Stonewalls Schnürsenkel-Kampagne gegen Homophobie

»Das ist verstörend«

Seit 25 Jahren setzt sich »Stonewall« in Großbritannien für die Rechte Homosexueller ein. Am vergangenen Wochenende warb die Initiative mit regenbogenfarbenen Schnürsenkeln gegen Homophobie. Wir sprachen mit »Stonewall«-Sprecher James Lawrence über den Erfolg der Kampagne, schwindelerregende Twitter-Zahlen und Toleranz-Maßnahmen.

James Lawrence, wie lautet Ihr Resümee des vergangenen Wochenendes?
Die Aktion mit den Regenbogen-Schnürsenkeln war ein großer Erfolg. Auf Seiten der Fans und Spieler, aber auch seitens der Klubs und Medien gab es erfreuliches Feedback und – viel wichtiger – Aufmerksamkeit.

Wieviele Premier-League-Teams trugen denn die Schnürsenkel?
Beim FC Arsenal (3:1 gegen Stoke City), Newcastle United (2:3 gegen Hull City) und dem FC Everton (3:2 bei West Ham United) liefen die kompletten Mannschaften mit unseren Schnürsenkeln auf. Bei mehreren anderen Teams wie Norwich oder Cardiff beteiligten sich einzelne Spieler.

Ihre Aktion dürfte also eine breite Öffentlichkeit erreicht haben?
Davon gehen wir aus. Viele überregionale Zeitungen, TV- und Radio-Sender haben berichtet. Allein auf Twitter wurde die Kampagne 60.000 Mal getweetet. Mit sämtlichen Retweets haben wir einer Hochrechnung zufolge eine Viertelmilliarde Menschen erreicht. Das gibt uns Zuversicht.

Gary Lineker hatte zuvor angekündigt, die aussagekräftigen Schnürsenkel in seiner Sport-Sendung zu tragen. Hat er das Versprechen eingehalten?
Gary hatte im Vorhinein zugesagt, unsere Aktion über die BBC-Show »Match of the Day« zu unterstützen. Googlen Sie es mal! Soweit ich weiß, hat er sein Versprechen nicht gebrochen. Newcastles Trainer Alan Pardew fädelte die Schnürsenkel sogar in seine Anzugschuhe und teilte ein Foto davon im Netz.

»Sexualität hat für den Sport keine Bewandtnis«, twitterte Joey Barton vor seinem Spiel für Queens Park. Welche Statements gab es seitens der Spieler aus der Premier League?
Darüber haben wir uns besonders gefreut, denn Joey Barton genießt eine ganz besondere Aufmerksamkeit in Großbritannien. Phil Jagielka (FC Everton und englische Nationalmannschaft, d. Red.) hat ganz ähnlich argumentiert: »Für uns ist die Sexualität eines Spielers nicht wichtig. Aber seine Fähigkeiten auf dem Rasen.« Oder Cardiffs Stürmer Peter Odemwingie! Der hat über Twitter ein Bild seiner Schuhe geteilt und darauf hingewiesen, dass Fußball »ein Spiel für alle« sei. Solche einfachen Sätze können oft schon ausreichen.

Wie kam die Aktion im Zentrum der Homophobie, den Fanblöcken, an?
Wir hatten eine überwiegend ignorante Haltung erwartet, aber die meisten Leute zeigten ehrliches Interesse und sprachen unsere Leute in den Stadien an. Die Bereitschaft, etwas gegen Homophobie zu tun, ist also vorhanden!

Warum müssen wir diese Diskussion dann im 21. Jahrhundert noch führen?
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Wir leben angeblich in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und technologischer Fortschrittlichkeit. Und akzeptieren es dann nicht, wenn ein Mensch eine andere Sexualität hat, als wir es vielleicht gewohnt sind? Das ist verstörend.

Deswegen setzt sich »Stonewall« seit einem Vierteljahrhundert für die Rechte von Homosexuellen ein. War das letzte Wochenende Ihr vorläufiger Höhepunkt?
Das müssen wir differenzierter betrachten: In den vielen Jahren gab es einige Höhepunkte wie die Legalisierungskampagne für schwul-lesbische Hochzeiten. Aber wenn wir jetzt mal nur vom Bereich »Sport« ausgehen, war das zweifelsohne ein Highlight für Stonewall. Idealerweise greifen die Höhepunkte der einzelnen Segemente irgendwann ineinander – für eine größere Toleranz im ganzen Land.

Was könnte man am Setting »Stadion« ändern, um Toleranz zu schaffen?
An diesem festgefahrenen Event lässt sich nichts ändern – und das wollen wir auch nicht. Da muss bei der Gesellschaft angesetzt werden, bestenfalls bei ihren empfänglichsten Mitgliedern: Den Kindern. Für die muss Homosexualität eine normale Sache sein. Wenn wir das Mobbing an den Schulen eingrenzen, haben wir in zwei bis drei Generationen eine flächendeckende Toleranz für Homosexuelle geschaffen.

Der erste bekennende schwule Profifußballer Englands, Justin Fashanu, nahm sich 1998 das Leben. Hat sich seit dieser Tragödie etwas getan?
Das Schicksal dieses mutigen Jungen ist ein Drama. Sein Tod war ein Nackenschlag für unsere Absichten. Die Intoleranz für Homosexualität hat das hierzulande aber nicht merklich eingegrenzt. Ein paar der Idioten fühlten sich in ihrem Mobbing eher bestätigt.

Englands Fußballer sind einem Coming-out also auch nicht näher als deutsche?
Ich kenne die Situation in Deutschland nicht gut und kann es deswegen kaum beurteilen. Fakt ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass es unter allen Premier-League-Spielern keinen einzigen Homosexuellen gibt, liegt bei weit unter einem Prozent.

Es ist also ziemlich unwahrscheinlich.
Das muss ich wohl kaum betonen. Wir engagieren uns, um den Fußball eines Tages als sexuell tolerante Umgebung vorzufinden. Wenn sich ein Spieler outen will, soll er das dank der Unterstützung des Vereins und der Fans bedenkenlos tun können. Denn eines ist erwiesen: Wenn Menschen offen sein können, wer und wie sie sind, dann leisten sie auch mehr.

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