01.07.2013

Theo Weiss, der erste Fanbeauftragte der Bundesliga

»Fußball lebt durch die Verrückten«

Er war der erste Fanbeauftragte der Bundesliga. Ein Gladbach-Fan, der in West-Berlin wohnte. Theo Weiss ist ein Pionier der aktiven Fanszene. Wir trafen ihn zum Interview.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Theo Weiss, wie wird man der erste Fanbeauftragte der Bundesliga?
Ich wurde 1962 in Siegen geboren, verguckte mich in Borussia Mönchengladbach, gründete Anfang der achtziger Jahre meinen ersten Fanclub »Siegerland« – und erhielt 1989 einen Anruf von Borussias Manager Helmut Grashoff. Das ist die Kurzversion.

Was hat Sie an der Arbeit mit Fans fasziniert?
Schon zu Fanklub-Zeiten war ich Mitherausgeber eines Fanzines, dem »Fanklub-Echo« – im Vorzeitalter des Internets die ideale Möglichkeit, um innerhalb der Fanszene miteinander zu kommunizieren und die Wünsche und Belange der Fans öffentlich zu machen. Ich komme politisch aus der linken Ecke, und studierte dann auch Soziologie und Politik. Zugleich war ich eingefleischter Fußballfan. Kein Mensch schien sich damals für die Fans zu interessieren. Fußballfans als Jugendkultur wollte niemand akzeptieren. Übrigens auch nicht die linken Studenten – für die waren Fans lediglich gewaltbereite Vollproleten.

Sie wollten das Gegenteil beweisen?
Vor allem genoss ich die Gemeinschaft als aktiver Anhänger von Borussia Mönchengladbach. Auch aus Berlin fuhr ich seit 1986 mit meinem zweiten Fanclub »Spreeborussen« regelmäßig zu den Spielen, die Wochenenden waren immer verplant. Wenn man so will, war ich also das Gegenteil.

Wie reagierten Ihre neuen Freunde aus Berlin auf die Tatsache, dass Sie, obwohl doch politisch interessierter Student, einem Fußballverein quer durch die Deutschland nachreisten?
Ich zog zunächst nach Neukölln und 1986 schließlich nach Kreuzberg. Es dauerte lange, bis mein neues Umfeld meine Leidenschaft akzeptierte. Die Antifa-Leute konnten es zunächst nicht begreifen, dass ich meine Wochenenden mit Trunkenbolden und Faschos verbrachte. Es dauerte, bis sie begriffen, dass nicht nur Nazis in den Kurven standen und man im Zweifel als linker Fan auf der Tribüne perfekte Basisarbeit leisten konnte. Wo war man dem Feind denn schon so nahe?

Sie müssen sich wie ein Einzelkämpfer gefühlt haben.
Lange Zeit ja, aber bei regelmäßigen Treffen von Fanzine-Machern fanden sich Gleichgesinnte, der linke Mythos St.Pauli kam auf, und auch in Berlin fand ich plötzlich und unerwartet einen Aufruf linker Fußballfans, sich zu treffen.

Wie viele Leute kamen?
Zwei. Ein St.Pauli-Fan und einer, der zwar mit Fußball sympathisierte, aber laut eigener Aussage keinen Verein unterstützte. Wir hatten trotzdem einen schönen Abend. Und gründeten bald darauf die »Antifaschistische Faninitiative« samt eigenem Fanladen.

Wie haben Sie die Verbindung nach Mönchengladbach gehalten?
Ich war ja weiterhin regelmäßig bei den Spielen präsent. Und als sich 1988 das Gladbacher Fanprojekt gründete, war ich mit dabei und arbeitete von Berlin aus als Geschäftsführer.

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Verein aus?
Bei der Borussia hatten wir vergleichsweise noch rosige Zustände, weil es mit Helmut Grashoff einen Verantwortlichen im Klub gab, der die Belange der Fans ernst nahm und deshalb die Arbeit des Fanprojekts schätzte. Außerdem war Gladbachs Fanszene damals deutlich aufgeklärter, als beispielsweise in Dortmund oder Berlin. Natürlich gab es auch bei uns Nazis, aber die fassten als Gruppe nie richtig Fuß. Dass Borussia Mönchengladbach der erste Klub war, der einen Aufruf gegen Nazis in seiner Stadionzeitung veröffentlichte, war daher keine große Überraschung. Generell hatten Fanprojekte oder Fans, die sich für ihre Szene einsetzten, allerdings einen sehr schweren Stand bei ihren Vereinen.

Wie haben Sie es geschafft, als Fanprojektler mit Sitz in Berlin die Gladbacher Fanszene nachhaltig zu erreichen?
Wie gesagt: Ich hatte ja durch die regelmäßige Teilnahme bei Spiel- und Partybesuchen sehr häufig und regelmäßig Kontakt zur Szene. Später, als Fanbeauftragter, koordinierte ich meine Termine immer so, dass ich vor Heimspielen noch Zeit für Treffen mit Journalisten, Vereinsvertretern oder der örtlichen Polizei hatte. Ein ganz wichtiges Organ für unsere Arbeit war »Nordkurve«, das Fanmagazin. Das habe ich selbst von Berlin aus mit Inhalten gefüllt, gedruckt und vertrieben. Ein riesiger Aufwand, aber die paar hundert Ausgaben, die schließlich am Bökelberg verkauft wurden, erzielten ihre Wirkung. Einmal veröffentlichte ich in »Nordkurve« die vollständigen Namen von Gladbacher Fans, die offen mit Neonazis sympathisierten bzw. einer neonazistischen Organisation angehörten. Ein kleiner Skandal, aber in der Kurve wurde darüber gesprochen – das konnte man durchaus als Erfolg verbuchen.

Wie reagierten die genannten Personen?
Die sprachen mich beim nächsten Spiel direkt an.

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