26.10.2006

Tim Borowski im Interview

„Ich habe Klinsi ausgelacht“

Beim SV Werder Bremen ist Tim Borowski der Chef im Mittelfeld, in der Nationalmannschaft immer noch zweite Wahl hinter der Achse Ballack-Frings. Doch er hat sich mit der Situation arrangiert und wartet auf seine Chance.

Interview: Tim Jürgens und Paul Linke Bild: Reinaldo Coddou H.
Tim Borowski, ist Michael Ballack derzeit der beste deutsche Spieler?

Ehrlich gesagt finde ich es blöd, über Kollegen zu urteilen.

Anders gefragt: Was kann Ballack besser als Sie?

Das Kopfballspiel beherrscht er sicher besser.

Wie verstehen Sie sich mit ihm?

Wir sind Teamkollegen und in dieser Eigenschaft verstehen wir uns gut. Er bringt hervorragende Leistungen und selbstverständlich verdient er dafür genauso Respekt, wie jeder andere im Team.



Mal ehrlich, ging Ihnen die gute Laune während der WM nicht irgendwann auf den Sack? Schließlich waren Sie die meiste Zeit nur zweite Wahl.

Als ich im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica ausgewechselt wurde, saß ich abends im Hotelzimmer und dachte: „Warum lässt er mich nicht wenigstens durchspielen?“ Ich wusste, dass ich beim nächsten Spiel wieder auf der Bank sitzen würde…

Weil die „Wade der Nation“ im Eröffnungsspiel verletzt fehlte.

Doch nach dem ersten Frust habe ich mit meinem Berater und meiner Familie telefoniert. Die haben mir einen anderen Blick auf das Turnier vermittelt. Mir wurde bewusst, was für ein Glück ich habe, bei so einem Ereignis dabei zu sein. Mein Geburtsjahr, mein Alter stimmen, ich bin fit und wurde berufen. Also habe ich beschlossen, die Zeit zu genießen. Diese Einstellung hat mir sehr dabei geholfen, eine gute WM zu spielen.

Welche Rolle wollen Sie nun bei der EM 2008 spielen?

Wenn es nach mir geht, eine noch größere als bei der WM. Schweini und ich haben während der WM auf unserer Position hohe Spielanteile erreicht. Es wäre schön, wenn ich mich auf diesem Weg weiter steigern könnte, denn nach wie vor stehe ich auf dem Standpunkt, dass unser Mittelfeld eines der besten der Welt ist.

Die Außenposition ist also langfristig Ihr Ziel im Nationaldress?

Natürlich gefällt mir die Halbposition oder sogar das zentrale Mittelfeld besser. Aber ich kann sowohl auf der linken als auch auf der rechten Außenposition spielen, was für meine Stellung im Team ein großes Plus ist. Denn so kann ich überall, wo ich aufgestellt werde, auf mich aufmerksam machen.

Ist 2008 auch eine zentrale Mittelfeldachse mit Ballack und Borowski denkbar?

Meines Erachtens haben Michael Ballack und Torsten Frings bei der WM bewiesen, dass sie derzeit die beste Achse bilden. Aber es gibt zwei weitere Positionen im Mittelfeld, und ich wäre froh, wenn ich eine davon als Stammspieler übernehmen könnte. Und wenn sich einer verletzen sollte – was ich natürlich keinem wünsche – wäre ich da, um auf einer zentralen Position auszuhelfen.

Hätten Sie als Spieler des FC Bayern eine wichtigere Rolle bei der WM gespielt?

Ich glaube nicht. Vor einem Jahr träumte ich davon, überhaupt bei der WM dabei zu sein. Dann habe ich eine gute Saison gespielt, war aber auch noch verletzt und wurde unumstritten nominiert. Und mit der Art, wie ich mich bei der WM präsentierte, habe ich ein paar Kritikern sicher das Futter entzogen.

Welchen Anteil hat Jürgen Klinsmann am WM-Erfolg?

Viele haben ihn ausgelacht, als er den Kader bekannt gab. Aber er hat genau die richtigen Charaktere berufen und hat ein Team-Gebilde kreiert, das zusammen passte. Bis ins letzte Glied hat er uns vorgelebt: Wir sind ein Team.

Mussten Sie angesichts des schwäbischen Dialekts bei Klinsmanns Brandreden trotzdem manchmal in sich hinein schmunzeln?

Es kommt auf die Inhalte an. Seine Ansprachen habe nicht nur ich als große Motivationskunst empfunden.

Können Sie nachvollziehen, warum Klinsmann aufgehört hat?

Ja, denn wie er in diesen zwei Jahren gearbeitet hat, war der Wahnsinn. Er hat nicht nur eine Mannschaft überzeugt, sondern ein ganzes Land. Die ganze Zeit stand er extrem unter Druck. Als was waren wir Spieler vorab nicht alles beschimpft worden: als „Bratwürste“, „Pizzen“ und „Kartoffeln“. Und wären wir tatsächlich in der Vorrunde ausgeschieden, hätte Klinsmann den Kopf dafür hingehalten. Daher kann ich nachvollziehen, dass er nach der WM völlig ausgebrannt war. Im Übrigen: Was hätte er noch erreichen können?

Zum Beispiel in vier Jahren mit Ihnen Weltmeister zu werden.

Aber auch so hat er in Deutschland ein Ansehen, dass beinahe mit dem von Franz Beckenbauer zu vergleichen ist. Und jetzt ist er in Florida und bekommt viele gute Angebote.

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