Thomas Meggle im Interview

„Den Spagat hinbekommen“

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Heft #74 01 / 2008
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Thomas Meggle, was macht für Sie den besonderen Reiz des FC St. Pauli aus?

Dass ich hier auf einer Ebene mit den Fans am Vereinsleben teilnehme. Ich bin zwar derjenige, der auf dem Platz steht, aber ich werde von Fankreisen nicht angehimmelt, weil ich Fußball spielen kann, sondern eher respektiert. Der Personenkult, den es bei anderen Vereinen gibt, ist bei uns nicht so verbreitet. Der Verein steht im Vordergrund, das wissen Fans, aber auch die Spieler.

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War das am Anfang Ihrer Karriere der Grund für Sie als Bayer, hierher zu wechseln?

Nein, soweit habe ich damals nicht gedacht. Hier hatte ich die Möglichkeit, vom Amateurbereich in den Profifußball zu wechseln. Es war damals das einzige Angebot, das ich erhielt. Und wenn Rot-Weiß Oberhausen angefragt hätte, wäre ich auch zu Oberhausen gewechselt. Ich habe nie gesagt, dass ich nur bei St. Pauli Fußball spiele.

Woran erkannten Sie bei Ihrem Wechsel auf den Kiez, dass die Uhren hier anders ticken. Am Fanladen?

Ich würde es nicht auf den obligatorischen Besuch im Fanladen reduzieren. Schon als ich unterschrieben habe, war mir klar, dass der FC St. Pauli ein interessanter Verein ist. Ich wusste nicht, worum es geht, aber ich hatte zusätzlich das Glück, vor meiner Zeit als Profi, auch bei den Amateuren zu spielen. Dadurch bekam ich noch viel mehr vom Verein mit.

Was zum Beispiel?

Es gab da diese so genannten »Speaker’s Corner«, wo Spieler Diskussionen auf einer Bierkiste stehend führen. Das war großartig! Die Amateurspieler mussten nach ihrem Heimspiel immer in die damalige Fankneipe »Zum letzten Pfennig«, wo sie auf einer leeren Astra-Bierkiste den Fans Rede und Antwort standen. Das war sehr familiär, und man bekam gerade, wenn wenige Leute da waren, viel von den Fans mit. Man unterhält sich, stellt Fragen, bekommt Fragen gestellt, tauscht sich aus. Die Anhänger der Amateure sind nämlich häufig noch interessierter am FC St. Pauli. Im Gegensatz zu manchen, die nur zu den Profis gehen.

Sie sind inzwischen zweimal zurück zum FC St. Pauli gekommen. Was hat sich hier verändert?


Natürlich hat sich der Verein verändert. Die damaligen 27-jährigen sind jetzt 37 und supporten nicht mehr so aktiv wie damals. Die Jüngeren rutschen nach, wie etwa die Ultras, die sich vor fünf Jahren gegründet haben. Diese Entwicklung bringt auch eine Veränderung in der Fanszene mit sich, was aber ganz normal ist.

Hat sich im Verein selbst auch was geändert?

Wir sind im Profifußball, und da können wir uns Dingen wie Marketing und Merchandising nicht entziehen. Es gilt lediglich den Spagat hinzubekommen. Ich glaube schon, dass sich hinsichtlich des Stadionbaus etwas verändert hat. Als ich 1997 zu St. Pauli kam, hingen die Entwürfe vom neuen Millerntor in der Geschäftsstelle, und mir wurde gesagt, dass es in einem halben Jahr mit dem Umbau losgeht. Dann kamen aber wieder Umweltgutachten oder Lärmschutzgutachten, und es klappte nicht. Jetzt sind wir endlich an einem Punkt, wo eine Tribüne abgerissen wurde und eine neue gebaut wird, allein von daher gab es riesige Veränderungen.

Das alte Stadion hat ohne Zweifel einen besonderen Charme. Wird sich der Mythos Millerntor in den Neubau transferieren lassen?

Allein durch die Individualität des Stadions wird sich die besondere Stimmung sogar sehr gut transportieren lassen. Ich konnte als Kind immer durch die „Sportschau“ zappen und wusste sofort, in welchem Stadion ich bin. Dortmund mit den Trainerbänken und der Stehtribüne oder Köln mit den charakteristischen Sitzreihen. Diese Besonderheiten, die zeigen, in welchem Stadion man sich befindet, gibt es heute kaum noch. Heute sehen alle Stadien irgendwie gleich aus. Aber für mich war es schon immer ein wichtiger Bestandteil des Fußballs, in charakteristischen Stadien zu spielen. Beispiel Schalke: Der Rasen bildet keine Einheit mit dem Stadion, weil er ausgefahren wird. Das Dach wird zugemacht, und dann ist da auch noch so ein Würfel wo ein Männchen klatscht. Ich weiß nicht, ob das die Zukunft des Fußballs ist.

Wie sehr liegt Ihnen als Spieler eigentlich am Herzen, dass das Stadion seinen Namen behält?

Ich bin Angestellter des Vereins und ich werde vom Verein bezahlt, von daher darf ich mich nicht positionieren und sagen, dass der Stadionname nicht verkauft werden sollte. Aber als Fußballfan sage ich, dass diese Umbenennungen ein großes Risiko mit sich bringen. Viel Tradition geht verloren, wenn man ein Stadion nach einer Firma umtauft.

Auf St. Pauli gibt es drei Positionen unter den Fans und Funktionären zum Thema Stadionname: Die einen sagen »Geht gar nicht«, die anderen »Egal« und wieder andere »Es muss passen«.

Ja, wobei die »Egal«-Stimmen sehr gering sind. Wenn man allerdings den Spagat hinbekommt und ein Unternehmen findet, dass sehr viel Geld bezahlt und dann auch noch zum Stadion passt, ist das in Ordnung. Trotzdem wäre mir, aus Fanperspektive eben, die Beibehaltung des aktuellen Namens lieber. Wir sollten uns vielleicht auch nach anderen Einnahmequellen umschauen.

Woran denken Sie dabei?

Ich bin kein Marketingexperte, ich bin nur ein Träumer. (lacht)

Welche Tabus in Bezug aufs Marketing darf der FC St. Pauli ihrer Meinung nicht brechen, um sich das Image des „etwas anderen Vereins“ zu erhalten?

Der Verein sollte aufpassen, nicht alles schon langfristig zu verkaufen. Ich bin als Münchner bei 1860 groß geworden und das ist ein Beispiel, wie man die Identität eines Vereins aufgibt. Mir hat das Herz geblutet, als ich letztes Jahr im November 1860 gegen Aue angeschaut habe. Es ist für mich noch immer ein toller Verein, weil es meine fußballerische Heimat ist. Aber der Umzug in die Allianz-Arena war für viele Fans grenzwertig. Man hat die Wurzeln aufgegeben, die in Giesing und im Grünwalder Stadion liegen. Es muss einem bewusst sein, was man ist. Wenn wir als Verein FC St. Pauli ein Magnet für eine ganze Region wären, wie der VfB Stuttgart für Baden-Württemberg, könnten wir das Stadion ganz egal wo bauen. Wir sind aber ein Stadtteilverein und daher ist es unsere Pflicht hier zu bleiben.

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