Thomas Ernst im Interview

»Koller war authentisch«

Warum ging Thomas Zdebel und warum blieb Marcel Koller? Vor dem Spiel gegen den FC Bayern sprachen wir mit Bochums Manager Thomas Ernst über Kernwerte, Millionentransfers und das Votum der Anhänger. Thomas Ernst im InterviewImago

Thomas Ernst, nur ein Spiel gewonnen und Platz 17 am Ende der Hinrunde – die Situation beim VfL Bochum sah in der Winterpause richtig düster aus. Und jetzt holte Ihr Team elf Punkte in sechs Spielen. Haben Sie eine Erklärung für das blaue Wunder?

Zwei Entscheidungen haben sich positiv ausgewirkt: zum einen die Verpflichtung von Diego Klimowicz als Verstärkung im Sturm und dann das Festhalten an Marcel Koller als Trainer. Die Mannschaft hat sich zudem zu einem verschworenen Haufen entwickelt. In der Hinrunde war die Stimmung innerhalb des Teams zwar gut, aber das war alles ein bisschen oberflächlich.

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Nach der enttäuschenden Hinrunde hatte man fest mit einem Trainerwechsel gerechnet. Wie kam es, dass der branchenübliche Reflex unterdrückt wurde?

Es gab Indizien, dass es unter Marcel Koller eine positive Entwicklung geben würde.

Welche Indizien meinen Sie?

Marcel Koller ging sehr souverän mit der sehr schwierigen Situation um und war stets authentisch. Er hat die Mannschaft erreicht und konnte immer wieder neue Impulse setzen. Wir hatten nicht das Gefühl, dass das so dahinplätschert. Auch wenn die Ergebnisse alles andere als erfreulich waren, zeigte das Team konkurrenzfähige Leistungen. Da spielte nicht Woche für Woche ein desolater Haufen.

Die Fans forderten dennoch vehement den Rauswurf des Trainers.

Kaum jemand von außen konnte verstehen, dass wir an Marcel Koller festhielten. Und dann haben wir uns auch noch von Kapitän Thomas Zdebel, einem bei den Fans beliebten Spieler getrennt. Die Stimmung bei vielen Fans war in der Tat negativ. Trotzdem hielten wir unsere Entscheidungen für richtig. Das Votum der Anhänger ist sicherlich wichtig, aber es darf nicht das alles entscheidende Kriterium sein.

Gegen Schalke und den FC Bayern war beziehungsweise ist das Stadion an der Castroper Straße ausverkauft. Die Kellerduelle gegen den KSC und Cottbus wollten nur rund 20.000 Zuschauer sehen. Ist das Bochumer Publikum abstiegskampfmüde?

Wir sind jetzt im dritten Jahr in Folge erstklassig und haben den Klassenerhalt in der vergangenen Saison frühzeitig geschafft. Das bleibt es nicht aus, dass eine andere Erwartungshaltung entsteht. Aber das ist halt nicht realistisch. Angesichts unserer bescheidenen Mittel werden wir in der Regel dem hinteren Drittel der Liga angehören. Es geht Jahr für Jahr darum, möglichst frühzeitig das Thema Klassenerhalt abzuarbeiten. Trotz des Aufwärtstrends der letzten Wochen, sind wir ja in dieser Saison noch längst nicht durch.

Wie zügelt man die Erwartungshaltung der Anhängerschaft?

Wir versuchen den Fans gebetsmühlenartig zu vermitteln, dass es eine Leistung ist, wenn man dauerhaft in der 1. Liga spielt. In Bochum wird seit 37 Jahren ununterbrochen Profifußball gespielt, davon nur fünf Jahre in der zweiten Liga. Es gibt viele Traditionsvereine, die sich in dieser Zeit verabschiedet haben und in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Ich halte es schon für angebracht, realistisch und bescheiden aufzutreten.

Der VfL Bochum hat als einziger Bundesligaklub ein Leitbild…

…da bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir wirklich der einzige sind. Wir sind auf jeden Fall der einzige Verein, der sein Leitbild so offensiv nach außen trägt.

»Wir sind unbeugsam, wir sind nah und wir sind mitreißend«, heißt es im Leitbild unter anderem.

Vier Jahre lang ist an dem Leitbild gearbeitet worden. Es ging darum, ein Bild zu entwickeln, das das widerspiegelt, was der Verein ist. Es war ein intensiver Prozess, zu dem die Spieler, die Klubmitarbeiter, aber auch die Fans und Journalisten ihren Beitrag leisteten. Wir wollen die regionale Identität und unsere Tradition betonen, der sozialen Verantwortung gerechtwerden, und Kernwerte wie Unbeugsamkeit oder Nähe zu unseren Fans mitreißend mit Leben füllen.

»Inmitten des Ruhrpotts bilden wir ein sympathisches Gegengewicht: selbstbewusst statt selbstgefällig, bodenständig statt abgehoben, anfassbar statt unberührbar«, steht weiter in dem Leitbild. Wer ist mit selbstgefällig, abgehoben und unberührbar gemeint?

Wir haben da an niemanden Spezielles gedacht. In erster Linie wollen wir uns definieren.

In Bochum ist momentan die Zukunft des Opel-Werkes ein großes Thema.

In der Tat. Wir haben unsere Solidarität mit den Opelianern bekundet. Unter unseren Fans sind sehr viele Opel-Mitarbeiter. Die Krise des Unternehmens beschäftigt uns alle im Verein. 5000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Hat der VfL Bochum die Finanz- und Wirtschaftskrise auch schon zu spüren bekommen?


Bis jetzt noch nicht. Mal schauen, wie sich das so weiter entwickelt. Bislang ist der Fußball ja noch in weiten Teilen eine Insel der Glückseeligen.

Kann es sein, dass die Rezession einen kleineren Verein wie Bochum mit einem kleineren Etat weniger hart trifft?

Weil bei uns sowieso weniger Geld fließt? Nein, die Wirtschaftskrise wird uns keinen Vorteil gegenüber anderen Klubs bringen. Großunternehmen werden weiterhin eher große Summen in die Premium-Produkte stecken, weil sie sich gerne im Umfeld der Spitzenvereine sonnen. Die Klubs, die dauerhaft oben mitspielen, haben ganz andere Möglichkeiten als wir.

Für Klubs wie den VfL Bochum bleiben also nur die Brosamen…

Wir wollen das Beste aus unserer Situation machen. Mitentscheidend ist, dass bei den Transfers unsere Trefferquote gut ist. Vielleicht kommt uns zugute, dass es inzwischen fast leichter ist, einen passenden Spieler im 1-Million-Euro-Bereich als im 3- bis 4-Millionen-Segment zu finden. Insgesamt gesehen wollen wir solide wirtschaften, möglichst bald schuldenfrei sein und den Verein auf einen guten Weg bringen. Das mag vielleicht alles ein bisschen konservativ klingen, wird aber auf lange Sicht ein Wettbewerbsvorteil für uns sein.

Der FC Bayern München ist, was den Marktwert seiner Spieler angeht, das Highend-Produkt der Bundesliga. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es in der Meisterschaft für die Münchner trotzdem nicht nach Wunsch läuft?

Nach dem Trainerwechsel gab es unter Klinsmann sicherlich Anpassungsschwierigkeiten. Irgendwie hat man auch den Eindruck, als würde man beim FC Bayern in dieser Saison den Fokus auf die Champions-League richten.

Was ist für den VfL am Samstag drin?

Ein Punkt wäre klasse, drei wären natürlich noch besser. Ich hoffe, dass wir den Bayern einen Knüppel zwischen die Beine werfen können. Die sollen bei uns einen oder drei Punkte liegen lassen, dann können sie von mir aus die restlichen Spiele alle gewinnen und Meister werden.

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