19.02.2007

Thomas von Heesen im Interview

„... dass das Haus nicht einstürzt“

Arminia Bielefeld wird derzeit nach unten durchgereicht. Vor einigen Wochen sprachen wir mit Thomas von Heesen, dem damals noch amtierenden Cheftrainer. Nach seinem Rücktritt erscheinen seine Aussagen in einem anderen Licht.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Imago


Was haben Sie nach dem Weggang von Rapolder als Trainer konkret verändert?

Uwe ist ein erstklassiger Trainer. Ich habe, aufbauend auf seiner Idee, die Mannschaft weiterentwickelt und mich darauf konzentriert, dass wir noch schwerer auszurechnen sind. Wir können flexibler auf Spielstände reagieren und haben heute mehr Varianten bei der Spieleröffnung.

Was ist mittelfristig mit der Arminia möglich?

Die Fans und die Mannschaft sind in den vergangenen drei Jahren zu einer Einheit verschmolzen. Die Leute wissen genau, was möglich ist. Sie verzeihen auch mal Misserfolge und die Mannschaft dankt es ihnen, indem sie in jedem Spiel bis ans Limit geht. Was auf dieser Grundlage kurzfristig möglich ist, lässt sich schwer sagen. Für die Zukunft aber sehe ich einige Probleme auf uns zukommen: Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir noch keinen Zugang für die kommende Saison.

Klingt bedenklich.

Arminia muss immer etwas früher am Start sein als reiche Vereine. Mein Prinzip beim Einkaufen: schnell und tough sein. So habe ich beispielsweise Sibusiso Zuma oder Heiko Westermann nach Bielefeld geholt. Aber sollten Heiko und Zuma am Ende der Saison gehen, bekommen wir große Probleme, wenn nicht rechtzeitig adäquater Ersatz kommt.

Haben Sie nach zwölf Jahren als Spieler, Manager und Trainer bei Arminia nicht mehr oder weniger freie Hand, was Transfers anbetrifft? Sie gehören doch fast zum Inventar.

Nein. Das ist aufgrund der Struktur des Vereins nicht möglich und aus meiner Sicht auch nicht gut. Meine Aufgabe besteht darin, jeden Tag die Mannschaft zu trainieren und sie am Wochenende top vorbereitet ins Spiel zu bringen. Für den Rest ist die Geschäftsführung verantwortlich. Ich habe dem Vorstand bereits vor geraumer Zeit mitgeteilt, dass wir dringend etwas an der Altersstruktur ändern müssen. Sieben Stammspieler sind im Sommer über 30. Die dafür notwendigen Alternativen für die Zukunft stehen noch aus.

Woran hapert es denn?

Es ist wichtig, sich permanent mit Abgängen und deren Alternativen zu beschäftigen. Optimal ist es, wenn man bereits 12 bis 15 Monate im Voraus den Markt sichtet, um – wie bei uns im Fall Westermann – bereits eine Neubesetzung auf gleichem Niveau in Petto zu haben.

Ihre Karriere kennzeichnet ein hohes Maß an Kontinuität: 14 Jahre beim HSV als Spieler, dann 12 Jahre mit Unterbrechungen in Bielefeld und zwischendurch zwei fehlgeschlagene Engagements als Manager bei Hannover 96 1999 und 2001 als Trainer in Saarbrücken.


Moment! Die sechs Monate in Hannover waren ein Wagnis. Ich habe mit einem Trainer zusammen gearbeitet, den ich nicht kannte. Damals noch als Zweitligist standen wir nach der Hinrunde auf Platz acht. Ist das für Sie schon ein Absturz? Und in Saarbrücken wäre man heute froh, wenn der FC eine Zweitliga-Saison mal wieder mit 50 Punkten abschließt, wie es unter meiner Regie der Fall war.

Einverstanden. Trotzdem scheint es, als bräuchten Sie für eine erfolgreiche Arbeit eine gewisse Geborgenheit.

Ich bin sehr bodenständig. Und Bielefeld ist mir ans Herz gewachsen, weil ich hier 1994 in der Regionalliga als Spieler angefangen habe und später unter Manager Rüdiger Lamm das aufgebaut wurde, was die Grundlage für den heutigen Bundesligisten ist. Hinzu kommt, dass wir all das, was wir uns als Ziel gesetzt haben, erreicht haben. Viele im Umfeld meinen, ich wäre eine Art Glücksbringer für Arminia. Aber die Arbeit leistet ein ganzes Team, das alles dafür gibt, Fans und Umfeld glücklich zu machen.

Fehlt Arminia derzeit etwas von Rüdiger Lamms Risikobereitschaft – die den Klub finanziell zwischenzeitlich auch in große Probleme stürzte?

Wir müssen unser Konzept optimieren, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn der Verein lebt davon, sich günstig mit Talenten zu verstärken und diese als fertige Spieler teuer abzugeben. Für das Prinzip müssen wir als Klub aber wachsamer sein als zuletzt.

Es wird viel über einen möglichen Wechsel von Ihnen spekuliert. Welche Voraussetzungen braucht ein Klub, zu dem Sie wechseln würden?

Ich bin 45 Jahre alt und habe natürlich die Ambition, irgendwann eine Mannschaft zu trainieren, die konstant auf höherem Niveau spielt. Aber derzeit habe ich nur ein Ziel: Solange ich in Bielefeld arbeite, will ich Strukturen schaffen, die so gut sind, dass der Verein auch in Zukunft in der Bundesliga spielen kann.

Würden Sie sich gegenwärtig zutrauen, einen Spitzenklub zu übernehmen?

Ich liebe Bielefeld. Meine Freundin und meine Tochter leben hier. Warum soll ich nicht noch zehn Jahre hier bleiben? Andererseits mache ich mir schon Gedanken, wenn ich manche Äußerung von Verantwortlichen lese, ob meine Grundideen für die erfolgreiche Arbeit noch kompatibel mit den Ideen des Klubs sind. Da bin ich mächtig am Grübeln.

Sie verdienen aber auch nicht für jede Ihrer Aussagen den Diplomatenpass.


Hier geht es nicht um mich. Meine Überlegungen sind immer mit dem Schicksal des Vereins verbunden. Ich brauche keine neuen Spieler für meinen Seelenfrieden, ich argumentiere aus der Perspektive des Teams. Es hilft doch niemandem, wenn ich sehenden Auges ins Unglück renne und nicht zumindest auf Mängel hingewiesen habe. Die Basis der Entwicklung des Vereins ist der Erfolg der Mannschaft auf dem Rasen. Und dafür bin ich gerne mal unbequem.

Ist das die Gradlinigkeit von Ernst Happel in Ihnen?

Kann sein, er hatte, soviel ich weiß, auch keinen Diplomatenpass…

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