08.01.2008

Thomas Meggle im Interview

„Den Spagat hinbekommen“

Der FC St. Pauli steht vor einer Zerreißprobe – soll er den Traditionen treu bleiben und vielleicht in Schönheit sterben? Oder sich modernisieren und damit den Ausverkauf riskieren? Wir haben Thomas Meggle um seine Einschätzung gebeten.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Imago
Thomas Meggle, was macht für Sie den besonderen Reiz des FC St. Pauli aus?

Dass ich hier auf einer Ebene mit den Fans am Vereinsleben teilnehme. Ich bin zwar derjenige, der auf dem Platz steht, aber ich werde von Fankreisen nicht angehimmelt, weil ich Fußball spielen kann, sondern eher respektiert. Der Personenkult, den es bei anderen Vereinen gibt, ist bei uns nicht so verbreitet. Der Verein steht im Vordergrund, das wissen Fans, aber auch die Spieler.



War das am Anfang Ihrer Karriere der Grund für Sie als Bayer, hierher zu wechseln?

Nein, soweit habe ich damals nicht gedacht. Hier hatte ich die Möglichkeit, vom Amateurbereich in den Profifußball zu wechseln. Es war damals das einzige Angebot, das ich erhielt. Und wenn Rot-Weiß Oberhausen angefragt hätte, wäre ich auch zu Oberhausen gewechselt. Ich habe nie gesagt, dass ich nur bei St. Pauli Fußball spiele.

Woran erkannten Sie bei Ihrem Wechsel auf den Kiez, dass die Uhren hier anders ticken. Am Fanladen?

Ich würde es nicht auf den obligatorischen Besuch im Fanladen reduzieren. Schon als ich unterschrieben habe, war mir klar, dass der FC St. Pauli ein interessanter Verein ist. Ich wusste nicht, worum es geht, aber ich hatte zusätzlich das Glück, vor meiner Zeit als Profi, auch bei den Amateuren zu spielen. Dadurch bekam ich noch viel mehr vom Verein mit.

Was zum Beispiel?

Es gab da diese so genannten »Speaker’s Corner«, wo Spieler Diskussionen auf einer Bierkiste stehend führen. Das war großartig! Die Amateurspieler mussten nach ihrem Heimspiel immer in die damalige Fankneipe »Zum letzten Pfennig«, wo sie auf einer leeren Astra-Bierkiste den Fans Rede und Antwort standen. Das war sehr familiär, und man bekam gerade, wenn wenige Leute da waren, viel von den Fans mit. Man unterhält sich, stellt Fragen, bekommt Fragen gestellt, tauscht sich aus. Die Anhänger der Amateure sind nämlich häufig noch interessierter am FC St. Pauli. Im Gegensatz zu manchen, die nur zu den Profis gehen.

Sie sind inzwischen zweimal zurück zum FC St. Pauli gekommen. Was hat sich hier verändert?


Natürlich hat sich der Verein verändert. Die damaligen 27-jährigen sind jetzt 37 und supporten nicht mehr so aktiv wie damals. Die Jüngeren rutschen nach, wie etwa die Ultras, die sich vor fünf Jahren gegründet haben. Diese Entwicklung bringt auch eine Veränderung in der Fanszene mit sich, was aber ganz normal ist.

Hat sich im Verein selbst auch was geändert?

Wir sind im Profifußball, und da können wir uns Dingen wie Marketing und Merchandising nicht entziehen. Es gilt lediglich den Spagat hinzubekommen. Ich glaube schon, dass sich hinsichtlich des Stadionbaus etwas verändert hat. Als ich 1997 zu St. Pauli kam, hingen die Entwürfe vom neuen Millerntor in der Geschäftsstelle, und mir wurde gesagt, dass es in einem halben Jahr mit dem Umbau losgeht. Dann kamen aber wieder Umweltgutachten oder Lärmschutzgutachten, und es klappte nicht. Jetzt sind wir endlich an einem Punkt, wo eine Tribüne abgerissen wurde und eine neue gebaut wird, allein von daher gab es riesige Veränderungen.

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