Thomas Helmer über das Duell Dortmund gegen Bayern

»Wenn Götze trifft, ist Ruhe im Karton«

Thomas Helmer spielte sowohl für Borussia Dortmund als auch für den FC Bayern. Vor dem heutigen Duell beider Topklubs sprachen wir mit ihm über gedämpfte Erwartungen, den FC Hollywood und Robert Lewandowski.

Thomas Helmer, der Hype um den deutschen »Clásico« ist groß. Leider halten Spitzenspiele nicht immer das, was man sich von ihnen verspricht. Was erwarten Sie sich vom heutigen Duell?
Meine Erwartungen sind etwas gedämpft – weil beide Teams nicht in der besten Aufstellung antreten können. Das ist sehr schade.

Was wiegt schwerer: Der Ausfall von Schmelzer, Hummels und Gündogan auf BVB-Seite oder das Fehlen von Thiago, Schweinsteiger und Ribéry beim FC Bayern München?
Alle sechs sind absolute Topspieler und fast nicht gleichwertig zu ersetzen. Beim BVB schmerzt es aber mehr, weil die Defensive erheblich geschwächt ist. Allerdings wäre ein Ribéry in der momentanen Form wohl eh nicht zu bremsen gewesen.

Die Dortmunder haben zuletzt gegen Wolfsburg und gegen Arsenal gepatzt. Trauen Sie dem Team von Jürgen Klopp dennoch zu, die Bayern schlagen und damit wieder Spannung in die Bundesliga bringen zu können?
Ja. Die Dortmunder haben in jüngster Vergangenheit ja schon öfter gegen den FC Bayern gewonnen und das ist wichtig für den Kopf. Dazu kommt die phantastische Stimmung mit den 80.000 Zuschauer im Stadion. Und das schnelle Umschaltspiel der Dortmunder macht den Bayern erfahrungsgemäß zu schaffen. Aber trotzdem wird des für den BVB sehr schwierig werden. Wenn man es genau nimmt, ist das Spiel am Dienstag gegen Neapel für den BVB auch fast wichtiger. Da geht es um das Weiterkommen in der Champions-League, was von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung des Vereins ist.

Was würden Sie, als Taktikexperte, Jürgen Klopp gegen den scheinbar übermächtigen FC Bayern München raten?
Jürgen Klopp ist einer der besten Trainer auf der Welt, der braucht von mir keinen Rat. Ich denke, dass die Offensivleistung des BVB-Teams entscheidend sein wird. Gelingt es den Dortmundern, das Spiel zu bestimmen und die Bayern vom gegnerischen Strafraum fernzuhalten, steigen die Chancen für den BVB.

Sie haben für beide Vereine gespielt. Für welcher Seiten sind Sie denn heute?
Ich habe zu beiden Klubs noch eine gute Verbindung und pflege Freundschaften mit Leuten hier wie dort. Von daher kann ich heute nichts verlieren. Aber auch unabhängig davon tippe ich auf ein Unentschieden.

Welche Spielweise gefällt Ihnen besser? Die auf Ballbesitz ausgelegte des FC Bayern oder das schnelle Umschaltspiel der Dortmunder?
Schwer zu sagen, eine Mischung aus beidem wäre perfekt. Bei Bayern fällt auf, dass die Innenverteidigung längst nicht mehr so gefordert ist wie in Vergangenheit. Und nachdem ich selbst früher Innenverteidiger war, gefällt mir das gut. Bei Dortmund hat man das Gefühl, dass Letztere deutlich mehr zu tun haben. Der FC Bayern München unter Pep Guardiola versucht ja, den Gegner müde zu spielen. Aber die BVB-Mannschaft ist physisch sehr stark.

Hat sich in Ihren Augen der FC Bayern München unter Guardiola nochmals weiterentwickelt?
Ja, das hat er. Und Guardiola hat es geschafft, dass die Mannschaft trotz all der Erfolge in der vergangenen Saison weiter hungrig ist. Er fördert den Konkurrenzkampf, ohne dass Unruhe in der Mannschaft aufkommt. Jeder, der reinkommt, bringt eine Topleistung.

Uli Hoeneß hätte vor ein paar Jahren ja gerne Jürgen Klopp nach München geholt. Sie kennen das Umfeld beim FC Bayern. Würde der hemdsärmelige Klopp denn dort wirklich hinpassen?
Warum nicht? Klopp ist ein Weltklassetrainer und ein starker Typ – auch in medialer Hinsicht, was beim FC Bayern sehr wichtig ist. Aber momentan stellt sich ja die Frage nicht.

Klopp hat in der vergangenen Saison Bayern vorgeworfen, vom Dortmund abgeschaut zu haben. Halten Sie die Plagiatsvorwürfe für berechtigt?
Das hat in der Tat so ein bisschen den Anschein erweckt. Die Bayern sind mehr über die Mitte gekommen und haben auch  versucht den Ball, schnell zu erobern. Ob man das aber vom BVB abgeschaut hat? Ich weiß nicht. Aber es fällt auf, dass sich bei den Bayern mehr in der Mitte ballt und die Außenverteidiger stärker einrücken.

Sie kennen beide Klubs und deren Umfeld – ist Borussia Dortmund tatsächlich der Arbeiterverein im Gegensatz zum glamourösen FC Hollywood?
Das ist auch eine regionale Frage, der sich Borussia Dortmund ja nicht verschließt. Die Fan-Kultur beim BVB ist sicher eine andere als beim FC Bayern München. Die Dortmund-Anhänger würden für ihren Verein das letzte Hemd geben – aber darunter sind mit Sicherheit nicht nur Arbeiter. Was das Innenleben des Klubs angeht, hat der Borussia Dortmund mit Klopp, Watzke und Zorc ein sehr gutes Trio, das zusammen hält. Und wenn es doch mal Meinungsverschiedenheiten geben sollte, geht man damit nie nach nach außen. Das Trio hat einen sehr großen Verdienst daran, dass der Verein wieder so erfolgreich ist.

Und beim FC Bayern München?
Da haben mit Rummenigge, Hoeneß oder Beckenbauer Männer mit großen Namen und einer ebenso großen Aura das Sagen. Im Aufsichtsrat sitzen bedeutende Vertreter aus der Wirtschaft. Das ist sicher etwas anders als bei Borussia Dortmund.
Wird sich Dortmund dauerhaft als ernsthafter Rivale des FC Bayern München etablieren?
Das ist gut möglich. Wichtig wird das Abschneiden in der Champions League sein. Bekanntlich kann man dort sehr viel Geld einnehmen. Ich habe ja schon drauf hingewiesen, welche Bedeutung das Spiel der Dortmunder am Dienstag gegen Neapel für den Verein hat. Es ist auf jeden Fall beachtlich, wie gut sich der BVB von der Krise, in der er vor ein paar Jahren steckte, erholt hat. Man hat geschickt eingekauft und nicht zu viel Geld ausgegeben.

Auch der Verkauf von Topspielern hat viel Geld in Kasse gespült, aber in sportlicher wie auch emotionaler Hinsicht weh getan – ganz besonders im Falle von Mario Götze. Die Rückkehr an die alte Wirkungsstätte wird nicht einfach für ihn werden. 
Mario Götze weiß das und  hofft trotzdem, dass sich das Dortmunder Publikum in Zurückhaltung übt – aber das wird nicht der Fall sein. Bei mir war das auch nicht so, als ich 1992 von Dortmund nach München wechselte und im Bayern-Dress im Westfalenstadion auflief. Aber da muss Mario durch. Und das macht einen auch stark. Das Beste für Mario wäre, wenn er schnell ein Tor machen würde.

Ist das Dortmunder Publikum dann nicht noch aufgewühlter?
Ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Ich glaube, es war nach einem Eckball von Lothar, als ich in ersten Halbzeit per Kopfball das 1:0 gemacht habe Dann war Ruhe im Karton.

Auch Ihr Transfer damals verlief nicht geräuschlos. Sie wechselten für die damalige Rekordsumme von 7,5 Millionen Mark nach München. Seitens des FC Bayern gab es die Überlegung, sie zunächst beim französischen Klub Auxerre quasi zu parken. Damit hätte man sich viel Geld erspart.
Es gab eine Klausel in meinem Vertrag beim BVB, wonach die Ablösesumme bei einem Transfer ins Ausland deutlich niedriger gewesen wäre.

Warum wurde letztlich der Trick nicht angewandt?
Weil ich nicht nach Auxerre und auch nicht diese Trickserei wollte.

Aber Sie es zog Sie mit aller Macht zum FC Bayern München.
Das kam so rüber, aber es war nicht so, dass ich unbedingt zum FC Bayern wollte. Mir wurde das von Vereinsseite unterstellt und nach außen auch so dargestellt. Das hat natürlich die Anhänger gegen mich aufgebracht. Irgendwann wurde es unmöglich, weiterhin in Dortmund zu spielen. Da hat der FC Bayern München eingegriffen. Für mich stand ja auch noch die Europameisterschaft auf dem Spiel. Berti Vogts hätte mich nicht mit nach Schweden genommen, wäre die Sache nicht vorher geklärt gewesen.

Aber Robert Lewandowski möchte unbedingt zum FC Bayern München.
Das hört sich so an.

Müsste Lewandoski nach einem Wechsel zum FC Bayern nicht fürchten, öfter mal auf der Bank zu sitzen, weil Guordiola gerne ohne echten Stürmer spielt.
Wenn ich sehe, wie Robert Lewandowski spielt, kann ich mir das nicht vorstellen. Ich kenne keinen Stürmer, der den Ball aus der Luft so gut annehmen  und abschirmen kann wie er.

Wäre denn der Aufschrei seitens der Bayern-Fans genauso heftig, wenn einer der  Ihren den Klub Richtung Dortmund verlassen würde?
Ja, das glaube ich schon. Auch weil Dortmund inzwischen als echter Konkurrent angesehen wird.

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