26.06.2010

Thomas Hitzlsperger über England-Deutschland

»Es schlägt nur ein Herz«

Nach einem Gastspiel bei Lazio Rom ist Thomas Hitzlsperger zum zweiten Mal in die Premier League gewechselt. Wir sprachen mit ihm über das Achtelfinale, Kriegsmetaphern und die Angst der Engländer vorm Elfmeterschießen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Thomas Hitzlsperger über England-Deutschland
Thomas Hitzlsperger, Sie wechseln zur neuen Saison zu West Ham United – ins Feindesland! Schämen Sie sich denn gar nicht?

Nein, wie käme dazu? Ich mag England und die Engländer und noch mehr den Fußball auf der Insel. Ich war schon einmal für einige Jahre dort, als ich für Aston Villa spielte, das war eine wunderbare Zeit.



Liest man die Schlagzeilen der englischen Boulevardpresse, könnte man aber glauben, dass sich am Sonntag im Achtelfinale zwei Armeen gegenüberstehen.

Ach, das sind die typischen Reflexe, die einsetzen, wenn England auf Deutschland trifft. Davon kann niemand wirklich überrascht sein. Zumal die einschlägigen deutschen Zeitungen den englischen in nichts nachstehen. Gleichwohl ist diese Kriegsrhetorik natürlich Geschmacksache.

Ist das Gaga-Journalismus oder tatsächlich ernst gemeint?

Es wird kein Freundschaftsspiel, das muss man festhalten. Es geht um verdammt viel. Und die Vorfreude ist auch deshalb groß, weil alle hoffen, dass es endlich mal ein großes Spiel wird – so viele haben wir davon bei dieser WM ja noch nicht gesehen. Wenn Deutschland auf England trifft, sind da naturgemäß Emotionen drin. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, dass ein Aufeinandertreffen zwischen diesen beiden Mannschaften jemals übermäßig aggressiv war. Die Kriegsberichterstattung der Zeitungen wird also hoffentlich auch diesmal keinen Effekt auf das Spiel haben.

Gern wird in England von den »deutschen Panzern« gesprochen. Das Klischee stimmt jedoch schon deshalb nicht mehr, weil Joachim Löw keine ausgesprochenen Kraftfußballer in seinem Kader hat. Schreibt die »Sun« jetzt über »Mesut, das Panzerchen«?

Darauf bin ich selbst gespannt. Die aufmerksamen Journalisten wissen sehr wohl, wie gut die Deutschen gegen Australien gespielt haben. Insgesamt muss ich sagen, dass schon lange vor diesem Achtelfinale eine gewisse Sehnsucht in der Luft lag. Ja: England sehnt sich nach Deutschland. Und andersherum ist es wohl ähnlich.

Wäre nicht ein leichterer Gegner im Achtelfinale wünschenswert gewesen?

Vielleicht kommt das Duell ein bisschen früh. Die Deutschen haben einen sehr guten Auftakt hingelegt und dann etwas nachgelassen, die Engländer in keinem Spiel über 90 Minuten überzeugen können. Für den Sieger der Partie warten nur noch schwere Gegner. So oder so: Für beide ist es ein besonderes Spiel und die Gelegenheit, im eigenen Land eine Euphorie auszulösen.

Nach einem dürften sich die Engländer jedoch nicht sehnen...

... nach dem Elfmeterschießen! Schon klar. Davor haben sie Angst.

Sind die Deutschen wirklich nervenstärker?


Ja, nervenstärker als alle anderen. Das hat die Vergangenheit oft gezeigt und findet bei dieser WM hoffentlich seine Fortsetzung.

Im deutschen Fernsehen laufen die verschossenen Elfmeter von Stuart Pearce und Chris Waddle in Dauerschleife. Sieht man sie in England auch, oder werden sie dort in nordkoreanischer Manier zensiert?

Eher Zweiteres. Jetzt gilt es, die Stärken herauszufiltern. Man zeigt lieber die Bilder vom 5:1-Sieg 2001 in München.

Wird es denn zum Showdown kommen? Oder sehen Sie eine Mannschaft soviel stärker, dass sie das Spiel in 90 Minuten entscheiden kann?

Ich halte die Deutschen für etwas stärker. Dennoch würde ich mich nicht zu einer Prognose hinreißen lassen. In diesem Spiel kommen so viele Faktoren hinzu: die Emotionen, der Druck, die historische Dimension – allein die Engländer warten seit 44 Jahren auf einen Titel. Das kann Kräfte freisetzen, aber es kann auch die Beine lähmen.

Der Running Gag in der englischen Mannschaft lautet seit Jahren: Frank Lampard und Steven Gerrard verstehen sich nicht. Warum nicht?

Auch hier spielt die Erwartungsrolle eine übergroße Rolle. Die Fans sehen die beiden das ganze Jahr über, wie sie bei ihren Klubs Glanzleistungen bringen, erwarten es auch in der Nationalmannschaft. Aber gerade weil Lampard und Gerrard so viele Spiel auf höchstem Niveau machen müssen, sind sie vielleicht ausgelaugt, wenn sie am Ende einer langen Saison zur Nationalmannschaft stoßen.

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