taz-Redakteur Wallraff über die Klinsmann-Karikatur

»Wir warten gelassen ab«

Klinsmann am Kreuz. Mit einer Karikatur auf der Titelseite sorgte die taz jüngst für Aufsehen im Bayern-Umfeld. Wir sprachen mit Lukas Wallraff, Chef vom Dienst bei der taz, über humorlose Kritiker und den heiligen Geist. taz-Redakteur Wallraff über die Klinsmann-KarikaturImago

Die Klinsmann-Karikatur, die am Ostersamstag auf der Titelseite Ihrer Zeitung zu sehen war, sorgte nicht nur in München für reichlich Aufruhr. Jürgen Klinsmann sieht seine Menschenwürde und sein Persönlichkeitsrecht »zutiefst und massiv verletzt« und droht jetzt mit einer Klage. Sind Sie überrascht über diese Reaktion?

Wir waren schon überrascht, dass Jürgen Klinsmann selbst diesen Schritt unternommen hat, zumal er im ersten Interview eigentlich cool reagiert hat. Für die meisten Leute war sofort erkennbar, dass unsere Titelseite nicht gegen die Person Klinsmann gerichtet war, sondern ganz im Gegenteil den brutalen Umgang mit ihm dargestellt hat.

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Welche Reaktionen erfahren Sie aus der Leserschaft?


Zunächst gab es Proteste, vor allem von christlicher Seite, die sich auf den ihrer Meinung nach unwürdigen Umgang mit christlichen Symbolen bezog. Inzwischen kommen vermehrt auch Gegenreaktionen, die unsere Titelseite verteidigen und den Kritikern Humorlosigkeit vorwerfen. Insgesamt kommen natürlich mehr Reaktionen als bei normalen Titelseiten.

Wie geht die taz jetzt weiter mit der »Causa Klinsmann« um?

Wir rechnen damit, dass das Verständnis für die Botschaft der Titelseite wächst und die Einsicht zunimmt, dass es eine satirische Darstellung war, die sich in keinster Weise gegen die Person Jürgen Klinsmann gerichtet hat.

Es herrscht also keine Angst in den Redaktionsräumen?

Nein. Wir warten gelassen ab, ob weiterhin versucht wird, gegen uns vorzugehen. Wir freuen uns über die vielen positiven Reaktionen und zahlreichen Kommentare, die ja eindeutig davon zeugen, dass die meisten Leute verstanden haben, was wir gemeint haben.

Könnte man die Posse um diese Karikatur auch als Beweis dafür sehen, dass die Bayern nach den blutleeren Vorstellungen der letzten Wochen etwas dünnhäutig geworden sind?

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bayern auch deshalb so empfindlich reagiert haben, weil sich manche Akteure angesprochen fühlten. Rund um das Spiel in Barcelona ließen ja manche hohen Bayern-Granden öffentlich deutliche Zweifel an Klinsmann anklingen. Das dürfte weitaus mehr zu der Anti-Klinsmann-Sprechchören bei den letzten Heimspielen beigetragen haben als unser Klinsmann-freundliches Titelbild.

Der Mediendirektor des FC Bayern, Markus Hörwick, hat Ihre Darstellung jüngst als »die vielleicht schlimmste Entgleisung, die es in den deutschen Medien jemals gegeben hat«, bezeichnet. Was fällt Ihnen dazu noch ein?

Das spricht ja eigentlich für sich selbst. Das geistreichste Wort in diesem Satz war das Wörtchen »vielleicht«. Vielleicht sollte Herr Hörwick mal in historischen Zeitungsarchiven kramen und dabei auch die Hauspostille seines Präsidenten begutachten,.

Als Jürgen Klinsmann vor der Saison als Bayern-Trainer vorgestellt wurde, titelte Ihre Zeitung »Gott ist tot«, am Ostersamstag die Karikatur, die ihn am Kreuz zeigt. Was erwartet uns, wenn die Bayern am Ende Saison Bilanz ziehen werden?

Das dürfte dann ja kurz vor Pfingsten sein. Was bleibt uns dann für eine andere Möglichkeit, als den heiligen Geist auf die Bayern nieder fahren zu lassen? (lacht).

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