Thomas Broich über »Tom meets Zizou«

»Mozart war ein Missverständnis«

»Tom meets Zizou« ist das erste Langzeitportrait über einen  Profifußballer. Protagonist Thomas Broich galt einst als große Hoffnung des deutschen Fußballs. Die große Karriere blieb ihm versagt. Wir sprachen mit ihm zum Kinostart über die Gründe. Thomas Broich  über »Tom meets Zizou« Mindjazz, Imago

Thomas Broich, in einer Szene des Films sieht man Berti Vogts, Horst Köppel und Udo Lattek beim Gespräch. Sie sind voll des Lobes über Sie in jungen Jahren. War Ihnen bewusst, was diese Herren von Ihnen gehalten haben?

Thomas Broich: Ich habe diese Szene zum ersten Mal bei der Filmpremiere gesehen und war selbst überrascht. Man könnte fast meinen, Berti Vogts und ich sind beste Freunde. In Wahrheit habe ich aber nie mit ihm geredet. Irgendwie typisch für meine Karriere.

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Lag ihr scheitern in der Bundesliga am Image des intellektuellen Fußballers, das man Ihnen aufgetragen hat?

Thomas Broich: Als junger Profi habe ich diese Rolle gerne angenommen und dabei sämtliche Warnungen ignoriert. Ich war wirklich so blauäugig zu glauben, dass ich das Geschäft durchschauen kann und über den Dingen stehe. Damals war ich sehr eitel und von diesem Image geschmeichelt. Nicht im Ansatz habe ich erkannt, wie gefährlich das war. Ich habe mir so eine große Fallhöhe aufgebaut. 

Statt eines teuren Sportwagens fuhren Sie einen alten Mercedes. Als ein Vereinskollege bei Ihnen im Auto klassische Musik gehört hat, bekamen Sie den Spitznamen Mozart.

Thomas Broich: Dieser Spitzname war ein großes Missverständnis und das ist wirklich bezeichnend. Ich habe zwar ab und an klassische Musik gehört, aber eben nicht Mozart. So haben sich sofort die Medien darauf gestürzt. Als es dann nicht mehr so gut lief,  hieß es plötzlich, ich würde zu viel nachdenken und wäre zu weich für das Profigeschäft. Ich bin mir sicher, dass meine Karriere ohne »Mozart« einen ganz anderen Verlauf genommen hätte.      

Michael Oenning sagt in einem Ausschnitt, dass Sie sich in der Halbzeitpause philosophische Literatur zu Gemüte geführt haben.

Thomas Broich: Ich fand es früher entspannend, vor dem Training zu lesen, kann mich aber nicht erinnern, das jemals in der Halbzeit gemacht zu haben. Provozieren wollte ich jedenfalls nicht. Die Konsequenz war aber klar: Andere Mitspieler haben sich dadurch auf den Schlips getreten gefühlt.  

Als Sie 2006 zum 1.FC Köln gewechselt sind, haben Sie gelebt, wie es Ihnen gefiel. Sie wohnten einer WG, es schien feucht-fröhlich zu sein.

Thomas Broich: In Köln habe ich bewusst andere Prioritäten gesetzt. Im Endeffekt war das aber auch der Anfang des ganzen Übels. Mein unprofessionelles Verhalten war für den Moment eine Befreiung, aber keinesfalls ein Ausweg aus meiner unbefriedigenden sportlichen Situation.      

In einer Szene beschreiben Sie, wie Sie nachts aus dem Krankenhaus ausgebüxt sind, um auf eine Party zu gehen. Hatten Sie keine Angst, dass man Sie erkennt?

Thomas Broich: Ich hätte meinen Job verloren, wenn das an die Öffentlichkeit gekommen wäre. Im Nachhinein glaube ich, dass ich es auch etwas darauf angelegt habe. Wahrscheinlich wäre ich über meine Kündigung nicht mal traurig gewesen. Das sagt ja bereits alles aus.  

Nur wenige Tage nach dieser Aktion waren Sie plötzlich der Kölner Aufstiegsheld der Saison 2007/08.

Thomas Broich: Es hätte sich auf jeden Fall besser angefühlt, wenn ich dafür hart gearbeitet hätte. In der ersten Liga wurde ich dann wieder nur im Minutenbereich eingesetzt. Kurz nachdem man mich gefeiert hat, bin ich wieder umso tiefer gefallen. Das Aufstiegsjahr war leider mein letzter sportlicher Höhepunkt in Deutschland.



Danach versuchten Sie es noch beim 1.FC Nürnberg. Sie sprachen davon, in dieser Zeit unter einer ausgewachsenen Fußball-Depression gelitten zu haben. Wie muss man sich das vorstellen?

Thomas Broich: Konkret war das die Horrorvorstellung, zum Training zu fahren. Auf dem Platz hatte ich Bleischuhe an, war hölzern und ungelenk. Das hat sich aber zum Glück auf den Fußballplatz beschränkt. Ich hatte außerhalb ein ganz angenehmes Leben.      

Was war die Ursache für Ihre Abneigung gegen den Fußball?

Thomas Broich: Das lag an meinem sportlichen Niedergang, der über die Jahre sehr stetig verlaufen ist. Ich habe einen Nackenschlag nach dem anderen erhalten. Anfangs konnte ich das noch gut abwehren, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich da immer tiefer reingerutscht bin. Ich bin dann nach Nürnberg gewechselt, weil ich ein gutes Verhältnis zum damaligen Trainer Michael Oenning hatte und dachte, er könne ein paar Schrauben an mir umstellen, damit ich wieder ein besserer und glücklicherer Fußballer werde. Da war der Zug aber schon lange abgefahren. Dann war mir bewusst, dass ich in der Bundesliga auf allen Ebenen gescheitert war. Eine fiese Erkenntnis.  

Wie viel Privatleben muss man bereit sein zu opfern, um in der Bundesliga konstant erfolgreich zu sein?

Thomas Broich: Einen beträchtlichen Teil. Man muss eine gewisse Konformität mitbringen und sollte viele Einstellungen und Gefühle besser für sich behalten. Das fand ich immer sehr schade. Die Bundesliga ist schon eine ziemlich krasse Zweckgemeinschaft.      

Sahen das Ihre Kollegen in der Kabine ähnlich?

Thomas Broich: Für viele meiner Mitspieler war das Abenteuer Bundesliga in erster Linie ein großer Spaß. Jeder geht mit dem Druck anders um. Das ist eine Persönlichkeitsfrage. Ich war immer eher der sensiblere Typ und von verwundbarer Natur.      

Welche Mechanismen der Bundesliga haben Sie am meisten gestört?

Thomas Broich: Die Medien wollen, dass man sehr viel über sich preisgibt und kein 08/15-Profi ist. Das habe ich mitgemacht und mich damit gleichzeitig zur Zielscheibe gemacht. Ein weiteres Problem sind die überambitionierten Ziele der Vereine. Außer zwei, drei Klubs, die den Klassenerhalt schaffen wollen, bleiben viele zwangsläufig auf der Strecke. Gerade Gladbach und Köln, die Vereine für die ich gespielt habe, sind ja dafür bekannt, dass sie immer wieder an ihren utopischen Zielen scheitern. Dann gibt es wieder nur auf die Fresse, Spieler werden fertig gemacht und Trainer gefeuert. Die Vereine brocken sich das selber ein. Da sollte man die Kirche einfach mal im Dorf lassen. 

Im Film sagen Sie, am Ende hat es auch an eigener Qualität gefehlt. Den Beweis, dass das nicht so ist, hatten sie doch mit tollen Leistungen in ihrem ersten Bundesligajahr in Gladbach gebracht, als sie zu den größten Talenten des deutschen Fußballs gezählt wurden.

Thomas Broich: Das ich ganz gut kicken kann stand nie zur Debatte. Qualität bedeutet aber nicht nur, dass man elegant den Ball streicheln kann. Da gehört auch Athletik und Robustheit dazu. Bei mir hat das Gesamtpaket eben nicht gestimmt.      

Wann haben Sie gemerkt, dass es für die ganz große Karriere nicht reichen wird?

Thomas Broich: Das war gegen Ende meiner Zeit in Gladbach. Als ich mit 25 Jahren nach Köln in die zweite Liga gewechselt bin, war ich längst kein hoffnungsvolles Talent mehr.      

Sie hatten Probleme mit autoritären Trainern. Wer war schlimmer: Dick Advocaat oder Christoph Daum?

Thomas Broich (lacht): Advocaat war grimmig und verbissen. Nach einer längeren Verletzung hat er mich erstmal in die Reserve gesteckt. Nach dem ganzen Hype um meine Person musste ich dann plötzlich gegen Bocholt spielen. Das war ein hartes Kontrastprogramm. Daum war anders. Er war der Verrückte, wie man ihn auch aus den Medien kennt. Letztendlich haben mich aber beide aus der Bahn geworfen.  



Seit einem Jahr spielen sie für Brisbane Roar in der australischen A-League. Welche Unterschiede haben Sie dort festgestellt?

Thomas Broich: Weil Fußball nicht an erster Stelle steht, trainieren wir weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Alles was außerhalb des Platzes passiert, würde ohnehin niemanden interessieren. Der reine Sport steht im Fokus. Auch innerhalb der Mannschaft gibt es große Unterschiede: Die Egos sind nicht so weit ausgeprägt. Die Spieler gehen nebenbei zur Uni oder haben schon mal richtig gearbeitet. Der Umgang ist insgesamt ein bisschen menschlicher.      

In Australien sind Sie gerade Meister geworden und zum zweitbesten Spieler der Saison gewählt worden. Steigen jetzt nicht die Erwartungen?

Thomas Broich: Ja, aber selbst wenn ich dem nicht gerecht werden könnte, wird mich hier kein medialer Terror erwarten, wie in der Bundesliga.      

Wie lässt sich das Niveau der  A-League einordnen?

Thomas Broich: Ungefähr mittleres Zweitliganiveau, sowohl fußballerisch als auch finanziell. Was hier aber auffällt, ist das große Gefälle. Der Fußball unseres Teams ist himmelweit von dem des Tabellenletzten entfernt. Auch innerhalb der Mannschaft gibt es Unterschiede. Manch einer würde sich wahrscheinlich schwer tun, einen Vertrag für die dritte Liga in Deutschland zu bekommen.      

In Australien endet der Film. 2003 fing er an, als Sie in der zweiten Liga für Wacker Burghausen gespielt haben. Warum hat Regisseur Aljoscha Pause damals ausgerechnet Sie als Protagonist des Films ausgewählt?

Thomas Broich: Wenn sich Aljoscha Pause für einen Spieler wie Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm entschieden hätte, denen genau wie mir eine große Zukunft vorausgesagt wurde, hätte der Film wie geplant mit der WM 2006 ein Ende gefunden und eine breitere Öffentlichkeit erreicht. So haben wir aber noch vier Jahre drangehängt und es wurde statt eines Sommermärchens eine etwas dramatischere Geschichte erzählt. Vielleicht auch die interessantere.      

In den neun Jahren hat Sie Aljoscha Pause fast 50 Mal mit der Kamera besucht. Ging Ihnen das nicht zwischenzeitlich auf die Nerven?

Thomas Broich: Aljoscha Pause ist mittlerweile ein guter Freund von mir geworden. Zu dem Projekt selbst habe ich aber ein ambivalentes Verhältnis. Es war nicht immer einfach, da ich ja ohnehin schon dieses Image an mir haften hatte und dann kam da auch noch ein Kamerateam vorbei, das mit allen Interviews über mich machen wollte.  

Der Film ist teilweise sehr intim geworden. War das von Anfang an so abgesprochen?

Thomas Broich: Alles andere hätte keinen Sinn gemacht. Ich habe Aljoscha Pause komplett vertraut. Es ist in den ganzen acht Jahren nie etwas nach außen gedrungen.      

Welche Szenen des Films sind Ihnen peinlich?

Thomas Broich: Die alten O-Töne sind teilweise klugscheißerisch. Dass ich mich dazu berufen gefühlt habe, der Bundesliga was Revolutionäres, Philosophisches zu liefern, war absurd. Und wenn ich mich höre, wie ich mich in einem Satz mit Zinedine Zidane vergleiche, ist mir das heute unglaublich peinlich. Da fasse ich mir selbst an den Kopf und denke, mein Leben hätte so viel einfacher sein können, wenn ich mir nicht selbst so im Wege gestanden wäre.  

Haben sie durch das Projekt mehr über sich selbst reflektiert?

Thomas Broich: Die Dokumentation ist wie ein Fotoalbum von mir. Bei einigen Szenen habe ich auch wieder den Schmerz gespürt. Ich fand es schön, dass er mir geholfen hat, mich mit mir selbst zu versöhnen. So gesehen hatte das ganze Projekt psychotherapeutische Züge.

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Kinostart: 28. Juli 2011
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Schickt einfach eine Mail mit dem Kennwort »Broich« an verlosung@11freunde.de


Der Trailer zum Film

Broichs Traumtor für Brisbane Roar

Mehr Infos: www.tommeetszizou.com




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