Thomas Müller über Brasilien, Tennis und Ehrgeiz

»Wir fahren nicht zur WM, um Zweiter zu werden«

Bayern Münchens Nationalspieler Thomas Müller über seinen Ehrgeiz, Fußball in der brasilianischen Mittagshitze und Tennisspiele gegen seine Frau.

Thomas Müller, Oliver Bierhoff hat zu Beginn des Trainingslagers von einem hart umkämpften Duell zwischen Ihnen und Mats Hummels am Snookertisch erzählt. Wissen Sie noch, wer gewonnen hat?
Im Normalfall habe ich gewonnen (lacht).

Hätten Sie Hummels nach dem Pokalfinale nicht wenigstens im Snooker mal gewinnen lassen können?
Natürlich ist das Spiel für Dortmund nicht gut gelaufen. Eigentlich hätte es ein Elfmeterschießen verdient gehabt. Aber wenn’s um den sportlichen Wettkampf geht, kenne ich keine Freundschaft. Und wenn Mats gemerkt hätte, dass ich ihn gewinnen lasse, hätte er sowieso sofort aufgehört. Wir wollen ja alle ehrlich gewinnen.

Wie viel ist es Ihrem Talent geschuldet, dass Sie es als Fußballer so weit gebracht haben? Wie viel Ihrem Ehrgeiz?
Schwer zu sagen. Im Fußball sind viele Talente wichtig. Letztlich kommt es darauf an, dass du für deine Position die richtige Effizienz hast. Du musst irgendeinen Weg finden, die richtigen Dinge zu tun. Aber der Ehrgeiz ist in diesem Geschäft schon sehr wichtig.

Ist Ehrgeiz auch ein Talent?
Vielleicht ist es ein Talent, sich bewusst zu sein, dass man sich auch mal quälen muss. Vielleicht ist es auch ein Talent, sich quälen zu können. Andere wollen’s vielleicht, können es aber nicht, weil sie mental nicht stark genug sind. Man muss wollen. Wenn es hart auf hart kommt, wird man ohne Ehrgeiz immer scheitern.

Sie sagen: Man muss wollen. So wie bei Ihrem Tor zum 2:0 am Ende der Verlängerung im Pokalfinale gegen Dortmund? Man hatte das Gefühl, Sie schleichen neben Marcel Schmelzer über den Platz, aber als das Tor in Sicht war, haben Sie wie aus dem Nichts noch einmal beschleunigen können.
Ja, das ist ein gutes Beispiel. Das war ein langer Weg von der Mittellinie. Da denkst du nur: Ich muss vorbei. Ich will vorbei. Und als ich an Schmelle vorbei war, gab es tatsächlich diesen Schub, dass ich gedacht habe: Jawoll, der schwierigste Teil ist geschafft. Was danach zu tun war, hatte ich schon im Kopf. In einer solchen Situation versuche ich, den Torwart auszuspielen – weil der Torwart es nicht verteidigen kann, wenn ich es gut mache.

Mit diesem ausgeprägten Willen sind Sie wie geschaffen für die WM in Brasilien, das Turnier der Strapazen, wie Bundestrainer Joachim Löw es genannt hat.
Ich hoffe, dass ich mir einen Vorteil gegenüber den gegnerischen Verteidigern herausarbeiten kann, dass die irgendwann mal nachlassen und ich dann allein durch den Willen an ihnen vorbeikomme. Ich konnte mich schon immer gut quälen, wenn ich in diesem Tunnel drin bin. 1000- Meter-Läufe habe ich nie gerne gemacht, aber wenn ich 400 Meter unterwegs war, wollte ich auch eine gute Zeit laufen. Dann war alles drumherum weg.

Ist es das, was Löw mit willensstarken und widerstandsfähigen Spielern gemeint hat?
Ja, wir werden uns quälen müssen. Es wird Läufe geben, ob vor oder zurück, die schon unter die Haut gehen.

Es soll ja Spieler geben, die sich freuen, wenn der Sommer kommt.
Ich freu mich auch, wenn der Sommer kommt. Aber standen Sie schon mal mittags bei 30 Grad auf einem Fußballplatz? Da denkt doch keiner: Hurra! Super, dass ich jetzt hier bin! Ich glaube, es ist schon von der Evolutionsgeschichte her so, dass der menschliche Körper bei 30 Grad und hoher Sonneneinstrahlung nicht so leistungsfähig ist wie bei luftgekühlten 18 Grad. Aber wir spielen Fußball und sind damit auch in der Unterhaltungsbranche tätig. Die WM ist ein Riesen- Event auf der ganzen Welt. Und damit die Fans in Deutschland abends um sechs eine schöne Grillparty feiern können, gehen wir gerne in die brütende Hitze und holen die Kohlen aus dem Feuer.

Bayern-München-Fußball mit viel Ballbesitz wird in Brasilien nicht möglich sein.
Bayern-München-Fußball spielen wir hier sowieso nicht. Wir sind die deutsche Nationalmannschaft, wir werden DFB-Fußball spielen. Das ist etwas Eigenes. Wir wollen nichts kopieren. Natürlich werden wir mit unseren Spielern grundsätzlich mehr in Ballbesitz sein als unsere Gegner, schätze ich. Aber man kann bei der Hitze, die uns erwartet, den Gegner nicht 90 Minuten lang vorne pressen. Man wird eine Mischung finden müssen.

Wie viel hat Ihr Ehrgeiz mit Mut zu tun?
Schwierige Frage. Wer ehrgeizig ist, hat normalerweise auch ein gutes Selbstbewusstsein, weil er hoch hinaus will. Dann traut man sich auch etwas zu. Seh ich das richtig so? Man braucht keinen Mut, um ehrgeizig zu sein. Aber wenn man ehrgeizig ist, ist man vielleicht mutiger.

Sollte die Nationalmannschaft mutiger mit dem Thema WM-Titel umgehen?
Wir sind mutig. Wir haben es bisher nur noch nicht geschafft. Zugetraut hätten wir es uns in den letzten Jahren auch schon.

Die Bayern sind da sehr viel offensiver. Vor der Saison haben sie klar gesagt: Wir wollen unser Triple wiederholen.
Es darf ja gar kein anderes Ziel geben. Aber das ist bei der Nationalmannschaft nicht anders. Wir sagen auch: Wir wollen den Titel holen. Wir fahren nicht nach Brasilien, um Zweiter zu werden oder in der Vorrunde rauszufliegen. Wir sagen nicht: Wir wollen erst einmal ins Viertelfinale kommen – und dann schaun mer mal. Aber ich weiß auch, wie viel Zufall im Fußball mitspielt, vor allem auf höchstem Niveau. Man muss nur das Champions-League-Finale nehmen. Wenn Atletico drei Minuten länger durchhält, würde es jetzt heißen: Real ist unfähig. Stattdessen war Real besser und hat verdient gewonnen. So eng liegen im Fußball Glück und Pech nebeneinander.

Stören Sie die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit?
Nein, so ist das Geschäft. Vielleicht ist es sogar positiver für uns, dass in der Vorbereitung vermeintlich nicht alles optimal gelaufen ist. Dass es ein paar Verletzungen gab, dass kein deutscher Verein im Champions-League-Finale stand. Wenn die WM vor einem Jahr gewesen wäre …

…als Bayern und Dortmund das Champions-League-Finale bestritten haben…
…dann hätten wir uns ja sogar für den Titel schämen müssen, wenn wir das Finale nicht 4:0 gewonnen hätten. So groß wäre der Druck damals gewesen. Jetzt ist es schon wieder ein bisschen menschlicher.

Sie haben immerhin einen Titel zu verteidigen: den des Torschützenkönigs.
Ich fahr schon mit dem Ziel nach Brasilien, das Ding nicht freiwillig abzugeben. Ich werde bestimmt nicht absichtlich danebenschießen. Wobei ich auch weiß: Bisher hat es noch niemand geschafft, zweimal hintereinander WM-Torschützenkönig zu werden. Dabei waren in der Vergangenheit schon einige Koryphäen am Start.

Wo steht denn Ihr goldener Schuh?
Bei mir zu Hause. Auf der Fensterbank steht er. Ganz klassisch.

Wird der vor dem Abflug nach Brasilien noch mal zärtlich gestreichelt?
Also verstaubt ist er nicht, aber er ist auch nicht der Mittelpunkt beim morgendlichen Gebet. Es geht ja nicht um das Metall, das man bekommt. Es geht um den ideellen Wert. Sie könnten mir auch das da überreichen (zeigt auf ein Windlicht). Wenn eine halbe Kerze im Glastopf die Trophäe für den WM-Torschützenkönig ist, nehme ich auch eine halbe Kerze im Glastopf.

Ihr persönlicher Ehrgeiz, Torschützenkönig zu werden, würde im Endeffekt auch der Mannschaft helfen.
Genau deswegen. Wenn ein Mitspieler besser postiert ist, werde ich immer abspielen. Da bin ich ganz frei von dem Gedanken: Ich muss das Tor machen. Aber wenn einer von uns Torschützenkönig wird, kann es für das Team nicht so schlecht gelaufen sein. Es sei denn, er hat sechs Tore in einem Spiel erzielt.

Haben Sie sich eigentlich persönlich beleidigt gefühlt, als Kevin-Prince Boateng behauptet hat, der deutschen Nationalmannschaft fehlten die Typen?
Nö. Es werden viele Fragen gestellt, viele Interviews gegeben, viele Aussagen gemacht. Ich finde es schön, wenn man jeden Tag etwas zu lesen hat. Wir werden ja in Brasilien sehen, ob er recht hatte oder nicht. Und vielleicht hat er mich ja auch einfach nur vergessen (lacht).

Würden Ihre Eltern Sie als ehrgeizig bezeichnen?
Ich glaube schon. Als Kind habe ich sehr viele Sportarten ausprobiert. Mir macht auch alles Spaß. Aber wenn ich merke, ich kann etwas überhaupt nicht, dann lass ich es sein. Ich muss wissen, dass ich mich verbessern kann, damit ich mir Ziele setzen kann.

Bei welchem Sport haben Sie aufgegeben?
Schwimmen ist so eine Sache. Ich kann mich schon über Wasser halten, und wenn ich jetzt gegen Sie ein Wettschwimmen mache, würde ich vielleicht sogar gewinnen. Aber es macht mir keinen Spaß. Wenn ein Ball dabei ist, wenn es etwas Spielerisches hat, ist es was anderes.

Sie könnten es mit Wasserball versuchen.
Vielleicht, wobei das bestimmt auch eine fiese Nummer ist. Aber wenn ich merke, dass ich etwas kann, packt mich der Ehrgeiz. Ich kann zum Beispiel nicht behaupten, dass ich in der Schule ehrgeizig war. Aber wenn ich musste, habe ich auch gelernt und gute Noten geschrieben. Ehrgeizig im eigentlichen Sinne kann ich nur bei den Sachen sein, die mir Spaß machen – weil: Dann will ich es auch.

Wo steckt bei Ihnen der Ehrgeiz – im Kopf oder im Bauch?
Fifty, fifty. Ich glaube, grundsätzlich kommt es aus dem Bauch. Aber ich kann vom Kopf steuern, wann ich etwas brauche. Ich weiß, wann ich mich quälen muss, damit ich vorankomme. Da kommt dann der Kopf ins Spiel.

Halten Sie Zwiesprache mit Ihrem Ehrgeiz?
Gute Frage: Natürlich spreche ich auch mit mir selbst, um mich zu puschen. Das funktioniert sogar. Ich habe mich ganz gut im Griff. Wobei es auch immer gut- tut, wenn von außen Zuspruch kommt. Wenn der Philipp …

… Ihr Kapitän Philipp Lahm …
… hinter mir steht und mich auf die Reise schickt, damit ich ins Pressing gehe. Mir hilft es, wenn mich jemand von hinten steuert und motiviert. Das ist etwas anderes, als wenn man im luftleeren Raum wäre und aus eigenem Antrieb dem Ball hinterherjagen müsste. Umgekehrt versuche ich bewusst, mein Spiel so anzulegen, dass ich meine Mitspieler pusche. Die sollen sehen: Der will auf jeden Fall.

Unterscheiden Sie zwischen gesundem und ungesundem Ehrgeiz? Hat Ihre Frau schon mal gesagt: Jetzt übertreib es nicht?
Das kennt wahrscheinlich jeder: Tennisspielen mit der eigenen Frau ist keine so gute Idee. Meine Frau spielt ganz ordentlich. Wenn ich ihr den Ball so rüberspiele, dass sie etwas damit anfangen kann, läuft es ganz gut. Aber alle Viertelstunde muss ich halt auch mal durchziehen, sonst werde ich nervös. Deshalb lassen wir das mit dem Tennisspielen seit ein paar Jahren lieber.

Was bieten Sie ihr zur Kompensation an?
(Lacht) Spazieren gehen.

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