06.07.2011

Thomas Riedl über das Münchener Derby 1999

»Ich wollte die Zeit anhalten«

»Die Löwen werden in den nächsten 100 Jahren kein Derby gewinnen«, tönte Uli Hoeneß im November 1999. Drei Tage später gewann 1860 gegen Bayern – zum ersten Mal nach 22 Jahren. Siegtorschütze Thomas Riedl genießt seitdem Superheldenstatus.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Thomas Riedl, sprechen Sie eigentlich gerne über Ihr Tor?

Thomas Riedl: Ach ja, das passt schon.

Sie haben nicht das Gefühl, nur auf dieses Tor reduziert zu werden?

Thomas Riedl: Ich bin nun 31 Jahre alt, habe fast 200 Bundesligaspiele gemacht und bin mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister und Pokalsieger geworden. Natürlich ist es schon ein wenig seltsam, dass mich die Leute nur aufgrund dieses Tores kennen. Aber das ist für mich okay.

Im November 1999 lebten Sie den Traum eines jeden Jungen, der bei 1860 in der E-Jugend spielt und sich nachmittags auf dem Bolzplatz ausmalt, wie er am Wochenende vor über 60.000 Fans den Ball gegen Oliver Kahn versenkt.

Thomas Riedl: Das stimmt. Und im Grunde war es bei mir ganz ähnlich. Nach dem letzten Training vor dem Derby kickten wir noch ein bisschen mit dem Ball. Als ich das Ding in den Winkel bolzte, scherzten die anderen: So, Thomas, genau so haust du dem Olli morgen einen rein!

Was antworteten Sie?

Thomas Riedl: Ich lachte nur. Ich war ja nicht gerade als Torjäger bekannt, vor diesem Derby hatte ich gerade mal ein Bundesligator geschossen.

Mit dem 1. FC Kaiserslautern, Ihrem vorigen Verein, verloren Sie nie ein Heimspiel gegen den FC Bayern. Haben Sie am Abend vor jenem Münchener Derby darüber nachgedacht?

Thomas Riedl: Ja. Und zwar deshalb, weil ich kurz zuvor mit einem Journalisten der Bild-Zeitung gesprochen hatte. Ich erzählte ihm genau von dieser weißen Weste, die ich bis dahin in Heimspielen gegen den FC Bayern trug. Am nächsten Tag las ich dann die Schlagzeile: »Thomas Riedl: ›Ich schieße heut die Bayern ab.‹«

Die Zeichen standen auf Sieg. Und das obwohl Werner Lorant wegen Schiedsrichterbeleidigung während des gesamten Spiels mal wieder auf die Tribüne musste. Realisierten Sie das überhaupt oder nimmt man so etwas als Spieler gar nicht wahr?

Thomas Riedl: Mit dem Co-Trainer Peter Pacult war es sehr viel ruhiger an der Seitenlinie. (lacht) Im Ernst: Wirklich realisiert habe ich das nicht. Im Grunde hört die Trainerarbeit ja mit dem Gang aus der Kabine auf. Er kann nicht aktiv ins Spielgeschehen eingreifen. Die Anweisungen, die er einwirft, nimmt man als Spieler oftmals kaum wahr. Jedenfalls nicht so, wie der Zuschauer vor dem Fernsehgerät vielleicht denkt.

Was gab Ihnen Lorant mit auf den Weg, als Sie die Kabine verließen?


Thomas Riedl: Nichts Besonderes. Ich wusste, welche meine Position war und ich wusste, wie ich sie zu interpretieren hatte. Richtig laut wurde Lorant nur vor Spielen gegen Eintracht Frankfurt. Gegen Eintracht Frankfurt durften wir auf gar keinen Fall verlieren, denn Lorants Schwiegermutter ist Eintracht-Fan. Vor Spielen gegen Frankfurt redete er jedem Spieler ins Gewissen, dass Fehler mit großer Dringlichkeit zu unterlassen sind.

Lorant waren Siege gegen Frankfurt wichtiger als gegen den FC Bayern?

Thomas Riedl: Ich glaube schon. Jedenfalls war seine Ansprache vor den Stadtderbys im Vergleich zu den Frankfurt-Spielen schon fast bedächtig.

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