Thomas Schaaf über das Nordderby und Dortmunder Frust

»Es wurden grundlegende Fehler gemacht!«

Mit 0:5 gegen Borussia Dortmund in die Rückrunde gestartet, Platz 12 nach 18 Spieltagen und am Sonntag bittet auch noch der HSV zum Nordderby: Werder-Trainer Thomas Schaaf ist im Dauerstress.

Thomas Schaaf, wie groß war die Versuchung, Ihre Mannschaft nach dem 0:5 zum Rückrundenauftakt gegen Borussia Dortmund mal so richtig zusammenzufalten?
Es geht doch nicht darum, dass ich die Chance bekomme, meinen Ärger über so ein Spiel rauszulassen. Sondern darum, den Spielern eine sinnvolle Kritik und eine sinnvolle Aufarbeitung anzubieten. Das ist meine Aufgabe.
 
Und was machen Sie, wenn sich der Frust dann doch nicht entsprechend positiv umwandeln lässt?
Dann brauche ich vor allem eines: Ruhe und Zeit für mich allein. Wenn stattdessen ein Haufen Leute mit mir über den Spieltag oder mögliche Fehler sprechen will, ist das eher kontraproduktiv.
 
Sie saßen am Montag mehrere Stunden mit Ihrer Mannschaft zusammen, um das Dortmund-Spiel zu analysieren. Wie muss man sich eine solche Sitzung vorstellen? Folgt dann ein stundenlanger Monolog von Thomas Schaaf? Lassen Sie die Spieler diskutieren? Oder fragen Sie selbst nach der Meinung der Mannschaft?
Erst mal muss bei solchen Besprechungen einer etwas in den Raum werfen: Und das bin ich. Dann stelle ich das, was wir uns eigentlich vorgenommen haben, der tatsächlichen Leistung gegenüber und zeige so all die Fehler auf, die gemacht worden sind. Sicherlich frage ich dann zwischendurch auch mal bei den Spielern nach, ob jeder meinen Gedanken folgen kann. Ein gewisser Gedankenaustausch findet also statt.
 
Fußballer sprechen gerne davon, Niederlagen schnell abzuhaken und nach vorne zu schauen. Nach dem Motto: Was gestern war, interessiert mich nicht. Ist das auch Ihre Taktik?
Nein. Gerade nach so einer Partie, in der wir nicht nur Fehler, sondern grundlegende Fehler in unserem Spiel gemacht haben, kann man die 90 Minuten nicht einfach so »abhaken«.
 
Welche Fehler waren das?
Wir haben es Dortmund viel zu einfach gemacht zu Torchancen zu kommen. Das klingt simpel, ist aber eine Aufgabe, der wir uns jeden Tag zu stellen haben. Denn so verliert man Spiele! Im Idealfall schafft man es in der Aufarbeitung, die Fehler rückblickend zu bearbeiten und sich gleichzeitig auf das nächste Spiel vorzubereiten.
 
Sie haben nach der Niederlage davon gesprochen, dass Ihre Spieler sehr viel Fantasie besäßen, bislang aber noch sehr wenig Konstanz in Ihren Leistungen zeigen. Sind Werders Profis zu verspielt?
Das haben Sie falsch verstanden. Ich sprach davon, dass wir sehr viel Fantasie für die Leistung unserer Spieler und ihrer individuellen Entwicklung haben. Fantasie braucht ein Fußballer nicht zu haben, er muss kreativ und in der Lage sein, Dinge vorauszusehen. Und vor allem muss er einen Plan davon haben, wie er sein Spiel auf dem Platz erfolgreich umsetzt.
 
Apropos Plan: Viele Kritiker werfen Ihnen seit Jahren vor, dass Sie die Defensive zu Gunsten eines offensiven Spektakels vernachlässigen würden. Ein berechtigter Vorwurf?
Um darauf eine Antwort zu erhalten, müssten Sie eigentlich mal bei meinen Spielern nachfragen, worüber ich die meiste Zeit rede (lacht). Es ist ja nun mal so: Wenn wir viele Gegentore bekommen, kümmert sich Schaaf zu wenig um die Abwehr. Ich kann nur sagen: Meine Philosophie vom Fußball – und auch die von Werder Bremen – basierte schon immer auf einer gut funktionierenden Defensive. Das wir darüber hinaus attraktiven, offensiven und erfolgreichen Fußball bieten wollen, ist die Herausforderung, der wir uns jedes Jahr erneut stellen.
 
Klaus Allofs, mit dem Sie jahrelang gemeinsam diese Werder-Philosophie vertraten, hat den Verein verlassen. Viele von seinen Aufgaben haben Sie übernommen. Müssen Sie jetzt noch mehr Zeit für Werder Bremen aufbringen, als zuvor?
Was das angeht, hat der Abgang von Klaus Allofs nicht viel verändert: Ich lebe immer noch für meinen Beruf und damit für den SV Werder. Natürlich sind meine Tage sehr voll und meistens sehr durchstrukturiert. Aber ich kann mir auch immer noch Zeit für mich freischaufeln, wenn mir danach ist.


 
Was sind denn konkret die Aufgaben, die nach dem Weggang von Klaus Allofs nun von Ihnen übernommen werden?
Ich kümmere mich bei den Spielern nicht mehr nur darum, dass sportlich alles passt, sondern auch um alle anderen Dinge. Und bezüglich des Vereins liegt mein Schwerpunkt nicht mehr nur auf dem tagesaktuellen Geschäft, sondern auch verstärkt auf planungstechnischen und strategischen Elementen der Klub-Arbeit. Das versuche ich, in Abstimmung mit Frank Baumann (seit November 2012 Direktor Profifußball und Scouting), erfolgreich umzusetzen.
 
Bis der neue Geschäftsführer Fußball, Thomas Eichin, bei Werder seine Arbeit beginn bzw. sich eingearbeitet hat, sind Sie auch hauptverantwortlich für mögliche neue Transfer beim SVW. Wie versuchen Sie eigentlich – das Sportliche und Finanzielle mal ausgeklammert – einen potentiellen Neuzugang vom Dasein als Profifußballer in Bremen zu überzeugen? Geben Sie Stadtführungen?
Das nicht, aber ich versuche, dem Spieler die Stadt, den Verein und die Geschichte, die Werder in dieser Stadt spielt, schmackhaft zu machen. Ich erzähle ihm von den Erfolgen des Vereins, von seiner Geschichte, von den Fans – aber auch davon, wie liebenswürdig, offen und schön Bremen ist. Wie hoch der Wohlfühlfaktor in dieser Stadt ist. Aber letztlich muss man Fußballer doch mit den sportlichen Argumenten beeindrucken können.
 
Sie leben seit 1965 in Bremen. Welcher Ort ist Ihnen, abgesehen vom Weserstadion, in der Stadt am liebsten?
Sicherlich der Bürgerpark, ein wunderschöner und ganz außergewöhnlicher Park mitten in der Stadt. Dort steht auch das Parkhotel, in dem wir uns vor Heimspielen immer einquartieren.
 
Das heißt, wenn man Glück hat, kann man Sie vor Ablauf der Wintertransferperiode mit einem möglichen Neuzugang durch den Bürgerpark spazieren sehen und über die Meisterschaften von 1988, 1993 und 2004 reden hören?
(lacht) Das nicht. Aber vielleicht wird derjenige dann für eine Nacht den Service des Parkhotels genießen können.
 
Ihr zukünftiger Trainerkollege, Pep Guardiola, hat schon während seiner Anfangszeit beim FC Barcelona davon gesprochen, dass er einen so intensiven Job maximal drei Jahre ausüben können. Letztlich waren es vier. Sie sind bereits seit 1999 Cheftrainer bei Werder Bremen. Wie halten Sie das aus?
Ich überprüfe mich ständig und habe mir in den all den Jahren auch immer wieder Freiräume geschaffen. Natürlich spüre ich die Belastungen des Jobs, gerade nach dem Ende einer Hinrunde oder einer Saison. Die Kunst ist es, die wenigen und kurzen Freiräume so zu nutzen, dass die Belastungen nicht zu sehr ins Gewicht fallen. Ich gebe zu: Das gelingt nicht immer.
 
Am Wochenende trifft Werder auf den HSV. Welches Derby ist Ihnen noch ganz besonders in Erinnerung?
Mein Problem ist, dass ich einfach schon zu viele Nordderbys erlebt habe, irgendwann habe ich die Übersicht verloren. Also freue ich mich immer wieder erneut auf jedes Derby, denn die Stimmung in solchen Spielen ist einzigartig. Ich hoffe, dass wir den Fans auch am Sonntag ein Spektakel bieten können.

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