02.06.2014

Thomas Müller über Brasilien, Tennis und Ehrgeiz

»Wir fahren nicht zur WM, um Zweiter zu werden«

Bayern Münchens Nationalspieler Thomas Müller über seinen Ehrgeiz, Fußball in der brasilianischen Mittagshitze und Tennisspiele gegen seine Frau.

Interview: Stefan Hermanns und Michael Rosentritt Bild: Imago

Thomas Müller, Oliver Bierhoff hat zu Beginn des Trainingslagers von einem hart umkämpften Duell zwischen Ihnen und Mats Hummels am Snookertisch erzählt. Wissen Sie noch, wer gewonnen hat?
Im Normalfall habe ich gewonnen (lacht).

Hätten Sie Hummels nach dem Pokalfinale nicht wenigstens im Snooker mal gewinnen lassen können?
Natürlich ist das Spiel für Dortmund nicht gut gelaufen. Eigentlich hätte es ein Elfmeterschießen verdient gehabt. Aber wenn’s um den sportlichen Wettkampf geht, kenne ich keine Freundschaft. Und wenn Mats gemerkt hätte, dass ich ihn gewinnen lasse, hätte er sowieso sofort aufgehört. Wir wollen ja alle ehrlich gewinnen.

Wie viel ist es Ihrem Talent geschuldet, dass Sie es als Fußballer so weit gebracht haben? Wie viel Ihrem Ehrgeiz?
Schwer zu sagen. Im Fußball sind viele Talente wichtig. Letztlich kommt es darauf an, dass du für deine Position die richtige Effizienz hast. Du musst irgendeinen Weg finden, die richtigen Dinge zu tun. Aber der Ehrgeiz ist in diesem Geschäft schon sehr wichtig.

Ist Ehrgeiz auch ein Talent?
Vielleicht ist es ein Talent, sich bewusst zu sein, dass man sich auch mal quälen muss. Vielleicht ist es auch ein Talent, sich quälen zu können. Andere wollen’s vielleicht, können es aber nicht, weil sie mental nicht stark genug sind. Man muss wollen. Wenn es hart auf hart kommt, wird man ohne Ehrgeiz immer scheitern.

Sie sagen: Man muss wollen. So wie bei Ihrem Tor zum 2:0 am Ende der Verlängerung im Pokalfinale gegen Dortmund? Man hatte das Gefühl, Sie schleichen neben Marcel Schmelzer über den Platz, aber als das Tor in Sicht war, haben Sie wie aus dem Nichts noch einmal beschleunigen können.
Ja, das ist ein gutes Beispiel. Das war ein langer Weg von der Mittellinie. Da denkst du nur: Ich muss vorbei. Ich will vorbei. Und als ich an Schmelle vorbei war, gab es tatsächlich diesen Schub, dass ich gedacht habe: Jawoll, der schwierigste Teil ist geschafft. Was danach zu tun war, hatte ich schon im Kopf. In einer solchen Situation versuche ich, den Torwart auszuspielen – weil der Torwart es nicht verteidigen kann, wenn ich es gut mache.

Mit diesem ausgeprägten Willen sind Sie wie geschaffen für die WM in Brasilien, das Turnier der Strapazen, wie Bundestrainer Joachim Löw es genannt hat.
Ich hoffe, dass ich mir einen Vorteil gegenüber den gegnerischen Verteidigern herausarbeiten kann, dass die irgendwann mal nachlassen und ich dann allein durch den Willen an ihnen vorbeikomme. Ich konnte mich schon immer gut quälen, wenn ich in diesem Tunnel drin bin. 1000- Meter-Läufe habe ich nie gerne gemacht, aber wenn ich 400 Meter unterwegs war, wollte ich auch eine gute Zeit laufen. Dann war alles drumherum weg.

Ist es das, was Löw mit willensstarken und widerstandsfähigen Spielern gemeint hat?
Ja, wir werden uns quälen müssen. Es wird Läufe geben, ob vor oder zurück, die schon unter die Haut gehen.

Es soll ja Spieler geben, die sich freuen, wenn der Sommer kommt.
Ich freu mich auch, wenn der Sommer kommt. Aber standen Sie schon mal mittags bei 30 Grad auf einem Fußballplatz? Da denkt doch keiner: Hurra! Super, dass ich jetzt hier bin! Ich glaube, es ist schon von der Evolutionsgeschichte her so, dass der menschliche Körper bei 30 Grad und hoher Sonneneinstrahlung nicht so leistungsfähig ist wie bei luftgekühlten 18 Grad. Aber wir spielen Fußball und sind damit auch in der Unterhaltungsbranche tätig. Die WM ist ein Riesen- Event auf der ganzen Welt. Und damit die Fans in Deutschland abends um sechs eine schöne Grillparty feiern können, gehen wir gerne in die brütende Hitze und holen die Kohlen aus dem Feuer.

Bayern-München-Fußball mit viel Ballbesitz wird in Brasilien nicht möglich sein.
Bayern-München-Fußball spielen wir hier sowieso nicht. Wir sind die deutsche Nationalmannschaft, wir werden DFB-Fußball spielen. Das ist etwas Eigenes. Wir wollen nichts kopieren. Natürlich werden wir mit unseren Spielern grundsätzlich mehr in Ballbesitz sein als unsere Gegner, schätze ich. Aber man kann bei der Hitze, die uns erwartet, den Gegner nicht 90 Minuten lang vorne pressen. Man wird eine Mischung finden müssen.

Wie viel hat Ihr Ehrgeiz mit Mut zu tun?
Schwierige Frage. Wer ehrgeizig ist, hat normalerweise auch ein gutes Selbstbewusstsein, weil er hoch hinaus will. Dann traut man sich auch etwas zu. Seh ich das richtig so? Man braucht keinen Mut, um ehrgeizig zu sein. Aber wenn man ehrgeizig ist, ist man vielleicht mutiger.

Sollte die Nationalmannschaft mutiger mit dem Thema WM-Titel umgehen?
Wir sind mutig. Wir haben es bisher nur noch nicht geschafft. Zugetraut hätten wir es uns in den letzten Jahren auch schon.

Die Bayern sind da sehr viel offensiver. Vor der Saison haben sie klar gesagt: Wir wollen unser Triple wiederholen.
Es darf ja gar kein anderes Ziel geben. Aber das ist bei der Nationalmannschaft nicht anders. Wir sagen auch: Wir wollen den Titel holen. Wir fahren nicht nach Brasilien, um Zweiter zu werden oder in der Vorrunde rauszufliegen. Wir sagen nicht: Wir wollen erst einmal ins Viertelfinale kommen – und dann schaun mer mal. Aber ich weiß auch, wie viel Zufall im Fußball mitspielt, vor allem auf höchstem Niveau. Man muss nur das Champions-League-Finale nehmen. Wenn Atletico drei Minuten länger durchhält, würde es jetzt heißen: Real ist unfähig. Stattdessen war Real besser und hat verdient gewonnen. So eng liegen im Fußball Glück und Pech nebeneinander.

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