14.06.2007

Thomas Berthold im Interview

„Es ist alles der gleiche Senf“

Kein Zweifel: Der Bundesliga fehlen die Typen. Verblüffend gern denkt man an Effe zurück, an Basler – und auch an Thomas Berthold, den provokanten Beau. Im Interview analysiert er das Aussterben der Profis mit Charakter. Ein Menetekel.

Interview: Johannes Scharnbeck Bild: Imago
Fehlt den Vereinen der Mut, neue Wege zu gehen?

Es mangelt eher noch an Strukturen. Das Kürzel „e.V.“ – eingetragener Verein – sagt da schon alles. Die Vereine in Deutschland, seien es nun Taubenzüchter oder Fußballklubs, sind eine Plattform für Eitelkeiten. Das liegt einfach in unserer Mentalität. Im Ausland gibt es ein ganz anderes Modell: die Klubs gehören Unternehmern und werden von Geschäftsführern geleitet. Außerdem verfügt der Trainer zusätzlich über die Manager-Kompetenzen. Und bei solch einer kleinen Gruppe von Verantwortlichen können gar nicht so viele Leute dazwischenquatschen und ihren Senf dazugeben. In den deutschen Vereinen gibt es dagegen auch unzählige Gremien: Verwaltungsrat, Aufsichtsrat, Ehrenrat. Und dann denkt natürlich jeder, der sich dort tummelt, ich muss mich zu den Spielern, zu dem Trainer und zur Taktik sagen. Das tut aber leider dem Sport nicht gut.

Jürgen Klinsmann kämpfte als Teamchef gegen die Strukturen beim DFB, vor allem als er den Hockey-Nationalcoach Bernhard Peters als Jugendkoordinator verpflichten wollte. Das Präsidium vergab den Job dann an Matthias Sammer. Zeigt Klinsmanns oft vergebliches Bemühen um Änderungen, dass das System in Deutschland wohl nicht reformierbar ist?

Diese Geschichte ist wirklich das beste Beispiel, dass bei uns nur nach politischen Gesichtspunkten und Beziehungen entschieden wird. Dass Peters ein einwandfreies sportliches Konzept vorgelegt hatte, zählte gar nichts. Sammer war in seiner Vita noch nie im Ausbildungsbereich tätig. Und ein Jahr nach der WM hat er außer ein paar eröffneten DFB-Eliteschulen auch keinen Entwurf vorgelegt, wie Deutschland im Jugendfußball in der Weltspitze mithalten soll.

Ist der Bundesligatrainer noch eine Respektperson für die Spieler?

Da habe ich nicht den Eindruck. Das merkt man allein schon daran, wie sich die Spieler in den Medien über den Trainer beklagen. Er ist das schwächste Glied.

Dann ist die Disziplin der Spieler ein Problem?

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel aus meiner Zeit in Italien, dort habe ich ja vier Jahre gespielt: Wir sind morgens um 9 Uhr zum Training gefahren und abends um 18 Uhr wieder nach Hause. Das Vereinsgelände war abgesperrt, das Tor war zu, niemand konnte uns von unserer Arbeit ablenken. Wir haben dort auch nicht die ganze Zeit trainiert, hatten auch Teambesprechungen und Taktikschulungen – aber wir waren den ganzen Tag dort. Das war superprofessionell. Auch das Sozialverhalten innerhalb der Mannschaft wurde dadurch gefördert. Aber in Deutschland könnte man so etwas gar nicht durchziehen.

Warum?

Es würde ein riesiges Geschrei geben. Fanklubs und Medien würden sich beschweren. Alle würden rumquaken, das ist eben typisch deutsch. Die Professionalität der Bundesliga liegt um Welten hinter den internationalen Konkurrenten. Nur traut sich keiner zu sagen: Andere Länder sind uns um 20 Jahre voraus, jetzt kopieren wir mal deren Strategien.

Sind die Medien für die Vereine ein Angstfaktor oder eher ein kuscheliger Hofberichterstatter?


Das Problem ist, dass die Berichterstattung nur noch zwischen zwei Extremen schwankt: schwarz oder weiß. Zu Beginn meiner Karriere, Anfang der Achtziger, gab es auch unter den Journalisten mehr Qualität. Die Medienvertreter haben den Spielern auch viel mehr Respekt entgegengebracht. Journalisten und Profis hatten einfach ein deutlich besseres Verhältnis als heute. Früher konnte man jemanden auch etwas anvertrauen und man wusste, er schreibt das nicht. Heute muss man alles achtmal gegenlesen, weil man Angst haben muss, dass einem das Wort dreimal im Mund umgedreht wird. Gerade viele dieser Fernsehleute fühlen sich doch wichtiger als der Sport.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bundesliga?

Dass wir Strukturen schaffen, um international den Anschluss endlich wieder zu finden. Und das ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Willens zur Veränderung.


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Auch Schiri-Veteran Lutz Michael Fröhlich fürchtet um den Fußball www.11freunde.de/bundesligen/102156 .

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