04.06.2009

Thomas Cichon über Schmerzen

»Knochen bohrt in Knochen«

Mit Osnabrück stieg er ab, sein Fuß ist ein Trümmerfeld. Und doch will Haudegen Thomas Cichon weitermachen. Wir sprachen mit ihm über die Schinderei, Schmerzen beim Treppenlaufen – und den Einsatz von Schmerzmitteln.

Interview: Tim Jürgens Bild: Mareike Foecking
Greifen Spieler im Extremfall auch auf Betäubungsspritzen zurück?

Das ist die aller-, allerletzte Alternative – nur, wenn es gar nicht mehr anders geht.


Welche Gefahren gehen von Spritzen aus?

Es kann immer zu Infektionen kommen, weil eine Spritze auch immer eine kleine Wunde mit sich bringt. Und es birgt die Gefahr, dass man den Schmerz so sehr unterdrückt, dass ein Spieler nicht mehr spürt, wie sehr er seinem Körper schadet. Deshalb sind Ärzte so wichtig, die uns über die Risiken aufklären, so dass wir gemeinsam entscheiden können, ob wir spielen oder nicht.

Experten gehen davon aus, dass mindestens ein Fünftel aller Spieler in einem Profi-Kader regelmäßig Schmerzmittel nehmen. Wie sehen Sie das?

Definitiv. Man kann sich auch heute nicht mehr erlauben, dass man die ersten vier Tage nicht trainiert und dann einen oder zwei Tage vor dem Spiel ins Training einsteigt.

Haben sie sich schon mal einen Zeh gebrochen und betäuben lassen?

Ja, aber es ging trotzdem nicht. Die Schmerzen waren einfach zu extrem. Da war ich 14 Tage lang außer Gefecht gesetzt.

Es gibt also auch für Profis Momente, da helfen auch keine Betäubungen mehr?

Ja, absolut. Das ist auch kurios: Ein kleiner Zeh macht dir so zu schaffen, dass du nicht spielen kannst und mit einem Wadenbeinbruch spielst du vier Wochen weiter.

Sie haben mit einem Wadenbeinbruch gespielt? Wo liegt Ihre persönliche Schmerzgrenze?

Schwer zu sagen. Ich habe über vier Wochen mit einer Fraktur im Wadenbein gespielt. Das geht eine Zeit lang mit Schmerzmitteln, aber irgendwann muss sich jeder eingestehen, dass die Schmerzen zu groß sind.

Wie spielt man vier Wochen mit einem gebrochenen Wadenbein?

Ich hatte Glück, es war ein glatter Bruch, aber natürlich hat es weh getan. Einige Zeit ging das gut, aber dann waren die Schmerzen so stark, dass es unmöglich war, 100 Prozent zu geben. Dann sagt man von selbst: »Stopp, Halt, Danke!«

Und greift zu Tabletten?

Nein, dann sind wir mit den Tabletten schon durch. Wenn man die Diagnose hat, versucht man es mit den Tabletten zu schieben, also rauszuzögern, bis es nicht mehr geht. Aber irgendwann helfen die Tabletten auch nicht mehr.

Weil die Schmerzen so schlimm sind?

Weil der Schmerz so groß ist, dass man nicht mehr laufen kann.

Wie unterdrückt eine Voltaren den Schmerz?


Eine, zwei oder drei Voltaren, die man nimmt, wirken schmerzlindernd, die betäuben aber nicht.

Wie regelmäßig sind Sie auf Schmerztabletten angewiesen?

Nur wenn akut eine Verletzung vorliegt und nicht direkt operiert werden kann. Denn heutzutage kann man es sich nicht mehr leisten, für irgendein Zipperlein drei, vier Wochen auszufallen.

Der ehemalige Bremer Spieler Ivan Klasnic hat die Teamärzte des SV
Werder verklagt, weil Sie durch überhöhte Verabreichung von Schmerzmitteln eine Verschlimmerung seiner Nierenerkrankung, die schließlich zur Transplantation der Organe führte, billigend in Kauf genommen hätten. Besteht so eine Gefahr auch für andere Profis?


Meines Erachtens nicht. Denn unsere Ärzte weisen uns stets auf die Nebenwirkungen der Schmerzmittel hin. Außerdem wird dreimal im Jahr von jedem Spieler ein großes Blutbild erstellt und überprüft, ob alles in den Richtwerten liegt.

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