17.01.2008

Thomas Brussig im Interview

„Hoyzer ist ein normaler Mensch“

Schriftsteller Thomas Brussig sucht mit Vorliebe die toten Winkel des Fußballs auf. Die WM verbrachte er im Bordell, war Fan der DDR-Nationalmannschaft – und jetzt äußert er auch noch Sympathie für Robert Hoyzer. Der Mann hat Nerven.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Ragnar Schmuck
Die WM-Zeit haben Sie im Puff verbracht, aus beruflichen Gründen. Was konnten Sie dort beobachten?

Die deutschen Fans sind tatsächlich schwarz-rot-gold kostümiert ins Bordell gezogen. Wenn andere Mannschaften in Berlin gespielt haben, trugen die Kunden halt andere Farben. Er war wirklich unglaublich, wie viele Männer in dieser Zeit vorbeikamen. Die Frauen konnten die Massen in mancher Nacht gar nicht abfertigen. In dem Etablissement, in dem ich für mein Buch »Die Berliner Orgie« recherchiert habe, herrschte Stoßbetrieb im wahrsten Sinne des Wortes. Die WM war also auch für viele Hauptstadt-Huren ein Sommermärchen.



Welche Erfahrungen haben Sie während der WM als Stadionbesucher gemacht?

Ich hatte zu einer Partie ein Buch eingesteckt, das ungefähr 500 Seiten hatte: »Als wir träumten« von Clemens Meyer. Ich durfte das aber nicht mit ins Stadion nehmen, weil das angeblich zu gefährlich war. Die Sicherheitskräfte haben Bücher offenbar grundsätzlich als Gefährdung eingestuft. So etwas wie mir ist in Deutschland wohl das letzte Mal Heinrich Heine passiert.

Was haben Sie gegen solche Sicherheitsauflagen?

Ein bestimmter Exzess gehört zum Fußball einfach dazu. Es ist noch lange kein Grund zur Panik, wenn mal ein Flitzer über das Spielfeld rennt. Mich hat auch genervt, dass auf der Berliner Fan-Meile darauf geachtet wurde, dass es nicht zu voll wird. Bei solchen Ereignissen finde ich ein Gedränge völlig in Ordnung. Das ist dann zwar nicht familienfreundlich, aber gut für den Adrenalinspiegel. Der Fußball sollte sich einen Rest von Risiko bewahren. Man muss mit der siebenjährigen Tochter ja nicht überall hingehen können!

Sie waren zu DDR-Zeiten überzeugter Fan des BFC Dynamo und der DDR-Nationalmannschaft. Haben Sie mit der einen Mannschaft die Misserfolge der anderen kompensiert?

Leider spielten beide nicht sonderlich erfolgreich. Der BFC war zwar in der DDR-Oberliga immer ganz oben dabei, aber international scheiterte er stets spektakulär. Er hat es immer wieder geschafft, für zwei Wochen unglaubliche Hoffnungen aufkommen zu lassen, um diese dann doch wieder zu zerstören. Gegen Werder Bremen haben sie daheim 3:0 gewonnen und auswärts 0:5 verloren. Oder sie haben beim englischen Cup-Sieger Nottingham Forest triumphal 1:0 gesiegt, um dann zu Hause 1:3 unterzugehen. Es war zum Heulen mit dem BFC: Er ist eigentlich immer zu früh ausgeschieden.

Warum haben Sie sich damals nicht einfach abgewandt vom Stasi-Klub?

Man kann sich halt nicht aussuchen, von wem man Fan wird. Das kommt irgendwann einfach über einen, genauso wie die sexuelle Orientierung. In beiden Fällen musst du dein ganzes Leben lang damit leben. Ich habe erst ab der Saison 1984/85 aufgehört, mich für den BFC zu interessieren. Das war genau zu dem Zeitpunkt, als die plötzlich nur noch Meister wurden. Da hat mir das Fansein keinen Spaß mehr gemacht. Zum Fansein gehört schließlich auch die Erfahrung von Niederlagen.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass die Schiedsrichter den BFC bevorzugten?


Ich hatte als Jugendlicher noch kein Sensorium dafür. Es ging aber auch nicht nur darum, was die Schiedsrichter für den BFC machten, sondern wie sich die anderen Mannschaften entfalten durften, oder vielmehr, wie sie sich nicht entfalten durften. Sepp Herberger hat einmal gesagt: Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Wenn der Meister aber schon vor der Saison feststeht, wieso sollte man sich dann noch für Fußball interessieren?

Sie waren den Schiedsrichtern also keineswegs dankbar?

Schiedsrichter waren für mich immer das seltsame, unsympathische Neutrum auf dem Platz. Dass sie auch etwas Interessantes beizusteuern haben, das ist mir erst vor ein paar Jahren klar geworden. Was man als Zuschauer zu sehen bekommt, ist ein Mensch, den alle auspfeifen und beschimpfen. Das Besondere ist, dass das diesen Menschen überhaupt nicht juckt und der einfach weiter sein Ding durchzieht, obwohl er viel weniger Geld dafür kriegt als die Profis. Plötzlich war mir klar: Ich habe es hier mit einem literarischen Helden zu tun.

Welche besondere Position wird im Fußball vom Schiedsrichter besetzt?


Der Fußball ist nach wie vor ein Kosmos, der von Leidenschaften regiert wird. Nur die Schiedsrichter müssen sich hier immer raushalten. Die dürfen mit ihren Meinungen nicht mal eben so aus der Hüfte schießen, dürfen nicht launisch sein oder gar leidenschaftlich. Die Schiedsrichter, denen ich begegnet bin, waren dann auch sehr nüchterne, trockene und eigentlich langweilige Menschen. Doch sie waren das in einer Welt, wo eigentlich jeder ein Selbstdarsteller sein muss, wo jedes Interview auf die Goldwaage gelegt wird. Nur Schiedsrichter müssen da drüber stehen. Für sie zählt ganz einfach nur, wie sie pfeifen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden