Thomas Schneider von der DFL über Fußballmuseen

»Fußball ist sexy geworden«

In Ausgabe #119 berichten wir über den Boom der deutschen Fußballmuseen. Vor einem Jahr gründete die DFL den »Arbeitskreis Tradition und Fußball«. Wir sprachen mit Leiter Thomas Schneider über die Sexyness des Fußballs und den Traditionsbegriff in den Kurven. Thomas Schneider von der DFL über FußballmuseenImago
Heft#119 10/2011
Heft: #
119

Thomas Schneider, wie kam es zur Einrichtung des Arbeitskreises?

Thomas Schneider: Es gibt mittlerweile so viele Leute, die sich in irgendeiner Form mit der Geschichte ihres Fußballvereins beschäftigen, dass wir gesagt haben: »Die holen wir mal zusammen!« Die verrückten Sammler, die Fanbörsen-Macher und -Teilnehmer, die Leute mit Archivar-Gen, aber auch die Leiter der offiziellen Vereinsmuseen. Teilweise waren diese Leute auch schon untereinander vernetzt, aber es hatte sie noch nie jemand an einen Tisch gebracht zu einem »qualifizierten Kaffeeklatsch«, wie ich das nenne.

[ad]

Bei so einer großen Bandbreite von Teilnehmern ist es bestimmt schwierig, eine gemeinsame Agenda zu finden?

Thomas Schneider: Eigentlich nicht. Es gibt viele Themen, die für den gesamten Arbeitskreis interessant sind: Grundlagen der Archivierung, Inventarisierung und Lagerung, Finanzierungsmodelle, hilfreiche Software, Gründung von Stiftungen, aber auch die Definition des Traditionsbegriffes oder die Geschichte der Fankultur. Zudem laden wir häufig Experten ein, die zu ihrem Spezialthema Vorträge halten und spannenden Input geben.

Was war bisher Ihre persönlich spannendste Erkenntnis?

Thomas Schneider: Als wir uns mit der Geschichte der Vermarktung auseinandergesetzt haben, habe ich für mich erkannt: Marketing kommt oft nach einer Fanidee. Die meisten guten Ideen kommen aus der Fankurve, aus den beinharten Szenen. Das waren die ersten, die ein Trikot tragen wollten. Das waren nicht die VIPs und auch nicht die Marketingmenschen.

Worin liegt der Boom der Vereinsmuseen begründet, den wir derzeit in Deutschland beobachten können?

Thomas Schneider: Das Interesse am Fußball geht mittlerweile weit über das hinaus, was am aktuellen Spieltag passiert. Gehen Sie mal mitten unter der Woche zum Stadion nach Mönchengladbach, das da mitten auf der grünen Wiese steht. Da wuseln so viele Leute rum, die in den Fanshop gehen, die in die Kneipe gehen, um was zu essen, die hoffen, einen Blick auf die Spieler beim Training werfen zu können, das ist absolut erstaunlich. Fußball ist so sexy geworden, dass man die Familie ins Auto packt und hinfährt, so wie früher in Hagenbecks Tierpark. Da merkt man relativ schnell: Wenn ich ein Museum mache, dann gehen die Leute da auch rein. Die wollen die Pokale sehen, die wollen die historischen Fotos sehen, die wollen wissen, wie das Stadion früher aussah und wie es heute aussieht.

Wieso gab es die Museen vor zehn Jahren noch nicht?

Thomas Schneider: Nehmen wir mal den HSV: Der hatte 1993 sieben Angestellte im nicht-sportlichen Bereich. Heute sind das deutlich über hundert. So ähnlich sieht es bei vielen Klubs in der Bundesliga aus. Die Klubs – oder Kapitalgesellschaften, wie sie vielerorts jetzt heißen – kümmern sich mittlerweile um viele mehr, als nur den Spielbetrieb zu organisieren. Im Fußball werden mittlerweile Umsätze generiert, die wären vor zehn oder fünfzehn Jahren noch unvorstellbar gewesen, und es ist enorm viel Geld vorhanden. Das setzt Ressourcen frei. Und so sind die Museen und die Traditionspflege generell zu einer neuen Aufgabe für die Klubs geworden. Früher hat's halt gereicht, wenn man eine Traditionsmannschaft hatte, die ab und zu mal zu Gaudizwecken angetreten ist. Heute muss man auch das Drumherum darstellen, die Trophäen, die Geschichte der Mannschaft, prägende Figuren; all das möchte der Fan sehen.



Was sollte ein Vereinsmuseum leisten?

Thomas Schneider: Es sollte zeigen, dass ein Verein mehr ist als eine Kapitalgesellschaft. Die Vereine wären nicht da, wo sie heute sind, wenn sie nicht eine Entwicklung gemacht hätten. Diese Entwicklung auszuleuchten, halte ich für ganz wichtig. Der Mensch will wissen, wo er herkommt, und der Fan will wissen, wo sein Verein herkommt. Ein Fußballklub ist immer auch das Spiegelbild der Entwicklung einer Kommune und der Menschen, die dort leben, und das sollte sich in einem Museum wiederfinden. Teilweise haben die Museen hier Meilensteine gesetzt, wenn ich zum Beispiel an den HSV denke, der als einer der ersten Vereine seine Geschichte im »Dritten Reich« aufgearbeitet hat.

Welchen Nutzen hat ein Verein von einem eigenen Museum?

Thomas Schneider: Ein Museum kostet Geld, das muss allen klar sein. Aber Heribert Bruchhagen in Frankfurt hat gesagt: »Wir müssen investieren in die Traditionspflege, weil das auch Markenpflege ist.« Heute würde ja auch niemand mehr anzweifeln, dass es sinnvoll ist, in einen Physiotherapeuten zu investieren. Der kostet auch erstmal nur Geld. Ob er das durch gute Prophylaxe oder Behandlung wieder reinspielt, weiß auch kein Mensch vorher. Der Fußball wird mehr und mehr zur Erlebniswelt mit angeschlossener Markenpflege. Das muss ja nicht jeder gut finden, aber wenn der Bedarf da ist und die Leute das sehen wollen, dann sollte man da nicht geschmäcklerisch sein.

Ihr Arbeitskreis nennt sich »Tradition und Fußball«. Gerade auch in den Kurven der Stadien ist »Tradition« mittlerweile ein häufig gebrauchter Begriff. Warum?

Thomas Schneider: Jede Fangruppe wird immer ein Alleinstellungsmerkmal suchen. Das ist ganz natürlich und hat es auch schon vor 30 Jahren gegeben. Ein Jugendlicher will sich eindeutig für eine Sache engagieren. Früher war es die Anti-Atomkraft-Bewegung, inzwischen ist es der Fußball, weil das einfach das omnipräsente Thema ist, auch auf den Schulhöfen. »Tradition« ist so ein weicher Begriff, dass jeder ihn mit eigenen Vorstellungen füllen kann. Und als Gruppe ist natürlich noch einfacher, einen solchen Begriff zu besetzen. Insbesondere die Ultras, die viel mit dem Begriff »Tradition« arbeiten, haben längst kapiert, dass die Öffentlichkeit alleine durch den Begriff »Ultra« provoziert wird und damit missverständlich umgegangen wird. Also entwirft man ein Gegenmodell; das ist typische subkulturelle Opposition. So hat man es geschafft, dass Tradition fast schon ein Bestandteil dessen erscheint, was die Kurve pflegt – nur weiß meistens leider keiner so genau, was diese Tradition eigentlich meint.

----
In 11FREUNDE #119: Stepis Zigarillo – Wieso immer mehr Bundesligaklubs eigene Fußballmuseen gründen. Jetzt am Kiosk!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!