Thomas Brdaric im Interview

„Wenn man knipst, ist man Gott“

Über „Die Kunst zu stürmen“, unser aktuelles Schwerpunkt-Thema, sprechen wir heute mit Thomas Brdaric – einem Mann, an dem sich die Geister scheiden. Er selbst ist sich sicher, dass er zu den ganz Großen gehört. Imago
Heft #73 12 / 2007
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73

Herr Brdaric, wer ist Ihrer Meinung nach der beste Stürmer aller Zeiten?

Es sprechen immer alle von Gerd Müller und haste-nicht-gesehen. Für mich ist Ruud van Nistelrooy einer der besten Stürmer. Er verkörpert diese Knipser-Mentalität, ist immer da, wo es brennt, wo ein Stürmer einfach sein muss.

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Wo steht im Vergleich dazu Thierry Henry, der Held unserer aktuellen Titelgeschichte?

Man kann diese Typen nicht vergleichen. Sie haben beide ein einzigartiges Potenzial, was sie regelmäßig abrufen. Als Stürmer musst du einfach Kontinuität beweisen, und das macht letztendlich den Unterschied zwischen den Stürmern aus.

Wie groß ist folglich der Unterschied dieser beiden Stürmer zu Thomas Brdaric?

Henry und van Nistelrooy haben in großen Mannschaften gespielt und immer ihre Tore geschossen. Sie mussten sich in ihren neuen Vereinen immer wieder beweisen, und so war es bei mir im Grunde genommen auch. Ich hatte in der Champions League mit Bayer Leverkusen sehr schöne Jahre, für Hannover und Wolfsburg habe ich - in einer der stärksten Ligen der Welt - zweistellig getroffen. Ich durfte mich also mit ihnen messen - und für einen kurzen Zeitraum war ich auf Augenhöhe mit ihnen.

Wie würden Sie ihren persönlichen Stil beschreiben?


Ich bin ein Stürmer, der unberechenbar ist und vielleicht unterschätzt wird. Ich musste mich immer durchbeißen und habe nie etwas geschenkt bekommen. Das verkörpere ich auch auf dem Platz.

Haben Sie ein gewisses Repertoire an Tricks, auf das Sie situationsbedingt zurückgreifen, oder geschieht alles intuitiv?


Leider intuitiv. Übersteiger und Kombinationen sehen im Fernsehen ganz einfach aus, doch auf dem Platz hat man gar nicht die Übersicht. Nach vielen Zeitlupen und Standbildern meinen Journalisten immer beurteilen zu können, wo der Ball besser hätte hingespielt werden sollen. Doch es geht alles zu schnell, da wird oft intuitiv gespielt.

Ist Ihnen schon mal ein Trick gelungen, den Sie hinterher selbst nicht begriffen?

(lacht) Ja, ich habe einmal eine Täuschung gemacht und zwei Spieler ins Leere laufen lassen. Ich musste danach selbst drüber lachen, weil das in der Form gar nicht gewollt war.

Muss ein guter Stürmer auch immer ein Zauberer sein?

Nein, im Gegenteil. Wir Stürmer müssen kontinuierlich knipsen, und dann ist man im Grunde genommen Gott. Wir sind darauf angewiesen, dass sich unsere Mittelfeldspieler den Arsch aufreißen, damit wir zu unseren Torchancen kommen. Und das sind eigentlich die Zauberer, die die Tricks auf Lager haben und uns in Szene setzen.

Wie wichtig ist es bei aller Effizienz, das ein Tor schön ist?

Natürlich ist es wichtig, auch mal ein schönes Tor zu schießen, doch eigentlich ist das zweitrangig. Es kommt immer darauf an: Wenn du in einer Schlacht, wie etwa dem Derby Hannover 96 gegen Werder Bremen, das Siegtor schießt, werden alle über dich berichten - egal, ob du das Ding mit dem Bauch, der Hacke oder per Fallrückzieher gemacht hast. Und es gibt den Fall, wenn du 5:0, 6:0 spielst, interessiert keinen mehr das Ergebnis - machst du aber ein Traumtor, schreiben alle über diesen Treffer.

An welches Tor erinnern Sie sich besonders gern zurück?

Beim Spiel Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen kam einmal eine Riesenbogenlampe zurück in den Strafraum, und ich habe die per Fallrückzieher genommen. Der Ball war nicht wirklich einfach zu nehmen, und ich bin Risiko gegangen. Das war ein geiler Treffer.

Welches Gefühl durchpflügt Sie nach einem Tor?

Es bleibt ein unbeschreibliches Gefühl durch diesen Adrenalinschub, den man bekommt. Man schießt ja auch nicht einfach nur ein Tor, sondern man erlöst die ganzen Fans, die sich nach genau diesem Tor sehnen. Ich glaube, dass du dann die Pulsschläge der ganzen Fans in dir hast.

Verändert sich dieses Gefühl in der Karriere eines Stürmers?

Es schwankt natürlich immer. Es ist natürlich ein Unterschied, ob du bei einem 0:3 den Anschluss erzielst oder in der 89. Minute den Siegtreffer markierst.

Ein guter Stürmer braucht sowohl Routine als auch Athletik. Im Laufe der Karriere nimmt das eine zu, das andere ab. Wann ist der Stürmer auf seinem Zenit?

Man muss als Stürmer einfach nur versuchen, kontinuierlich zu treffen, und das kann ein guter Spieler vielleicht über 4, 5 Jahre, Eintagsfliegen leider nur über ein halbes Jahr. Und dann gibt es Spieler, die tatsächlich über 10, 15 Jahre in Top-Vereinen spielen. Ich denke, es ist für einen Trainer wichtig, dass er Spieler hat, auf die er sich verlassen kann.

Kann man das Verhältnis zwischen Stürmern und Verteidigern als „Hass“ bezeichnen?


Es kommt natürlich darauf an, was man für eine Hasskappe auf den anderen hat. Es kann auch ganz harmonisch ablaufen, wenn man schon öfters gegeneinander gespielt hat.

Wird auf dem Platz mit den Gegenspielern viel gesprochen?


Nein, es wird nicht viel geredet. Außer es ist wirklich so viel passiert in den 90 Minuten, dass man sich über die eine oder andere Abseitssituation oder Foulspiele unterhält. Aber quatschen kann man ja eigentlich auch nach dem Spiel.

Was ist mit verbaler Provokation im Stile eines Marco Materazzi?

Ich hatte mal ein ganz witziges Erlebnis mit dem Mike Franz, der früher mein Mitspieler in Wolfsburg war und jetzt bei Karlsruhe spielt. Als wir mit 96 irgendwann gegen Wolfsburg spielten, war er dann mein direkter Gegenspieler. Er hat mich in dieser Partie so sehr provoziert, dass ich einfach das Gegenteil gemacht habe. Anstatt ihn auch zu provozieren, habe ich ihm gesagt, was er doch für ein guter Abwehrspieler sei und dass er es doch gar nicht nötig hätte, sich mir gegenüber so zu verhalten. Er hat dann kurz überlegt und gesagt, ja, du hast Recht, und dann haben wir uns gut verstanden.

Wie stehen Sie zu Schwalben? Sind Sie unter dem Stichwort „ausgleichende Gerechtigkeit“ zwischen Stürmer und Verteidiger manchmal gerechtfertigt?

Schwalben sind ganz übel, wobei man sie auch nicht überbewerten darf. Man muss immer unterscheiden, ob ein Spieler sich bei einer Grätsche fallen lässt, um einer Verletzung aus dem Weg zu gehen, oder ob er sich fallen lässt, um tatsächlich nur einen Elfmeter zu provozieren. Das ist nicht immer ganz eindeutig.

Bekommen Sie persönlich viel auf die Knochen?

Ja klar, natürlich. Gerade als Stürmer bekommst du nur auf die Haxen. Es ist in den letzten Jahren mit der Einführung der vielen Kameras besser geworden. Ein Abwehrspieler überlegt sich heutzutage zweimal, ob er seinen Gegenspieler umhaut. Ich kann mich da aber noch an ganz andere Zeiten in der zweiten Liga bei Fortuna Köln erinnern. Gegen den Amadou von Cottbus habe ich zum Beispiel immer total ungern gespielt. Er war berüchtigt für seine Härte. Vor jeder Ballberührung hat er dir schon in die Hacken getreten.

Verliert man nach Fouls nicht manchmal die Lust, wieder aufzustehen?


Naja, es geht. Wie gesagt, man darf ja hinfallen - man muss nur immer wieder aufstehen.

Mal ehrlich: Kann ein Stürmer sich freuen, wenn seine Mannschaft 6:0 gewonnen hat, er selbst aber kein Tor erzielt hat?

Als Stürmer kann man sich darüber nicht freuen.

Wie gehen Sie mit dem besonders hohen Druck um, gerade im Falle einer Torflaute („951 Minuten ohne Tor“)?

In solch einer Situation bin ich natürlich auch schon gewesen. Da hilft nur hartes Training - immer wieder vors Tor gehen, in Trainingsspielen die Tore machen. Dann kommt die Sicherheit wieder zurück.

Herr Brdaric, wann können die Fans wieder...


Entschuldigung, darf ich noch einmal ganz kurz auf dieses 6:0 kommen?

Natürlich.

Es wurde ja schon einmal in der RUND oder sonst irgendwo zerrissen. Es ist nicht so, dass ich mich nicht über diesen 6:0-Sieg freuen würde. Nicht, dass man sich da jetzt wieder vertut und sagt, der Brdaric schießt lieber vier Tore und spielt 4:4 - anstatt 1:0 zu gewinnen (Brdaric sagte damals in einem Interview, ihm sei ein 4:4 mit vier Brdaric-Toren wichtiger als ein Sieg der Mannschaft. Daraufhin wurde er bei Hannover 96 unter Trainer Peter Neururer aussortiert, Anm. d. R.).

Gut.


Ich will das nur noch einmal deutlich sagen. Man freut sich natürlich mit der Mannschaft, aber man ärgert sich, dass man da selbst kein Tor gemacht hat. Wahrscheinlich hat ein Torhüter auch noch ein Elfmetertor geschossen, das geht dann natürlich gar nicht. (lacht)

Herr Brdaric, wann können die Fans wieder mit Ihnen rechnen?

Es geht noch nicht darum, wann ich wieder auf dem Platz stehen werde. Es ist momentan wirklich nur wichtig, dass ich überhaupt wieder gesund werde.

Die Offensivabteilung von Hannover 96 wurde vor der Saison mit Mike Hanke und Benjamin Lauth ordentlich verstärkt. Wie schätzen Sie Ihre weiteren Chancen bei den Roten ein?

Soweit mache ich mir noch keine Gedanken.

In 204 Bundesligaspielen haben Sie bisher 54 mal getroffen. Ist das für Sie eine zufriedenstellende Quote?

Nein, ich habe mindestens 40 Tore zu wenig geschossen.

Wie wird man den Stürmer Thomas Brdaric wohl später einmal in Erinnerung behalten?

2002 hatte ich ein schönes Jahr bei Bayer Leverkusen mit den ganzen Vize-Meisterschaften. Und da man als Profisportler meistens nach Titeln bewertet wird, bleibt den Leuten vielleicht diese Zeit von mir ein bisschen hängen. Und ansonsten als fairen Sportsmann und dass ich als Stürmer sicherlich nicht immer der einfachste war - aber so muss man als Stürmer sein, dass man immer wieder an die Grenzen stößt, um am Ende auch Erfolg zu haben.


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