Theo Weiss, der erste Fanbeauftragte der Bundesliga

»Fußball lebt durch die Verrückten«

Er war der erste Fanbeauftragte der Bundesliga. Ein Gladbach-Fan, der in West-Berlin wohnte. Theo Weiss ist ein Pionier der aktiven Fanszene. Wir trafen ihn zum Interview.

Theo Weiss, wie wird man der erste Fanbeauftragte der Bundesliga?
Ich wurde 1962 in Siegen geboren, verguckte mich in Borussia Mönchengladbach, gründete Anfang der achtziger Jahre meinen ersten Fanclub »Siegerland« – und erhielt 1989 einen Anruf von Borussias Manager Helmut Grashoff. Das ist die Kurzversion.

Was hat Sie an der Arbeit mit Fans fasziniert?
Schon zu Fanklub-Zeiten war ich Mitherausgeber eines Fanzines, dem »Fanklub-Echo« – im Vorzeitalter des Internets die ideale Möglichkeit, um innerhalb der Fanszene miteinander zu kommunizieren und die Wünsche und Belange der Fans öffentlich zu machen. Ich komme politisch aus der linken Ecke, und studierte dann auch Soziologie und Politik. Zugleich war ich eingefleischter Fußballfan. Kein Mensch schien sich damals für die Fans zu interessieren. Fußballfans als Jugendkultur wollte niemand akzeptieren. Übrigens auch nicht die linken Studenten – für die waren Fans lediglich gewaltbereite Vollproleten.

Sie wollten das Gegenteil beweisen?
Vor allem genoss ich die Gemeinschaft als aktiver Anhänger von Borussia Mönchengladbach. Auch aus Berlin fuhr ich seit 1986 mit meinem zweiten Fanclub »Spreeborussen« regelmäßig zu den Spielen, die Wochenenden waren immer verplant. Wenn man so will, war ich also das Gegenteil.

Wie reagierten Ihre neuen Freunde aus Berlin auf die Tatsache, dass Sie, obwohl doch politisch interessierter Student, einem Fußballverein quer durch die Deutschland nachreisten?
Ich zog zunächst nach Neukölln und 1986 schließlich nach Kreuzberg. Es dauerte lange, bis mein neues Umfeld meine Leidenschaft akzeptierte. Die Antifa-Leute konnten es zunächst nicht begreifen, dass ich meine Wochenenden mit Trunkenbolden und Faschos verbrachte. Es dauerte, bis sie begriffen, dass nicht nur Nazis in den Kurven standen und man im Zweifel als linker Fan auf der Tribüne perfekte Basisarbeit leisten konnte. Wo war man dem Feind denn schon so nahe?

Sie müssen sich wie ein Einzelkämpfer gefühlt haben.
Lange Zeit ja, aber bei regelmäßigen Treffen von Fanzine-Machern fanden sich Gleichgesinnte, der linke Mythos St.Pauli kam auf, und auch in Berlin fand ich plötzlich und unerwartet einen Aufruf linker Fußballfans, sich zu treffen.

Wie viele Leute kamen?
Zwei. Ein St.Pauli-Fan und einer, der zwar mit Fußball sympathisierte, aber laut eigener Aussage keinen Verein unterstützte. Wir hatten trotzdem einen schönen Abend. Und gründeten bald darauf die »Antifaschistische Faninitiative« samt eigenem Fanladen.

Wie haben Sie die Verbindung nach Mönchengladbach gehalten?
Ich war ja weiterhin regelmäßig bei den Spielen präsent. Und als sich 1988 das Gladbacher Fanprojekt gründete, war ich mit dabei und arbeitete von Berlin aus als Geschäftsführer.

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Verein aus?
Bei der Borussia hatten wir vergleichsweise noch rosige Zustände, weil es mit Helmut Grashoff einen Verantwortlichen im Klub gab, der die Belange der Fans ernst nahm und deshalb die Arbeit des Fanprojekts schätzte. Außerdem war Gladbachs Fanszene damals deutlich aufgeklärter, als beispielsweise in Dortmund oder Berlin. Natürlich gab es auch bei uns Nazis, aber die fassten als Gruppe nie richtig Fuß. Dass Borussia Mönchengladbach der erste Klub war, der einen Aufruf gegen Nazis in seiner Stadionzeitung veröffentlichte, war daher keine große Überraschung. Generell hatten Fanprojekte oder Fans, die sich für ihre Szene einsetzten, allerdings einen sehr schweren Stand bei ihren Vereinen.

Wie haben Sie es geschafft, als Fanprojektler mit Sitz in Berlin die Gladbacher Fanszene nachhaltig zu erreichen?
Wie gesagt: Ich hatte ja durch die regelmäßige Teilnahme bei Spiel- und Partybesuchen sehr häufig und regelmäßig Kontakt zur Szene. Später, als Fanbeauftragter, koordinierte ich meine Termine immer so, dass ich vor Heimspielen noch Zeit für Treffen mit Journalisten, Vereinsvertretern oder der örtlichen Polizei hatte. Ein ganz wichtiges Organ für unsere Arbeit war »Nordkurve«, das Fanmagazin. Das habe ich selbst von Berlin aus mit Inhalten gefüllt, gedruckt und vertrieben. Ein riesiger Aufwand, aber die paar hundert Ausgaben, die schließlich am Bökelberg verkauft wurden, erzielten ihre Wirkung. Einmal veröffentlichte ich in »Nordkurve« die vollständigen Namen von Gladbacher Fans, die offen mit Neonazis sympathisierten bzw. einer neonazistischen Organisation angehörten. Ein kleiner Skandal, aber in der Kurve wurde darüber gesprochen – das konnte man durchaus als Erfolg verbuchen.

Wie reagierten die genannten Personen?
Die sprachen mich beim nächsten Spiel direkt an.



Wie verliefen diese Gespräche?
Sehr moderat. Wir einigten uns schließlich darauf, in Zukunft nicht mehr die vollständigen Namen zu veröffentlichen. Und die Faschos bemerkten, dass es da Leute in der Kurve gab, die genau beobachteten, was sie so trieben.

Was änderte sich für Sie, als aus dem Fanprojektler Theo Weiss 1989 schließlich der erste Fanbeauftragte im deutschen Fußball wurde?
Das war plötzlich ein richtiger Fulltime-Job mit eigenem Büro und 1500 Mark Monatsgehalt. Ich kümmerte mich um Auswärtsfahrten, Betreuung der Fans vor Ort, Veranstaltungen von und mit Fanklubs – eben all das, was ein anständiger Fanbeauftragter auch heute noch tut. Mit der Ausnahme, das ich ziemliches Neuland betrat. Mit Folgen: Eine von mir organisierte Auswärtsfahrt ging planungstechnisch so in die Hose, dass ich dem Veranstalter anschließend mehrere tausend Mark schuldete. Aber auch hier griff mir Helmut (Grashoff) unter die Arme, Borussia beglich die Schulden aus der Vereinskasse.

Welche Erfolge in der Öffentlichkeitsarbeit konnten Sie in dieser Zeit erzielen?
Der deutsche Fan als solcher hatte Ende der Achtziger einen miesen Ruf als ständig besoffener Rowdy, der am Spieltag seine Umwelt terrorisierte. Ich lud verschiedene Journalisten ein, uns auf Auswärtsfahrten zu begleiten. Und siehe da: die Pressevertreter hatten einen tollen Tag. Nach und nach änderte sich der Ton in den Artikeln, wenn es um die Anhänger von Borussia Mönchengladbach ging.

Was würden Sie als größten Erfolg aus Ihrer Zeit als Fan-Pionier bezeichnen?
Den einen ganz großen Moment gab es nicht. Aber ich erinnere mich an das schöne Gefühl, als wir endlich unseren eigenen Infostand vor dem Stadion bekamen: einen alten Campingbus, der als Anlaufstelle für die Fans und Verkaufsstand für »Nordkurve« diente. Leider brannte uns das Teil eines Tages komplett aus.

1990, nach nur einem Jahr als Fanbeauftragter, gaben Sie die Arbeit wieder ab – warum?
Der Aufwand wurde einfach zu groß. Und die Entfernung zwischen Berlin und Mönchengladbach machte sich immer stärker bemerkbar. Ich überlegte gar, wieder zurück in den Westen zu ziehen, aber das wollte ich nicht. Schließlich übergab ich das Amt an Holger Spiecker, der dafür von Wuppertal nach Mönchengladbach zog. Ich blieb der Fanarbeit aus der Ferne aber weiterhin treu. Bis heute besteht ein enger Kontakt zu den verantwortlichen Personen.

Aus der Basisarbeit vor 25 Jahren ist eine sehr lebendige, eigenständige und vor allem große aktive Fanszene geworden. Bei der Fandemo 2010 in Berlin zogen 5000 Fans aus ganz Deutschland durch die Straßen, 2012 zählten die Veranstalter des Fankongresses rund 500 Teilnehmer. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Ich habe mich vor Jahren aus der aktiven Fanarbeit zurückgezogen, meine Meinung war damals: Je mehr Leute mitreden, desto schwammiger werden die Ergebnisse. Inzwischen muss ich sagen, dass mich die Anzahl derer, die sich für die Belange der Fans einsetzen, schwer beeindruckt. Zumal es da eine Menge kluger Köpfe gibt.

Fanprojektler und/oder Fanvertreter sehen sich im Konflikt mit Verein und Verbänden allerdings immer noch nicht ernst genommen bzw. unterrepräsentiert. Hat sich seit 1988 denn nichts geändert?
Doch, schon. Aber das sich viele Vereine noch immer so ignorant verhalten, wenn es um ihre Fans geht, ist erschreckend. Fußball-Anhänger sollen im Idealfall noch immer Kunden sein, die brav ihre Meinung am Eingang abgeben, möglichst viel Geld dalassen und sich dann wieder auf den Heimweg machen. Aber so funktioniert Fußball nicht. So funktionieren vor allem Fußballfans nicht.

Wie funktioniert der Fußball denn?
Das Spiel ist nur deshalb so groß und wichtig geworden, weil es Menschen gab und gibt, die sich mit ihren Vereinen identifizieren, die für den Fußball leben. Die ganzen Verrückten, die eben ab und an auch mal Scheiße bauen. Das müssen die Verantwortlichen endlich begreifen. Wenn Fußball nur noch konsumiert, statt gelebt und geliebt wird, wenn all die Verrückten aus dem Stadion vertrieben worden sind, dann ist es vorbei. Dann geht der Fußball vor die Hunde.

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