Thomas Brussig im Interview

„Hoyzer ist ein normaler Mensch“

Ragnar Schmuck
Heft #74 01 / 2008
Heft: #
74

Die WM-Zeit haben Sie im Puff verbracht, aus beruflichen Gründen. Was konnten Sie dort beobachten?

Die deutschen Fans sind tatsächlich schwarz-rot-gold kostümiert ins Bordell gezogen. Wenn andere Mannschaften in Berlin gespielt haben, trugen die Kunden halt andere Farben. Er war wirklich unglaublich, wie viele Männer in dieser Zeit vorbeikamen. Die Frauen konnten die Massen in mancher Nacht gar nicht abfertigen. In dem Etablissement, in dem ich für mein Buch »Die Berliner Orgie« recherchiert habe, herrschte Stoßbetrieb im wahrsten Sinne des Wortes. Die WM war also auch für viele Hauptstadt-Huren ein Sommermärchen.

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Welche Erfahrungen haben Sie während der WM als Stadionbesucher gemacht?

Ich hatte zu einer Partie ein Buch eingesteckt, das ungefähr 500 Seiten hatte: »Als wir träumten« von Clemens Meyer. Ich durfte das aber nicht mit ins Stadion nehmen, weil das angeblich zu gefährlich war. Die Sicherheitskräfte haben Bücher offenbar grundsätzlich als Gefährdung eingestuft. So etwas wie mir ist in Deutschland wohl das letzte Mal Heinrich Heine passiert.

Was haben Sie gegen solche Sicherheitsauflagen?

Ein bestimmter Exzess gehört zum Fußball einfach dazu. Es ist noch lange kein Grund zur Panik, wenn mal ein Flitzer über das Spielfeld rennt. Mich hat auch genervt, dass auf der Berliner Fan-Meile darauf geachtet wurde, dass es nicht zu voll wird. Bei solchen Ereignissen finde ich ein Gedränge völlig in Ordnung. Das ist dann zwar nicht familienfreundlich, aber gut für den Adrenalinspiegel. Der Fußball sollte sich einen Rest von Risiko bewahren. Man muss mit der siebenjährigen Tochter ja nicht überall hingehen können!

Sie waren zu DDR-Zeiten überzeugter Fan des BFC Dynamo und der DDR-Nationalmannschaft. Haben Sie mit der einen Mannschaft die Misserfolge der anderen kompensiert?

Leider spielten beide nicht sonderlich erfolgreich. Der BFC war zwar in der DDR-Oberliga immer ganz oben dabei, aber international scheiterte er stets spektakulär. Er hat es immer wieder geschafft, für zwei Wochen unglaubliche Hoffnungen aufkommen zu lassen, um diese dann doch wieder zu zerstören. Gegen Werder Bremen haben sie daheim 3:0 gewonnen und auswärts 0:5 verloren. Oder sie haben beim englischen Cup-Sieger Nottingham Forest triumphal 1:0 gesiegt, um dann zu Hause 1:3 unterzugehen. Es war zum Heulen mit dem BFC: Er ist eigentlich immer zu früh ausgeschieden.

Warum haben Sie sich damals nicht einfach abgewandt vom Stasi-Klub?

Man kann sich halt nicht aussuchen, von wem man Fan wird. Das kommt irgendwann einfach über einen, genauso wie die sexuelle Orientierung. In beiden Fällen musst du dein ganzes Leben lang damit leben. Ich habe erst ab der Saison 1984/85 aufgehört, mich für den BFC zu interessieren. Das war genau zu dem Zeitpunkt, als die plötzlich nur noch Meister wurden. Da hat mir das Fansein keinen Spaß mehr gemacht. Zum Fansein gehört schließlich auch die Erfahrung von Niederlagen.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass die Schiedsrichter den BFC bevorzugten?


Ich hatte als Jugendlicher noch kein Sensorium dafür. Es ging aber auch nicht nur darum, was die Schiedsrichter für den BFC machten, sondern wie sich die anderen Mannschaften entfalten durften, oder vielmehr, wie sie sich nicht entfalten durften. Sepp Herberger hat einmal gesagt: Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Wenn der Meister aber schon vor der Saison feststeht, wieso sollte man sich dann noch für Fußball interessieren?

Sie waren den Schiedsrichtern also keineswegs dankbar?

Schiedsrichter waren für mich immer das seltsame, unsympathische Neutrum auf dem Platz. Dass sie auch etwas Interessantes beizusteuern haben, das ist mir erst vor ein paar Jahren klar geworden. Was man als Zuschauer zu sehen bekommt, ist ein Mensch, den alle auspfeifen und beschimpfen. Das Besondere ist, dass das diesen Menschen überhaupt nicht juckt und der einfach weiter sein Ding durchzieht, obwohl er viel weniger Geld dafür kriegt als die Profis. Plötzlich war mir klar: Ich habe es hier mit einem literarischen Helden zu tun.

Welche besondere Position wird im Fußball vom Schiedsrichter besetzt?


Der Fußball ist nach wie vor ein Kosmos, der von Leidenschaften regiert wird. Nur die Schiedsrichter müssen sich hier immer raushalten. Die dürfen mit ihren Meinungen nicht mal eben so aus der Hüfte schießen, dürfen nicht launisch sein oder gar leidenschaftlich. Die Schiedsrichter, denen ich begegnet bin, waren dann auch sehr nüchterne, trockene und eigentlich langweilige Menschen. Doch sie waren das in einer Welt, wo eigentlich jeder ein Selbstdarsteller sein muss, wo jedes Interview auf die Goldwaage gelegt wird. Nur Schiedsrichter müssen da drüber stehen. Für sie zählt ganz einfach nur, wie sie pfeifen.

Heute stehen über 20 Kameras im Stadion, demnächst gibt es wohl den Chip im Ball – und der Schiedsrichter arbeitet weiter mit der Trillerpfeife. Sie lassen Ihren Schiedsrichter räsonieren: »Niemand hat die Courage, öffentlich auszusprechen, dass eine Trillerpfeife Fingerspitzengefühl, Intelligenz, ja, feinfühlige Virtuosität verlangt.«

Die Schiedsrichterpfeife ist sicherlich ein Relikt aus einer anderen Zeit, aber das macht eben auch die Schönheit des Fußballs aus. Es kann mit ganz einfachen Mitteln eine Klarheit geschaffen werden. Den Trillerpfeifenpfiff, der an und für sich anachronistisch ist, verstehen die Spieler und den verstehen auch die Zuschauer.

Ihr Buch ist auch eine Schimpfkanonade gegen die moderne Fußballwelt. Spricht da in diesen Momenten der Autor?

Ja, natürlich. Im Stadion wird man heutzutage die ganze Zeit über mit Werbung und Musik zugeschüttet. Dass der Lärm nicht mehr selbst gemacht ist, verleidet mir das Fansein immer mehr. Die Fans könnten doch alleine für eine super Stadionatmosphäre sorgen. Wenn aber über die Lautsprecher das Dreifache an Lärm erzeugt wird, ist das natürlich demotivierend für die Kurve. Der Stadionsprecher dreht einfach die Regler hoch, und der ganze Fan-Block ist in den Schatten gestellt. Wenn sich jemand derart die Kontrolle über das Geschehen unter den Nagel reißt, blutet mir das Herz. Dass es im Stadion mittlerweile so abläuft wie in den Soaps mit eingespielten Lachern, nur hier mit eingespieltem Lärm, ist eine nicht akzeptable Infantilisierung.

In Ihrem Buch geht es nicht nur um Schiedsrichter und Kommerzialisierung: Sie beschreiben auch die »Belgische Abseitsfallenkunst« während der EM 1980, auf immerhin vier Seiten ...

Bis in die 70er Jahre hatten die Spieler die Spielregeln ganz anders verinnerlicht. Und diese wurden aus einem Ehrenkodex heraus auch weitestgehend eingehalten. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem man sich sagte: Wir müssen so spielen, dass es dem Gegner unmöglich ist, die Spielregeln einzuhalten. Der Schiedsrichter muss diesen Verstoß dann pfeifen, und dieser Pfiff verschafft uns einen Vorteil. In diesem Moment wandelte sich auch die Rolle des Referees. Der Schiedsrichter wurde zum zwölften Mann einer Mannschaft, ob er wollte oder nicht. Dass er bis heute zum Bestandteil eines taktischen Kalküls gemacht wird, das hat die belgische Nationalmannschaft mitzuverantworten.

Wie haben Sie damals die Einführung dieser Defensivvariante erlebt?


Ich habe die Europameisterschaft am Fernseher verfolgt und ich musste miterleben, dass die Belgier bis ins Endspiel gekommen sind
– allein wegen dieser taktischen Neuerung. Vom Leistungsniveau her war es eine insgesamt schwache Europameisterschaft, und die Spiele mit belgischer Beteiligung waren extrem langweilig, weil alle Angriffe im Abseits stecken blieben. Trotzdem muss man das bis heute als Sensation bezeichnen: Die Belgier hatten vor der Europameisterschaft tatsächlich etwas trainiert, etwas eingeübt, auf das die anderen Mannschaften nicht gefasst waren.

Ein Fazit von »Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei« lautet: »Ein Schiedsrichter kann nur durch seine Fehlleistungen unsterblich werden.«

Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Ein Schiedsrichter kann auf keinen Fall durch seine tadellose Leistung unsterblich werden. Es wird von ihm erwartet, dass er korrekt und fehlerlos pfeift. Über seine Fehlentscheidungen wird man allerdings ewig reden. Die Italiener werden noch in 20 Jahren davon überzeugt sein, dass sie 2002 Weltmeister geworden wären, wenn es nicht diesen unsäglichen Schiedsrichter im Viertelfinale gegeben hätte.

In Deutschland gelangte 2005 ein junger Berliner Schiedsrichter zu größerer Popularität ...

Robert Hoyzer ist aber nicht durch seine Fehlleistungen berühmt geworden, sondern durch seine Bestechlichkeit. Wie sehr er das Bild des Schiedsrichters geprägt hat, ist wirklich verheerend. Die anderen Schiedsrichter geben sich bis heute allergrößte Mühe, nicht vom Schiedsrichterskandal zu sprechen, sondern vom »Fußball-Wettskandal« und vom »ehemaligen Schiedsrichter Hoyzer«.

Inwiefern war Robert Hoyzer anders gestrickt als seine Kollegen?

Hoyzer verkörperte einen Menschen, der genauso korrupt war wie wir alle. Ein Schiedsrichter darf aber nicht korrupt sein wie wir! Das für ihn vorgesehene Modell sieht anders aus: Ein Schiedsrichter wird von 80.000 Menschen ausgepfiffen, und das soll ihm nichts ausmachen. Hoyzer hat sich nun mal für gewisse Statussymbole interessiert, die an Schiedsrichtern normalerweise vorbeigehen. Er hat sich wie ein normaler Mensch verhalten – und das haben wir ihm übel genommen. Wir wollen einfach nicht, dass Schiedsrichter so sind wie wir alle. Wir erwarten, dass die Schiedsrichter-Kaste etwas Besonderes leistet.

Macht Ihnen trotz aller modernen Begleiterscheinungen der
Stadionbesuch noch Spaß?


Ich fahre hin und wieder ins Olympiastadion. Jeder Mannschaft, die gerade ein Erfolgserlebnis braucht, empfehle ich dringend, gegen Hertha anzutreten. In Spielberichten ist überproportional oft die Rede davon, dass man ein grottenschlechtes Spiel sah, ein unterirdisches Spiel. Solche Worte fallen in Bezug auf Hertha immer. Sie sind einfach nicht in der Lage, schönen Fußball zu spielen. Unter Hans Meyer war das bei ein paar Spielen anders, auch bei Falko Götz hin und wieder. Grundsätzlich kann man aber sagen: Hertha-Spiele sind genau jene, über die die Zeitungen hinterher schreiben: »Der Schiedsrichter war der beste Mann auf dem Platz.«

Ein anderes Problem: Die Hertha ist 18 Jahre nach dem Mauerfall immer noch ein Verein für West-Berlin, nur jedes fünfte Mitglied kommt aus dem Osten.

Hertha ist zwar schon länger die beste Berliner Mannschaft, aber es ist so, dass viele Ostler ab einem bestimmten Alter nichts Neues mehr annehmen. Unsere Stars von damals sind auch unsere heutigen Stars. Wir reden immer noch von Hansi Kreische oder Achim Streich, obwohl sie nie bei einem Berliner Verein gespielt haben. Dass sie eine bestimmte Klientel von Ostlern nicht erreichen, ist nicht nur ein Problem der Hertha, sondern auch der Literatur: Mein Freund Christoph Peters, ein sehr guter Autor aus dem Westen, hat bis jetzt 150 Lesungen absolviert, nur eine einzige davon im Osten.

Und was ist mit den Hinzugezogenen, zum Beispiel am Prenzlauer Berg, wo auch Sie leben?

Die Exilanten hegen größtenteils richtige Antipathien gegenüber der Hertha ... Hertha verkörpert halt eher das Bier saufende Moabit als den Freigeist eines SC Freiburg. Der Klub ist auch nicht so kultig wie der FC St. Pauli und steht nicht für einen schönen und begeisternden Fußball. Warum sollte also einer, der aus Hessen oder Baden-Württemberg nach Berlin zieht, für Hertha sein? Es ist allerdings auch nicht unbedingt das typische Stadionpublikum, das mittlerweile am Prenzlauer Berg wohnt.

Ist der dortige Kinder-Boom vielleicht die letzte Hoffnung für die Zukunft von Hertha BSC?

Möglicherweise, aber bis jetzt sehe ich am Prenzlauer Berg noch keine Kinder mit Hertha-T-Shirts herumlaufen. Wenn man bedenkt, was die Mannschaft dem Publikum so zumutet, ist es eigentlich erstaunlich, dass die Spiele immer noch so gut besucht sind. Wenn an jedem Spieltag 20.000 Zuschauer weniger da wären, dann würde das den Gegenwert besser widerspiegeln.

Christian Ulmen hat Dieter Hoeneß vorgeschlagen, dass Seeed die neue Stadionhymne schreiben sollten, anstelle des ewigen Frank Zander. Wäre das ein möglicher Ansatz?

(lacht) Ähem, ich bin mir nicht mal sicher, dass Hoeneß Seeed kennt ...

Werden Sie noch miterleben, wie er mit der Schale durch Berlin fährt?

Mit Dieter Hoeneß kann ich mir das nicht vorstellen. Und ob ich Hertha einmal als Meister erleben werde, bezweifle ich stark. Ich bin ja mittlerweile auch schon 42 Jahre alt.



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