Thomas Hitzlsperger über England-Deutschland

»Es schlägt nur ein Herz«

Nach einem Gastspiel bei Lazio Rom ist Thomas Hitzlsperger zum zweiten Mal in die Premier League gewechselt. Wir sprachen mit ihm über das Achtelfinale, Kriegsmetaphern und die Angst der Engländer vorm Elfmeterschießen. Thomas Hitzlsperger über England-DeutschlandImago

Thomas Hitzlsperger, Sie wechseln zur neuen Saison zu West Ham United – ins Feindesland! Schämen Sie sich denn gar nicht?

Nein, wie käme dazu? Ich mag England und die Engländer und noch mehr den Fußball auf der Insel. Ich war schon einmal für einige Jahre dort, als ich für Aston Villa spielte, das war eine wunderbare Zeit.

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Liest man die Schlagzeilen der englischen Boulevardpresse, könnte man aber glauben, dass sich am Sonntag im Achtelfinale zwei Armeen gegenüberstehen.

Ach, das sind die typischen Reflexe, die einsetzen, wenn England auf Deutschland trifft. Davon kann niemand wirklich überrascht sein. Zumal die einschlägigen deutschen Zeitungen den englischen in nichts nachstehen. Gleichwohl ist diese Kriegsrhetorik natürlich Geschmacksache.

Ist das Gaga-Journalismus oder tatsächlich ernst gemeint?

Es wird kein Freundschaftsspiel, das muss man festhalten. Es geht um verdammt viel. Und die Vorfreude ist auch deshalb groß, weil alle hoffen, dass es endlich mal ein großes Spiel wird – so viele haben wir davon bei dieser WM ja noch nicht gesehen. Wenn Deutschland auf England trifft, sind da naturgemäß Emotionen drin. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, dass ein Aufeinandertreffen zwischen diesen beiden Mannschaften jemals übermäßig aggressiv war. Die Kriegsberichterstattung der Zeitungen wird also hoffentlich auch diesmal keinen Effekt auf das Spiel haben.

Gern wird in England von den »deutschen Panzern« gesprochen. Das Klischee stimmt jedoch schon deshalb nicht mehr, weil Joachim Löw keine ausgesprochenen Kraftfußballer in seinem Kader hat. Schreibt die »Sun« jetzt über »Mesut, das Panzerchen«?

Darauf bin ich selbst gespannt. Die aufmerksamen Journalisten wissen sehr wohl, wie gut die Deutschen gegen Australien gespielt haben. Insgesamt muss ich sagen, dass schon lange vor diesem Achtelfinale eine gewisse Sehnsucht in der Luft lag. Ja: England sehnt sich nach Deutschland. Und andersherum ist es wohl ähnlich.

Wäre nicht ein leichterer Gegner im Achtelfinale wünschenswert gewesen?

Vielleicht kommt das Duell ein bisschen früh. Die Deutschen haben einen sehr guten Auftakt hingelegt und dann etwas nachgelassen, die Engländer in keinem Spiel über 90 Minuten überzeugen können. Für den Sieger der Partie warten nur noch schwere Gegner. So oder so: Für beide ist es ein besonderes Spiel und die Gelegenheit, im eigenen Land eine Euphorie auszulösen.

Nach einem dürften sich die Engländer jedoch nicht sehnen...

... nach dem Elfmeterschießen! Schon klar. Davor haben sie Angst.

Sind die Deutschen wirklich nervenstärker?


Ja, nervenstärker als alle anderen. Das hat die Vergangenheit oft gezeigt und findet bei dieser WM hoffentlich seine Fortsetzung.

Im deutschen Fernsehen laufen die verschossenen Elfmeter von Stuart Pearce und Chris Waddle in Dauerschleife. Sieht man sie in England auch, oder werden sie dort in nordkoreanischer Manier zensiert?

Eher Zweiteres. Jetzt gilt es, die Stärken herauszufiltern. Man zeigt lieber die Bilder vom 5:1-Sieg 2001 in München.

Wird es denn zum Showdown kommen? Oder sehen Sie eine Mannschaft soviel stärker, dass sie das Spiel in 90 Minuten entscheiden kann?

Ich halte die Deutschen für etwas stärker. Dennoch würde ich mich nicht zu einer Prognose hinreißen lassen. In diesem Spiel kommen so viele Faktoren hinzu: die Emotionen, der Druck, die historische Dimension – allein die Engländer warten seit 44 Jahren auf einen Titel. Das kann Kräfte freisetzen, aber es kann auch die Beine lähmen.

Der Running Gag in der englischen Mannschaft lautet seit Jahren: Frank Lampard und Steven Gerrard verstehen sich nicht. Warum nicht?

Auch hier spielt die Erwartungsrolle eine übergroße Rolle. Die Fans sehen die beiden das ganze Jahr über, wie sie bei ihren Klubs Glanzleistungen bringen, erwarten es auch in der Nationalmannschaft. Aber gerade weil Lampard und Gerrard so viele Spiel auf höchstem Niveau machen müssen, sind sie vielleicht ausgelaugt, wenn sie am Ende einer langen Saison zur Nationalmannschaft stoßen.


Stärker und stabiler als die Deutschen und die Engländer haben sich bislang zum Beispiel die Uruguayer und die Paraguayer gezeigt. Könnte diese WM eine Zeitenwende bringen?

Uruguay habe ich auch stark gesehen und ich traue dem Team viel zu. Sie hat niemand auf dem Zettel, das könnte ihre Chance sein. Sollten Sie aber das Finale erreichen, würde es keine Zeitenwende im Fußball darstellen. Der Europameister-Titel für die Griechen 2004 war eine ebenfalls Überraschung, aber es hat den Fußball nicht verändert. Außerdem sollte es die WM der afrikanischen Teams werden, nun sind fast alle ausgeschieden.

Auch wenn das nicht unbedingt Otto Rehhagels Verdienst ist, sehen wir doch einen ausgesprochen defensiven Fußball. Sind Sie enttäuscht, oder schnalzen Sie mit der Zunge angesichts der taktischen Meisterleistungen?

Die Mannschaften können sich sehr gut selbst einschätzen. Ich würde mich schon über mehr Tore und attraktive Spiele freuen, aber will man zum Beispiel der Schweiz einen Vorwurf machen, dass sie gegen Spanien Konterfußball spielt? Es war ihre einzige Chance, und die hat sie genutzt. Man darf von niemandem erwarten, dass er ins offene Messer rennt. Dennoch ist die WM für den taktischen Laien nicht gerade ein Spektakel.

Sind wir von der Werbung verzogen worden, die uns suggeriert, dass Spieler mit ihren Schüssen Mauern zum Einsturz bringen können?


Ja, und die Werbung wird in Zukunft noch mehr übertreiben. Da ist die Fallhöhe zu einem realen Spiel natürlich umso größer. Auch hier sind die Stürmer tatsächlich schneller geworden, aber eben auch die Verteidiger. Sie neutralisieren sich auf extrem hohem Niveau. Heraus kommt eine Pattsituation, die von den Fans eher alslangweilig empfunden wird.

Nun nimmt das Turnier K.o.-Charakter an, das Taktieren dürfte ab einem gewissen Punkt ein Ende haben. Wird Deutschland-England ein schönes Spiel?

Wir sollten mit dieser Vorfreude in die Partie gehen. Aber wie gesagt: Für beide steht sehr viel auf dem Spiel, das kann ebenso zu einer abwartenden Haltung führen. Aber so oder so: Es wird spannend!

Wie viele Herzen schlagen am Sonntag in Ihrer Brust?

Ich mag die Engländer und wie sie Fußball leben. Aber ich habe selbst über 50 Mal für Deutschland gespielt und werde auf jeden Fall meinen Kollegen die Daumen drücken. Es schlägt also nur ein Herz.

Werden Sie – wie Jürgen Klinsmann – eine Glückwunsch-SMS nach Südafrika schicken?

Ja, das werde ich. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Und persönlich freue ich mich auf den Start bei West Ham United.

Und in West Ham schwingen Sie sich dann sofort zum Elfmeterschützen auf.

Wenn England wieder im Elfmeterschießen scheitern sollte, werde ich einer der Elfmeterschützen sein, da führt kein Weg daran vorbei!

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In 11FREUNDE #104 (ab sofort im Handel) spricht Thomas Hitzlsperger über seine Zeit beim VfB Stuttgart, den Wechsel nach Rom und warum er nicht sein will wie Stefan Effenberg.

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