26.06.2010

Thomas Hitzlsperger über England-Deutschland

»Es schlägt nur ein Herz«

Nach einem Gastspiel bei Lazio Rom ist Thomas Hitzlsperger zum zweiten Mal in die Premier League gewechselt. Wir sprachen mit ihm über das Achtelfinale, Kriegsmetaphern und die Angst der Engländer vorm Elfmeterschießen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Thomas Hitzlsperger über England-Deutschland

Stärker und stabiler als die Deutschen und die Engländer haben sich bislang zum Beispiel die Uruguayer und die Paraguayer gezeigt. Könnte diese WM eine Zeitenwende bringen?

Uruguay habe ich auch stark gesehen und ich traue dem Team viel zu. Sie hat niemand auf dem Zettel, das könnte ihre Chance sein. Sollten Sie aber das Finale erreichen, würde es keine Zeitenwende im Fußball darstellen. Der Europameister-Titel für die Griechen 2004 war eine ebenfalls Überraschung, aber es hat den Fußball nicht verändert. Außerdem sollte es die WM der afrikanischen Teams werden, nun sind fast alle ausgeschieden.

Auch wenn das nicht unbedingt Otto Rehhagels Verdienst ist, sehen wir doch einen ausgesprochen defensiven Fußball. Sind Sie enttäuscht, oder schnalzen Sie mit der Zunge angesichts der taktischen Meisterleistungen?

Die Mannschaften können sich sehr gut selbst einschätzen. Ich würde mich schon über mehr Tore und attraktive Spiele freuen, aber will man zum Beispiel der Schweiz einen Vorwurf machen, dass sie gegen Spanien Konterfußball spielt? Es war ihre einzige Chance, und die hat sie genutzt. Man darf von niemandem erwarten, dass er ins offene Messer rennt. Dennoch ist die WM für den taktischen Laien nicht gerade ein Spektakel.

Sind wir von der Werbung verzogen worden, die uns suggeriert, dass Spieler mit ihren Schüssen Mauern zum Einsturz bringen können?


Ja, und die Werbung wird in Zukunft noch mehr übertreiben. Da ist die Fallhöhe zu einem realen Spiel natürlich umso größer. Auch hier sind die Stürmer tatsächlich schneller geworden, aber eben auch die Verteidiger. Sie neutralisieren sich auf extrem hohem Niveau. Heraus kommt eine Pattsituation, die von den Fans eher alslangweilig empfunden wird.

Nun nimmt das Turnier K.o.-Charakter an, das Taktieren dürfte ab einem gewissen Punkt ein Ende haben. Wird Deutschland-England ein schönes Spiel?

Wir sollten mit dieser Vorfreude in die Partie gehen. Aber wie gesagt: Für beide steht sehr viel auf dem Spiel, das kann ebenso zu einer abwartenden Haltung führen. Aber so oder so: Es wird spannend!

Wie viele Herzen schlagen am Sonntag in Ihrer Brust?

Ich mag die Engländer und wie sie Fußball leben. Aber ich habe selbst über 50 Mal für Deutschland gespielt und werde auf jeden Fall meinen Kollegen die Daumen drücken. Es schlägt also nur ein Herz.

Werden Sie – wie Jürgen Klinsmann – eine Glückwunsch-SMS nach Südafrika schicken?

Ja, das werde ich. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Und persönlich freue ich mich auf den Start bei West Ham United.

Und in West Ham schwingen Sie sich dann sofort zum Elfmeterschützen auf.

Wenn England wieder im Elfmeterschießen scheitern sollte, werde ich einer der Elfmeterschützen sein, da führt kein Weg daran vorbei!

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In 11FREUNDE #104 (ab sofort im Handel) spricht Thomas Hitzlsperger über seine Zeit beim VfB Stuttgart, den Wechsel nach Rom und warum er nicht sein will wie Stefan Effenberg.

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