Druck gelitten haben.

Das stimmt, zumal die Situation damals in Valencia auch völlig unvorbereitet über mich herein gebrochen ist. Ich musste den ersten Negativtrend meiner Karriere durchstehen, habe den Platz im EM-Kader verloren – es kam alles auf einmal. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mit der Situation umzugehen, aber leicht war es nicht. Es braucht seine Zeit. Mentale Narben nimmt man aus solchen Zeiten immer mit.

Hoffenheim gilt als Gegenstück zum FC Valencia: Ein finanziell äußerst gesunder Verein mitten in der süddeutschen Provinz. War das der Grund für den Wechsel zur TSG?

Druck verspüre ich überall, auch in Hoffenheim. Aber ich habe nach den Monaten in Valencia eine Heimat gesucht und in Hoffenheim gefunden.

Glauben Sie, dass sich das finanziell so aufgeblasene Fußball-Geschäft irgendwann selber regulieren wird?

Für Topspieler wird es immer Auswüchse nach oben geben, was Ablösesummen und Gehalt betrifft. Aber der fußballerische Mittelstand wird in den kommenden Jahren sicherlich die gewaltigen Summen herunter schrauben müssen.

Gehört die Bundesliga zu diesem Mittelstand?

Mit Abstrichen, ja. Die großen Vereine, ob sie nun Bayern, Schalke oder Hamburg heißen, werden allerdings immer in der Lage sein, außergewöhnliche Summen zu bezahlen.

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