»Teddy« de Beer über gute Torhüter

»Ich war kein Drecksack«

Wolfgang de Beer wurde erstmals von seinem Kreisauswahl-Trainer »Teddy« gerufen. Er hütete lange das Tor von Borussia Dortmund und avancierte zum Liebling der Fans. Den Weg in die Nationalmannschaft fand er jedoch nie. »Teddy« de Beer über gute TorhüterImago
Heft #72 11 / 2007
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Herr de Beer, was macht Ihrer Meinung nach einen guten Torwart aus?

Dass er einen sicheren Eindruck macht und seiner Hintermannschaft Sicherheit gibt. Dazu kommt ein technisch sauberes Torwartspiel: Bälle vernünftig fangen und fausten. Außerdem muss er offensive Aktionen gut und schnell einleiten können.

Hatten Sie früher ein Vorbild?

Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als ich auf der Bolzwiese stand – da war Mönchengladbach sehr erfolgreich und der Name Wolfgang Kleff ist oft gefallen. Später war Toni Schuhmacher mit seinem kompromisslosen und wirklich sehr überzeugenden Torwartspiel ein Vorbild. Ich hatte sogar noch das Vergnügen gegen ihn zu spielen und von ihm trainiert zu werden.

Wie sind Sie eigentlich Torwart geworden?

Das war keine bewusste Entscheidung. In der E-Jugend fehlte einmal unser Stammtorwart, und da habe ich mich ins Tor gestellt. Und seit dieser Zeit bin ich nie wieder aus dem Tor herausgegangen.

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Sie haben Möbelschreiner gelernt. Konnten Sie aus dieser Ausbildung auch etwas für ihre Fußballkarriere ziehen?

Ja, und zwar Beharrlichkeit. Weil ich nicht wusste, ob es mit dem Fußball klappen würde, wollte ich die Ausbildung unbedingt beenden. Ich begann dann jeden Tag um sechs mit der Arbeit und verzichtete auf die Mittagspause, um noch rechtzeitig zum Training zu kommen. Das war zwar ein hartes Jahr, in dem ich nur gearbeitet, trainiert und geschlafen habe, aber das konnte ich letztendlich in meine Fußballarbeit einfließen lassen.

Ihr damaliger Co-Trainer beim MSV Duisburg meinte zu der Zeit: »In seinem Alter gibt es weit und breit keinen Besseren.« War das eine Bürde für Sie?

Nein, vielmehr ein Ansporn. Ich habe schon mit 14, 15 Jahren gesagt, dass ich irgendwann in der Bundesliga spielen werde. Dafür wurde ich natürlich belächelt. Aber ich habe dann sehr hart trainiert. In einem Alter, in dem andere in die Diskothek gingen und ihre erste Freundin hatten, bin ich durch irgendwelche Wälder gelaufen und habe mit Medizinbällen trainiert.

Im Frühjahr 1984 absolvierten Sie für die U21 Ihr einziges Länderspiel gegen die UdSSR.


Da ich so lange bei einem kleinen Verein gespielt hatte, konnte ich auch nicht die Jugendnationalmannschaften durchlaufen. Und deswegen war es schon ein großes Erlebnis für mich: Da zu stehen und die Nationalhymne zu hören.

Und dann auch noch gegen den damaligen Klassenfeind.

Auf die politische Ebene habe ich mich gar nicht begeben. Das war ein ganz normales Länderspiel – ob gegen die UdSSR, Polen oder ein westliches Land, war für mich zweitrangig.

Als Duisburg 1986 in die Amateurliga abstieg, wechselten sie für 70 000 Mark zum Bundesligisten Dortmund. Ein großer Sprung für Sie?


Duisburg wollte mich natürlich halten. Ich war damals jung und so vermessen zu sagen: Ich möchte unbedingt in die Bundesliga, weil das schon immer mein Ziel war. Ich hatte den Sommer über erstmal keine Angebote, und nach sechs Wochen ist Dortmund glücklicherweise auf mich zu gekommen. Die suchten damals einen jungen Nachwuchstorwart.

Sie profitierten von der Verletzung Ihres Konkurrenten Rolf Meyer und hielten gleich im ersten Saisonspiel fehlerlos gegen die Bayern. Also war die Bezeichnung »Riese zum Billigtarif« gerechtfertigt?

»Riese« war wohl nicht die richtige Wortwahl, eher »guter Torwart zum günstigen Tarif«. Da haben die Leute gemerkt, dass einer gute Leistungen bringt und nichts gekostet hat. Das war eine richtig gute Saison, in der ich durchstarten konnte.

Bekamen Sie damals auch den Spitznamen »Teddy«?

Nein, den habe ich schon seit frühester Kindheit, noch aus Kreisauswahlzeiten. Ein Jugendtrainer, der sich viele Namen merken musste, las meinen Nachnamen und sagte: Ich nenne Dich einfach »Teddy«.

In Dortmund waren Sie dann sehr schnell »Super-Teddy« und wurden zum Publikumsliebling. Ging das vielleicht alles etwas zu schnell?

Ich glaube nicht. Ich habe mich in der Sommerpause darauf vorbereitet zu spielen. Dass es dann so schnell gehen würde, konnte keiner ahnen. Ich musste mir jede Stufe hart erarbeiten, und ich kam immer recht gut damit klar. Ich habe dem Trainer nicht mehr die Notwendigkeit gegeben zu wechseln.

1990 standen Sie zwar in der engeren Wahl, wurden aber trotzdem nie in die Nationalelf berufen. Lag es an ihren Schwächen in der Strafraumbeherrschung?


Diese Schwächen habe ich nicht so gesehen. Mein Problem war, dass erst Toni Schuhmacher, Eike Immel und Uli Stein gesetzt waren. Die waren mir ein paar Jahre voraus und deswegen war es für mich schwierig. Dann kam gleich die jüngere Generation um Bodo Illgner, die wiederum fünf Jahre jünger war als ich.

Und Dortmund holte den jüngeren Stefan Klos.

Hm.

Und verdrängte Sie.

Ja.

Bis zum Ende.

Korrekt (Pause).

Wie viel Wehmut ist noch dabei?

Das war eine schwierige Situation für mich. Ich war jahrelang die Nummer eins und habe auch erfolgreich gespielt. Dann kam eine Phase, in der ich nicht so sicher gewirkt habe. Daraufhin wurde ich von Ottmar Hitzfeld zurecht aus dem Tor genommen, das muss man so klar sagen. Er hat dem jungen Stefan Klos die Chance gegeben, der sie letztendlich genutzt hat. Ein halbes Jahr später habe ich mir das Schien- und Wadenbein gebrochen und war erstmal ganz raus.

Wie sind Sie damit umgegangen, nur noch Bankdrücker zu sein?


Ich war sehr unzufrieden und dachte daran zu wechseln. In der langen Verletzungspause ist mir klar geworden: Das ist eigentlich der tollste Beruf, den man überhaupt haben kann. In der Zeit habe ich mich dazu entschieden, hinter Stefan Klos die Nummer zwei zu werden und so hart zu trainieren, dass ich ihn zu Topleistungen zwinge.

Also eine Vorbildfunktion?

Genau. Ich hatte mich nicht damit abgefunden, die Nummer zwei zu bleiben, sondern gelernt, im Sinne des Vereins meine Rolle optimal auszufüllen. Ich war derjenige, der die geringste Chance hatte zu spielen, und ich habe trotzdem tagtäglich im Training meine professionelle Leistung gebracht. Das strahlte natürlich auf die anderen Spieler aus. Auch auf die, die nicht unter den ersten Elf waren.

Dortmunds beste Zeit mit Meisterschaften und Champions-League-Sieg erlebten Sie nur noch vom Rand aus.


Das sehe ich anders. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, bei diesem Verein zu bleiben und meine eigene Persönlichkeit in den Hintergrund zu stellen. Wenn du willst, kannst du Theater machen, ein Drecksack sein und Streit säen. Oder du erledigst deinen Job zu 100 Prozent und schaust, was du darüber hinaus für die Mannschaft tun kannst. Das wurde auch vom Verein so gesehen und gewürdigt.

Haben Sie auch nicht an einen Wechsel gedacht, als Jens Lehmann als Ersatz für den zu den Rangers gewechselten Klos geholt wurde?

Zu dem Zeitpunkt war ich schon 34 Jahre alt und hatte meine Fühler in Richtung Trainerschein ausgestreckt. Ich führte die ersten Gespräche mit dem Verein und für mich war klar, dass ich hier bleiben würde.

In den wenigen Spielen, in denen sie für Lehmann spielen durften, hallten immer noch die »Teddy, Teddy«-Rufe über die Südtribüne.


Das war ein sensationelles Gefühl. Vor allem auch nach der langen Zeit, in der ich nicht gespielt hatte. Dann konnte ich gegen Freiburg auch noch einen spielentscheidenden Elfmeter halten, und wir gewannen 2:1. Also ein ziemlich starker Abgang (lacht).

Anderes Thema: Wie wichtig ist die Lobby für einen Nationaltorhüter?

Letztendlich können die Medien nur die momentane Leistung eines Torhüters wiedergeben. Ihr behauptet ja, eine freie Meinung zu haben und frei urteilen zu können. Ich glaube nicht, dass die Presse am Ende soviel Macht hat, dass sie jemanden »reinschreiben« kann.

Uli Hoeneß hat sich vor kurzem ein wenig abschätzig über Robert Enke geäußert. Wen sehen Sie als künftige Nummer 1 im deutschen Tor?

Ohne die Vereinsbrille aufzuhaben, sollten wir Roman Weidenfeller in die Diskussion einbeziehen. Er hat es geschafft, zwei Jahre lang in sämtlichen Sportzeitschriften die Nummer eins in der Rangliste zu werden. Dazu kommen Enke, Hildebrand und in der jüngeren Generation Neuer und Adler – diese fünf werden es unter sich ausmachen.

Welcher dieser Torhüter kommt Ihrem Torwartspiel am nächsten?

Am ähnlichsten ist mir eigentlich Toni Schuhmacher, weil ich mich an ihm geschult habe. Ich habe immer versucht, sein ausdrucksstarkes Spiel nachzuahmen, bei dem sich die gegnerischen Stürmer denken mussten: Dem kannst du überhaupt keinen reinhauen, so wie der im Tor steht.

Der stärkste Torwart aller Zeiten?

Ganz klar: Gianluigi Buffon, ein wirklich kompletter Torwart.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Deutschland immer sehr gute Torhüter hervorgebracht hat?

Die Deutschen sind sehr akribisch und haben auch international den Ruf, sehr genau zu sein. Und das Torwartspiel ist nun mal harte Arbeit. Das liegt uns, weil wir auch nicht so verspielt sind wie andere Nationen, eher sachlicher und nüchterner. Das macht vielleicht nicht immer den Spaß, aber als Torwart muss man zuerst eine sichere Bank sein und kann nicht die ganze Zeit hinten rumkaspern. Es liegt wohl an unserer Mentalität, dass wir so harte Arbeiter sind.

Fliegen Sie in Ihren Träumen noch durch den Strafraum?

Als Teenager habe ich davon geträumt, durch den Gang zu gehen, ins Stadion einzulaufen, die vielen Menschen auf der Tribüne zu erleben. Aber das ist jetzt vorbei. Der Ehrgeiz, den ich früher als Spieler selbst hatte, gilt nun den Torhütern, mit denen ich arbeite. Ich möchte sie besser machen, sie schulen und weiterentwickeln.


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