08.10.2011

Thorsten Legats Bekenntnisse

»Papa hat Aua«

Man spielt vor Zehntausenden, badet in Flutlicht und Adrenalin – und plötzlich ist es vorbei. Einfach vorbei. Was macht ein Profi, wenn es still wird? Wir sprachen mit Thorsten Legat über den Ruhestand, den Blick zurück und nach vorn.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: David Binnewies
In physischer Hinsicht waren Sie absolut professionell. Abseits des Trainings hatten Sie sich nicht immer so im Griff. Den VfB Stuttgart mussten Sie 1999 verlassen, weil Sie Ihren Mitspieler Pablo Thiam rassistisch beleidigt hatten.

Ich würde es rückgängig machen, wenn ich könnte, glauben Sie mir. Ich kam nach einem halben Jahr Reha zurück ins Training, wollte zurück ins Team. Der Pablo und ich haben uns gekabbelt. Man gönnt ja dem anderen nichts! Schließlich geht es um einen Stammplatz. In der Kabine ging es verbal weiter. Dann habe ich den Bogen überspannt, nicht nachgedacht, und dieses Wort auf Pablos Flasche geschrieben („Negersaft“, Anm. d Red.). Ein dummer Witz. Es tut mir immer noch von ganzem Herzen leid.

Waren Sie erschrocken, als die Konsequenten über Sie hereinbrachen?

Ja, klar. Ich war entsetzlich naiv.

Sie waren in der Folge drei Monate vereinslos. Hatten Sie Existenzängste?


Natürlich. Das war das Erste, worüber ich mit meiner Frau gesprochen habe: „Was wird jetzt aus dem Menschen Thorsten Legat?“

Was überwog: Die Angst vor finanziellen Nöten oder die Angst, nicht mehr auf höchstem Niveau Fußball spielen zu können?

Das Finanzielle war kein Problem. Ich bin ein sparsamer Mensch. Die Angst, dass ich nicht mehr in der Bundesliga spielen könnte, war viel schlimmer. Dass ich nur noch dem Hohn und Spott der Leute ausgesetzt wäre. Ich habe ja gedacht: „Du findest nie wieder was!“ Aber dann kam der Anruf aus Schalke von Rudi Assauer. Der Rudi ist wie ein Ziehvater für mich, er hat mich zurückgeholt ins Ruhrgebiet. Er hat mir eine neue Chance gegeben. Ich war wieder zu Hause, durfte Fußball spielen. Ich habe mich wieder wie ein Mensch gefühlt. Dafür werde ich dem Rudi immer dankbar sein.

Das klingt schön. Aber wenn ein Neuer in die Mannschaft kommt, bringt er immer auch die Hierarchie durcheinander. Haben Ihnen die Alteingesessenen auch schon mal zu verstehen gegeben: „An mir kommst du nicht vorbei“?

In Schalke gab es kein Mobbing. Das waren tolle Jungs – Olli Reck, Olaf Thon, Latal, Nemec, Andreas Müller, der heutige Manager. Die haben mich nach der schweren Zeit sogar aufgebaut und gesagt: „Mensch! Junge! Jetzt lass dich nicht hängen!“ Das war für mich wie eine zweite Familie.

Wie war es bei anderen Vereinen?

Da kam es schon mal vor, dass so ein alter Platzhirsch ausgekeilt hat. Wenn du dich durchsetzen willst, musst du den Kampf annehmen. Du musst Blut fressen, du musst Scheiße fressen. Ich habe eingesteckt und ausgeteilt. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich die Jüngeren meine Brutalität so richtig schmecken lassen können. Das hatte ich nicht nötig. Ich war immer der Beste, von der Athletik her, vom Willen her, von der Kompetenz her.

Sie sprechen vom Fußball wie andere von der Fremdenlegion.


Ich bin auf der Straße groß geworden. Man hat mich gehänselt, als „asozial“ und als „Penner“ bezeichnet. Der wichtigste Mensch in meinem Leben war Hermann Gerland, mein Trainer beim VfL Bochum. Er hat mir die Leviten gelesen und zu mir gesagt: „Wenn du nicht zurück willst auf die Straße, dann musst du kämpfen, kämpfen, kämpfen.“ Das habe ich getan.

Haben Sie es erlebt, dass andere unter dem Leistungsdruck des Profifußballs zusammengebrochen sind?

Ja, das habe ich erlebt. Die wollten dabei sein und das Geld haben. Aber das reicht nicht. Du brauchst den unbedingten Willen, immer der Beste zu sein.

Haben heute weniger Nachwuchsspieler diesen Willen als noch in den 80er und 90er Jahren?

Auf jeden Fall. Es gibt zuviel Theorie. Den nötigen Biss kann man nur auf dem Platz kriegen. Da liegt die Wahrheit. Und der Ball muss ins Tor.

Manche Spieler schauen sich Filme an oder hören Musik, um sich zu motivieren. Hatten auch Sie ein besonderes Ritual?

Wissen Sie, mein Papa hat unter Tage gearbeitet. Das waren schreckliche Verhältnisse. Ich habe gesehen, wie er gelitten hat. Da wollte ich niemals hin. Das war Motivation genug. Der liebe Gott hat mir diesen Körper gegeben, und ich habe ihn geformt.

Dann haben Sie in der kasernierten Saisonvorbereitung wohl auch nie einen so genannten Lagerkoller bekommen.

Nein, nie. Frust kam bei mir nie auf. Ich habe den anderen noch in den Arsch getreten. Über den schwersten Weg kommst du zum Erfolg.

Haben Sie jemals festgestellt, dass Kollegen aufgrund Ihrer Ausstrahlung Angst vor Ihnen hatten?

Ich bin mein Leben lang eine Figur gewesen, von der man sagt: „Der ist nicht normal.“ Ich stehe außen vor, immer noch.

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