23.11.2007

Thomas Brdaric im Interview

„Wenn man knipst, ist man Gott“

Über „Die Kunst zu stürmen“, unser aktuelles Schwerpunkt-Thema, sprechen wir heute mit Thomas Brdaric – einem Mann, an dem sich die Geister scheiden. Er selbst ist sich sicher, dass er zu den ganz Großen gehört.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Herr Brdaric, wer ist Ihrer Meinung nach der beste Stürmer aller Zeiten?

Es sprechen immer alle von Gerd Müller und haste-nicht-gesehen. Für mich ist Ruud van Nistelrooy einer der besten Stürmer. Er verkörpert diese Knipser-Mentalität, ist immer da, wo es brennt, wo ein Stürmer einfach sein muss.



Wo steht im Vergleich dazu Thierry Henry, der Held unserer aktuellen Titelgeschichte?

Man kann diese Typen nicht vergleichen. Sie haben beide ein einzigartiges Potenzial, was sie regelmäßig abrufen. Als Stürmer musst du einfach Kontinuität beweisen, und das macht letztendlich den Unterschied zwischen den Stürmern aus.

Wie groß ist folglich der Unterschied dieser beiden Stürmer zu Thomas Brdaric?

Henry und van Nistelrooy haben in großen Mannschaften gespielt und immer ihre Tore geschossen. Sie mussten sich in ihren neuen Vereinen immer wieder beweisen, und so war es bei mir im Grunde genommen auch. Ich hatte in der Champions League mit Bayer Leverkusen sehr schöne Jahre, für Hannover und Wolfsburg habe ich - in einer der stärksten Ligen der Welt - zweistellig getroffen. Ich durfte mich also mit ihnen messen - und für einen kurzen Zeitraum war ich auf Augenhöhe mit ihnen.

Wie würden Sie ihren persönlichen Stil beschreiben?


Ich bin ein Stürmer, der unberechenbar ist und vielleicht unterschätzt wird. Ich musste mich immer durchbeißen und habe nie etwas geschenkt bekommen. Das verkörpere ich auch auf dem Platz.

Haben Sie ein gewisses Repertoire an Tricks, auf das Sie situationsbedingt zurückgreifen, oder geschieht alles intuitiv?


Leider intuitiv. Übersteiger und Kombinationen sehen im Fernsehen ganz einfach aus, doch auf dem Platz hat man gar nicht die Übersicht. Nach vielen Zeitlupen und Standbildern meinen Journalisten immer beurteilen zu können, wo der Ball besser hätte hingespielt werden sollen. Doch es geht alles zu schnell, da wird oft intuitiv gespielt.

Ist Ihnen schon mal ein Trick gelungen, den Sie hinterher selbst nicht begriffen?

(lacht) Ja, ich habe einmal eine Täuschung gemacht und zwei Spieler ins Leere laufen lassen. Ich musste danach selbst drüber lachen, weil das in der Form gar nicht gewollt war.

Muss ein guter Stürmer auch immer ein Zauberer sein?

Nein, im Gegenteil. Wir Stürmer müssen kontinuierlich knipsen, und dann ist man im Grunde genommen Gott. Wir sind darauf angewiesen, dass sich unsere Mittelfeldspieler den Arsch aufreißen, damit wir zu unseren Torchancen kommen. Und das sind eigentlich die Zauberer, die die Tricks auf Lager haben und uns in Szene setzen.

Wie wichtig ist es bei aller Effizienz, das ein Tor schön ist?

Natürlich ist es wichtig, auch mal ein schönes Tor zu schießen, doch eigentlich ist das zweitrangig. Es kommt immer darauf an: Wenn du in einer Schlacht, wie etwa dem Derby Hannover 96 gegen Werder Bremen, das Siegtor schießt, werden alle über dich berichten - egal, ob du das Ding mit dem Bauch, der Hacke oder per Fallrückzieher gemacht hast. Und es gibt den Fall, wenn du 5:0, 6:0 spielst, interessiert keinen mehr das Ergebnis - machst du aber ein Traumtor, schreiben alle über diesen Treffer.

An welches Tor erinnern Sie sich besonders gern zurück?

Beim Spiel Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen kam einmal eine Riesenbogenlampe zurück in den Strafraum, und ich habe die per Fallrückzieher genommen. Der Ball war nicht wirklich einfach zu nehmen, und ich bin Risiko gegangen. Das war ein geiler Treffer.

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