16.09.2011

Thomas Hitzlsperger über seinen Sommer als Arbeitsloser

»Ich wollte nicht im Mitleid versinken«

Einen Sommer lang droht dem Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger die Arbeitslosigkeit ehe ihn Felix Magath überraschend zum VfL Wolfsburg holte. Wir sprachen mit ihm über seinen langen Sommer des Wartens und Suchens.

Interview: Benjamin Apitius Bild: Imago
Thomas Hitzlsperger, im vergangenen Sommer waren Sie über zehn Wochen ohne gültigen Vertrag bei einem Fußballklub. Wie außergewöhnlich war dieser Zustand für Sie?

Thomas Hitzlsperger: Mich hat das nicht aus der Bahn geworfen. Es hat sich alles etwas hinausgezögert, weil die Marktlage dementsprechend war. Ich habe mit einigen Vereinen in England gesprochen und die haben dann gesagt, sie seien zwar interessiert, aber könnten nicht viel bezahlen, oder der Kader sei zu groß und sie müssten erst noch Spieler loswerden. Das habe ich dann so akzeptieren müssen.



Was kann man in einer solchen Situation machen – außer darauf warten, dass ein Felix Magath endlich anruft?

Thomas Hitzlsperger: Nach zwei Wochen Urlaub habe ich in London Anfang Juni wieder angefangen zu trainieren – zwar nur für mich alleine, aber so umfangreich, als wäre ich ganz normal bei einem Verein: aufstehen, frühstücken, trainieren, Mittagessen, sich hinlegen, trainieren, Abendessen, Ruhe geben. Und das an drei Tagen in der Woche, an zwei Tagen nur einmal und dann ein, zwei Tage Pause. Und, ja, natürlich wollte ich auch nichts verschlafen. Ich habe viele Spiele im Fernsehen geschaut und den Transfermarkt sehr aufmerksam verfolgt – wo ist noch Bedarf, wo verlassen Spieler einen Verein?

Hat sich Ihre Marktanalyse denn bestätigt?

Thomas Hitzlsperger: Nein. Es ist völlig irrational, was da teilweise abgelaufen ist. Es haben Vereine angerufen, die offensichtlich keinen Bedarf hatten. Und bei anderen dachte ich manchmal: »Mensch, die brauchen doch nun wirklich einen zentralen oder linken Mittelfeldspieler, warum melden die sich denn nicht?«

Welche Absprachen haben Sie mit Ihrem Berater getroffen?

Thomas Hitzlsperger: Ich wollte weiterhin in der ersten Liga spielen – in Deutschland oder in England. Und nicht noch einmal in ein Land gehen müssen, wo ich die Sprache nicht spreche, wo ich also noch länger brauchen würde um mich einzugewöhnen.

Hat Ihre Situation auch Zwischenhändler auf den Plan gerufen?

Thomas Hitzlsperger: Ja, das bleibt natürlich nicht aus. Es haben mich einige Spielerberater angerufen und gesagt: »Du, ich habe da drei Klubs in der Türkei für dich, oder in Moskau – oder willst du nicht nach Dubai gehen?« Da habe ich nur gesagt: »Leute, damit müsst ihr mir gar nicht erst kommen, das will ich einfach nicht.«

Wie schwierig ist es in dieser Zeit, die Balance zu halten, um das beste Angebot nicht zu verpassen?

Thomas Hitzlsperger: Man weiß es ja vorher nie so genau. Bei Lazio Rom hatte ich ein sehr gutes Gefühl, am Ende spielte ich nur selten. Bei West Ham war es genauso. Ich habe mich sehr gefreut, zu dem Klub zu kommen und wieder in der Premier League zu spielen. Dann war ich über ein halbes Jahr lang verletzt. In der Premier League für West Ham United zu spielen, war dagegen aber eine tolle Erfahrung. Leider sind wir am Ende abgestiegen.

Würden Sie unter normalen Umständen heute noch beim VfB Stuttgart spielen?

Thomas Hitzlsperger: Es ging damals alles sehr schnell. Christian Gross plante nicht mit mir, da während meiner Verletzungspause die Mannschaft gute Ergebnisse erzielte. Ich wollte unbedingt mit zur WM und wechselte daher im Januar zu Lazio Rom. Und nun ist meine Karriere halt so verlaufen, ich bin jetzt in Wolfsburg. Stuttgart war eine schöne Zeit, vor allem sportlich sehr erfolgreich. Heutzutage gibt es ja kaum noch Spieler, die länger als vier, fünf Jahre bei einem Klub bleiben.

Ihrem Weggang aus Stuttgart folgte eine Reihe von Tiefpunkten.

Thomas Hitzlsperger: Nein. Ich lasse mir nicht einreden, das es Tiefpunkte waren. Es war zwar für meinen Geschmack ein Vereinswechsel zu viel, aber ich habe mich schnell in London eingelebt und auch hier in Wolfsburg gibt es keine Schwierigkeiten. Ich wäre auch lieber über Jahre bei einem einzigen Klub gewesen, das können Sie mir glauben. Aber ich habe keine Lust mir einreden zu lassen: Es ist alles furchtbar. Denn wenn ich Ihnen das erzähle und daran auch noch glaube, dann kann ich gleich aufhören, dann bringe ich nichts mehr zustande.
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