Thomas Berthold über die Krise der Serie A

»Italien hat die Entwicklung verschlafen«

Thomas Berthold ist ein Kenner des italienischen Fußballs. Er spielte zwischen 1987 und 1991 für Hellas Verona und den AS Rom. Wir sprachen mit ihm über marode Stadien, Miroslav Kloses alte Knochen und das Spiel des FC Bayern in Neapel. Thomas Berthold über die Krise der Serie AImago

Thomas Berthold, am vergangenen Spieltag sind in der Serie A 14 Tore in zehn Spielen gefallen, fünf Spiele endeten 0:0. Wird in Italien noch immer der berühmte Catenaccio gespielt?

Thomas Berthold: Das Defensivverhalten hat in Italien generell einen höheren Stellenwert als in anderen europäischen Ländern. Die Mannschaften sind in der Defensive einfach besser ausgebildet. Das führt dazu, dass die Stürmer nur wenige Optionen haben. Das war schon zu meiner Zeit in Italien so. Auch wenn die großen Klubs auf dem Land gegen kleine Provinzvereine gespielt haben, war es sehr, sehr schwer dort Tore zu schießen und zu gewinnen.

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Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, als Sie für Hellas Verona und den AS Rom spielten, war Italien das gelobte Fußball-Land. Die Vereine hatten Geld, moderne Stadien und die Top-Stars. Heute denkt man zuerst an Gewalt, Bestechungsskandale und Zuschauerschwund. Befindet sich der italienische Fußball im Niedergang?

Thomas Berthold: Nein, das glaube ich nicht, aber er muss sich erneuern. Entscheidend ist, was jetzt für Lehren aus den Fehlern gezogen werden. Einerseits auf der politischen Ebene, andererseits bei den Vereinen. Das große Thema der Gewalt wurde halbwegs in den Griff bekommen. Jetzt müssen die Vereine erkennen, dass sie eine entsprechende Infrastruktur aufbauen müssen.

Was muss geschehen?

Thomas Berthold: Alles hängt von den Stadien ab. Da muss angesetzt werden. Politik, Vereine und Liga wollen hier neue Wege gehen. Bislang sind die Stadien alle im städtischen Besitz. Nun muss der Weg Richtung Privatisierung geebnet werden. Bei Juventus Turin hat das schon funktioniert. Die haben ein neues Stadion gebaut und das ist laufend ausverkauft.

Die Stadien sind der Schlüssel, um wieder erfolgreicher zu sein?

Thomas Berthold: Ja. Wer will momentan in die alten Dinger reingehen? Es zieht überall, die Farbe kommt runter, es gibt kaum etwas Ordentliches zu trinken, geschweige denn zu essen. Neue Stadien bieten den Vorteil, dass man ein ganz anderes Klientel anziehen kann. Da kommen dann mehr Ältere und mehr Familien, weil es sicher, trocken und sauber ist. Das muss in Italien jetzt nachgeholt werden, das haben sie verschlafen. Ansonsten stimmen ja die Voraussetzungen. Italien ist ein schönes Land zum Fußballspielen. Die Menschen lieben Fußball. Die Trainingsbedingungen bei den Vereinen sind hervorragend und bei den großen Klubs herrscht immer noch ein anderes Gehaltsgefüge als in der Bundesliga.

Die internationalen Topstars spielen momentan aber eher anderswo als in der Serie A.

Thomas Berthold: Ja. Das ist richtig. Zu meiner Zeit war die italienische Liga wirtschaftlich und sportlich noch das Nonplusultra. Es gab Jahre, in denen die Finale der europäischen Wettbewerbe fast rein italienisch besetzt waren. Das hat sich seitdem verändert. England und Spanien sind attraktiver geworden und auch die Bundesliga hat aufgeholt. Die Topstars verteilen sich jetzt auf diese Ligen. Doch die großen italienischen Klubs haben das notwenige Kapital, um den jetzigen Zustand wieder zu verändern.

Beim Blick auf die großen fünf Vereine, AC und Inter Mailand, AS und Lazio Rom sowie Juventus Turin fällt auf, dass momentan nur die beiden letztgenannten im oberen Tabellendrittel zu finden sind. Ist die Dominanz der Mailänder Vereine vorbei?

Thomas Berthold: In Italien wird generell länger an älteren Spielern festgehalten, manchmal zu lange. Gerade Milan und Inter brauchen eine Verjüngungskur. Da muss ein Umbruch stattfinden. Für beide wird es wohl eher eine Übergangssaison. Dasselbe gilt für den AS Rom, der viele neue Spieler und einen neuen Besitzer hat. Für Lazio läuft es nach dem Derbysieg und Juve steht ganz oben. Für die Liga ist es aber attraktiv, dass nicht immer üblichen Verdächtigen oben stehen.

Verfolgen Sie die Entwicklung ihres Ex-Vereins AS Rom?

Thomas Berthold: Ich habe noch gute Kontakte zum Verein und bin auch relativ oft in Rom. Ich bin gespannt, ob es die neuen Besitzer schaffen werden ein neues Stadion zu bauen. Zur Zeit findet ein Prüfverfahren über mehrerer Standorte statt. Sie sind also auf der richtigen Spur. Die Mannschaft muss sich noch finden. Es wurde vor der Saison groß eingekauft, es gib einen neuen Trainer, das braucht noch Zeit.

Bei Lokalrivale Lazio sorgt Mirolav Klose gerade für Furore. Es sieht aus, als hätte er den richtigen Schritt gemacht.

Thomas Berthold: Auf jeden Fall. Es ist für einen Spieler immer eine wichtige Erfahrung, einmal im Ausland zu spielen. Er spielt in einer tollen Stadt und das milde Klima wird ihm als älterem Spieler sicherlich gut tun. Da freuen sich die Knochen. Mir war klar, dass er sich in Rom schnell integriert. Mit dem Siegtreffer im Derby läuft es wirklich sensationell für ihn.

Haben deutsche Fußballer einen hohen Stellenwert in Italien?

Thomas Berthold: Einen ganz großen! Die Menschen haben dort viel mehr Respekt vor der Leistung, die ein Spieler bringt als in Deutschland.

Heute trifft in der Champions League der SSC Neapel auf ihren Ex-Verein Bayern München? Wie ist Ihre Prognose für das Spiel?

Thomas Berthold: Es wird für Bayern schwerer werden als die bisherigen Spiele. Neapel hat eine gute Mannschaft und das Stadion wird ein Hexenkessel. Dazu wird Neapel zugute kommen, dass sie nicht der Favorit sind. Um da zu gewinnen, muss Bayern eine echte Topleistung abliefern.

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