Timo Gebhart über das Derby gegen Freiburg und Tattoos

»Wie Oberlippenbärte in den Achtzigern«

Fünf Monate laborierte Stuttgarts Timo Gebhart an einer schweren Sprunggelenksverletzung. Vergangenes Wochenende feierte er sein Comeback. Vor dem Südderby gegen Freiburg sprachen wir mit ihm über Ziele, Religion und Tattoos. Timo Gebhart über das Derby gegen Freiburg und TattoosImago

Timo Gebhart, diese Woche startete die Champions League in die neue Saison. Hat Sie das wehmütig gemacht?

Timo Gebhart: Ein bisschen. Noch vor zwei Jahren spielten wir ja selbst gegen die Glasgow Rangers oder den FC Barcelona. Doch die letzte Saison lief eben nicht so gut, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir sind zu Recht nicht dabei, wenngleich wir natürlich gerne jedes Jahr international spielen würden.

[ad]

Haben Sie denn Ihren Ex-Kollegen aus den Jugendnationalmannschaften die Daumen gedrückt?

Timo Gebhart: Am Dienstag spielten meine beiden Kumpels aus 1860-Tagen: Lars und Sven Bender. Zu denen habe ich immer noch guten Kontakt, wir telefonieren oder mailen häufig – und klar, den Jungs habe ich die Daumen gedrückt. Zumindest der BVB hätte einen Sieg verdient gehabt.

Sie verletzten sich im Herbst 2010 am Sprunggelenk so stark, dass Sie über die gesamte Saison nicht mehr richtig in Tritt kamen. Schließlich wurden Sie operiert. Haben Sie eigentlich die Sorge, dass die Karriere im schlimmsten Fall vorbei sein könnte? Macht man sich über so etwas Gedanken?

Timo Gebhart: Überhaupt nicht. Das blende ich aus.

Dabei hat man als Rekonvaleszent doch viel Zeit zum Nachdenken.

Timo Gebhart: Gerade die Anfangszeit war bitter, die ersten zwei Monate. Da schuftete ich täglich alleine mit unserem Konditionstrainer Christos Papadopoulos. Schlimm sind auch Momente, wenn die Mannschaft zu einem Auswärtsspiel fährt, und du wieder in den Kraftraum oder auf den Ergometer musst. Doch letztendlich wusste ich, dass ich zurückkomme. Es handelte sich schließlich um eine Sprunggelenksverletzung und nicht um einen irreparablen Knorpelschaden. 

Sie sagten mal: »Jeder weiß, wie sehr ich leide, wenn ich nicht spiele.« Wie drückte sich das im letzten Jahr aus?

Timo Gebhart: Es war besonders krass, weil wir hinten drin standen und ich nur zusehen konnte. So viel stand damals auf dem Spiel und viele Leute hätten bei einem Abstieg vielleicht ihren Job verlieren können. Damals war ich nur bei den Heimspielen im Stadion. Häufig hätte ich mir dann am liebsten sofort ein Trikot übergestreift und wäre aufs Spielfeld gerannt. Zum Glück haben wir einen Trainer und eine medizinische Abteilung, die die Gesundheit der Spieler im Blick haben. Sonst würde ich eines Tages noch mit einem gebrochenen Fuß spielen. (lacht)

Sagt Ihnen der Name Terry Butcher etwas?

Timo Gebhart: Nein.

Ein englischer Nationalspieler, der einmal mit klaffender Wunde im Kopf weitergespielt hat.

Timo Gebhart: Sie spielen auf meine Fleischwunde im Spiel gegen den 1. FC Nürnberg an (September 2010, d. Red.). Die war auch voller Blut, und ich bin erst 40 Minuten nach dem Vorfall runter. Doch ich bin der Meinung, dass man nicht immer gleich aufschreien sollte. Ich beisse jedenfalls lieber auf die Zähne.  


Woher rührt diese Einstellung?

Timo Gebhart: Vielleicht von Stefan Effenberg.

Ihr großes Idol?

Timo Gebhart: Ach, im Kindesalter wechselt man ja seine Vorbilder und Helden wie Unterhosen. Effenberg hat sich allerdings erstaunlich lange gehalten. Danach fand ich lange Zeit Mehmet Scholl ziemlich gut. Ein wendiger, trickreicher Spielgestalter – so wollte ich auch sein.

Wie würden Sie Ihre Position heute denn bezeichnen? Spielgestalter, Regisseur, Offensiv-Allrounder?

Timo Gebhart: Ich kann offensiv alle Positionen spielen. Doch natürlich habe ich wie jeder Spieler eine Lieblingsposition.

Welche?

Timo Gebhart: Meine ist die Zehn, hinter den Spitzen.



Nach der Verletzungspause wurden Sie vergangenes Wochenende gegen Hannover 96 erstmals wieder eingewechselt. Mit Ihrem ersten Ballkontakt leiteten Sie das Tor zum 2:0 ein. Ein mehr als gelungenes Comeback.

Timo Gebhart: Das war sensationell. Schon wie mich die Fans empfangen haben. Gänsehaut! 

Dabei sagen Sie selbst, viele Leute hätten ein eher negatives Bild von Ihnen. Sie wurden als Egoist und disziplinlos bezeichnet. Wie kam es dazu?

Timo Gebhart: Das ist Vergangenheit! Ich habe tatsächlich den einen oder anderen Fehler gemacht, doch aus denen habe ich gelernt. Heute arbeite ich professioneller.

Welche Fehler waren das? Wortgefechte mit etablierten Spielern, ein zu dickes Auto, Eigensinn im Spiel?

Timo Gebhart: Wie gesagt: ich habe ein paar Fehler gemacht, aber die machen andere unerfahrene und junge Spieler auch. Bei mir bezieht sich das zum Beispiel darauf, dass ich früher wenig darauf geachtet habe, wie ich mich richtig ernähre. Oder darauf, dass ich früher bei taktischen Besprechungen nicht immer ganz anwesend war. 

Sie hatten keine Disziplin?

Timo Gebhart: Früher dachte ich manchmal: Du bist mit Talent gesegnet und hast eine gute Technik – das reicht doch. Tatsächlich reicht das nicht. Du musst arbeiten. Jeden Tag.


Hat Bruno Labbadia Ihnen dieses Credo mit auf den Weg gegeben?

Timo Gebhart: Er hat einen großen Anteil daran, dass Ruhe und Ordnung in der Mannschaft eingekehrt sind. Und ja, vielleicht habe auch ich noch besser verstanden, wieso Disziplin in einem Teamsport wichtig ist.

Bevor Sie zum VfB Stuttgart wechselten, hatten Sie Anfragen von verschiedenen Bundesligisten vorliegen. Der damalige Bayern-Nachwuchskoordinator sagte später: »Da ist uns ein großes Talent durch die Lappen gegangen.« Wieso entschieden Sie sich eigentlich für den VfB?

Timo Gebhart: Der Klub gab mir die beste Perspektive und liegt nahe bei meiner Heimat Memmingen. Zudem ist der VfB Stuttgart einfach ein cooler Verein. Und wie sich zeigt, war die Entscheidung richtig. Ich war bis zu meiner Verletzung Stammspieler...

...und trotz Ihrer jungen Jahre sind Sie bereits so etwas wie ein Führungsspieler. Im Februar dieses Jahres gewann der VfB Stuttgart bei Borussia Mönchengladbach. Sie verwandelten beim Stand von 2:2 einen Elfmeter zum Siegtor.

Timo Gebhart: Ich würde lügen, wenn ich sagte: Das war ganz easy. Es stimmt auch nicht, dass man alles um sich herum ausblenden kann, die Zuschauer, den Lärm, die Gegenspieler, die Lichter. Auch nicht die Gedanken um die brenzlige Situation. Der VfB stand damals mit einem Bein in der zweiten Liga. Das war eine richtige Anspannung! Dieses Mal mit einem glücklichen Ende für uns.

Aktuell steht der VfB auf dem 10. Platz, zwei Siegen stehen zwei Niederlagen gegenüber. Am Freitag geht es gegen den SC Freiburg. Ist dieses Spiel ein Weichensteller für die Saison?

Timo Gebhart: Das werden wir sehen – doch letztendlich ist das egal, wir wollen eh jedes Spiel gewinnen. Und doch tun wir gut daran, diese Saison keine Ziele auszugeben.

Artur Boka nahm die Champions League in den Mund.

Timo Gebhart: Wie zu Beginn erwähnt: Der internationale Wettbewerb ist für alle interessant. Ob es diese Saison klappt, steht dahin.

Das klingt nach einer Übergangssaison. Ist der VfB der richtige Verein für einen Spieler, der mittelfristig in der Nationalmannschaft spielen will?

Timo Gebhart: Natürlich träume ich von der Nationalmannschaft, welcher Fußballprofi tut das nicht? Aber ich habe momentan andere Dinge im Kopf, als mich mit der Nationalelf zu beschäftigen oder mich zu fragen, ob ich dauerhaft international spielen muss. Jetzt will ich überhaupt mal wieder spielen und ich mit dem VfB eine gute Platzierung erreichen. 

Was bedeutet Ihnen eigentlich Glauben?

Timo Gebhart: Ich bin nicht besonders gläubig.

Sie haben auf der Brust ein Tattoo, das ein Kreuz zeigt.

Timo Gebhart: Ich fand das Motiv einfach schön. Meiner Mutter hat es allerdings nicht gefallen. Ich versprach ihr damals, dass ich mir kein weiteres stechen lasse. Allerdings hielt ich mich nicht dran. Mittlerweile habe ich eine Tätowierung auf dem linken Oberarm. Als sie das sah, rollte sie nur die Augen. Aber ich bin ja dadurch kein Sonderling. Gucken Sie sich in der Liga um. Was in den achtziger Jahren die Oberlippenbärte waren, sind heute Tätowierungen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!