Thomas Kurth im Interview

"Die FIFA krallt sich fest"

Thomas Kurth, Geschäftsführer der G14, über die Sturheit der Weltverbände, die Stringenz von Uli Hoeneß und die verbale Rivalität zwischen Real Madrid und Barcelona, in der ihm auch sein katalanisch und spanisch nicht helfen. Imago
Heft #58 09 / 2006
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58

Herr Kurth, was genau ist die G14?

Wir sind die Stimme der Vereine, die versuchen ihre Interessen gegenüber dem Monopol von UEFA und FIFA zu vertreten.

Nach welchem Prinzip hat sich die Organisation zusammen getan?

Die Entstehung unterlag keinen objektiven Kriterien. Die Mitglieder haben sich willkürlich zusammen getan, weil sie sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert sahen. Was natürlich auch mit ihrer herausragenden wirtschaftlichen Situation der Klubs zu tun hatte.

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Was bringt dem Fußball so eine Elite-Vereinigung?


Die Organisation des Fußballs funktioniert nach einem hierarchischen Pyramidenmodell: Oben stehen FIFA und UEFA, darunter die nationalen Verbände. In die Verbände gliedern sich Klubs, Schiedsrichter, Trainer, Spieler. Die FIFA sagt, sie spricht nicht mit uns, weil die nationalen Verbände für die Vereine zuständig sind. Aber seit Erbauung dieser Pyramide hat sich der Fußball verändert. Mit dem Bosman-Urteil erhielt die Globalisierung auf dem Spielermarkt Einzug. Die Konsequenzen müssen die Vereine tragen. Deshalb müssen die großen Klubs ihre Interessen viel stärker als früher gegenüber FIFA und UEFA vertreten.

UEFA-Generaldirektor Lars Christer Olsson sagt: „Die G14 sieht den Fußball als Geschäft. Sie schadet dem Fußball.“

Dabei sind es derzeit FIFA und UEFA, die entscheiden, wie die Gelder an der Vermarktung internationaler Wettbewerbe verteilt werden. Aber für Spielerabstellungen tragen die Klubs das alleinige Risiko. Die Verbände haben geringe Kosten, aber ein großes Einnahmepotential. Die G14 billigt, dass wesentliche Bestandteile der Gewinne aus WM und EM an der Basis, im Amateur- und Jugendbereich verteilt werden. Aber auch die Klubs, die dazu beitragen, die Spieler in die Nationalmannschaften zu bringen, sollten einen Teil bekommen.

Wieviel fordern Sie konkret?

Wir haben im Rahmen einer Studie erarbeitet, dass ein Nationalspieler aufs Jahr gerechnet rund 80 Prozent der Zeit dem Klub und 20 Prozent dem Verband widmet.

Sie fordern also eine 20-prozentige Beteiligung an allen Gewinnen, die die FIFA und die UEFA erwirtschaften?


Nein, wir fordern keine bestimmten Beträge, sondern ein solidarisches Modell zur Kostendeckung der Klubs. Wir möchten für alle Klubs, die Spieler abstellen einen Teil der Erlöse von Endrunden bei WM und EM. Entweder werden die betroffenen Klubs für ihre Nationalspieler kostendeckend entschädigt oder sie werden proportional am Gewinn beteiligt.

Das würde bedeuten, dass Vereine aus einem Land, das nur Freundschafts- und Qualifikationsspiele austrägt, ohne es zur Endrunde zu schaffen, nicht entschädigt werden?

Zugegeben, es ist ein Kompromissvorschlag, um mit FIFA und UEFA ins Gespräch zu kommen.

Warum geht die FIFA nicht darauf ein?

Die Internationalen Verbände versuchen mit allen Mitteln sich an der Machtstruktur festzukrallen, die sie sich über die Jahre aufgebaut haben. Viele Regeln und Bestimmungen im Fussball betreffen die Klubs als Arbeitgeber und die Spieler als Arbeitnehmer. Statt die Betroffenen sich im Rahmen eines „sozialen Dialogs“ an einem runden Tisch auf Lösungen einigen zu lassen, fährt die FIFA fort beiden Parteien einseitig gefasste Bestimmungen zu ihrem eigenen Vorteil und zu demjenigen ihrer Mitgliedverbände aufzuerlegen. Und weil die FIFA die Belange der Klubs hartnäckig ignoriert, bleibt uns nichts anderes als unseren Argumenten auf rechtlichem Weg Gehör zu verschaffen. Dazu müssten sie mit uns einen sozialen Dialog führen, bei dem alle am runden Tisch sitzen und nach Lösungen suchen.

Kommen Sie mit der UEFA besser zurecht?

Die UEFA hat mehr Berührungspunkte mit den Klubs, aber sie setzt oft auch nur das um, was die FIFA ihr vorgibt. Dass sie etwa die EM-Qualifikationsrunde ohne Rücksprache mit den Klubs von 200 auf über 300 Spiele aufgestockt hat, ist ein Affront.

Dabei gehört die Harmonisierung des Spielplankalenders zu den Teilerfolgen der G14?

Es ist besser geworden Ganz am Beginn gab es einige Fortschritte, aber es ist noch lange nicht, wie es sein sollte. Die FIFA hat zwei Dinge gelockert: Sie hat die Abstellungsfrist bei Qualifikationsspielen von fünf auf vier Tage reduziert und es wurde verfügt, dass südamerikanischen Spieler nur noch dann für Freundschaftsspiele abgestellt werden müssen, wenn die Spiele in Europa stattfinden.

Wäre es ein Vorteil, wenn Michel Platini oder Franz Beckenbauer in der UEFA oder FIFA das Sagen hätten?

Alle, die den Klubfußball samt seiner Verantwortung und seinen Problemen kennen, wären für uns von Vorteil.

Sie haben früher bei der UEFA gearbeitet. Wie kann ihnen diese Erfahrung helfen?

Es ist ein Vorteil, weil ich die Strukturen kenne. Und es ist ein Nachteil, weil ich irgendwann die Fronten gewechselt habe. (lacht)

Ist das UEFA Klubforum, in dem 111 europäische Vereine Mitglied sind, nicht wesentlich repräsentativer als die G14 ?

In diesem Forum wird zwar viel geredet, aber nichts beschlossen. Die UEFA bestimmt alleine die Tagesordnung. Da pro Landesverband mindestens ein Verein dabei sein muss, gibt es dort auch Vertreter von Klubs der Faröer Inseln und Lichtensteins. Da geht sehr viel Energie verloren, denn die Vereine haben sehr verschiedenartige Interessen.

Wann wird die G14 um weitere Klubs erweitert werden?

Um neue Vereine aufzunehmen, bedarf es eines einstimmigen Beschluss. Den zu erreichen, ist schwer. Wir haben 2003 erklärt, dass wir uns zunächst konsolidieren wollen, ehe wir uns neuen Klubs öffnen. Es gibt rund zehn Kandidaten, die ganz gute Argumente für einen Beitritt haben. Langfristig müssen mehr Vereine in die G14, damit wir eines unserer Ziele erreichen: eine repräsentative Arbeitgeberorganisation zu werden.

Wann wird ein Verein aus der G14 ausgeschlossen?

Die Statuten der G14 sehen vor, dass ein Klub, der absteigt und nicht umgehend wieder aufsteigt, der dreimal in Folge nicht an den europäischen Wettbewerben teilnimmt oder den Ruf der Gruppe schädigt, suspendiert werden kann. Diese Entscheidung bedarf einer Dreiviertelsmehrheit der G14-Mitglieder und ist bislang noch nicht vorgekommen.

Wie wird mit den italienischen Klubs in der G14 verfahren, die in den Skandal verwickelt sind? Sie schaden nachweislich dem Ruf der Kluborganisation.

Grundsätzlich gilt: Missstände müssen bereinigt werden und einige Klubvertreter finden diese Entwicklung sehr besorgniserregend. Ich bin sicher, dass bei unserer nächsten Sitzung am 7. September darüber beraten wird, wie mit dieser Angelegenheit verfahren werden soll.

Wer hat bei den G14-Treffen das Sagen?

Die Klubs haben alle ihre Vergangenheit und Erfolge, aus der sich ihr Gewicht innerhalb der Organisation ableitet. Die Wahrnehmung hängt auch von ihren Vertretern ab: Die Stimme von Männern wie Hoeneß oder Rummenigge, auf die man schon zu ihrer aktiven Zeit gehört hat, hat auch in der G14 ein besonderes Gewicht. Sie sind zuverlässig und verfolgen eine gerade Linie, während bei anderen Klubs ständige Führungswechsel erfolgen.

Gibt es Konflikte innerhalb der Meetings?

Ja, manche Konkurrenz hat schon zu Auswüchsen geführt: Seit in Frankreich Lyon die Vormachtstellung besitzt, gibt es mit den Vertretern von Paris St. Germain und Olympique Marseille öfter Auseinandersetzung. Und sie können sich denken, dass die Rivalität zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona auch bei uns nicht völlig konfliktfrei abläuft.

Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Einmal mussten die Statuten verändert werden, wozu es Einstimmigkeit bedarf. Es gab zwei Varianten, wie veraltete Statuten überarbeitet werden sollten. Als die erste Variante am Veto von Barca scheiterte, scheiterte die zweite am Veto von Real. Also mussten wir auf die Änderung verzichten. (lacht)

Sie sprechen Spanisch und Katalan. Können Sie da nicht vermitteln?

Das ist schwierig. Dadurch, dass ich Katalanisch spreche, gelte ich für manche in Madrid schon als potentieller Konkurrent. Hinzu kommt, dass ich lange in Barcelona gelebt habe und deshalb mein Herz ein bisschen für Barcelona schlägt. In Extremsituationen wird mir das von Madrider Seite schon mal angekreidet. (lacht.) Im Übrigen wird simultan während der Sitzungen übersetzt. Aber nur in fünf Sprachen: Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch. Die Portugiesen, Katalanen und die Holländer müssen sehen, wie sie damit zurecht kommen.

Wie verstehen sich die deutschen Klubs untereinander?

In Deutschland haben die Bayern eine Führungsrolle, die von den anderen beiden respektiert und geachtet wird. In England ist es ähnlich: Wenn ein Vertreter fehlt, überträgt er seine Stimme einem Landsmann.

Herr Kurth, wann ist ihr Job als Geschäftsführer der G14 erledigt?

Wenn die Klubs im internationalen Fussball die Rolle spielen die ihrer Verantwortung entspricht, wenn Mitglieder der G14 bei FIFA und UEFA im Exekutivkomitée vertreten sein werden. Wir fordern, dass die Klubs ernst genommen werden und bei den wichtigen Entscheidungen mitbestimmen können. Das erfordert noch ein gutes Stück Ueberzeugungsarbeit, und wenn’s sein muss auch via ordentliche Gerichte....

Stimmt es, dass sich alle G14-Mitglieder geeinigt haben, nicht mehr als 70 Prozent Ihres Gesamtetats für Spielergehälter auszugeben, um eine Wettbewerbsgleichheit auf europäischer Ebene zu erhalten?

Wir haben das Modell erarbeitet, um zu verhindern, dass ein Klub in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Es sieht vor, dass ein Verein mit einem Budget von 40 Millionen Euro jährlich maximal 75 Prozent, sprich 30 Millionen, für Personalkosten aufwenden sollte. Je höher der Etat, desto geringer wird dieser Prozentsatz: Klubs, deren Budget 200 Millionen Euro übersteigt sollten unseres Erachtens nicht mehr als 45 Prozent für Personalkosten ausgeben.

Und daran halten sich alle G14 Mitglieder?

Die Klubs haben sich freiwillig verpflichtet, dieses Modell bis 2005 umzusetzen. Aber wir haben keine Buchprüfer darauf angesetzt. Früher gab es Vereine in der G14, die haben über 100 Prozent ihres Etats für Personalkosten ausgegeben – und die Löcher durch Mäzene stopfen lassen. Das gibt es heute nicht mehr.

Wann wird die G14 wachsen?

Derzeit sind Bestrebungen in Gange, neben der G14 eine neue, größere Kluborganisation zu gründen, eine eigentliche Arbeitgeberorganisation, die sich um die Angleichung internationaler Transferrechte, Spielerverträge und länderübergreifende Steuerfragen kümmert.

Warum ist ein Verein wie Bayer 04 Leverkusen in der G14?

Bei der ersten Erweiterung 2001 ging es um die Korrektur eines Ungleichgewichts: Es gab drei italienische Vertreter, deshalb haben wir zu den Gründungsmitgliedern jeweils eine deutsche, französische, englische und eine spanische Mannschaft zusätzlich ins Boot geholt. Bayer hatte zu dem Zeitpunkt durch seine Erfolge in der Champions League die besten Argumente.

Wie finanziert sich die G14?

Wir haben ein Budget von etwa zwei Millionen Euro. Die Hälfte wird von den Klubs in gleichen Teilen getragen, die andere errechnet sich proportional gemäss den Stimmrechten: Real Madrid zahlt mit seinen 18 Stimmen den größten, Lyon mit nur einer Stimme den geringsten Anteil.

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