Thomas Cichon über Südafrika

»So gefährlich wie St. Pauli«

Seit einem halben Jahr organisiert Thomas Cichon beim südafrikanischen Erstligisten Moroka Swallows die Abwehr. Hier erklärt er, auf welche Bedingungen sich das DFB-Team bei der Weltmeisterschaft einstellen muss. Thomas Cichon über Südafrika

Thomas Cichon, Sie spielen seit September für die Moroka Swallows. Was verschlägt Sie nach Johannesburg in Südafrika? 

Durch den Abstieg des VfL Osnabrück in die 3. Liga stand ich plötzlich ohne Vertrag da. Ich musste mich eine Zeitlang im Camp der Spielergewerkschaft VDV fit halten, da rief plötzlich Rainer Zobel (Trainer d. Moroka Swallows, d.Red.) an und fragte, ob ich nicht nach Johannesburg kommen wolle. Er suchte für sein junges, teilweise noch etwas unerfahrenes Team noch nach einem routinierten Innenverteidiger.

[ad]

Und Sie haben sofort zugesagt. 

Von wegen. Ich war vorher noch nie in Südafrika gewesen und wollte mir erst einmal die Bedingungen ansehen. Man hört ja in Deutschland so einiges über das Land – und das meiste davon ist nicht gerade positiv.

Warum entschieden Sie sich für Südafrika? 

Ich bin fünf Tage runtergeflogen und habe mir alles genau angesehen: Wohn- und Einkaufsbedingungen, Trainingsplätze, die handelnden Personen. Und was soll ich sagen: Ich war in jeder Hinsicht positiv überrascht.

War die Umstellung groß? 

Es geht. Aber Südafrika ist ein riesiges Land, da gibt es auch zwischen den einzelnen Städten extreme Unterschiede. Johannisburg liegt rund 1800 Meter hoch, die Luft ist deutlich dünner als an der Küste  – und das merkt man als Sportler sofort.

Welche Bedingungen kann die deutsche Mannschaft bei der WM erwarten. 

Das Turnier findet im Winter statt, das bedeutet, da kann es nachts schon mal knackig kalt werden. Auch tagsüber ist es meist nur um die 20 Grad. Das sind Bedingungen die der deutschen Mannschaft sicher entgegen kommen.

Lange war unklar, ob die WM-Stadien rechtzeitig fertig werden. Sie haben schon in einigen gespielt... 

...und muss sagen, dass die Stadien in einem optimalen Zustand sind. Da gibt es keinen Unterschied zu den neuen Arenen in Deutschland.

Dann können Sie uns vielleicht auch verraten, wie gefährlich es in Südafrika wirklich ist. In Deutschland ist die Berichterstattung hinsichtlich der Sicherheit ja haarsträubend? 

Wie Sie sehen, sind wir mit den Swallows heute zum Training mit einem Panzer vor und einem hinter unserem Mannschaftsbus gefahren – und während der Einheit haben wir Helme und Bleiwesten getragen. (lacht.) Spaß beiseite. Johannisburg ist am Tage völlig unbedenklich, nachts ist die Stadt meines Erachtens auch nicht gefährlicher als St. Pauli oder das Frankfurter Bahnhofsviertel nach Einbruch der Dunkelheit – ohne diese Stadtteile jetzt abwerten zu wollen. Es gibt in Südafrika nun mal viele arme Menschen, man sollte sich also an die Spielregeln halten. Ich gehe aber auch nicht davon aus, dass Sie nachts durch irgendwelche Townships flanieren wollen. Oder?

Eigentlich nicht. Würden Sie der deutschen Mannschaft dennoch einen Tipp in Sachen Sicherheit geben? 

Sie sollten ihre eigene Security mitbringen. Die Sicherheitsleute hier verdienen – wenn überhaupt – umgerechnet 300 Euro im Monat. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich der ein oder andere bestechen lässt. Aber ansonsten wird hier während des Turniers viel mehr Polizei und Sicherheitspersonal rumlaufen, als wir uns in Deutschland träumen lassen.

Inwieweit kommen Sie als bekannter Profi in Kontakt mit der Armut? 

Ich fahre jeden Tag an einem Slum vorbei zum Training. Jeder Südafrikaner, der arbeitet, ist auch bestrebt, dort nicht zu leben. So kommt es, dass in den Townships zumeist nur Arbeitslose und Afrikaner aus anderen Ländern wie Mozambique oder Nigeria leben.

Bei Ihnen im Team spielen einige Nationalspieler der südafrikanischen Mannschaft. Hat deren Team eine Chance bei der WM? 

So ein Turnier und die Begeisterung im Land kann natürlich Kräfte freisetzen. Keine Frage.  Auch die klimatischen Bedingungen kommen den Spielern entgegen. Aber das große Problem der Südafrikaner ist, dass sie wenige bis keine Tore schießen. Taktisch und Organisatorisch läuft es dann auch manchmal so, dass man sich die Haare raufen muss. Ich glaube kaum, dass sie die erste Runde überstehen.

Welche Rolle spielt Fußball in diesem Land überhaupt? Cricket und Rugby sind weitaus populärer. 

Die Swallows sind ganz klar ein Traditionsverein, allerdings haben wir ein bisschen Probleme mit unserer Anhängerschaft, da bei uns in Soweto mit den Kaizer Chiefs und den Orlando Pirates die beiden absoluten Top-Teams des Landes ansässig sind, deren Strahlkraft nun mal alles andere in den Schatten stellt.

Wie bekannt ist man als Fußballprofi in der Bevölkerung? 

Sehr bekannt, denn Fußball ist der schwarze Sport, die Weißen spielen eher Cricket und Rugby. Johannesburg ist hinsichtlich der Bevölkerung mit weit über 80 Prozent Farbigen eine fußballverrückte Region. Deshalb werde ich fast überall, wo ich hingehe, auch erkannt und angesprochen. Zumal fast jedes unserer Spiele auf einem der sieben Sportkanäle in diesem Land übertragen wird.

Klingt so, als würden Sie gerne noch etwas länger in Südafrika bleiben. 

Ich habe einen Vertrag bis zum Ende dieser Saison, würde mich aber nicht dagegen wehren, noch ein Jahr dranzuhängen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!