13.03.2009

Thomas Ernst im Interview

»Koller war authentisch«

Warum ging Thomas Zdebel und warum blieb Marcel Koller? Vor dem Spiel gegen den FC Bayern sprachen wir mit Bochums Manager Thomas Ernst über Kernwerte, Millionentransfers und das Votum der Anhänger.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Thomas Ernst im Interview
Thomas Ernst, nur ein Spiel gewonnen und Platz 17 am Ende der Hinrunde – die Situation beim VfL Bochum sah in der Winterpause richtig düster aus. Und jetzt holte Ihr Team elf Punkte in sechs Spielen. Haben Sie eine Erklärung für das blaue Wunder?

Zwei Entscheidungen haben sich positiv ausgewirkt: zum einen die Verpflichtung von Diego Klimowicz als Verstärkung im Sturm und dann das Festhalten an Marcel Koller als Trainer. Die Mannschaft hat sich zudem zu einem verschworenen Haufen entwickelt. In der Hinrunde war die Stimmung innerhalb des Teams zwar gut, aber das war alles ein bisschen oberflächlich.



Nach der enttäuschenden Hinrunde hatte man fest mit einem Trainerwechsel gerechnet. Wie kam es, dass der branchenübliche Reflex unterdrückt wurde?

Es gab Indizien, dass es unter Marcel Koller eine positive Entwicklung geben würde.

Welche Indizien meinen Sie?

Marcel Koller ging sehr souverän mit der sehr schwierigen Situation um und war stets authentisch. Er hat die Mannschaft erreicht und konnte immer wieder neue Impulse setzen. Wir hatten nicht das Gefühl, dass das so dahinplätschert. Auch wenn die Ergebnisse alles andere als erfreulich waren, zeigte das Team konkurrenzfähige Leistungen. Da spielte nicht Woche für Woche ein desolater Haufen.

Die Fans forderten dennoch vehement den Rauswurf des Trainers.

Kaum jemand von außen konnte verstehen, dass wir an Marcel Koller festhielten. Und dann haben wir uns auch noch von Kapitän Thomas Zdebel, einem bei den Fans beliebten Spieler getrennt. Die Stimmung bei vielen Fans war in der Tat negativ. Trotzdem hielten wir unsere Entscheidungen für richtig. Das Votum der Anhänger ist sicherlich wichtig, aber es darf nicht das alles entscheidende Kriterium sein.

Gegen Schalke und den FC Bayern war beziehungsweise ist das Stadion an der Castroper Straße ausverkauft. Die Kellerduelle gegen den KSC und Cottbus wollten nur rund 20.000 Zuschauer sehen. Ist das Bochumer Publikum abstiegskampfmüde?

Wir sind jetzt im dritten Jahr in Folge erstklassig und haben den Klassenerhalt in der vergangenen Saison frühzeitig geschafft. Das bleibt es nicht aus, dass eine andere Erwartungshaltung entsteht. Aber das ist halt nicht realistisch. Angesichts unserer bescheidenen Mittel werden wir in der Regel dem hinteren Drittel der Liga angehören. Es geht Jahr für Jahr darum, möglichst frühzeitig das Thema Klassenerhalt abzuarbeiten. Trotz des Aufwärtstrends der letzten Wochen, sind wir ja in dieser Saison noch längst nicht durch.

Wie zügelt man die Erwartungshaltung der Anhängerschaft?

Wir versuchen den Fans gebetsmühlenartig zu vermitteln, dass es eine Leistung ist, wenn man dauerhaft in der 1. Liga spielt. In Bochum wird seit 37 Jahren ununterbrochen Profifußball gespielt, davon nur fünf Jahre in der zweiten Liga. Es gibt viele Traditionsvereine, die sich in dieser Zeit verabschiedet haben und in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Ich halte es schon für angebracht, realistisch und bescheiden aufzutreten.

Der VfL Bochum hat als einziger Bundesligaklub ein Leitbild…

…da bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir wirklich der einzige sind. Wir sind auf jeden Fall der einzige Verein, der sein Leitbild so offensiv nach außen trägt.

»Wir sind unbeugsam, wir sind nah und wir sind mitreißend«, heißt es im Leitbild unter anderem.

Vier Jahre lang ist an dem Leitbild gearbeitet worden. Es ging darum, ein Bild zu entwickeln, das das widerspiegelt, was der Verein ist. Es war ein intensiver Prozess, zu dem die Spieler, die Klubmitarbeiter, aber auch die Fans und Journalisten ihren Beitrag leisteten. Wir wollen die regionale Identität und unsere Tradition betonen, der sozialen Verantwortung gerechtwerden, und Kernwerte wie Unbeugsamkeit oder Nähe zu unseren Fans mitreißend mit Leben füllen.

»Inmitten des Ruhrpotts bilden wir ein sympathisches Gegengewicht: selbstbewusst statt selbstgefällig, bodenständig statt abgehoben, anfassbar statt unberührbar«, steht weiter in dem Leitbild. Wer ist mit selbstgefällig, abgehoben und unberührbar gemeint?

Wir haben da an niemanden Spezielles gedacht. In erster Linie wollen wir uns definieren.

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