13.02.2010

Sven Regener über Klaus und Klaus

»Bremen ist Fun-Punk«

Sven Regener ist Autor (»Herr Lehmann«) und Sänger der Band »Element of Crime«. Das neue Album heißt »Immer da wo du bist bin ich nie«. Tatsächlich geht er nie ins Stadion. Kann man mit so einem über Fußball reden? Und wie!

Interview: Andreas Bock und Dirk Gieselmann Bild: Benjamin Apitius
Hat es in Ihrer Jugend einen Schlüsselmoment gegeben, in dem Sie wussten: Fußball ist mein Sport, Fußball ist geil.

Sven Regener:  Ich habe als Kind Judo gemacht. Als ich mit dem Gitarre spielen anfing, habe ich dann damit aufgehört. Ich wollte Fingernägel – und du kannst kein Judo machen mit langen Fingernägeln. Eigentlich komme ich aber aus einer Wassersportfamilie – und urplötzlich war ich das musikalische Kind in der Familie, mit dem keiner gerechnet hat.

Wann haben Sie zuletzt gegen einen Ball getreten?

Sven Regener:  Ich war nie ein großer Fußballspieler. Ich habe zuletzt bei einer Thekenmannschaft mitgespielt, nur ein, zwei Mal, dann hat mich das schon genervt. Plötzlich erkannte ich meine Kumpels nicht mehr, die mutierten beim Fußballspielen zu totalen Arschlöchern, zu brüllenden Feldwebeln. Ich dachte nur, was sind das denn jetzt für Typen, wo kommen die denn her? Was haben die denn für Testosteronspritzen genommen?

Sie sind Individualsportler?

Sven Regener:  Ich bin gar kein Sportler. Ich war beim Fußball immer nur im Tor. Und selbst davon habe ich schon extrem Muskelkater bekommen.

Vielleicht sollten Sie dann ein Traineramt übernehmen.

Sven Regener:  Ja, das fände ich schon sehr reizvoll. Das ist ja auch die Seite am Fußball, die mich am meisten interessiert. Spieler, die Ladehemmung haben, ganze Mannschaften, die zusammenbrechen und wiederauferstehen aus unerkennbarem Anlass. In der Musik gibt es das ja auch, dass man als Produzent mit der Erfahrung, die man hat, den Leuten hilft, die Platten aufzunehmen, die künstlerische Betreuung übernimmt, Tipps gibt, wie das besser ginge, worauf sie achten sollen. 

Wären Sie als Trainer eher Jürgen Klinsmann oder Thomas Schaaf?

Sven Regener:  Hören Sie mir auf mit Klinsmann und seinem Motivationstrainersprech, diesem sciencetoligyartigen Gequatsche. »Haut sie durch die Wand« und dieser ganze Scheiß. Und Christoph Daum mit seinen Glasscherben. Wissen Sie, so einen Kack nenne ich nicht Psychologie. Das waren die fiesen 90er, als diese ganzen Motivationstrainer aufkamen und ganze Kongresshallen mit Leuten füllten und einem erzählen wollten, wie man im Leben erfolgreicher ist. Dann lieber Thomas Schaaf oder Hans Meyer, die sagen: »So, passt mal auf, was wir hier besprechen, geht die da draußen nichts an!« Trainer, die den Deckel draufhalten.

Der bärbeißige Thomas Schaaf gilt in der Öffentlichkeit ja mittlerweile als cool.

Sven Regener:  Der Bremer an sich ist relativ maulfaul, das kann ich mal so von Haus aus sagen. Ich musste da deswegen auch weg, weil ich viel zu schnell und viel zu viel rede. Thomas Schaaf ist da aber erst einmal ganz gut aufgehoben. Er hat mit Klaus Allofs auch jemanden an seiner Seite, der sehr stark die hanseatischen Umgangsformen beherrscht, Maßanzug trägt, strenger Scheitel, wahnsinnig eloquent und sehr gescheit redet – da kann ein Trainer schon mal dahinter sitzen und sagen (verstellt die Stimme): »Ja, ja, weiß auch nicht, erzähl du mal.« Und das ist natürlich klasse. Und wenn man das nur lange genug macht ohne totalen Scheiß zu bauen, wirkt man natürlich auch irgendwann extrem cool. Ich meine, gucken Sie sich uns an, man muss es nur lange genug machen. Das ist dann irgendwann die normative Kraft des Faktischen. Warum soll das nicht cool sein?

Aber Thomas Schaaf ist darüber hinaus auch ein recht erfolgreicher Trainer.

Sven Regener:  Wenn das in der ganzen Zeit nicht so gut gelaufen wäre für Werder, und Schaaf auch nicht so ein guter Trainer gewesen wäre, dann wäre das alles auch überhaupt nicht cool. Dann wäre Thomas Schaaf einfach nur ein schlechter Trainer, der nicht einmal darüber redet (lacht).

Wie erklären Sie sich die sinusartigen Formschwankungen von Werder Bremen?

Sven Regener:  Es ist nicht charakterbildend, Fan einer Mannschaft zu sein, die dauernd Meister wird. Das ist zwar eine tolle Sache und eine schöne Unterhaltung, aber es ist nicht gut für die Seele. Charakterbildend ist, wenn man diese ganzen Leidensphasen auch durchmachen muss. Und da hat der Werder-Fan einiges zu erzählen. Immer wenn man dachte, jetzt rollt es aber richtig, jetzt geht was, kam das nächste große Problem um die Ecke.

Welches aber auch immer wieder bewältigt werden konnte.

Sven Regener:  Jede Mannschaft hat im Verlauf einer Saison ein bis zwei Krisen, das ist ganz normal. Wie in einem Wimbledon-Endspiel: Jeder der beiden Spieler hat im Verlauf einer längeren Partie irgendwann mal eine Delle, eine Krise. Die Frage ist nur, wie tief geht sie, wer kriegt sie zuerst, und wer kommt als Erstes wieder raus? Und das ist ja auch beim Fußball immer die große Aufregung: Huuuh, verspielen sie jetzt die Meisterschaft? Aber man weiß ganz genau, die anderen Mannschaften haben ihre Krise noch nicht gehabt, die kommt erst noch. Und von daher ist immer alles möglich. Interessant ist nur, wie die Leute mit dieser Aufregung umgehen. Fußball lebt davon, dass man sich aufregt.

Haben Sie manchmal Angst, dass Werder Bremen womöglich den Anschluss verliert in solchen Krisenzeiten?

Sven Regener: Man hat immer Angst, dass der Verein den Anschluss verliert. Wenn man jetzt ein paar Jahre nicht in der Champions League spielen würde, wäre man finanziell bald in der zweiten Reihe – und dann wird es schwer. Spieler, die in Bremen zu Superstars geworden sind, so wie Diego, waren natürlich relativ billig, aber nie superbillig. Das ist nicht wie früher, als man mal eben kurz Manni Burgsmüller einkaufte.

Billig in Relation zu solchen Summen, die jetzt in Spanien ausgeschüttet werden. Schockiert Sie das noch – 94 Millionen für Christiano Ronaldo?

Sven Regener: Man kann sich ja nicht einmal eine Million richtig vorstellen. Wahrscheinlich verkauft Real Madrid in dem Moment, in dem die den Wechsel bekannt geben und das Trikot rauskommt, zwei Millionen von diesen T-Shirts. So ein Ding kostet dann meistens 50 Euro, und überlegen Sie mal – das sind 100 Millionen Euro Umsatz, 100 Millionen verdammte Scheiß-Euro Umsatz! Mit wahrscheinlich 20 Millionen Kosten fürs Handling, Versand und den ganzen Kram. (überlegt) Na ja, sagen wir mal 50 Millionen Kosten, scheiß der Hund drauf, so. Also haben die am ersten Tag, wenn klar ist, das Ronaldo kommt, 50 Millionen schon wieder drin. Da ist noch nicht ein einziges Mal der Ball berührt worden.

Komisches Geschäft, oder?

Sven Regener: Nein, das ist nicht komisch, das ist ein ganz normales Geschäft. Es gibt ja auch anderswo Riesen-Summen, wo man sich einfach nur wundert, wie die zustande kommen. Und andererseits: Es tut dem Verein gut, der das viele Geld bekommt. Werder Bremen zum Beispiel lebt schon seit ewigen Zeiten davon, die Spieler billiger einzukaufen als sie dann zu verkaufen. Das ist ein wichtiger Bestandteil von deren Budgetierung. Insofern ist es doch eigentlich ganz gut, das Geld bleibt ja auch irgendwo, das wird ja nicht verbrannt.

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