Thomas Bach im Interview

»China braucht Zeit«

IOC-Vizepräsident Thomas Bach wird am 8. August mit der olympischen Fackel in der Hand durch Peking joggen. Hier spricht er über Protestbändchen, Politikerboykotte und Menschenrechte bei Olympia. Thomas Bach im InterviewImago

Herr Bach, Sie werden am 8. August mit der olympischen Fackel in der Hand durch Peking laufen. Wie fühlt man sich eigentlich als Teil der chinesischen Propaganda?

Wieso Propaganda? Die Fackel ist und bleibt ein olympisches Symbol.

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Ein Symbol, das dem Internationalen Olympischen Komitee mehr und mehr entglitten ist.

Das IOC ist Schirmherr des Fackellaufs. Diese Konstruktion hat sich als nicht ausreichend herausgestellt. Darstellung und Route des Fackellaufs müssen grundsätzlich überdacht werden. Eine Möglichkeit wäre, zukünftig den internationalen Teil wegzulassen. Ich möchte stattdessen sichtbarer machen, dass das Feuer kein Symbol des Gastgeberlandes ist. Es braucht eine bessere Balance zwischen dem IOC und dem Gastgeber.

Wie wollen Sie verhindern, dass diese Balance nicht auch bei den Spielen in Peking kippt?


Das verhindern die festgelegten Regeln: Das IOC organisiert die Spiele, die Chinesen sind bloßer Ausrichter. Das Fernsehbild wird von einer IOC-eigenen Gesellschaft produziert. Und noch etwas: Chinas Staatschef darf die Spiele nur mit einem vorgeschrieben Formelsatz eröffnen. Der IOC-Präsident dagegen kann eine ihm angemessene Rede halten. Es ist eine weise Entscheidung, dass bei Olympia keine politischen Demonstrationen erlaubt sind. Das gilt für alle.

Aber die Menschenrechte sind ein universelles Thema – es ist keine politische Demonstration, für sie einzutreten.

Es gibt viele universell geltende Anliegen. Man kann gegen den Hunger eintreten, gegen die Todesstrafe, für mehr soziale Gerechtigkeit oder den Weltfrieden. Das ist auch allgemeiner Konsens.

Trotzdem wird viel darüber spekuliert, was eine politische Demonstration ist und was nicht.

Sie spekulieren vielleicht, sonst nicht viele.

Einige Sportler schon.

Es gibt bei uns keine Unsicherheiten und keine Spekulationen. Wir haben die Aktivensprecher frühzeitig eingebunden, die mit den Athleten frühzeitig das Gespräch gesucht und sie informiert haben. Wir haben auch online ein Olympia-Net eingerichtet, in dem alle Informationen jederzeit abrufbar sind.

Manche Sportler haben Armbänder anfertigen lassen mit dem Spruch »Sports for human rights«. Dürfen sie die tragen?

Das ist ganz klar geregelt. Diese Armbänder sind in den olympischen Stätten nicht erlaubt.

Das IOC hat mit dem Slogan »celebrate humanity« für die Olympischen Spiele geworben. Wo ist da der Unterschied?

Es geht darum, was wann und wo angebracht ist. Ich habe niemanden gesehen, der etwa bei den Spielen 2000 in Sydney für die Rechte der Aborigines gestritten hat. Das IOC tritt bei den Olympischen Spielen für die Werte des Sports ein, etwa durch den olympischen Eid der Athleten bei der Eröffnungsfeier. Diese Bändchendebatte ist eine bloße Symboldiskussion, die mittlerweile kaum noch erträglich ist.

Aber sie zeigt die Grenze.

Es geht doch hier nicht um Schaufensterpolitik. Die Frage ist, wie man sich am besten für die Sache einsetzen kann – und da sind sich alle Experten einig: Sie erreichen mit einer fundierten Stellungnahme in einer Pressekonferenz oder einem Interview sicherlich mehr als mit einem Armbändchen.

Wird ein Sportler ausgeschlossen, wenn er doch ein Armband trägt?

Ich glaube nicht, dass es so einen Fall geben wird. Ich habe von keinem gehört, dass er die Regeln, an die er ohnehin gewöhnt ist, brechen wird.

Wenn man sich an 1968 zurückerinnert, spricht man noch heute von Tommie Smith, der auf dem Siegerpodest für die Bürgerrechte der Schwarzen demonstrierte.

Sie sagen es, alle sprechen über ihn, aber wer spricht über das Ziel?

Ist Tommie Smith ein Held oder hat er die Bühne Olympia missbraucht?


Ich habe meine Probleme mit dem Gebrauch des Begriffes Held im Sport. Unser Thema heute ist Peking 2008 und nicht Mexiko 1968.

Was tut denn das IOC nun für die Verbesserung der Menschenrechte in China?


Wir heischen nicht nach Beifall, sondern arbeiten erfolgsorientiert. Das geht nur über einen Austausch. So wie die Bundesregierung ihren Rechtsstaatdialog mit China führt, so führen auch wir Gespräche, erinnern an Verabredungen, werben für unsere Werte.

Es heißt, Sie würden auch Listen von inhaftierten Dissidenten übergeben.

Es wäre sicherlich nicht sinnvoll, sich dazu zu äußern.

Kann das IOC Druck ausüben?

Wie könnte das IOC eine Weltmacht mit Vetorecht im UN-Sicherheitsrat unter Druck setzen? Das ist doch selbst Generationen von UN-Generalsekretären und Staatschefs nicht gelungen, wenn sie es überhaupt versucht haben.

Aber China braucht erfolgreiche Spiele. Warum nutzen Sie diesen Spielraum nicht?


Mit öffentlicher Konfrontation erreicht man nichts. China braucht Zeit, um dahin zu kommen, wo wir schon sind. Europa hat für diesen Prozess 300 Jahre benötigt. Die Spiele werden zu einer Öffnung beitragen und damit den Menschenrechten dienen.

Sind Sie von der Schärfe der Debatte überrascht?

Wir als DOSB haben schon 2007 in einem Papier deutlich Stellung zur Menschenrechtssituation bezogen. Aber damals hat sich kein Journalist und kein Bundestagsabgeordneter dafür interessiert. Es gibt eben viele, die die Spiele als Bühne benutzen wollen. Versäumnisse der Politik werden dem Sport aufgebürdet – bis hin zu der wunderbaren Erscheinung, dass einzelne Politiker angekündigt haben, in geradezu heldenhaftem Tun die Eröffnungsfeier zu boykottieren. Dabei waren sie nicht mal eingeladen. Wenn es in der Sache nicht so ernst wäre, entbehrte es nicht einer gewissen Komik.

Herr Bach, was kann das IOC während der Olympischen Spiele für die Menschenrechte tun?


Langsam muss man in der Debatte auch mal die Gegenfrage stellen: Wäre die Situation denn besser, wenn die Spiele nicht dort stattfinden? Wir würden doch hier nicht über die Menschenrechte sprechen, wenn es Olympia nicht gäbe.

Sie könnten den Dalai Lama treffen.

Ach, hören Sie doch auf mit dieser Symbolpolitik! Nur etwas zu demonstrieren, ohne etwas zu bewegen – das wird dem Problem nicht gerecht. Von der gesamten Staatengemeinschaft ist anerkannt, dass Tibet ein Teil Chinas ist. Das gilt auch im IOC.

Sie könnten auf dem Platz des Himmlischen Friedens einen Kranz niederlegen und an den niedergeschlagenen Aufstand erinnern.


Eine solche Rolle hätten Politiker schon jahrelang übernehmen können. Das ist nicht Aufgabe des IOC und des Sports. Mit Äußerungen zu vorbelasteten Orten sollten wir im Übrigen gerade in Deutschland ganz besonders vorsichtig sein. Und noch einmal: Wenn die olympische Bewegung die politische Neutralität nicht wahrt, wird sie von politischen Krisen zerrissen – so wie es im Kalten Krieg fast der Fall war.

Hoffen Sie, dass die politischen Themen mit Beginn der Spiele in den Hintergrund rücken?


Der Gang dieses Gespräches lässt mich ernsthaft daran zweifeln. Ich jedenfalls hoffe sehr, dass wir uns mit dem ersten Startschuss auf den Sinn der Spiele besinnen und erkennen, wie wertvoll Olympia ist.

Was wird der Wert der chinesischen Spiele sein?


Es sind keine chinesischen Spiele, sondern Olympische Spiele in Peking.

Was wird der Wert der Olympischen Spiele in Peking sein?

Die Diskussionen im Vorfeld zeigen, dass es schon für sich allein ein Wert ist, dass sich alle 205 Nationen dieser Erde zu einem friedlichen Fest versammeln. Mit diesen Spielen wird sich China nachhaltig öffnen. Eine Gesellschaft verändert sich nicht dadurch, dass ein Außenstehender laufend den moralischen Zeigefinger hebt, sondern nur durch Bewegungen von innen. Und dabei helfen die Olympischen Spiele.

Und wie verändert sich das IOC?

Die Debatten und auch dieses Gespräch zeigen mir erneut, dass wir verstärkt die politische und soziale Rolle des Sports klarstellen und kommunizieren müssen. Wir müssen zeigen, was diesbezüglich unsere Möglichkeiten sind und wo unsere Grenzen liegen. Der Sport wird mit Erwartungen konfrontiert, die nicht seinem Sinn und Zweck entsprechen und denen er nicht entsprechen kann. Ich kann mich jedenfalls nicht entsinnen, dass man einen Cellisten der Berliner Philharmoniker vor einer Konzertreise nach China aufgefordert hätte, ein Menschenrechtsbändchen zu tragen.


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