13.03.2013

Taktloss über den FC Bayern, Sócrates und Playmobil

»Wenn schon sterben, dann auf dem Platz!«

Dieser junge Mann stand einst kurz vor der großen Fußballkarriere – doch der Trainer ließ ihn nicht mitspielen. Später nannte er sich Taktloss und wurde Musiker. Wir trafen ihn in seinem Berliner Versteck und sprachen über den FC Bayern, Playmobil und das Leben von Mario Balotelli.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Was halten Sie von Zlatan Ibrahimovic?
Ich habe zu wenig komplette Spiele von ihm gesehen, um ihn wirklich beurteilen zu können. Ich denke, er kann gute Tore machen.
 
Er kann Fallrückzieher aus 30 Metern.
Ja.
 
Gesehen?
Wer nicht?! Er hat auch noch ein zwei andere tolle Tore gemacht.
 
Bei der EM 2004 hat er den Ball mit der Hacke über Italiens Keeper Gianluigi Buffon ins Tor gelupft.
Das beste Tor, das ich je gesehen habe, hat aber Dennis Bergkamp geschossen. Vielleicht gibt es bessere Tore, aber aufgrund meiner Sympathien ist es das beste Tor. Arsenal spielte damals in der Liga gegen Newcastle. Bergkamp wartete auf ein Anspiel, direkt am Strafraum, direkt am Gegenspieler, mit dem Rücken zum Tor. Dann hat er eine Pirouette gedreht – um sich, um den Gegenspieler – und den Ball mit dem Außenrist am Gegenspieler vorbei gelegt. Am Ende knallte er den Ball ins Tor.
 
Ein großartiger Spieler.
Ja. Er hatte Flugangst.
 
Zlatan Ibrahimovic sagt von sich: »Ich bin der Größte. Hinter Ali«. Was denken Sie darüber: Ein selbstbewusster Spieler oder ein Angeber?
Er hat doch gute Tore gemacht. Warum soll man da nicht angeben?
 
Haben die Helden Ihrer Kindheit auch so rumgetrötet?
Zico, Sócrates, Paul Breitner? Eher nicht. Diego Armando Maradona vielleicht ein wenig.
 
Ihre Lieblingsmannschaften sind Bayern und Brasilien?
Ja.
 
Erfolgsfan?
Als Kind orientiert man sich doch an den erfolgreichen Mannschaften. Wobei Brasilien ja gar nicht erfolgreich war. Die haben in den achtziger Jahren fantastischen Fußball gespielt, sind aber bei den Weltmeisterschaften ausgeschieden. Begeistert war ich auch von Pelé. obwohl er vor meiner Geburt gespielt hat. Ich habe seit meiner Kindheit ein Fußballbuch mit Porträts der größten Fußballstars aller Zeiten. Die Fotos darin, wie Pelé jubelt, sein Gesichtsausdruck – deswegen wollte ich auch Weltmeister werden.

Tragisch gescheitert. Wie auch Brasilien bei der WM 1986 in einem der besten Fußballspiele aller Zeiten.
Viertelfinale gegen Frankreich. Elfmeterschießen. Und Sócrates hämmert den Ball übers Tor. Da habe ich ihn und seine Standelfmeter aber verflucht.
 
Deutschland spielte in jenen Jahren zwar erfolgreichen, aber auch hölzernen Fußball.
Die deutschen Tugenden gepaart mit brasilianischer Fußballkunst, so wollte ich damals spielen. Ich wollte mir von jedem seine Stärken abgucken und dann das Beste draus machen. Ich mochte vor allem Paul Breitner. Auch weil der Sportschaureporter stets voll des Lobes für ihn war. Oder Dieter Hoeneß. Ein Bild aus meiner Kindheit: Hoeneß köpft mit blutigem Schädel das 4:2 im Pokalfinale gegen den 1. FC Nürnberg. Wie kann man da nicht Bayern-Fan werden?
 
Sind Sie Fußballromantiker?
Ich finde den Fußball von heute besser. Früher hattest du ein paar Szenen, die interessant waren. Heute hast du 90 Minuten Spektakel. (Pause) Manchmal. Bei Barcelona öfter. Das heutige Barca ist eine Weiterentwicklung des Arsenal-Stils um die Jahrhundertwende und vielleicht macht Bayern bald den nächsten Schritt.
 
Würden Sie gerne ein Leben wie das von Kevin-Prince Boateng oder Mario Balotelli führen?
Ich weiß ja nicht, was die für ein Leben haben.
 
Mario Balotelli fährt einen Bentley Continental GT mit Camouflage-Aufdruck und bekommt nun eine Statue seiner Jubelpose. Er verdient in einem Jahr über fünf Millionen Euro.
Mit Fußball sehr viel Geld verdienen, fände ich geil. Man kann ja überlegen, was man mit den Piepen macht.
 
Was würden Sie denn damit machen?
Ich würde mich nicht mit einem Camouflage-Auto oder im Glitzer-Outfit ablichten lassen. (überlegt) Wobei ich Angeber eigentlich mag.
 
Was halten Sie von Cristiano Ronaldo?
Der ist mir nicht sympathisch. Der ist eine Tormaschine, aber das Spektakel, das ihm nachgesagt wird, habe ich bisher nicht gesehen. Ich sage nur Messi! Haben Sie letztens mitbekommen, wie Ronaldo in einem Spiel drei Tore gemacht hat und Messi ein oder zwei Tage später vier Tore schoss? Das ist cool!
 
Wie fanden Sie Zinedine Zidanes Antwort auf Marco Materazzi?
Ich saß alleine zu Hause vor dem Fernseher und habe geweint.
 
Man könnte auch von einem epochalen Abgang sprechen.
Ach! Das war ein Fehler. Frankreich war doch besser als Italien. Zidane hätte mit dem WM-Titel abtreten können.
 
Was hat Ihnen an Zidane gefallen?
Er war ein Künstler, wahnsinnige Übersicht, unglaubliches Spielverständnis, grandiose Technik.
 
Haben Sie sich den Film »Zidane: A 21st Century Portrait« angesehen?
Ja.
 
Komplett?
Ja.
 
Eine buddhistische Übung.
Ich saß im Kino und habe dafür gezahlt. Vermutlich bin ich deswegen bis zum Ende geblieben. Ich erinnere mich eigentlich nur noch an sein ständiges Rufen: »Aqui, aqui« – hier, hier. So ging das 90 Minuten, ansonsten ist ja nicht viel passiert.
 
Kennen Sie den Film »Fußball wie noch nie« von Hellmuth Costard?
Nein.
 
Costard hat bei einem gewöhnlichen Ligaspiel 90 Minuten lang George Best beobachtet.
Muss anstrengend gewesen sein. Ich mag Eric Cantona.
 
Wieso?
Ich mag seine Filme. Zum Beispiel »Looking for Eric«. Oder seine Dokumentation »Rebellen am Ball«, die kürzlich auf Arte lief. Großartig. Vor allem die Beiträge zu Didier Drogba und Sócrates.
 
Gibt es heute noch Rebellen im Fußball?
Drogba. Ansonsten? Ich weiß nicht. Vielleicht wird in 15 Jahren wieder so eine Dokumentation erscheinen und man wundert sich, dass Spieler X oder Spieler Y 2013 der große Rebell gewesen ist. Haben Sie darüber Informationen?
 
Worüber?
Über rebellische Aktivitäten im Fußball.
 
Nein.
Aha.
 
(Pause)
 
Wie auch immer: Ich mag Fußballfilme.
 
Wie sieht es aus mit »The Firm«?
Kenne ich nicht.
 
Es geht um die »Inter City Firm«, die Hooliganbande von West Ham United.
Man schaut Leuten dabei zu, wie sie sich gegenseitig vermöbeln? Ist doch Quatsch. Da schaue ich mir lieber »Flucht oder Sieg« (Spielfilm von 1981 mit Sylvester Stallone und Pelé, d. Red.) an.
 
Wie gucken Sie Fußballspiele?
Alleine. Zuhause. Vorm Fernseher. Manchmal rufe ich Dinge. Zum Beispiel: »Der Idiot«, wenn Neuer einen Ball unterläuft. Oder »Tor«, wenn ein Tor fällt.
 
Aha.
Manchmal trage ich auch ein Trikot. (Pause) Ein gefälschtes Trikot. (Pause) Aus dem asiatischen Raum.
 
Mit Fehldruck?
Ich habe mehrere gefälschte Trikots, alle mit Rechtschreibfehlern. Beim Bayern-Trikot aus der Saison 2011/12 ist bereits nach einem Waschgang ein Punkt vom Telekom-T abgegangen.
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