29.12.2011

Techno-Gott Paul Kalkbrenner über Bayern und Stadionmusik

»Ich mag die positive Arroganz«

Paul Kalkbrenner ist einer der bekanntesten deutschen Techno-Musiker und Teilzeit-Schauspieler. Wir sprachen mit ihm über seine Liebe zum FC Bayern, zeitlos schöne Fußballtrikots und unerträgliche Stadionmusik.

Interview: Andreas Bock Bild: Thomas Lohr
Sie tragen in dem Film ausschließlich ältere Trikots, von Deutschland 1954 und England 1966 über Holland 1974 und Brasilien 1980 bis zu Milan 1988 und Argentinien 1990. Vermissen Sie die gute alte Fußballzeit?

Paul Kalkbrenner: Vielleicht hat das was mit Sehnsucht zu tun. Ich habe in meiner Kindheit Bücher zu Turnieren oder Europapokalwettbewerben verschlungen, ich kannte jedes Ergebnis, jede noch so unwichtige Statistik. Und: Ich hatte das Gefühl, dass ich alle Länder dieser Welt kennen würde. Schlichtweg, weil ich ihre Fußballmannschaften kannte. Mannschaften wie Shamrock Rovers, Belo Horizonte oder Dukla Prag waren mit einem geheimnisvollen Mythos beladen war. Der Geruch der großen, weiten Welt.

Die Trikots, die Sie im Film tragen, stammen aus Ihrem Privatfundus. Wann fing Ihre Sammelleidenschaft an?

Paul Kalkbrenner: Kurz nach der Wende. Das erste Trikot, eins von Inter Mailand, kaufte ich in Saarbrücken für 85 Mark. Danach ging es stetig weiter. Mit meinem Kumpel Sascha Funke (Berliner DJ und Produzent, d. Red.) habe ich mittlerweile eine Sammlung von über 150 Trikots. Bis vor fünf Jahren habe ich die auch noch regelmäßig getragen. Heute trage ich eigentlich nur noch Trikots, wenn der FC Bayern spielt.

Wie ist es eigentlich als Bayern-Fan in Berlin?

Paul Kalkbrenner: Im Gegensatz zum Ausland, wo man als Fan im Bayern-Trikot abgefeiert wird, ist es in Berlin sehr schwierig. Wir haben aber eine kleine Bayern-Clique, mit der wir uns zu jedem Spiel bei mir Zuhause treffen.

Im vergangenen Jahr haben Sie in Ihrer Wohnung sogar ein eigenes WM-Studio gebaut.

Paul Kalkbrenner: Leider verpasse ich viele Fußballspiele, weil ich häufig unterwegs bin. Das sollte mir bei der WM nicht passieren. Daher habe ich im Sommer 2010 eine Auftrittspause gemacht, da ich keine Lust hatte, irgendwo in Spanien zu sein, wenn Deutschland gerade um den Einzug ins Halbfinale spielt. Ich blieb also in Berlin und kaufte mir alle Nationalflaggen der teilnehmenden Nationen. Die Flaggen der jeweils gegeneinander spielenden Teams hängte ich direkt neben meinen Fernseher. Dann lud ich Leute ein. Wir haben diese WM richtig groß zelebriert.

Sie haben jedes Spiel gesehen?

Paul Kalkbrenner: Jedes! Ich war mir vorher eigentlich ziemlich sicher, dass ich ein paar Spiele verpassen werde, doch wer saß mittags um 13:30 Uhr bei Slowenien gegen Algerien vor der Glotze: Icke.

Trotzdem schaffen Sie es, mitunter 250 Tage im Jahr unterwegs zu sein. Gucken Sie auf solchen Tourneen auch Fußballspiele?

Paul Kalkbrenner: Wann immer es geht. Als ich 2010 in Buenos Aires einen Gig vor 60.000 Menschen spielte, dachte ich zunächst: Besser kann es nicht werden. Dann sah ich am nächsten Tag, dass der Superclásico im Monumental (Stadion von River Plate, d. Red.) ansteht. Meine Freundin und ich sind dann zum Stadion und haben tatsächlich noch Karten bekommen. Es war unglaublich.

Was war der Unterschied zu Spielen, die Sie bis dato gesehen hatten?

Paul Kalkbrenner: Ich hatte diese ganzen Klischees vom Superclásico im Kopf, River Plate die Reichen, Boca Juniors die Arbeiter. Das stimmt allerdings nur noch bedingt. In beiden Lagern siehst du Leute unterschiedlicher Herkunft. Was mich beeindruckte: Die Leute sehen sich dort nicht nur ein Fußballspiel an.

Sondern?

Paul Kalkbrenner: Es kam mir vor, als seien sie in einer Kathedrale. Um mich herum standen zum Beispiel etliche Frauen, die auf die Knie sanken und ihre Hände zum Beten vors Gesicht schlugen.

Wie war es für Sie?

Paul Kalkbrenner: Man kann so was natürlich als Koketterie abtun. Doch ich glaube, die Leute fühlten tatsächlich so. Für mich war es jedenfalls ein wunderbares Erlebnis. Und ganz nebenbei war es das erste Fußballspiel, das meine Freundin je im Stadion gesehen hat. Für sie kann es nur noch bergab gehen. (lacht)

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