Techno-Gott Paul Kalkbrenner über Bayern und Stadionmusik

»Ich mag die positive Arroganz«

Paul Kalkbrenner ist einer der bekanntesten deutschen Techno-Musiker und Teilzeit-Schauspieler. Wir sprachen mit ihm über seine Liebe zum FC Bayern, zeitlos schöne Fußballtrikots und unerträgliche Stadionmusik. Best of 2011: Techno-Gott Paul Kalkbrenner über Bayern und StadionmusikThomas Lohr

Paul Kalkbrenner, sind Sie ein Erfolgsfan?

Paul Kalkbrenner: Nein. Wieso?

Sie sind Ost-Berlin aufgewachsen und seit Ihrer Kindheit Anhänger vom FC Bayern. Erklären Sie uns das: Wie wird man in der DDR Bayern-Fan?

Paul Kalkbrenner: Zum einen war der Klub für mich am stärksten präsent. Andererseits stand der FC Bayern für alles, was die DDR nicht war. Er war nicht nur ein gewöhnlicher Fußballklub aus dem imperialistischen Westen, mehr noch: Er war die Ausgeburt des Kapitalismus. Es hatte für mich also etwas Subversives, diesen Verein toll zu finden.

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Sie konnten Ihre Helden aber nie live im Stadion sehen.

Paul Kalkbrenner: Ich hatte einen Kumpel, dem die Eltern alles erlaubten. Der durfte bis tief in die Nacht West-Fernsehen schauen. Bei ihm haben wir regelmäßig Sportschau geguckt. Eine aufregende Sache, fast ein wenig konspirativ, schließlich durfte das sonst niemand erfahren.

Sie konnten nie Smalltalk über Fußball halten?

Paul Kalkbrenner: Nein. Zu Hause schwieg ich mich über mein Samstagsprogramm aus. Meine Eltern wussten nichts von meinen Sportschau-Abenden. Auch in der Schule wurde nicht darüber geredet. Das haben wir uns einfach nicht getraut, die haben uns ja sogar Matchbox-Autos abgenommen. Wenn mich Lehrer fragten, war der BFC Dynamo mein Verein. Ich musste mich dabei aber nicht großartig verbiegen, denn beim BFC spielte ein Held meiner Jugend: Andreas Thom. 

Wer waren denn Ihre Bayern-Helden?

Paul Kalkbrenner: Ich wurde etwa 1985 Fan. Zu der Zeit fand ich Jean-Marie Pfaff, Sören Lerby und Lothar Matthäus toll.

Haben Sie denn selber gespielt?

Paul Kalkbrenner: Ich kickte eine sehr kurze Zeit als Stürmer bei Motor Lichtenberg, für ein Jahr etwa. Aber ich hatte schon in meiner Jugend Knieprobleme, also ließ ich das wieder sein.

Sie sind heute hauptberuflich DJ und Produzent für elektronische Musik. 2008 waren Sie zudem in »Berlin Calling« als Schauspieler aktiv. In dem Film sieht man Sie in beinahe jeder Szene mit einem anderen Fußballtrikot. Welche Idee steckte dahinter? Eine klassische Hommage an den Fußball?

Paul Kalkbrenner: Auch, klar. Doch wir wollten vor allem die Internationalität des Fußballs und der Techno-Kultur abbilden. Außerdem sollten das konkrete Reminiszenzen an die großen Fußballer der vergangenen Dekaden sein. Bei den Leuten kam es gut an. Niederländer oder Deutsche freuten sich, wenn Ickarus (Name des Protagonisten in »Berlin Calling«, d. Red.) mit einem Cruyff- oder Walter-Trikot rumläuft. Franzosen oder Brasilianer, wenn er ein Pele- oder Platini-Trikot trägt.



Nur die Italiener konnten sich nicht freuen.

Paul Kalkbrenner: Die musste ich enttäuschen. Wir hatten kurz nach der WM 2006 mit dem Dreh angefangen. Damals konnte ich einfach kein Trikot der italienischen Nationalmannschaft mehr sehen.

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Sie tragen in dem Film ausschließlich ältere Trikots, von Deutschland 1954 und England 1966 über Holland 1974 und Brasilien 1980 bis zu Milan 1988 und Argentinien 1990. Vermissen Sie die gute alte Fußballzeit?

Paul Kalkbrenner: Vielleicht hat das was mit Sehnsucht zu tun. Ich habe in meiner Kindheit Bücher zu Turnieren oder Europapokalwettbewerben verschlungen, ich kannte jedes Ergebnis, jede noch so unwichtige Statistik. Und: Ich hatte das Gefühl, dass ich alle Länder dieser Welt kennen würde. Schlichtweg, weil ich ihre Fußballmannschaften kannte. Mannschaften wie Shamrock Rovers, Belo Horizonte oder Dukla Prag waren mit einem geheimnisvollen Mythos beladen war. Der Geruch der großen, weiten Welt.

Die Trikots, die Sie im Film tragen, stammen aus Ihrem Privatfundus. Wann fing Ihre Sammelleidenschaft an?

Paul Kalkbrenner: Kurz nach der Wende. Das erste Trikot, eins von Inter Mailand, kaufte ich in Saarbrücken für 85 Mark. Danach ging es stetig weiter. Mit meinem Kumpel Sascha Funke (Berliner DJ und Produzent, d. Red.) habe ich mittlerweile eine Sammlung von über 150 Trikots. Bis vor fünf Jahren habe ich die auch noch regelmäßig getragen. Heute trage ich eigentlich nur noch Trikots, wenn der FC Bayern spielt.

Wie ist es eigentlich als Bayern-Fan in Berlin?

Paul Kalkbrenner: Im Gegensatz zum Ausland, wo man als Fan im Bayern-Trikot abgefeiert wird, ist es in Berlin sehr schwierig. Wir haben aber eine kleine Bayern-Clique, mit der wir uns zu jedem Spiel bei mir Zuhause treffen.

Im vergangenen Jahr haben Sie in Ihrer Wohnung sogar ein eigenes WM-Studio gebaut.

Paul Kalkbrenner: Leider verpasse ich viele Fußballspiele, weil ich häufig unterwegs bin. Das sollte mir bei der WM nicht passieren. Daher habe ich im Sommer 2010 eine Auftrittspause gemacht, da ich keine Lust hatte, irgendwo in Spanien zu sein, wenn Deutschland gerade um den Einzug ins Halbfinale spielt. Ich blieb also in Berlin und kaufte mir alle Nationalflaggen der teilnehmenden Nationen. Die Flaggen der jeweils gegeneinander spielenden Teams hängte ich direkt neben meinen Fernseher. Dann lud ich Leute ein. Wir haben diese WM richtig groß zelebriert.

Sie haben jedes Spiel gesehen?

Paul Kalkbrenner: Jedes! Ich war mir vorher eigentlich ziemlich sicher, dass ich ein paar Spiele verpassen werde, doch wer saß mittags um 13:30 Uhr bei Slowenien gegen Algerien vor der Glotze: Icke.

Trotzdem schaffen Sie es, mitunter 250 Tage im Jahr unterwegs zu sein. Gucken Sie auf solchen Tourneen auch Fußballspiele?

Paul Kalkbrenner: Wann immer es geht. Als ich 2010 in Buenos Aires einen Gig vor 60.000 Menschen spielte, dachte ich zunächst: Besser kann es nicht werden. Dann sah ich am nächsten Tag, dass der Superclásico im Monumental (Stadion von River Plate, d. Red.) ansteht. Meine Freundin und ich sind dann zum Stadion und haben tatsächlich noch Karten bekommen. Es war unglaublich.

Was war der Unterschied zu Spielen, die Sie bis dato gesehen hatten?

Paul Kalkbrenner: Ich hatte diese ganzen Klischees vom Superclásico im Kopf, River Plate die Reichen, Boca Juniors die Arbeiter. Das stimmt allerdings nur noch bedingt. In beiden Lagern siehst du Leute unterschiedlicher Herkunft. Was mich beeindruckte: Die Leute sehen sich dort nicht nur ein Fußballspiel an.

Sondern?

Paul Kalkbrenner: Es kam mir vor, als seien sie in einer Kathedrale. Um mich herum standen zum Beispiel etliche Frauen, die auf die Knie sanken und ihre Hände zum Beten vors Gesicht schlugen.

Wie war es für Sie?

Paul Kalkbrenner: Man kann so was natürlich als Koketterie abtun. Doch ich glaube, die Leute fühlten tatsächlich so. Für mich war es jedenfalls ein wunderbares Erlebnis. Und ganz nebenbei war es das erste Fußballspiel, das meine Freundin je im Stadion gesehen hat. Für sie kann es nur noch bergab gehen. (lacht)

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In Deutschland werden die Fans vor, während und nach dem Spiel mit Kirmesmusik beschallt. Wie halten Sie es in deutschen Stadien aus?

Paul Kalkbrenner: Ein leidiges Theman. Ich bin mir sicher, dass dem Großteil der Stadiongänger diese Beschallung auf den Geist geht. Da muss man nicht mal Musikliebhaber sein. Schlimm war es etwa beim WM-Halbfinale 2006. Direkt nach dem Spiel gegen Italien lief noch das akzeptable »You'll never walk alone«, doch es wurde mit einem Mal ausgeblendet und der Stadion-DJ ging direkt über zu: »Die Hände zum Himmel«. Das war für mich fast genauso schlimm wie die Niederlage gegen Italien.

Wünschen Sie sich musikalische Beratung für Stadion-DJs?

Paul Kalkbrenner: Die Frage ist ja eher: Braucht es überhaupt Musik im Stadion? Wir haben singende Fans, wir haben den Geruch vom Fußball, die Spannung auf das Spiel. Das wird alles von unerträglicher Gute-Laune-Musik plattgewalzt, die in der Kurve eh nur noch als breiige Soundmatsche ankommt.

Sie haben einst in kleinen Berliner Clubs vor 200 Leuten aufgelegt. Heute spielen Sie Konzerte vor 60.000 Fans in Buenos Airess. Können Sie Parallelen zu der Karriere eines Bundesliga-Profis ziehen?

Paul Kalkbrenner: Ach, herrje. Nein! Es gibt eher frappierende Unterschiede. Zum einen müssen Profifußballer viel disziplinierter arbeiten, sie müssen auf zahlreiche Dinge verzichten. Und wenn es mal nicht läuft, können sie nicht mit ihren Kumpels im Proberaum abhängen und einfach mal auf ein paar Eingebungen warten. Der FC Bayern würde so jedenfalls auch gegen Energie Cottbus verlieren. Andererseits werden Fußballer viel stärker durch die Medien gepeitscht. An einem Tag sind sie Superstars, am nächsten nur noch Cheffchen. Zudem wird jede Veränderung kommentiert: Die Farbe der Schuhe, die Tattoos auf dem Arm, die Frisur.

Sie können sich mit gelben Schuhen arrangieren?

Paul Kalkbrenner: Darum geht es nicht. Die Sache ist: Viele von denen sind noch halbe Kinder. Die sind erst 19, 20 oder 21 Jahre alt. Da macht man so was. Da trägt man auch mal gelbe Schuhe oder färbt sich die Haare. Ich bin heute, bei solchen Medienmechanismen, jedenfalls froh, dass ich mit 21 noch nicht jeden Tag in irgendeiner Zeitung abgebildet wurde.

Die meisten Fußballer sagen, sie interessieren sich nicht für die Kicker- oder Sportbild-Noten. Wie ist es bei Ihnen: Schauen Sie auf Rezensionen?

Paul Kalkbrenner: Ich schaue mir veröffentlichte Artikel an, doch keine Kundenbewertungen auf Portal xy. Und: Ich google mich nicht mehr. Damit fährt man ganz gut. Als Fußballer wäre das sicherlich auch hilfreich, doch vermutlich ist es im Fußballgeschäft viel schwieriger, die Presse zu ignorieren. Letztendlich muss man sich allerdings immer fragen: Was sagt eine Bild-Note aus? Was eine Kicker-Note? Das sind doch nichts weiter als radikal subjektive Eindrücke eines Reporters, die krass auseinandergehen. Bei mir reicht die Kritik heute ebenfalls von »Beste Platte aller Zeiten« bis »Schlechteste Platte aller Zeiten«. Mit dem Erfolg polarisiert man eben viel stärker. Und da haben wir die Parallele: Denn das ist beim Fußball ähnlich, siehe der FC Bayern.

Sie sind also wie der FC Bayern?

Paul Kalkbrenner: Wenn ich mir heute wieder einen Klub aussuchen müsste, wäre es jedenfalls wieder der FC Bayern. Der Klub hat Millionen Menschen, die ihn hassen. Und er hat Millionen, die ihn lieben. Hand aufs Herz: Das ist doch besser als Millionen Menschen, die dich einfach nur ganz okay finden. Mir geht es als DJ jedenfalls ähnlich.

Sie spüren auch das oft beschworene Mia-san-mia-Gefühl?

Paul Kalkbrenner: Ich mag diese positive Arroganz: Wir sind der FC Bayern und wir gucken nur auf uns. Wir sind ein eingeschworene Gemeinschaft. Wer einmal zur Familie gehört hat, bleibt in der Familie. Schauen Sie nur, wer dort alles einen Job bekommen hat. Man kümmert sich um seine Schäfchen. Daher ist beim FC Bayern auch jeder Praktikant ein Champions-League-Sieger.  

Wer ist Ihr aktueller Lieblingsspieler?

Paul Kalkbrenner: Toni Kroos. Der wird schon mit Lionel Messi verglichen. Einige lachen drüber. Doch ich finde das gar nicht so lächerlich. Ich glaube jedenfalls nicht, dass Messi aus dem Stand millimetergenaue 50-Meter-Pässe schlagen kann. Außerdem finde ich Jerome Boateng super. Endlich mal wieder ein Berliner, der was reißt. Es gibt kaum einen, der Innen und Außen so gut verteidigen kann.

Kennen Sie ihn noch aus Hertha-Zeiten?

Paul Kalkbrenner: Gar nicht. Ich habe ihn auch nie auf einer Show in Berlin gesehen. Auch nicht die anderen aus der Clique. 

Haben Sie denn Fans unter den Bundesliga-Profis?

Paul Kalkbrenner: Weiß ich nicht. Ich habe kürzlich eine inoffizielle Einladung an die Lizenzspieler des FC Bayern für mein Konzert in München verschickt. Das findet am 2. und 3. Dezember statt, wenige Tage vor dem finalen Gruppenspiel gegen Manchester City. Vieles hängt also davon ab, wie die Bayern das Spiel gegen Villareal bestreiten. Ein Sieg heute Abend wäre nicht nur für den Klub wichtig, sondern auch für mich persönlich. Das hätte doch was: Mario Gomez und Franck Ribery im Publikum. (lacht)

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