Thomas Hitzlsperger im Interview

„Heldt heißt immer noch Horst“

Anfangs nicht mal im Kader, führte Thomas Hitzlsperger den VfB Stuttgart schließlich zum Meistertitel. Für das 11FREUNDE Bundesliga Sonderheft, das heute erscheint, sprachen wir mit ihm über den langen Weg zur Schale. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Müssen Sie sich manchmal kneifen, Thomas Hitzlsperger?

Auf jeden Fall. Es ging alles so schnell: Erst werden wir ziemlich überraschend Meister, und eine Woche später verlieren wir im Pokal-Finale. Eine super Saison, aber ohne das letzte Happy-End.

Noch sauer auf Cacau, dass er Ihnen mit seiner Tätlichkeit im Pokalendspiel das Double vermiest hat?

So was kann jedem passieren. Er hat viele wichtige Tore für uns gemacht und auch in Berlin das 1:0 erzielt – die Schuld für eine Niederlage trägt nie einer allein.

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Die letzte Saison war für Sie ein Wechselbad der Gefühle. Am Anfang hatten Sie Mühe, Stammspieler zu werden, am Ende waren Sie der Matchwinner mit Ihrem Traumtor gegen Cottbus. Was aber war der traurigste Moment der Saison?

Als der Trainer mir am 2. Spieltag vor dem Match gegen Bielefeld mitteilte, dass ich nicht im Kader sei. Ich wusste nicht, wie das weitergehen soll. Nach der WM dachte ich, jetzt starte ich in der Liga richtig durch.

Wie befreiten Sie sich aus diesem Loch?

Ich kannte solche Situationen schon aus England, wo ich ein Jahr brauchte, um mich zurecht zu finden. Aber vor allem durch viele Gespräche in meinem Umfeld habe ich wieder die Kraft gefunden, an meine Stärke zu glauben.

Die Meisterschaft war für Sie also ganz persönlich ein Grund zum Feiern. Wann waren Sie im Bett?

Das muss so morgens um vier Uhr gewesen sein.

Stramm vom Weißbier, wie es sich für einen waschechten Bayern gehört?

Nein, ich mag seltsamerweise kein Weißbier.

Thomas Hitzlsperger aus Forstinning – ein Pilstrinker?


Auch nicht, es gibt jetzt eine ganze Reihe von neuen Bier-Mixgetränken. Die reichen mir, um richtig abzufeiern.

Was ist Ihre früheste Erinnerung an die Bundesliga?

Ich komme aus einer fußballverrückten Familie, da habe ich schon als Kleinkind vor der Sportschau gehockt.

Welches war damals Ihr Lieblingsclub?

Meine fünf älteren Brüder und mein Vater sind Fans der Sechzger. Da ich schon mit sieben zu den Bayern ging, war ich sozusagen der Rebell. Nur meine Mutter hat mich unterstützt.

Welcher Spieler waren Sie auf dem Bolzplatz?

Um keinen Streit mit meinen Brüdern herauf zu beschwören, suchte ich mir meist Spieler aus dem Ausland: Anfangs war ich Maradona, mein erstes Idol war dann Raul.

Welcher Sportkommentator gefällt Ihnen?

Ich sag es lieber so: Es gibt eine ganze Reihe, die ich nicht so gut finde, weil sie zu oberflächlich sind.

Hat sich die Qualität durch den Einfluss des Pay-TV verschlechtert?


Das weiß ich nicht, aber während meiner Zeit in England habe ich sehr guten Fußballjournalismus schätzen gelernt. Mich hat immer beeindruckt, wie viel Sachverstand die Kommentatoren dort haben und wie Spiele dort aufbereitet werden. Da reichen die Kommentare in Deutschland oft nicht heran.

Wird in Deutschland zuwenig über das Spiel selbst berichtet?

Möglich. In England reduziert sich die Reportage stark auf Fakten rund um den Fußball. Natürlich ist es schwer, 90 Minuten über Fußball zu sprechen, aber über das Privatleben eines Spielers muss man sich deswegen auch nicht gleich auslassen.

Es heißt immer wieder, junge Spieler hätten Probleme mit den Autoritäten. Sind Sie auch einer, dem es lieber ist, wenn der Trainer ihn Samthandschuhen anfasst?


In England bin ich so oft angeschnauzt worden, damit habe ich keine Probleme. In Extremsituation muss das so sein, auch wenn ich sonst eher ein Freund des sachlichen Umgangs bin.

Wie kamen Sie zurecht, als Sie mit 18 zu Aston Villa wechselten?


Natürlich haben mir die Kollegen das Leben schwer gemacht. Für die war ich schließlich Konkurrenz.

Im Training gab es also auf die Socken.

Die haben schnell gemerkt, dass ich diese Art der Härte aus Deutschland nicht gewöhnt war. Bei einer Trainingseinheit von 75 Minuten sind die voll drauf gegangen. Aber nach einem Jahr hatte ich mich an die Härte und die Schnelligkeit gewöhnt. Davon profitiere ich bis heute.

Zur Initiation eines Profis gehört also Schmerz.

Ich habe keine Angst davor. Im Gegenteil, inzwischen finde ich es gut, wenn jedes Training so wie der Ernstfall angegangen wird. Deshalb ist die englische Liga auch so gut.

Wie lange kann eine Profikarriere bei der hohen Beanspruchung heute dauern? Mit 38 werden Sie nicht mehr spielen, oder?

Die Spieler trinken heute nicht mehr so viel, geben genauer auf ihren Körper Acht, und die Medizin ist deutlich voran geschritten. Wer gut auf sich aufpasst, hat später mehr Möglichkeiten. Es muss nicht automatisch mit 32, 33 Schluss sein. Auch, wenn es bei den meisten so ist.

Sind Sie in England von Teamkollegen auch mal als Deutscher diskriminiert worden?

Fragen Sie nicht, was nach der 1:5-Niederlage der Nationalmannschaft in München gegen England los war! Tagelang wurde ich verspottet. Manche dort glauben bis heute, dass England nur wegen dieses Sieges eine Mannschaft von Weltformat ist.

Horst Heldt war nach Ihrem Wechsel zum VfB noch Ihr Teamkollege. Wie kommen Sie damit zurecht, dass er jetzt Ihr Vorgesetzter ist?


Er hat gute Spieler verpflichtet und ist Meister geworden. Der Erfolg gibt ihm Recht, auch wenn ich weiß, dass die neue Aufgabe eine hohe Belastung für ihn bedeutet.

Kam er eines Tages zu Ihnen und sagte: „Thomas, ab heute Herr Heldt für Dich“?


Er heißt immer noch Horst – und das passt auch am besten zum Drumherum in Stuttgart.

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