19.02.2007

Thomas von Heesen im Interview

„... dass das Haus nicht einstürzt“

Arminia Bielefeld wird derzeit nach unten durchgereicht. Vor einigen Wochen sprachen wir mit Thomas von Heesen, dem damals noch amtierenden Cheftrainer. Nach seinem Rücktritt erscheinen seine Aussagen in einem anderen Licht.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Imago
Thomas von Heesen, im Dezember 2006 haben Sie Ihren Trainerschein gemacht. Da drängt sich die Frage nach den Vorbildern in diesem Job auf.

Die Happel-Ära, die ich als Spieler beim HSV erlebte, war sicher die prägendste Zeit.

Welchen Einfluss hat also Ernst Happel auf Ihre Arbeit bei Arminia Bielefeld?


Er hat mir beigebracht, wie man eine Mannschaft führt. Obwohl stets eine Distanz zwischen ihm und uns Spielern herrschte, war er eine absolute Vertrauensperson. Er gab jedem das Gefühl, dass er wichtig für die Mannschaft ist. Im Gegensatz dazu hätten die omnipräsenten Medien heutzutage mit Happel große Probleme. Wenn von ihm im falschen Augenblick ein Journalist etwas wollte, sagte er bloß: »Haut’s euch in den Schnee.« Daher halte auch ich es für wichtig, mich der Presse nur in maßvollem Rahmen zu stellen.



Happel eilte der Ruf voraus, die Presse komplett zu boykottieren.

Seine Distanz zu den Medien war ein Schutz für ihn und die Mannschaft. Deswegen hat er auch brutal durchgegriffen, wenn Spieler sich auf Kosten des Teams in der Presse profilieren wollte. Diese Spieler hat Happel dann zwei Wochen in den Urlaub geschickt. Ich würde es genauso machen. Wer sich durch sein Verhalten nur einen Millimeter aus dem Verbund der Mannschaft begibt, grenzt sich selbst aus.

Wen mussten Sie zuletzt suspendieren?

In Bielefeld habe ich zu diesem Mittel noch nicht greifen müssen, weil unsere Mannschaft eine brutale Teamfähigkeit besitzt.

In welchen Punkten ist Ernst Happels Fußballphilosophie überholt?


Sie ist aktuell wie eh und je. Er hat mit dem HSV in den 80ern 4-4-2 in der Raute gespielt. Also hat er damals schon gewusst, was heute als modern beschrieben wird.

Sie haben Happel richtig bewundert.

Ernst Happel war eine einzigartige Autorität. Er hat alles erlebt, war erst Weltklassespieler und später holländischer und österreichischer Nationalcoach. Wenn wir trainierten, saß er zwei Stunden unbeweglich auf dem Ball. Irgendwann pfiff er und hat jedem haarklein erklärt, was er falsch macht. Deshalb ist es so wichtig, dass ein Coach nicht immer selbst das Training leitet. Denn nur auf diese Weise ist es möglich, jeden Spieler optimal zu beobachten.

Wie sprachen Sie ihn an: Ernst oder Herr Happel?

Trainer, Sie! Niemand wäre auf die Idee gekommen, ihn zu duzen. Wenn er etwas anordnete, haben alle 100-prozentig zugehört. Mit 25 Jahren machte er mich zum HSV-Kapitän. Ich war sehr überrascht, denn Ditmar Jakobs und Manni Kaltz waren deutlich erfahrener als ich. Aber er sagte: »Wenn du ein Großer werden willst, musst du lernen, Verantwortung zu tragen.« Ich fragte: »Wissen das die beiden auch?« Ohne eine Miene zu verziehen, antwortete er: »Das hat dich überhaupt nicht zu interessieren.« Und er hatte es mit Sicherheit mit beiden vorher schon besprochen.

Gab es Ärger mit den Routiniers?

Ach was. Ditmar ist ein Supertyp, immer für die Jüngeren in der Mannschaft da. Und Manni war’s eh egal.

Happels Lehren führen Sie in Bielefeld erfolgreich fort. In den Journalistenrankings der Hinrunde wird Arminia wieder mal als Überraschungsteam der Saison gefeiert. Freut Sie das?

Ich lese kaum Statistiken. Aber wenn Arminia-Spieler in diesen Listen auftauchen, freut mich, dass sie auf diese Weise eine Anerkennung für die Arbeit erfahren, die sie für uns leisten.

Wie erklären Sie sich, dass Arminia seit dem Wiederaufstieg 2004 mit einer Platzierung im gesicherten Mittelfeld immer noch überraschen kann.

Ist doch schön, wenn wir jedes Jahr aufs Neue überraschen! Aber als Trainer weiß ich natürlich sehr gut, was wir leisten können und woraus die Erfolge resultieren.

Arminia zeichnete zuletzt aus, dass sie gute Hinrunden spielt, wenn aber der Klassenerhalt geschafft ist, auch stark nachlässt. Reicht die Motivation in Bielefeld nur für kleine Ziele wie den Nicht-Abstieg?


Hätten Sie sich genauer damit beschäftigt, wüssten Sie, dass nie mangelnde Motivation das Problem war. Unsere Personaldecke war zum Saisonende oft zu dünn, um Ausfälle über einen längeren Zeitraum zu kompensieren. Der Verschleiß innerhalb einer Serie ist immens. In der letzten Saison fehlten uns bis auf unseren fünften Stürmer Radomir Dalovic zwischenzeitlich alle Angreifer. So was kann der FC Bayern auffangen, aber nicht Arminia Bielefeld.

Trotzdem drängt sich nach Erreichen des Klassenerhaltes immer wieder der Eindruck auf, die Luft sei raus.

Das erklärte Ziel des Vereins ist der Klassenerhalt. Um es ganz deutlich zu sagen: In der Bundesliga zu spielen, ist für uns soviel wert wie für andere Klubs die Meisterschaft. Am Ende der Saison 2005/06 gingen wir auf dem Zahnfleisch. Da kann ich keinem Spieler verdenken, wenn er nicht immer höchstes Niveau erreicht. Das macht keiner absichtlich, schließlich geht es in jedem Spiel für die Jungs auch um Geld.

Seit Juli 2005 sind Sie Chefcoach in Bielfeld. Woran lässt sich Ihr Einfluss auf das Team ablesen?

Die Mannschaft verfolgt seit Uwe Rapolder eine klare Linie. Jeder Spieler, der aufläuft, identifiziert sich 100-prozentig mit unserem System.

Das zuletzt recht offensiv geprägt war.

Wir spielen aus einer gesicherten Abwehr mit Pressing aggressiv gegen den Ball, um schnell zum gegnerischen Tor zu kommen. So sind wir das Bundesligateam geworden, das nach Balleroberungen in der eigenen Hälfte die meisten Tore erzielt.

Wie erarbeitet man so ein System mit einer Mannschaft?


Als Trainer ist es wichtig zu erkennen, welche Möglichkeiten die Spielertypen für eine bestimmte Art von organisiertem Spiel besitzen. Es macht keinen Sinn, der Mannschaft ein System zu oktroyieren, das sie nicht mag oder in dem die Spieler sich nicht wohl fühlen. Im Abstiegskampf benötigen wir eine hohe taktische Disziplin. Wenn die erst einmal stimmt, muss das Spielverständnis dazukommen: Wie spielen wir in welcher Situation? Eine Mannschaft muss in der Lage sein, zu reagieren, etwa wenn ein Gegner defensiver spielt als erwartet. Das können wir inzwischen recht gut. Aber wir sollten uns dahingehend entwickeln, auch verstärkt den Takt anzugeben.

Das hängt von den Individuen ab. Wie viele Spieler, die ein System verinnerlichen, braucht ein Trainer?

Alle. Wenn einer unser System nicht spielen will, bleibt er draußen. Jeder, der nur mit 90 Prozent bei der Sache ist, wird keine Chance haben zu spielen. Denn wer nicht überzeugt ist, wird früher oder später die anderen mit seinem Misstrauen, gegenüber dem was trainiert und gespielt wird, anstecken.

Welches Team spielt so, wie Sie es mit Bielefeld gerne tun würden?

Die Frage macht keinen Sinn. Ich kann kein Traumsystem spielen, wenn ich nicht über das Spielermaterial dazu verfüge. Bremen spielt mit einer perfekt eingespielten Raute. Da schaue ich gerne zu. Aber der SV Werder agiert im Mittelfeld mit Diego, Frings und Borowski auf einem technischen Niveau, an das unsere Spieler einfach nicht heranreichen. Deshalb müssen wir versuchen, diese Nachteile über eine mannschaftliche Geschlossenheit und zwei Sechser zu kompensieren.

Ihr Vorgänger Uwe Rapolder war großer Fan vom System des Chelsea FC.

Sicher, Mourinho ist ein überragender Trainer, aber aufgrund der Masse an Qualität befindet er sich im Zwiespalt, welches System er umsetzen soll: 4-1-4-1 oder nach dem Zugang von Schewtschenko ein 4-4-2 System. Wir haben in der letzten Saison auch kurzfristig 4-1-4-1 gespielt und damit dreimal hintereinander 1:0 gewonnen (lacht). Aber nur, weil alle unsere Stürmer verletzt waren. Das nennt man wohl ergebnisorientierten Fußball.

Trotzdem, die Ära des Systemfußballs fing in Bielefeld mit Uwe Rapolder an.

Stimmt, wobei das Wort Systemfußball an sich furchtbar emotionslos wirkt. Es muss einfach Dampf in der Bude sein.

Wie würden Sie den Fußball denn nennen, den Arminia spielt?


Wir sind gut organisiert. Die Spieler sollen immer Spaß am Fußball haben, aber dabei so organisiert sein, dass jeder seine Stärken und die seines Mitspielers kennt – genauso wie die Schwächen. Daraus ergibt sich das Mosaik, das uns gegenwärtig erfolgreich macht.

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