Thomas Cichon über Schmerzen

»Knochen bohrt in Knochen«

Mit Osnabrück stieg er ab, sein Fuß ist ein Trümmerfeld. Und doch will Haudegen Thomas Cichon weitermachen. Wir sprachen mit ihm über die Schinderei, Schmerzen beim Treppenlaufen – und den Einsatz von Schmerzmitteln. Thomas Cichon über SchmerzenMareike Foecking
Heft #91 06/2009
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Thomas Cichon, Sie sind 32 Jahre alt und seit 14 Jahren Profi. Wie groß sind die Schmerzen, die ein Spieler in Ihrem Alter ertragen muss?

Das Schlimmste sind die Spätfolgen, nicht die Verletzungen selbst. Ich hatte schon mit 17 einen dreifachen Bänderriss im Sprunggelenk, dann vor gut zehn Jahren einen Meniskusschaden, in dessen Verlauf mir ein Teil davon entfernt wurde und auch mein Innenband war kaputt. Zweimal in meiner Karriere hatte ich einen Wadenbeinbruch. Das sind Verletzungen, die jeweils nach einem Monat behoben sind, aber deren Folgen man bis heute spürt.

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Was heißt das konkret?

Wenn ich morgens aufstehe und die Treppen runtergehen will, fällt es mir mitunter schwer, und es ist auch sehr schmerzhaft, zwei Stufen auf einmal hinunterzugehen. Da komme ich mir manchmal vor wie ein Rentner: Fuß auf die Stufe, einen Schritt gehen, nächster Fuß drauf, die nächste Stufe.

Und am Wochenende laufen Sie für den VfL Osnabrück auf?

Kein Problem. Diese Schmerzen sind vor allem da, wenn man aufwacht und der Körper noch nicht so gut durchblutet ist. Wenn man dann die Treppe runtergehen will, dauert es seine Zeit, bis man das schmerzfrei durchführen kann.

Wie präparieren Sie sich unter solchen Umständen für den Tag?

Es gibt da kein besonderes Ritual. An manchen Tagen sind die Schmerzen extrem, es kommt aber auch immer darauf an, wie hart man in den Tagen vorher trainiert hat. Vor dem Training mache ich mich auf dem Fahrrad warm, eher als der Rest des Teams, damit ich in die Gänge komme und die Durchblutung da ist. So gehe ich einigermaßen schmerzfrei ins Training.

Schmerzen gehören beim Fußballer also zum Berufsrisiko?

Auf jeden Fall. Als Profifußballer hat man 15 Jahre, in denen man den Beruf ausüben kann. In dieser Zeit muss man so viel verdienen, wie andere in 30 Jahren oder länger. Dementsprechend höher ist der Verschleiß – wir müssen unseren Körper schinden. Aber das müssen auch andere in ihrem Beruf.

Wie viel Prophylaxe betreiben sie, um Verletzungen vorzubeugen?

Man kann einiges durch Muskelaufbau wettmachen, d.h. man muss im Kraftraum arbeiten, besonders was die Knie betrifft. Ansonsten sind die Möglichkeiten eher begrenzt.

Müssen Sie mitunter auch auf Schmerztabletten zurückgreifen?

Natürlich kann man als Spieler auf Voltaren oder ähnliches zurückgreifen, aber das will man nicht unbedingt, weil Medikamente letztlich auch an der Gesundheit nagen. Ich nehme sie nur im Notfall oder vor Spielen, damit ich im Wettkampf komplett beschwerdefrei bin. Ich kenne viele Spieler, die öfter mit Schmerztabletten spielen. Vor allem mit Voltaren, weil es entzündungshemmend und schmerzlindernd wirkt. Man spielt also, aber inwieweit ist man wirklich beschwerdefrei?

Voltaren hat wie alle Medikamente auch Nebenwirkungen. Wie wirkt es bei Ihnen?

Mit Voltaren läuft man öfters mal zur Toilette oder man hat Magenschmerzen. Aber solche Nebenwirkungen gehören zum Berufsrisiko eben dazu.

Inwiefern gehört Voltaren für Sie zum Berufsalltag?

Es gibt Kollegen, die vor Spielen die Dosis erhöhen, um beim Spiel weitgehend schmerzfrei zu sein. Drei Tabletten am Tag vor dem Match, zwei am Spieltag. Das ist in der Bundesliga gang und gäbe. Auf diese Weise ist ein Spieler dazu in der Lage, Operationen in die Sommerpause zu verschieben, um der Mannschaft in der Saison bei wichtigen Spielen zur Verfügung zu stehen.

Greifen Spieler im Extremfall auch auf Betäubungsspritzen zurück?

Das ist die aller-, allerletzte Alternative – nur, wenn es gar nicht mehr anders geht.


Welche Gefahren gehen von Spritzen aus?

Es kann immer zu Infektionen kommen, weil eine Spritze auch immer eine kleine Wunde mit sich bringt. Und es birgt die Gefahr, dass man den Schmerz so sehr unterdrückt, dass ein Spieler nicht mehr spürt, wie sehr er seinem Körper schadet. Deshalb sind Ärzte so wichtig, die uns über die Risiken aufklären, so dass wir gemeinsam entscheiden können, ob wir spielen oder nicht.

Experten gehen davon aus, dass mindestens ein Fünftel aller Spieler in einem Profi-Kader regelmäßig Schmerzmittel nehmen. Wie sehen Sie das?

Definitiv. Man kann sich auch heute nicht mehr erlauben, dass man die ersten vier Tage nicht trainiert und dann einen oder zwei Tage vor dem Spiel ins Training einsteigt.

Haben sie sich schon mal einen Zeh gebrochen und betäuben lassen?

Ja, aber es ging trotzdem nicht. Die Schmerzen waren einfach zu extrem. Da war ich 14 Tage lang außer Gefecht gesetzt.

Es gibt also auch für Profis Momente, da helfen auch keine Betäubungen mehr?

Ja, absolut. Das ist auch kurios: Ein kleiner Zeh macht dir so zu schaffen, dass du nicht spielen kannst und mit einem Wadenbeinbruch spielst du vier Wochen weiter.

Sie haben mit einem Wadenbeinbruch gespielt? Wo liegt Ihre persönliche Schmerzgrenze?

Schwer zu sagen. Ich habe über vier Wochen mit einer Fraktur im Wadenbein gespielt. Das geht eine Zeit lang mit Schmerzmitteln, aber irgendwann muss sich jeder eingestehen, dass die Schmerzen zu groß sind.

Wie spielt man vier Wochen mit einem gebrochenen Wadenbein?

Ich hatte Glück, es war ein glatter Bruch, aber natürlich hat es weh getan. Einige Zeit ging das gut, aber dann waren die Schmerzen so stark, dass es unmöglich war, 100 Prozent zu geben. Dann sagt man von selbst: »Stopp, Halt, Danke!«

Und greift zu Tabletten?

Nein, dann sind wir mit den Tabletten schon durch. Wenn man die Diagnose hat, versucht man es mit den Tabletten zu schieben, also rauszuzögern, bis es nicht mehr geht. Aber irgendwann helfen die Tabletten auch nicht mehr.

Weil die Schmerzen so schlimm sind?

Weil der Schmerz so groß ist, dass man nicht mehr laufen kann.

Wie unterdrückt eine Voltaren den Schmerz?


Eine, zwei oder drei Voltaren, die man nimmt, wirken schmerzlindernd, die betäuben aber nicht.

Wie regelmäßig sind Sie auf Schmerztabletten angewiesen?

Nur wenn akut eine Verletzung vorliegt und nicht direkt operiert werden kann. Denn heutzutage kann man es sich nicht mehr leisten, für irgendein Zipperlein drei, vier Wochen auszufallen.

Der ehemalige Bremer Spieler Ivan Klasnic hat die Teamärzte des SV
Werder verklagt, weil Sie durch überhöhte Verabreichung von Schmerzmitteln eine Verschlimmerung seiner Nierenerkrankung, die schließlich zur Transplantation der Organe führte, billigend in Kauf genommen hätten. Besteht so eine Gefahr auch für andere Profis?


Meines Erachtens nicht. Denn unsere Ärzte weisen uns stets auf die Nebenwirkungen der Schmerzmittel hin. Außerdem wird dreimal im Jahr von jedem Spieler ein großes Blutbild erstellt und überprüft, ob alles in den Richtwerten liegt.

Gibt es Spieler, die im Umgang mit Medikamenten zu blauäugig sind?

Man lernt mit der Zeit dazu und bekommt die Wirkungen der Tablette besser mit. Als 19-Jähriger fragt man den Physiotherapeuten nicht »Was ist das?«, sondern man fragt »Was kann ich machen?«. Dann bekommt ein Spieler Enzyme und vielleicht zwei Voltaren – und die Sache ist erledigt. Erst später kann ein Profi ermessen, was gut und weniger gut für ihn ist.

Sie haben erklärt, dass ein Profi regelmäßig mit Schmerzen konfrontiert wird. Wie lange wollen Sie sich persönlich noch schinden?

Man muss immer an die Karriere nach der Karriere denken. Ich würde noch gerne zweieinhalb Jahre spielen, wenn es die Gesundheit zulässt. Aber wenn in einem halben Jahr der Zeitpunkt kommt, an dem die Schmerzen am Morgen unerträglich sind, die Einnahme von Voltaren über Monate zum Dauerzustand wird, würde ich sagen: »Jetzt ist Schluss«. Denn was nützt einem das Geld, wenn man im Rollstuhl sitzt?

Ab wann ist das Nehmen von Voltaren ein Dauerzustand?


Momentan nehme ich es nur vor Spielen. Ich nehme eine, vielleicht zwei am Tag –  zwei Tage, einen Tag vor dem Spiel und am Spieltag selbst. Meine Wehwehchen sind derzeit so gering, dass ich mit einer Tablette am Tag hinkomme.

Seit wann haben Sie die leichten Beschwerden im Sprunggelenk?

Seit ich mir mit 17 einen dreifachen Bänderriss zugezogen habe. Und ich spiele nicht so gerne getaped.

Sie spielen ungetaped? Wir dachten, dass gehört zu einem Fußballer dazu?


Ich mag das nicht und mache es nur, wenn es unbedingt sein muss. Dazu
kommt noch der Meniskus- und Innenbandriss im Knie. Das ist im Jahr 2000 passiert, aber ich merke immer noch die Nachwirkungen. Wenn man ein Stück vom Meniskus wegschneidet – das ist wie ein Puffer für die Knochen – und wenn der Puffer nicht mehr da ist, gelangt Flüssigkeit hinein und dann wird das Knie wieder dick – so wie es momentan der Fall ist.

Wie kann man nach einem Bänderriss so schnell wieder spielen?

Das wird getaped, und dann spielen wir nach zehn Tagen wieder.

Aber das tut doch weh!

Ja, ein bisschen. Aber der Schmerz wird auch vom Adrenalin weggekickt. Die entscheidende Frage bleibt immer, ob man mit einer Verletzung noch Höchstleistung bringen kann.

Kennt der Verein Ihre Beschwerden?


In dem Sinne habe ich ja keine Beschwerden. Vor jeder Saison wird man auf Sporttauglichkeit untersucht. Und wenn man den Test besteht, kann man den Sport ausüben. Meine Verletzung am Sprunggelenk sieht man zwar, aber so lange die Funktion des Fußes nicht eingeschränkt ist, bin ich auch spielfähig.

Worin unterscheidet sich Ihr Sprungelenk von dem eines normalen Menschen?

Da bohrt sich Knochen in Knochen. Es sind keine Bänder mehr da, die den Fuß stabilisieren. Irgendwann wird es Arthrose zur Folge haben.

Wie groß ist die Angst, dass Sie irgendwann aufgrund Ihrer Profizeit nicht mehr richtig laufen können?

Die ist momentan gar nicht da.

Der Spaß am Fußball ist also immer noch größer als die Schmerzen?


Das sowieso.

Thomas Cichon, Henrik Larsson hat mal auf die Frage eines Journalisten, was er denkt, wenn er den Platz betritt, geantwortet: »Jetzt tut’s gleich richtig weh«. Können Sie das nachvollziehen?

(lacht.) Eher nicht, ich bin ja Abwehrspieler. Ich denke, Stürmer werden immer so denken, weil so Verrückte wie ich hinter ihnen herlaufen.

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