Thomas Riedl über das Münchener Derby 1999

»Ich wollte die Zeit anhalten«

»Die Löwen werden in den nächsten 100 Jahren kein Derby gewinnen«, tönte Uli Hoeneß im November 1999. Drei Tage später gewann 1860 gegen Bayern – zum ersten Mal nach 22 Jahren. Siegtorschütze Thomas Riedl genießt seitdem Superheldenstatus. Thomas Riedl über das Münchener Derby 1999

Thomas Riedl, sprechen Sie eigentlich gerne über Ihr Tor?

Thomas Riedl: Ach ja, das passt schon.

Sie haben nicht das Gefühl, nur auf dieses Tor reduziert zu werden?

Thomas Riedl: Ich bin nun 31 Jahre alt, habe fast 200 Bundesligaspiele gemacht und bin mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister und Pokalsieger geworden. Natürlich ist es schon ein wenig seltsam, dass mich die Leute nur aufgrund dieses Tores kennen. Aber das ist für mich okay.

Im November 1999 lebten Sie den Traum eines jeden Jungen, der bei 1860 in der E-Jugend spielt und sich nachmittags auf dem Bolzplatz ausmalt, wie er am Wochenende vor über 60.000 Fans den Ball gegen Oliver Kahn versenkt.

Thomas Riedl: Das stimmt. Und im Grunde war es bei mir ganz ähnlich. Nach dem letzten Training vor dem Derby kickten wir noch ein bisschen mit dem Ball. Als ich das Ding in den Winkel bolzte, scherzten die anderen: So, Thomas, genau so haust du dem Olli morgen einen rein!

Was antworteten Sie?

Thomas Riedl: Ich lachte nur. Ich war ja nicht gerade als Torjäger bekannt, vor diesem Derby hatte ich gerade mal ein Bundesligator geschossen.

Mit dem 1. FC Kaiserslautern, Ihrem vorigen Verein, verloren Sie nie ein Heimspiel gegen den FC Bayern. Haben Sie am Abend vor jenem Münchener Derby darüber nachgedacht?

Thomas Riedl: Ja. Und zwar deshalb, weil ich kurz zuvor mit einem Journalisten der Bild-Zeitung gesprochen hatte. Ich erzählte ihm genau von dieser weißen Weste, die ich bis dahin in Heimspielen gegen den FC Bayern trug. Am nächsten Tag las ich dann die Schlagzeile: »Thomas Riedl: ›Ich schieße heut die Bayern ab.‹«

Die Zeichen standen auf Sieg. Und das obwohl Werner Lorant wegen Schiedsrichterbeleidigung während des gesamten Spiels mal wieder auf die Tribüne musste. Realisierten Sie das überhaupt oder nimmt man so etwas als Spieler gar nicht wahr?

Thomas Riedl: Mit dem Co-Trainer Peter Pacult war es sehr viel ruhiger an der Seitenlinie. (lacht) Im Ernst: Wirklich realisiert habe ich das nicht. Im Grunde hört die Trainerarbeit ja mit dem Gang aus der Kabine auf. Er kann nicht aktiv ins Spielgeschehen eingreifen. Die Anweisungen, die er einwirft, nimmt man als Spieler oftmals kaum wahr. Jedenfalls nicht so, wie der Zuschauer vor dem Fernsehgerät vielleicht denkt.

Was gab Ihnen Lorant mit auf den Weg, als Sie die Kabine verließen?


Thomas Riedl: Nichts Besonderes. Ich wusste, welche meine Position war und ich wusste, wie ich sie zu interpretieren hatte. Richtig laut wurde Lorant nur vor Spielen gegen Eintracht Frankfurt. Gegen Eintracht Frankfurt durften wir auf gar keinen Fall verlieren, denn Lorants Schwiegermutter ist Eintracht-Fan. Vor Spielen gegen Frankfurt redete er jedem Spieler ins Gewissen, dass Fehler mit großer Dringlichkeit zu unterlassen sind.

Lorant waren Siege gegen Frankfurt wichtiger als gegen den FC Bayern?

Thomas Riedl: Ich glaube schon. Jedenfalls war seine Ansprache vor den Stadtderbys im Vergleich zu den Frankfurt-Spielen schon fast bedächtig.

In der ersten Halbzeit erspielte sich 1860 Chancen im Minutentakt heraus. Hatten Sie nach den ersten guten Aktionen bereits das Gefühl, dass an diesem Nachmittag was gehen könnte?

Thomas Riedl: Absolut. Es ist immer wichtig, gut ins Spiel zu starten, sich die ersten Chancen zu erarbeiten. Wir rannten regelrecht Sturm auf das Bayern-Tor. Und das waren ja keine Zufallschancen, sondern wirklich schön heraus gespielte Angriffe. In der ersten Halbzeit trafen wir dreimal die Latte, Agostino alleine zweimal. Und dann diese Riesenchance in der zweiten Hälfte von Tapalovic, der das leere Tor nicht trifft... Das Spiel hätte eigentlich 5:0 für uns ausgehen müssen. Der FC Bayern hatte nicht eine gute Szene im Spiel.

Das Tor fiel trotzdem erst fünf Minuten vor Abpfiff. Haben Sie am Ende noch an einen Sieg geglaubt?


Thomas Riedl: Klar. Natürlich kann man ob der viele Großchancen schon verzweifeln, aber wir sind einfach unermüdlich weiter angerannt. Vielleicht war es sogar ganz gut, dass das Tor erst in der 85. Minute fiel. Die Bayern brauchen ja oftmals ein solches Gegentor, um wach zu werden. Nachdem es fiel, zitterten wir uns noch fünf Minuten über die Zeit.

Vor dem Spiel gab es die üblichen verbalen Muskelspielchen der Präsidenten und Manager. Hoeneß versicherte, dass die »Löwen« die nächsten 100 Jahre kein Spiel gegen den FC Bayern gewinnen würden. Stachelt so etwas an oder verunsichert das die Mannschaft?

Thomas Riedl: Uns hat das eher motiviert. Ich glaube sogar, dass sich vielmehr die Bayern dadurch verunsichern ließen. Wir hatten Freiräume ohne Ende, die Bayern waren 90 Minuten vollkommen von der Rolle – vermutlich dachten sie vor dem Spiel, dass sie es ganz locker angehen können.

Nach dem Spiel waren Sie der Held der Löwen. Jeder wollte was von Ihnen. War das für Sie, der vorher nie so sehr im Rampenlicht stand, eine vollkommen neue Erfahrung?

Thomas Riedl: Ja. Wenn ich heute daran denke, ist es mir manchmal sogar etwas peinlich, wie das damals abgefeiert wurde. Die Minuten nach dem Spiel erlebte ich wie in Trance, wie in einem Traum. Wildmoser kam an, drückte mich, ließ mich gar nicht mehr los. Torwart Michael Hofmann hievte mich auf seine Schultern und wir durchquerten so das Olympiastadion. Da prasselten so viele Eindrücke auf mich ein, das konnte ich gar nicht so schnell verarbeiten. Plötzlich kam mir das alles so vor, als ob wir gerade Weltmeister geworden wären. Und dann stehst du da und denkst: Jetzt würde ich gerne mal kurz die Zeit anhalten.

Wie haben Sie den Sieg gefeiert?

Thomas Riedl: Sehr ausgiebig. Karl-Heinz Wildmoser lud zum großen Fest. Ich glaube, die letzten Spieler verließen seine Wohnung als es wieder hell wurde.

Sie sind in Kaiserslautern geboren und aufgewachsen. Konnten Sie überhaupt die Bedeutung eines solchen Stadtderbys begreifen oder erschien Ihnen das total überzogen?

Thomas Riedl: Ich konnte das sehr gut nachvollziehen. Als Jugendlicher stand ich ja selbst in der Kurve und habe mit meinem Verein, dem FCK, gefiebert. Wir hatten damals zwar kein Stadtderby, aber das Derby gegen Mannheim war nicht weniger brisant als das Münchener. Ich würde sogar behaupten, dass das Pfälzer-Derby noch umkämpfter war. Ich erinnere mich jedenfalls an kaum eine Partie zwischen Kaiserslautern und Mannheim, in der es nicht mindestens zwei Rote Karten und zahllose Ausschreitungen gab.

Sie kannten also die Fanperspektive?

Thomas Riedl: Genau. Ich denke, wenn man jahrelang Fan eines Vereins ist und regelmäßig ins Stadion geht, weiß man nur zu gut, was es heißt, ein Derby zu verlieren – oder eben zu gewinnen.

Dennoch: Der 1:0-Erfolg gegen den FC Bayern war Ihr erstes richtiges Stadtderby. Was war anders in den Tagen vor dem Spiel?

Thomas Riedl: Derbys haben immer ihren Reiz, ob Dortmund gegen Schalke spielt oder Kaiserslautern gegen Mannheim. Allerdings merkte ich vor diesem Münchener Derby, dass es doch etwas anders war als das Pfälzer-Derby. Man fieberte in der Stadt wochenlang auf dieses Spiel hin. Man konnte die Spannung in der Stadt fühlen. Wenn man es mal ganz nüchtern und aus einer anderen Perspektive betrachtet, kann man natürlich auch sagen, dass es ein stinknormales Spiel wie jedes andere ist und gerade dieses Derby im November auch war. Fakt ist: Es war ein Bundesligaspiel am 13. Spieltag der Saison 1999/2000. Kein Champions-League-Endspiel, kein entscheidendes Meisterschaftsspiel, kein DFB-Pokal-Finale.

Für einige »Sechziger« kam dieser Derbysieg aber einem »Triple« gleich. Präsident Wildmoser weinte auf der Ehrentribüne. Erkannten Sie erst nach dem Spiel, wie wichtig Ihr Tor für den Verein gewesen ist?

Thomas Riedl: Ja. Erst im Nachhinein bekam ich mit, wie viel dieser Sieg dem Verein und den Fans bedeutete. Ich bekomme noch heute Fanpost von Leuten, die mir schreiben, dass dieses Tor ihnen den schönsten Tag ihres Leben beschert hat. Das ist fast gespenstisch. Ich merkte plötzlich, was dieses Tor und dieser Sieg ausgelöst hatten. Jahrzehntelang hatte man als »Sechziger« in München nichts zu melden gehabt und dann, als der David den Goliath besiegte, färbte sich München. Plötzlich bemerkte ich: München ist ja gar nicht rot-weiß, wie ich immer angenommen hatte. München ist blau-weiß. Überall trugen die Menschen 1860-Shirts oder Trikots, sie schmückten ihre Fenster mit 1860-Wimpeln oder Fahnen. All die Jahre schien ihnen das nur allzu unangenehm gewesen zu sein.

War dieser Sieg auch die Initialzündung für die Mannschaft?


Thomas Riedl: Ja, ganz klar. Wir spielten bis dahin, bis zum 13. Spieltag, schon eine akzeptable Saison – wir standen vor dem Derby auf dem 7. Platz. Dieser Sieg aber gab uns die Kraft, eine gesamte Saison dieses Niveau nicht nur zu halten, sondern uns noch zu steigern. Am Ende waren wir Vierter und spielten in der Qualifikation zur Champions League. Dieser Sieg war somit die Initialzündung, der Startschuss.

Sie gewannen sogar das Rückspiel gegen den FC Bayern. Mussten Sie erst die Schmach von 22 Jahren ohne Derbysieg abschütteln, um so etwas zu vollbringen?

Thomas Riedl: Vielleicht. Das Rückspiel gewannen wir übrigens durch ein Eigentor, das eigentlich keines war – erzielt hat es nämlich Jens Jeremies, der heimliche Löwe. (lacht)

Sie spielten in der folgenden Saison nur elf Mal und wurden dabei oftmals ein- oder ausgewechselt. Was war passiert?

Thomas Riedl: In meinen Augen hat der Verein damals große Fehler gemacht. Die Saison 1999/2000 war eine der besten der Vereinsgeschichte, es hat alles gepasst, die Mannschaft verstand sich, es wurde guter, mitunter sehr guter Fußball gespielt. Das Durchschnittsalter der Mannschaft lag bei 24 Jahren. Normalerweise reibst du dir als Trainer oder auch als Manager bei einem solchen Team die Hände. Lorant aber holte im Sommer sieben neue Spieler. Plötzlich war alles anders: Viele Spieler, die sich in der Vorsaison verdient gemacht hatten, standen auf einmal abseits, es spielten die Neuen. Auch ich gehörte zu denen, die nur noch sporadisch zum Einsatz kamen.

Wollte der Club nach diesen beiden Derbysiegen und nach dieser tollen Saison zu schnell zu viel?

Thomas Riedl: Vermutlich. Ich bin der Meinung, dass man die Mannschaft langsam und behutsam hätte aufbauen sollen. Natürlich konnte man sie verstärken, doch nicht in dem Maße, wie man es versuchte.

Wie kamen Sie eigentlich mit Werner Lorant aus?

Thomas Riedl: Nicht sonderlich gut. Im Grunde hatte kein Spieler ein wirklich herzliches Verhältnis zu ihm. Er war stets distanziert. Ich glaube auch, dass ich einen besonders schweren Stand bei ihm hatte, weil ich, gerade nach meinem Tor gegen den FC Bayern, viele Fans in München hatte. Eines aber musste man sich als 60-Spieler stets merken: In München gab es seinerzeit nur einen Star – und der hieß Werner Lorant.

War Lorant verbittert, weil Sie die Lorbeeren dieses Derbysiegs einheimsten?


Thomas Riedl: Es scheint so. Er hatte eine ganze Zeit daran zu knabbern, dass vornehmlich die Mannschaft und häufig ich beim Rückblick auf dieses Spiel in den Fokus gerückt wurde. Ich erinnere mich noch an eine Situation bei der Trainingseinheit zur neuen Saison: Wir spielten mit fünf oder sechs Mann im Kreis. Dann foppte ich Thomas Häßler mit einem Beinschuss. Am Rand standen ein paar Fans, die klatschten und schrieen: »Thomas Riedl Fußballgott!« Da ist der Lorant auf die Fans losgerannt und pöbelte: »Was fällt euch ein, den Riedl einen Fußballgott zu nennen. Der Riedl!«, schrie er. »Was hat der denn bitte für diesen Verein getan? Nichts!«

Immerhin hängt heute in jeder Kneipe in Giesing, dort wo das Grünwalder Stadion steht, ein Foto von Ihnen.

Thomas Riedl: Das stimmt. (lacht) Ich habe alle Kneipen abgeklappert. Das Freibier, das man mir einschenken wollte, hätte bis zu meinem Lebensende gereicht.

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