Thomas Staisch hat den ältesten deutschen Fußballfilm entdeckt

»Von wegen Kick and Rush«

Als der Journalist und Autor Thomas Staisch auf den Hinweis stieß, in London befände sich ein 103 Jahre alter, deutscher Fußballfilm, setzte er sich sofort ins Flugzeug. Ein Interview über Zuschauer in Sonntagskleidern, und Klischees aus schwarz-weißer Vorzeit.

Thomas Staisch

Thomas Staisch, Sie haben die ältesten Film-Aufnahmen eines deutschen Fußballspiels gefunden. Wie sind Sie dem Film auf die Spur gekommen?
Bei den Recherchen zu meinem im nächsten Jahr erscheinenden Buch über den KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe stieß ich auf die Betreiber eines Freiburger Kinos, dem »Welt-Kinematograph», die seit 1906 selbstproduzierte Filme vorführten. Eine Anmerkung zu einer Filmaufnahme eines Deutschen Meisterschaftsspiels ließ mich aufmerken. Das war die erste Spur, die ich verfolgte, bis ich im Archiv des »British Film Institute« (BFI) tatsächlich einen Treffer landete. Ich flog sofort nach London, um mir den Film vorführen zu lassen.

Was haben Sie zu sehen bekommen?
Zu sehen sind etwas mehr als zwei Minuten vom Halbfinal-Spiel um die Deutsche Meisterschaft 1910, ausgetragen zwischen Phönix Karlsruhe und dem Karlsruher FV.  Diese Erkenntnis war sensationell. Immerhin stammen die bis dato bekannten, ältesten Aufnahmen von 1924. Die 21 Szenen des Films, von dem ich im Übrigen ausgehe, dass er lediglich ein Fragment darstellt, zeigen vor allem Strafraumszenen. Das liegt wohl daran, dass vor Ort nur mit einer Kamera gedreht wurde, die in Höhe des Strafraums aufgestellt wurde. Wenn sich das Spielgeschehen näherte, wurde gefilmt.

Was ist Ihnen dabei besonders aufgefallen?
Ich war überrascht und beeindruckt vom Niveau des Spiels an sich. Das kann man sich auch aus heutiger Sicht richtig gut anschauen. Vom Klischee, dass in den Anfängen des Fußballs nur wild in Kick and Rush-Manier gespielt wurde, bleibt da wenig über. Aber das ist auch kein Wunder. Immerhin spielten hier zwei der besten deutschen Mannschaften gegeneinander. Phönix Karlsruhe etwa war zu diesem Zeitpunkt amtierender Deutscher Meister.

Das Spiel soll mit 8.000 Zuschauern einen neuen Besucherrekord aufgestellt haben. Ist davon etwas im Film zu sehen?
Man hat tatsächlich den Eindruck, dass diese Zahl wohl stimmen wird. Der Blick in die Zuschauerränge ist aber auch sonst ganz interessant. Fußballspiele fanden damals noch ausschließlich Sonntags statt. Dementsprechend sind die Leute gekleidet: Im Sonntagsanzug, mit Hut. Wie das eben damals üblich war. Dem passte man sich im Übrigen auch auf dem Spielfeld an. In einigen Szenen ist neben dem Tor eine Art »Torrichter« zu sehen, mit einer weißen Fahne ausgestattet, wohl, um Abseits-Situationen anzuzeigen. Und auch dieser »Torrichter« trägt stilecht lange Stoffhosen.

Wie erklären Sie sich, dass der Film ausgerechnet in England lagert? Und gibt es Bemühungen, den Film nach Deutschland zurückzuholen, oder kann man ihn sogar schon irgendwo sehen?
Ich nehme an, dass das »British Film Institute« irgendwann den Nachlass des »Welt-Kinematograph« erstanden hat. Im Moment gibt es noch keine Kopie in Deutschland, ich hoffe aber, dass sich der DFB, oder etwa das Stadtarchiv Karlsruhe dafür interessieren. Der Film hat historischen Wert!

Wie ging das Spiel eigentlich aus?
Der Karlsruher FV siegte mit 2:1, zog in das Finale um die Deutsche Meisterschaft ein, und holte sich später im Spiel gegen Holstein Kiel den Titel. Von den Toren ist in dem Film allerdings leider nichts zu sehen.

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