14.06.2007

Thomas Berthold im Interview

„Es ist alles der gleiche Senf“

Kein Zweifel: Der Bundesliga fehlen die Typen. Verblüffend gern denkt man an Effe zurück, an Basler – und auch an Thomas Berthold, den provokanten Beau. Im Interview analysiert er das Aussterben der Profis mit Charakter. Ein Menetekel.

Interview: Johannes Scharnbeck Bild: Imago
Herr Berthold, 1994 haben Sie in einem Spiegel-Interview über Ihren damaligen Bundestrainer gesagt: „Berti Vogts ist zu verbissen.“ Warum redet im Fußball heute niemand mehr so offen wie Sie damals?

Weil die Spieler Gefangene des Systems sind. Es ist doch allein schon eine Fehlentwicklung, dass alles autorisiert werden muss. Ich habe damals meine Konsequenzen gezogen und bin aus der Nationalelf zurückgetreten.



Trauen sich die Spieler heute nicht mehr, ihre Meinung zu sagen?

Ja, es gibt da bestimmt Vorschriften. Andererseits muss man als Spieler natürlich auch einen gewissen Kodex einhalten: Es bringt ja nichts, wenn man alles nach außen trägt. Das Problem ist aber, dass Schwierigkeiten selbst intern nicht angesprochen werden. Auch wenn man die Interviews nach der Partie hört, es ist alles der gleiche Senf. Es kommt einem ja vor, als hätten alle Spieler den gleichen PR-Berater.

Haben Sie früher mit persönlichen PR- und Imageberatern zusammengearbeitet?

So etwas gab es damals gar nicht. So richtig hat das alles erst vor sieben oder acht Jahren angefangen, als die Kommerzialisierungsschiene so richtig explodiert ist. Davor war man als Spieler schon froh, wenn der Verein einen Pressesprecher hatte. Heutzutage hat ja fast jeder Spieler einen eigenen Pressesprecher.

Sind die Spieler dann heute nur noch Produkte, die es zu verkaufen gilt?

Das kann man fast schon so sagen. Die Typen sterben einfach aus, weil viele Persönlichkeiten einfach unterdrückt werden. Ein junger Spieler kann sich doch gar nicht entwickeln, wenn er seine Meinung nicht äußern darf. Da beißt sich die Maus selbst in den Schwanz.

Können Spieler dann noch Identifikationsfiguren sein?

Das ist ja gerade die Crux. Auf der einen Seite sagen alle, wir brauchen wieder Typen, auf der anderen Seite erhalten die Spieler auch keine Freiräume.

Ist Lukas Podolski ein Typ?

Selbst wenn einer frei Schnauze losredet, inhaltlich muss dabei natürlich auch etwas herauskommen. Für die schreibende Zunft ist so einer vielleicht ganz lustig, aber auf die Dauer hat das doch kein Niveau.

War der Kontakt mit den Fans für Sie früher eine lästige Pflichtaufgabe?

Die ganzen Verpflichtungen mit Anhängern und Sponsoren waren zu meiner Zeit reduziert auf... fast gar nichts. Heute refinanzieren die Vereine ihre teuren Arbeitsverträge mit diesen Pflichtterminen. Man muss einfach einen guten Spagat zwischen Kommerz und Sport finden, aber die Prioritäten müssen sich wieder eindeutig in Richtung Sport verschieben. Das schlimmste Beispiel waren für mich die „Galaktischen“ von Real Madrid: Von den Stars hat kaum mehr jemand trainiert, weil alle auf Werbeterminen und Fotoshootings in der ganzen Welt verteilt waren.

Ist die Macht der Spieler gewachsen?

Im Gegensatz zum Ausland haben die Fußballer in Deutschland sicherlich mehr Einfluss gewonnen. Wenn ein Profi in Italien, Spanien oder England seinen Vertrag unterschreibt, hat er sich an die Spielregeln des Vereins zu halten. Da liegt die Toleranzgrenze bei Null. In keinem anderen Land ist die Macht der Spieler und ihrer Berater so groß wie in Deutschland.

Warum?

Weil den Profis und ihren Beratern nicht von Anfang an vermittelt wird, wo der Hase läuft. Wenn natürlich jeder bei jedem Thema mitreden darf, dann ist es für den Trainer und die Klubführung äußerst schwer, ordentlich zu arbeiten. Dann gibt es an allen Ecken Probleme und Brennpunkte.

Schadet diese Entwicklung auf Dauer dem deutschen Fußball?


Eins haben wir alle in den letzten Jahren gesehen, international hinken wir den Großen hinterher. Der beste Beleg ist die UEFA-Fünfjahreswertung: In dieser Saison ist uns sogar das Fußballentwicklungsland Rumänien auf die Pelle gerückt. Da kann doch etwas nicht stimmen. Wir drehen uns hier in Deutschland seit Jahren im Kreis. Es ist doch auch immer dieselbe Suppe, die hier rumschwimmt. Das ist ja schon bei den Bundesligatrainern und Klubmanagern offensichtlich: immer wieder die alten Gesichter, es gibt keine neuen Impulse mehr.

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