26.10.2006

Tim Borowski im Interview

„Ich habe Klinsi ausgelacht“

Beim SV Werder Bremen ist Tim Borowski der Chef im Mittelfeld, in der Nationalmannschaft immer noch zweite Wahl hinter der Achse Ballack-Frings. Doch er hat sich mit der Situation arrangiert und wartet auf seine Chance.

Interview: Tim Jürgens und Paul Linke Bild: Reinaldo Coddou H.
Ist es ein Vorteil für Sie, dass Löw Klinsmann nachgefolgt ist?

Ich bin ganz froh, dass er den Job übernommen hat. Schließlich hat Löw das System mit geprägt und unsere Spielphilosophie bleibt die gleiche.

Was bringt einem Spieler von Ihrer Qualität noch das Training bei der Nationalmannschaft?


In der WM-Vorbereitung habe ich gelernt, wie wichtig der Fitnesswert ist. Das Trainerteam um Mark Verstegen hat uns zu Maschinen gedrillt, die 90 Minuten rauf und runter marschieren konnten, ohne nur mit der Wimper zu zucken.

Wer sind Ihre besten Kumpels im DFB-Team?

Wir haben einen sehr guten Teamgeist und ich verstehe mich mit allen. Bei der WM habe ich neben Torsten Frings auch viel mit Robert Huth, Bernd Schneider, Per Mertesacker oder Oliver Neuville unternommen.

Franz Beckenbauer sagte 1974, dass ein modernes Nationalteam nicht mehr elf Freunde sind, sondern ein reiner Interessenverband. Inwieweit trifft das auf die Mannschaft von 2006 zu.


Ich würde uns als einen untereinander befreundeten Interessenverband bezeichnen.

Was bedeutet es Ihnen, in der Nationalmannschaft zu spielen?

Es ist das Größte. Und gerade an jungen Spielern wie Trochowski und Schlaudraff, merke ich, wie extrem hoch auch bei denen der Stellenwert des DFB-Teams wieder ist.

Was sagen Sie dazu, dass trotz der harmonischen WM inzwischen auch in Bundesligastadien wieder rassistische Parolen zu hören sind?


Rassismus in Stadien ist kein deutsches, sondern ein europäisches Problem. In Italien und Spanien ist das viel heftiger als bei uns. Idioten, die irgendwelchen Mist aufs Spielfeld brüllen, wird es wohl immer geben.

Haben Sie eine Idee, wie Sie als Spieler so was verhindern können?

Sowas kann niemand kontrollieren. Selbst die Ordner können nur selten erkennen, wer da gröhlt. Das einzige, was uns Spielern bleibt, ist, das Problem publik zu machen und zu zeigen, dass wir nicht bereit sind, Rassismus in den Stadien zu tolerieren.

Blickt man in die unteren Ligen, stellt man fest, dass rassistische Übergriffe vor allem in ostdeutschen Stadien ein Problem sind.

Ich glaube, das Problem existiert überall. In der Nähe von Bremen, in Delmenhorst, wollte gerade ein Anwalt aus der rechtsradikalen Szene ein Hotel in ein Schulungszentrum für diese Leute umfunktionieren. Aber sicher hat es den Anschein, dass die Jugendlichen in den neuen Bundesländern ein besonderes Problem darstellen.

Wie sehr fühlen Sie ich noch als Ostdeutscher?

Ich würde meine Herkunft nie verleugnen. Ich bin stolz darauf aus Mecklenburg-Vorpommern zu stammen. Es ist eines der schönsten Bundesländer in Deutschland, in dem ich gerne meine Urlaube verbringe. Aber das Gerede von Ost-West-Gegensätzen geht mir total auf den Keks.

Was konkret geht Ihnen auf den Keks?

Wenn ich zurück nach Neubrandenburg komme, habe ich manchmal den Eindruck, dass gerade diejenigen, die damals die Mauer niedergeschrieen haben, sie nun am liebsten wieder aufbauen würden. Ich kann nicht nachvollziehen, dass die immer noch PDS wählen. Das ist wie mit dem Rechtsextremismus – bei manchen kriegt man diese Verbohrtheit einfach nicht aus dem Kopf.

Wie haben Sie es als 16-Jähriger empfunden, aus Ihrer Heimatstadt Neubrandenburg in die Fußballmetropole Bremen zu kommen?

Bereits als Zehnjähriger war es mein Ziel, Profi zu werden. Schon da wusste ich, dass ich nur mit viel Glück die Chance bekomme, bei einem Top-Klub zu trainieren. Insofern war klar, dass ich das Angebot annehme. Aber die Abnabelung fiel mir natürlich nicht leicht.

Hatten Sie Heimweh?

Gerade das erste halbe Jahr war sehr hart. Es kam alles auf einmal: Die Freunde und die Familie sind weg, der Schulweg dauert nicht mehr fünf Minuten, sondern eine dreiviertel Stunde. In dieser Zeit war mir die Familie im Werder-Internat eine große Stütze.

Welche Eigenschaften haben Ihnen den Weg aus der Jugend an die Spitze des Werder-Teams geebnet?

Wer als Jugendlicher so einen Schritt wagt, muss ein besonderes Maß an Zielstrebigkeit mitbringen. Ich wusste immer, was ich mir leisten kann und worauf ich zugunsten des Erfolges verzichten muss.

Ihr Erfolgsgeheimnis in einem Satz.

Talent ist wichtig, aber nicht alles. Ich habe zugesehen, oft auch in Extraeinheiten, an meinen Defiziten zu arbeiten und Stärken zu verfeinern. Ein Profi kann nicht zweimal die Woche feiern gehen, sondern nur einmal im Monat. Und dann kommt auch eine ordentliche Portion Glück dazu.

Etwa das Glück, dass Thomas Schaaf schon Ihr Jugendtrainer bei Werder war?

Es war bestimmt ein Vorteil, dass er mich kannte und mich nach Bremen geholt hat. Dadurch kannte er meine Stärken und konnte die Schwächen tolerieren. Für meinen Sprung ins Profi-Team war so gesehen auch der Trainerwechsel bei Werder von Felix Magath zu Thomas Schaaf in Glücksfall. Denn so bekam der Trainer seine Chance, hier etwas Großes aufzubauen.

Gab es einen Moment, als auch Ihnen persönlich klar wurde, dass Sie bei Werder Bremen Großes erreichen können?

Ich hatte in Bremen parallel zum Fußballinternat eine Ausbildung zum Automobilkaufmann angefangen. Eines Tages kam Thomas Schaaf auf mich zu und sagte: „Was willst Du? Profi werden oder Autos verkaufen? Du verpasst zu viele Trainingseinheiten.“ Da habe ich entschieden, die Ausbildung abzubrechen. Zwei meiner Kumpels haben genau so entschieden – bei mir hat es geklappt, bei ihnen leider nicht.

Schaaf war als Interimslösung nach Felix Magath geplant. Haben Sie damals geglaubt, dass er so viel Erfolg bei den Profis haben würde?

Auf jeden Fall. Schon als Jugend- und Amateurtrainer hat er ständig neue Trainingsmethoden ausprobiert. Er studierte schon damals den Spielrhythmus internationaler Teams und dachte moderner als andere. Dazu kam sein Auge für gute Spieler.

Wie haben Sie die Ära Magath in Bremen erlebt?

Unter Magath durfte ich nur einmal als A-Jugendlicher trainieren. Das Einzige woran ich mich erinnere, ist, dass ich nach dem 30-minütigen Aufwärmprogramm platt war.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden