Thorsten Legats Bekenntnisse

»Papa hat Aua«

Man spielt vor Zehntausenden, badet in Flutlicht und Adrenalin – und plötzlich ist es vorbei. Einfach vorbei. Was macht ein Profi, wenn es still wird? Wir sprachen mit Thorsten Legat über den Ruhestand, den Blick zurück und nach vorn. David Binnewies

Herr Legat, Sie waren Europapokalsieger der Pokalsieger, Deutscher Pokalsieger und Meister. Wo es möglich ist, werden die Trophäen von der Siegermannschaft rituell mit Bier gefüllt. Werden die denn tatsächlich auch geleert?

Soll ich Ihnen ganz ehrlich was sagen? Man nippt dran, und dann schüttelt man sich. Es schmeckt einfach Scheiße. Außerdem ist man so kurz nach dem Spiel nach einem Schluck sowieso schon total besoffen.

Aber nach ein, zwei Stunden dürfte der Körper doch wieder aufnahmefähig sein.

Es wird Sie wundern, aber der große Biertrinker war ich – zumindest in meinen jungen Jahren – nicht. Aber gefeiert habe ich trotzdem. In einer solchen Situation fällt die gesamte Anspannung einer Saison von einem ab, man ist aufgewühlt und gleichzeitig stolz auf das Erreichte. Ich habe immer gedacht: „Thorsten, das kann dir keiner mehr nehmen.“ Vor vier, fünf Uhr war ich bei solchen Anlässen nie im Bett. Nach meinem Ermessen bin ich aber immer neben meiner Frau eingeschlafen (lacht).


Das klingt seriöser, als ich angenommen hatte.

Na gut, nach der Deutschen Meisterschaft 1993 mit Werder – das war das Größte für mich – ging schon die Post ab. Da war ich wie ein Wildpferd, da hat mich anderthalb Tage niemand halten können.

Wer war an Ihrer Seite?


Ich kann keine Namen nennen. Aber die Leute, mit denen ich unterwegs war, die waren Hardcore pur. Zum Beispiel nach dem DFB-Pokalsieg 1997 mit dem VfB Stuttgart: Was wir da hinterher alles gemacht haben, im Foyer und überall im Hotel! Wenn ich Ihnen das jetzt erzählen würde, Ihnen würden die Haare ausfallen! Und die Zähne!

Gab es denn auch Spaßbremsen?

Nein! Wenn man Erfolg hat, muss man Spaß haben. Da musst du alles rauslassen, da darfst du nichts unterdrücken. Wer das nicht begreift, der ist fehl am Platze.

Nach den Feierlichkeiten geht es in den wohlverdienten Urlaub. Wie lange dauerte es, bis Sie richtig abschalten konnten?


Natürlich gilt: Man muss sich entspannen. Aber ich brauchte immer meine Zeit, um abzuschalten. Zuerst bin ich immer für ein paar Tage nach Bochum zu meiner Mama gefahren. Danach ging es irgendwo ans Meer. Und wenn ich da am Strand lag, dann kamen die inneren Rückblicke, und ich habe gedacht: „Mein Gott, was hast du geackert! Was hast du gebolzt!“ Aber nach ein paar Tagen stellt sich Zufriedenheit ein, und man kann wirklich relaxen.

Ist diese Zufriedenheit von Dauer?

Auf jeden Fall! Ich spiele heute in der Traditionsmannschaft des VfL Bochum, und wenn dann einer wie Ata Lameck zu mir kommt, zu dem ich als junger Spieler aufgeblickt habe, und sagt: „Meeensch! Deutscher Meister!“ – dann ist das schon toll.

Aber wie ich Sie einschätze, haben Sie damals am Strand nicht lange auf dem Handtuch gelegen.

Auf keinen Fall! Meine Frau hat nur mit dem Kopf geschüttelt. Ich bin sogar bei unmenschlichen Temperaturen meine Kilometer gelaufen. Ich war besessen, ich war hungrig. Ich weiß, man hat viel über mich gelacht. Aber ich habe es für mich getan.

In physischer Hinsicht waren Sie absolut professionell. Abseits des Trainings hatten Sie sich nicht immer so im Griff. Den VfB Stuttgart mussten Sie 1999 verlassen, weil Sie Ihren Mitspieler Pablo Thiam rassistisch beleidigt hatten.

Ich würde es rückgängig machen, wenn ich könnte, glauben Sie mir. Ich kam nach einem halben Jahr Reha zurück ins Training, wollte zurück ins Team. Der Pablo und ich haben uns gekabbelt. Man gönnt ja dem anderen nichts! Schließlich geht es um einen Stammplatz. In der Kabine ging es verbal weiter. Dann habe ich den Bogen überspannt, nicht nachgedacht, und dieses Wort auf Pablos Flasche geschrieben („Negersaft“, Anm. d Red.). Ein dummer Witz. Es tut mir immer noch von ganzem Herzen leid.

Waren Sie erschrocken, als die Konsequenten über Sie hereinbrachen?

Ja, klar. Ich war entsetzlich naiv.

Sie waren in der Folge drei Monate vereinslos. Hatten Sie Existenzängste?


Natürlich. Das war das Erste, worüber ich mit meiner Frau gesprochen habe: „Was wird jetzt aus dem Menschen Thorsten Legat?“

Was überwog: Die Angst vor finanziellen Nöten oder die Angst, nicht mehr auf höchstem Niveau Fußball spielen zu können?

Das Finanzielle war kein Problem. Ich bin ein sparsamer Mensch. Die Angst, dass ich nicht mehr in der Bundesliga spielen könnte, war viel schlimmer. Dass ich nur noch dem Hohn und Spott der Leute ausgesetzt wäre. Ich habe ja gedacht: „Du findest nie wieder was!“ Aber dann kam der Anruf aus Schalke von Rudi Assauer. Der Rudi ist wie ein Ziehvater für mich, er hat mich zurückgeholt ins Ruhrgebiet. Er hat mir eine neue Chance gegeben. Ich war wieder zu Hause, durfte Fußball spielen. Ich habe mich wieder wie ein Mensch gefühlt. Dafür werde ich dem Rudi immer dankbar sein.

Das klingt schön. Aber wenn ein Neuer in die Mannschaft kommt, bringt er immer auch die Hierarchie durcheinander. Haben Ihnen die Alteingesessenen auch schon mal zu verstehen gegeben: „An mir kommst du nicht vorbei“?

In Schalke gab es kein Mobbing. Das waren tolle Jungs – Olli Reck, Olaf Thon, Latal, Nemec, Andreas Müller, der heutige Manager. Die haben mich nach der schweren Zeit sogar aufgebaut und gesagt: „Mensch! Junge! Jetzt lass dich nicht hängen!“ Das war für mich wie eine zweite Familie.

Wie war es bei anderen Vereinen?

Da kam es schon mal vor, dass so ein alter Platzhirsch ausgekeilt hat. Wenn du dich durchsetzen willst, musst du den Kampf annehmen. Du musst Blut fressen, du musst Scheiße fressen. Ich habe eingesteckt und ausgeteilt. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich die Jüngeren meine Brutalität so richtig schmecken lassen können. Das hatte ich nicht nötig. Ich war immer der Beste, von der Athletik her, vom Willen her, von der Kompetenz her.

Sie sprechen vom Fußball wie andere von der Fremdenlegion.


Ich bin auf der Straße groß geworden. Man hat mich gehänselt, als „asozial“ und als „Penner“ bezeichnet. Der wichtigste Mensch in meinem Leben war Hermann Gerland, mein Trainer beim VfL Bochum. Er hat mir die Leviten gelesen und zu mir gesagt: „Wenn du nicht zurück willst auf die Straße, dann musst du kämpfen, kämpfen, kämpfen.“ Das habe ich getan.

Haben Sie es erlebt, dass andere unter dem Leistungsdruck des Profifußballs zusammengebrochen sind?

Ja, das habe ich erlebt. Die wollten dabei sein und das Geld haben. Aber das reicht nicht. Du brauchst den unbedingten Willen, immer der Beste zu sein.

Haben heute weniger Nachwuchsspieler diesen Willen als noch in den 80er und 90er Jahren?

Auf jeden Fall. Es gibt zuviel Theorie. Den nötigen Biss kann man nur auf dem Platz kriegen. Da liegt die Wahrheit. Und der Ball muss ins Tor.

Manche Spieler schauen sich Filme an oder hören Musik, um sich zu motivieren. Hatten auch Sie ein besonderes Ritual?

Wissen Sie, mein Papa hat unter Tage gearbeitet. Das waren schreckliche Verhältnisse. Ich habe gesehen, wie er gelitten hat. Da wollte ich niemals hin. Das war Motivation genug. Der liebe Gott hat mir diesen Körper gegeben, und ich habe ihn geformt.

Dann haben Sie in der kasernierten Saisonvorbereitung wohl auch nie einen so genannten Lagerkoller bekommen.

Nein, nie. Frust kam bei mir nie auf. Ich habe den anderen noch in den Arsch getreten. Über den schwersten Weg kommst du zum Erfolg.

Haben Sie jemals festgestellt, dass Kollegen aufgrund Ihrer Ausstrahlung Angst vor Ihnen hatten?

Ich bin mein Leben lang eine Figur gewesen, von der man sagt: „Der ist nicht normal.“ Ich stehe außen vor, immer noch.

„Der ist nicht normal“, das gilt auch in anderer Hinsicht. Bei den Aufnahmen zu den Mannschaftsfotos etwa waren Sie immer für einen Scherz gut. In Ihrer Schalker Zeit zogen Sie sich die Hose bis unter die Achseln. Die Aktion blieb unbemerkt, und das Bild erschien im „Kicker“-Sonderheft.

(lacht sich schief) Ja, ich war immer für einen Joke gut. Aber was soll ich machen? Wenn mir zwei Kollegen 1000 Mark für die Aktion bieten, dann wäre ich ja doof, wenn ich es nicht machen würde! Leider musste ich das Zehnfache an Strafe zahlen. Das habe ich nicht verstanden, das Sponsoren-Logo war ja schließlich noch zu sehen. Mittlerweile lache ich wieder darüber und der Rudi Assauer auch – damals war er aber an die Regularien gebunden.

Seit 2001 fehlen Sie aufgrund Ihrer Sportinvalidität auf diesen Fotos. Vermissen Sie die Bundesliga?

Ich würde den Jungs gern noch mal zeigen, was ein Zweikampf ist (lacht)!

Man hört, Sie seien damals in ein tiefes Loch gefallen.

Ja, das stimmt. Ich war schwer verletzt gewesen, und als ich wieder fit war, sagte man mir: „Es ist wohl besser, wenn du aufhörst.“ Das war das Ende. Ich bin ein Jahr lang in kein Stadion mehr gegangen, habe noch nicht mal mehr die Sportschau geguckt. Ich saß zu Hause. Meine Frau hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: „Was ist nur aus die geworden?“ Ich habe noch nicht mal Alkohol getrunken oder geraucht. Ich habe mich einfach nur versteckt.

Ihnen fehlte plötzlich auch die Möglichkeit, Ihre Aggressionen zu kanalisieren.

Ja, ich konnte meine Aggressionen nicht mehr in positive Energie auf dem Platz umwandeln. Meine Kinder kamen zu mir und haben mich gefragt: „Papa, was ist los?“ Und ich habe gesagt: „Papa hat Aua.“ Nicht mehr spielen zu können und gleichzeitig mit ansehen zu müssen, wie andere, die gesund sind, nicht alles geben – das waren seelische Schmerzen.

Haben Sie sich selbst in dieser Phase besser kennen gelernt?

Eindeutig. Ich habe Dinge über mich gelernt, die ich zu meiner aktiven Zeit nicht wusste. Das ist traumhaft. Jetzt fühle ich mich reif, als Trainer zu arbeiten. Die B- und A-Lizenz habe ich schon gemacht. Aber ob ich jemals im Profi-Bereich arbeiten werde – da muss ich ein großes Fragezeichen hinter machen. Das ist Glücksache.

Sind Sie auch durch Ihre skandalträchtige Vergangenheit gehandicapt?

Ich sag nur soviel: Da sollte jeder vor seiner eigenen Tür fegen. Ich bin über die Scheiße, die ich gebaut habe, nicht froh. Aber andererseits bin ich doch froh. Ich habe meine Lehren daraus gezogen.

Welcher Verein wäre denn Ihr Traumverein als Trainer?


Der VfL Bochum! Ich liebe den VfL!

Würden wir dort dann elf Thorsten Legats in der Mannschaft sehen?

Soll ich Ihnen ganz ehrlich was sagen? Nicht elf – 25!

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