Sylvia Schenk über Korruption im Sport

»Handelt Blatter rein taktisch?«

Sylvia Schenk von »Transparency International« kämpft seit Jahren gegen Korruption im internationalen Sport. Wir sprachen mit ihr über die WM-Vergabe und Sepp Blatters Qualifikation als Anti-Korruptions-Kämpfer. Sylvia Schenk über Korruption im SportImago

Sylvia Schenk, nach welchen Kriterien wird eine WM vergeben?

Sie wird nicht einfach an den Meistbietenden verkauft, falls Sie das meinen. Entscheidend sind mehrere Punkte: Die Einnahmen, also vor allem die Vermarktung der Fernsehrechte. Ein Beispiel: Wenn die WM in Asien stattfindet, ist das wegen der Zeitverschiebung schlecht für den europäischen Markt. Dann ist die Infrastruktur wichtig: Will man die weiten Wege in Russland auf sich nehmen? Außerdem das Klima: Wie geht man mit der Hitze in Katar um? Darüberhinaus hat die FIFA Interesse daran, den Fußball in bestimmten Regionen voran zu bringen. Südafrika hat den Zuschlag auch deshalb bekommen, weil Afrika entwickelt werden sollte.

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Wenn man Sie so hört, könnte man meinen, Schmiergeld und Korruption würden bei der Entscheidung keine Rolle spielen.

Ich habe da gerade nur die sachlichen Kriterien genannt. Es ist nicht auszuschließen, dass Einzelne sich dafür wenig interessieren und anstatt dessen lieber gucken, von wem sie Geld einstreichen können. Dies wird den beiden Mitgliedern des Exko (FIFA-Exekutivkomitee, die so genannte »Weltregierung« des Fußballs, d. Red.) Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii aus Tahiti vorgeworfen, die ein finanzielles Angebot nicht abgelehnt haben. Deshalb hat die Ethikkommission der FIFA sie suspendiert und von der morgigen Stimmabgabe ausgeschlossen.

Auch ein weiteres Mitglied des Exko, Ricardo Teixeira aus Brasilien, hat seine Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. Aber er wird morgen als Mitglied des Exko abstimmen.

Teixeira soll durch Verträge mit dem brasilianischen Verband von der WM 2014 in Brasilien in hohem Umfang profitieren. Wenn das zutrifft, bereichert sich ein Funktionär an seiner eigenen Veranstaltung. Auch hier müsste die FIFA also tätig werden.

Hätte die FIFA Teixeira für die morgige Abstimmung nicht auch aus dem Verkehr ziehen müssen?

Teixeira wird nicht beschuldigt, für die morgige Entscheidung bestochen worden zu sein. Er ist ein gewählter Vertreter. Den können sie nicht einfach kurzfristig feuern. Gleiches gilt für andere Beschuldigte.

Ihre Organisation hat trotzdem eine Verlegung der WM-Vergabe empfohlen. Warum?

Man hätte eine endgültige juristische Entscheidung gegen Temarii und Adamu abwarten müssen. Temarii will jetzt Berufung gegen seine Suspendierung durch die Ethikkommission einlegen. Was passiert, wenn er Recht bekommt? Dann hat die FIFA ihn von der Abstimmung ausgeschlossen, obwohl er nicht rechtmäßig verurteilt war. Das könnte sogar dazu führen, dass die ganze Wahl irregulär ist.

Sepp Blatter galt in der Vergangenheit nicht gerade als Gegner der Korruption. Jetzt tritt er auf einmal als Reiniger auf. Wie passt das zusammen?

Die Frage ist: Handelt Blatter im Moment rein taktisch oder hat er kapiert, dass es so nicht weiter gehen kann? Erst in den kommenden Wochen und Monaten wird man sehen, ob er nur versucht die Sache auszusitzen, oder ob er dann wirklich daran geht, die offenen Fragen abzuarbeiten.

Angenommen er will die FIFA verändern: Wäre er nicht der denkbar schlechteste Mann für den Job?

Um die FIFA zu verändern, muss man sie kennen und die Macht haben. Wenn jemand, der mit Korruption nichts zu tun hat, mit den besten Absichten Präsident werden würde, wird er ohne ausreichende interne Machtbasis scheitern. Da müssten vorher noch viele andere auch ausgetauscht werden. So gesehen hätte Blatter bessere Durchsetzungsmöglichkeiten – er muss es nur wollen.

Was würden wir erfahren, wenn WikiLeaks interne Dokumente über die Praktiken der FIFA veröffentlichen würde?

Wir würden vor allem auch einiges über die korrupten Praktiken von beteiligten Unternehmen, nationalen Verbänden, Bewerberorganisationen und der dazugehörigen Staaten erfahren. Denn eines sollte man nicht vergessen: Bei Korruption gibt es immer zwei, einen der nimmt und einen der gibt.

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