17.01.2008

Thomas Brussig im Interview

„Hoyzer ist ein normaler Mensch“

Schriftsteller Thomas Brussig sucht mit Vorliebe die toten Winkel des Fußballs auf. Die WM verbrachte er im Bordell, war Fan der DDR-Nationalmannschaft – und jetzt äußert er auch noch Sympathie für Robert Hoyzer. Der Mann hat Nerven.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Ragnar Schmuck
Heute stehen über 20 Kameras im Stadion, demnächst gibt es wohl den Chip im Ball – und der Schiedsrichter arbeitet weiter mit der Trillerpfeife. Sie lassen Ihren Schiedsrichter räsonieren: »Niemand hat die Courage, öffentlich auszusprechen, dass eine Trillerpfeife Fingerspitzengefühl, Intelligenz, ja, feinfühlige Virtuosität verlangt.«

Die Schiedsrichterpfeife ist sicherlich ein Relikt aus einer anderen Zeit, aber das macht eben auch die Schönheit des Fußballs aus. Es kann mit ganz einfachen Mitteln eine Klarheit geschaffen werden. Den Trillerpfeifenpfiff, der an und für sich anachronistisch ist, verstehen die Spieler und den verstehen auch die Zuschauer.

Ihr Buch ist auch eine Schimpfkanonade gegen die moderne Fußballwelt. Spricht da in diesen Momenten der Autor?

Ja, natürlich. Im Stadion wird man heutzutage die ganze Zeit über mit Werbung und Musik zugeschüttet. Dass der Lärm nicht mehr selbst gemacht ist, verleidet mir das Fansein immer mehr. Die Fans könnten doch alleine für eine super Stadionatmosphäre sorgen. Wenn aber über die Lautsprecher das Dreifache an Lärm erzeugt wird, ist das natürlich demotivierend für die Kurve. Der Stadionsprecher dreht einfach die Regler hoch, und der ganze Fan-Block ist in den Schatten gestellt. Wenn sich jemand derart die Kontrolle über das Geschehen unter den Nagel reißt, blutet mir das Herz. Dass es im Stadion mittlerweile so abläuft wie in den Soaps mit eingespielten Lachern, nur hier mit eingespieltem Lärm, ist eine nicht akzeptable Infantilisierung.

In Ihrem Buch geht es nicht nur um Schiedsrichter und Kommerzialisierung: Sie beschreiben auch die »Belgische Abseitsfallenkunst« während der EM 1980, auf immerhin vier Seiten ...

Bis in die 70er Jahre hatten die Spieler die Spielregeln ganz anders verinnerlicht. Und diese wurden aus einem Ehrenkodex heraus auch weitestgehend eingehalten. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem man sich sagte: Wir müssen so spielen, dass es dem Gegner unmöglich ist, die Spielregeln einzuhalten. Der Schiedsrichter muss diesen Verstoß dann pfeifen, und dieser Pfiff verschafft uns einen Vorteil. In diesem Moment wandelte sich auch die Rolle des Referees. Der Schiedsrichter wurde zum zwölften Mann einer Mannschaft, ob er wollte oder nicht. Dass er bis heute zum Bestandteil eines taktischen Kalküls gemacht wird, das hat die belgische Nationalmannschaft mitzuverantworten.

Wie haben Sie damals die Einführung dieser Defensivvariante erlebt?


Ich habe die Europameisterschaft am Fernseher verfolgt und ich musste miterleben, dass die Belgier bis ins Endspiel gekommen sind
– allein wegen dieser taktischen Neuerung. Vom Leistungsniveau her war es eine insgesamt schwache Europameisterschaft, und die Spiele mit belgischer Beteiligung waren extrem langweilig, weil alle Angriffe im Abseits stecken blieben. Trotzdem muss man das bis heute als Sensation bezeichnen: Die Belgier hatten vor der Europameisterschaft tatsächlich etwas trainiert, etwas eingeübt, auf das die anderen Mannschaften nicht gefasst waren.

Ein Fazit von »Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei« lautet: »Ein Schiedsrichter kann nur durch seine Fehlleistungen unsterblich werden.«

Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Ein Schiedsrichter kann auf keinen Fall durch seine tadellose Leistung unsterblich werden. Es wird von ihm erwartet, dass er korrekt und fehlerlos pfeift. Über seine Fehlentscheidungen wird man allerdings ewig reden. Die Italiener werden noch in 20 Jahren davon überzeugt sein, dass sie 2002 Weltmeister geworden wären, wenn es nicht diesen unsäglichen Schiedsrichter im Viertelfinale gegeben hätte.

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