23.11.2013

Thomas Helmer über das Duell Dortmund gegen Bayern

»Wenn Götze trifft, ist Ruhe im Karton«

Thomas Helmer spielte sowohl für Borussia Dortmund als auch für den FC Bayern. Vor dem heutigen Duell beider Topklubs sprachen wir mit ihm über gedämpfte Erwartungen, den FC Hollywood und Robert Lewandowski.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago

Thomas Helmer, der Hype um den deutschen »Clásico« ist groß. Leider halten Spitzenspiele nicht immer das, was man sich von ihnen verspricht. Was erwarten Sie sich vom heutigen Duell?
Meine Erwartungen sind etwas gedämpft – weil beide Teams nicht in der besten Aufstellung antreten können. Das ist sehr schade.

Was wiegt schwerer: Der Ausfall von Schmelzer, Hummels und Gündogan auf BVB-Seite oder das Fehlen von Thiago, Schweinsteiger und Ribéry beim FC Bayern München?
Alle sechs sind absolute Topspieler und fast nicht gleichwertig zu ersetzen. Beim BVB schmerzt es aber mehr, weil die Defensive erheblich geschwächt ist. Allerdings wäre ein Ribéry in der momentanen Form wohl eh nicht zu bremsen gewesen.

Die Dortmunder haben zuletzt gegen Wolfsburg und gegen Arsenal gepatzt. Trauen Sie dem Team von Jürgen Klopp dennoch zu, die Bayern schlagen und damit wieder Spannung in die Bundesliga bringen zu können?
Ja. Die Dortmunder haben in jüngster Vergangenheit ja schon öfter gegen den FC Bayern gewonnen und das ist wichtig für den Kopf. Dazu kommt die phantastische Stimmung mit den 80.000 Zuschauer im Stadion. Und das schnelle Umschaltspiel der Dortmunder macht den Bayern erfahrungsgemäß zu schaffen. Aber trotzdem wird des für den BVB sehr schwierig werden. Wenn man es genau nimmt, ist das Spiel am Dienstag gegen Neapel für den BVB auch fast wichtiger. Da geht es um das Weiterkommen in der Champions-League, was von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung des Vereins ist.

Was würden Sie, als Taktikexperte, Jürgen Klopp gegen den scheinbar übermächtigen FC Bayern München raten?
Jürgen Klopp ist einer der besten Trainer auf der Welt, der braucht von mir keinen Rat. Ich denke, dass die Offensivleistung des BVB-Teams entscheidend sein wird. Gelingt es den Dortmundern, das Spiel zu bestimmen und die Bayern vom gegnerischen Strafraum fernzuhalten, steigen die Chancen für den BVB.

Sie haben für beide Vereine gespielt. Für welcher Seiten sind Sie denn heute?
Ich habe zu beiden Klubs noch eine gute Verbindung und pflege Freundschaften mit Leuten hier wie dort. Von daher kann ich heute nichts verlieren. Aber auch unabhängig davon tippe ich auf ein Unentschieden.

Welche Spielweise gefällt Ihnen besser? Die auf Ballbesitz ausgelegte des FC Bayern oder das schnelle Umschaltspiel der Dortmunder?
Schwer zu sagen, eine Mischung aus beidem wäre perfekt. Bei Bayern fällt auf, dass die Innenverteidigung längst nicht mehr so gefordert ist wie in Vergangenheit. Und nachdem ich selbst früher Innenverteidiger war, gefällt mir das gut. Bei Dortmund hat man das Gefühl, dass Letztere deutlich mehr zu tun haben. Der FC Bayern München unter Pep Guardiola versucht ja, den Gegner müde zu spielen. Aber die BVB-Mannschaft ist physisch sehr stark.

Hat sich in Ihren Augen der FC Bayern München unter Guardiola nochmals weiterentwickelt?
Ja, das hat er. Und Guardiola hat es geschafft, dass die Mannschaft trotz all der Erfolge in der vergangenen Saison weiter hungrig ist. Er fördert den Konkurrenzkampf, ohne dass Unruhe in der Mannschaft aufkommt. Jeder, der reinkommt, bringt eine Topleistung.

Uli Hoeneß hätte vor ein paar Jahren ja gerne Jürgen Klopp nach München geholt. Sie kennen das Umfeld beim FC Bayern. Würde der hemdsärmelige Klopp denn dort wirklich hinpassen?
Warum nicht? Klopp ist ein Weltklassetrainer und ein starker Typ – auch in medialer Hinsicht, was beim FC Bayern sehr wichtig ist. Aber momentan stellt sich ja die Frage nicht.

Klopp hat in der vergangenen Saison Bayern vorgeworfen, vom Dortmund abgeschaut zu haben. Halten Sie die Plagiatsvorwürfe für berechtigt?
Das hat in der Tat so ein bisschen den Anschein erweckt. Die Bayern sind mehr über die Mitte gekommen und haben auch  versucht den Ball, schnell zu erobern. Ob man das aber vom BVB abgeschaut hat? Ich weiß nicht. Aber es fällt auf, dass sich bei den Bayern mehr in der Mitte ballt und die Außenverteidiger stärker einrücken.

Sie kennen beide Klubs und deren Umfeld – ist Borussia Dortmund tatsächlich der Arbeiterverein im Gegensatz zum glamourösen FC Hollywood?
Das ist auch eine regionale Frage, der sich Borussia Dortmund ja nicht verschließt. Die Fan-Kultur beim BVB ist sicher eine andere als beim FC Bayern München. Die Dortmund-Anhänger würden für ihren Verein das letzte Hemd geben – aber darunter sind mit Sicherheit nicht nur Arbeiter. Was das Innenleben des Klubs angeht, hat der Borussia Dortmund mit Klopp, Watzke und Zorc ein sehr gutes Trio, das zusammen hält. Und wenn es doch mal Meinungsverschiedenheiten geben sollte, geht man damit nie nach nach außen. Das Trio hat einen sehr großen Verdienst daran, dass der Verein wieder so erfolgreich ist.

Und beim FC Bayern München?
Da haben mit Rummenigge, Hoeneß oder Beckenbauer Männer mit großen Namen und einer ebenso großen Aura das Sagen. Im Aufsichtsrat sitzen bedeutende Vertreter aus der Wirtschaft. Das ist sicher etwas anders als bei Borussia Dortmund.

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