Thomas Wolter erinnert sich an die schönsten Nordderbys

»Das Magath-Trikot ließ ich schnell verschwinden«

In Hamburg geboren und 20 Jahre gelebt, seit 30 Jahren durchgängig bei Werder: Thomas Wolter bestritt 312 Bundesligapartien für die Grünweißen auf, wurde nach der Karriere Trainer im Nachwuchsbereich und ist heute Sportlicher Leiter des Leistungszentrums beim SVW. Erinnerungen an seine Nordderbys gegen den HSV.

Thomas Wolter, Sie sind in Hamburg geboren und aufgewachsen. Sie haben als Jugendlicher die goldenen Jahre des HSV mitbekommen. Sind Sie nie Fan gewesen?
Nein, ich war immer großer Gladbach-Anhänger, denn das Idol meiner Jugend war Günter Netzer. Als ich 1984 das Angebot von Werder bekam, hatte ich auch eines vom HSV. Damals war Günter Netzer dort Manager. Das war schon ein komisches Gefühl für mich mit meinen 20 Jahren, in die HSV-Geschäftsstelle zu gehen, um Günter Netzer sagen zu müssen, dass ich nach Bremen gehe.
 
Kurioserweise sollten Sie mal mit einem HSV-Star geködert werden.
Bevor ich zu Werder ging, rief mich auch der Ex-HSV-Profi und spätere HSV-Trainer Willi Reimann an, weil er mich zum damaligen Drittligisten Altona 93 holen wollte, den er trainierte. Als wir uns trafen, schenkte er mir ein Trikot von Felix Magath. Er hätte gehört, ich sei ein großer Fan von Magath. Aber da war Herr Reimann offensichtlich schlecht informiert. Das Trikot habe ich dann zuhause schnell verschwinden lassen. Das müsste ich noch irgendwo auf dem Dachboden haben. Später, als ich dann selbst gegen den HSV in der Bundesliga spielen durfte, verbot es sich natürlich, mit einem Spieler vom Gegner das Trikot zu tauschen.
 
Sie haben 17 Mal in der Bundesliga gegen den HSV gespielt, aber Ihr erster Einsatz gegen den Nordrivalen wird vermutlich unvergessen bleiben, oder?
Ja, klar. Das war am 31. August 1985. Ich wurde beim Stand von 1:0 für Werder eingewechselt, das Spiel war offen. Die entscheidende Szene habe ich noch genau vor Augen: Bruno Pezzey schickte mich in die Gasse, dann war ich im Laufduell mit Michael Schröder schneller und konnte gegen Uli Stein den Ball zum 2:0-Endstand einschießen. Michael Schröder ist ja aktuell in selber Funktion wie ich beim HSV tätig – als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Ich treffe ihn häufiger. Dann erinnere ich ihn gerne daran, dass ich ihm damals davongelaufen bin.
 
Das Spiel war für Sie so etwas wie der Durchbruch bei Werder. Den zweiten Treffer in dieser Partie erzielte Frank Neubarth, ebenfalls ein Hamburger. War das nicht ein großes Thema zu der Zeit?
In den Medien absolut. Außer Frank und mir stand mit Norbert Meier sogar noch ein dritter Hamburger für Bremen auf dem Platz. Damals fragten die Journalisten nach diesen Duellen immer wieder, warum Hamburg seine Talente ziehen lässt. Für uns Spieler war das aber eher lästig, dass wir ständig drauf angesprochen wurden.
 
An welche Duelle gegen den HSV erinnern Sie sich noch?
Natürlich das Spiel 1989 in Hamburg, als sich HSV-Ikone Ditmar Jakobs bei einem Rettungsversuch in der Tornetzbefestigung verfing. Ich saß damals auf der Bank. Bis dahin waren wir die bessere Mannschaft und alles war ganz ruhig. Doch nach der minutenlangen Unterbrechung war die Stimmung plötzlich aufgeheizt, und die Fans machten uns für Jakobs’ Verletzung verantwortlich, pfiffen uns gnadenlos aus. Wir bekamen kein Bein mehr an die Erde und verloren 0:4.

Schöner ist sicher der Rückblick auf das Derby am 33. Spieltag der Saison 1992/93 in Bremen.
Natürlich. Die Bayern waren 32 Spieltage lang Tabellenführer. Dann kam der HSV zu uns – mit dem Ex-Bremer Benno Möhlmann als Trainer. Der ließ den etatmäßigen Keeper Richard Golz draußen, stellte Nils Bahr ins Tor. Nach zwölf Minuten zog sich dann der HSVer Armin Eck einen Kreuzbandriss zu. In der Folge brach der HSV komplett ein, wir gewannen 5:0. Plötzlich waren wir mit genau einem Tor Vorsprung Tabellenführer und wurden eine Woche später Deutscher Meister. Da ließen die Sprüche aus München natürlich nicht lange auf sich warten. Uli Hoeneß schimpfte, redete von Ergebnisabsprache. Doch mal ganz ehrlich: Ein abgesprochenes Ergebnis zwischen Werder und dem HSV ist absolut undenkbar, dafür ist die Rivalität einfach zu groß. Bitter übrigens für Torwart Nils Bahr: Das war sein letztes Bundesligaspiel.


Was empfinden Sie heute vor einem Nordderby zwischen Werder und dem HSV?
Die ersten Derbys waren für mich natürlich etwas ganz Besonderes, eine sehr emotionale Sache. Allein schon die Tatsache, dass ich für jedes Duell, egal ob in Bremen oder in Hamburg, etwa 30 Karten für Freunde und Familie besorgen musste. Aber die Bedeutung verliert sich für die Aktiven im Laufe der Jahre, so auch für mich. Später wusste ja auch kaum noch jemand, dass ich eigentlich Hamburger bin. Ich fahre noch oft nach Hamburg, habe dort Freunde und besuche meine Mutter. Ich liebe diese Stadt immer noch.
 
Das aktuelle Derby ist das 100. Bundesliga-Duell zwischen Werder und dem HSV – eine besondere Partie?
Es ist diesmal ein Derby unter besonderen Vorzeichen. Früher waren die Duelle immer auf sehr hohem Niveau, die Klubs standen in ganz anderen Tabellenregionen als aktuell. Aber dass es diesmal um den Klassenerhalt geht, macht es auch zu einem außergewöhnlichen Spiel. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass die Menschen in Bremen diesem Spiel schon seit Wochen entgegenfiebern – als würde es um die Meisterschaft gehen. Ich sage ja immer: Entweder du spielst oben mit oder gegen den Abstieg. Nichts ist langweiliger als Mittendrin zu stehen. Wobei: Zurzeit würde ich mir wünschen, dass Werder mal wieder irgendwo im Niemandsland der Tabelle steht.

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