Steve McClaren im Interview

»Jeder Fehler wird bestraft«

Steve McClaren ist neuer Trainer von Nottingham Forest. Zu Beginn seiner Amtszeit beim VfL Wolfsburg trafen wir den Engländer einst zum ausführlichen Interview. Und sprachen mit ihm gefüllte Werkzeugkästen und den perfekten Profi. Steve McClaren im Interviewimago
Heft#107 10/2010
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Steve McClaren, welche Fähigkeiten muss ein Fußballtrainer besitzen, um erfolgreich zu sein?

Niemand kommt als Meistertrainer auf die Welt. Für jede Mannschaft brauchst du eine ganze Reihe an passenden Werkzeugen. Je mehr Erfahrungen du sammelst, desto mehr Werkzeuge stehen dir als Trainer zur Verfügung.

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Bleiben wir bei den bildlichen Vergleichen: Welches Werkzeug würden Sie als das wichtigste bezeichnen?

Konzentration. Auf diesem Top-Niveau darfst du dir nicht eine Minute erlauben, unaufmerksam zu sein. Jeder Fehler wird hier bestraft.

Vor allem dann, wenn man mit einem Haufen Superstars zusammen arbeiten muss?

In meinen Teams gibt es keine einzelnen Fixpunkte. Du gewinnst rein gar nichts, wenn du einen Haufen Superstars auf den Rasen stellst. Das Talent muss arbeiten und die größten Spieler sind die, die ihre Fähigkeiten auf die gesamte Mannschaft übertragen können.

Der Star ist die Mannschaft?

Ja, aber die Zeiten haben sich geändert. Früher reichten elf gute Fußballer aus, um eine erfolgreiche Mannschaft zu bilden, heute benötigt man 24. Der gesamte Kader hat einen viel größeren Stellenwert bekommen, entsprechend umfangreicher ist der Arbeitsbereich eines Trainers. Sie sollten sich lieber umbenennen in »24 Freunde«, das wäre eher am Puls der Zeit.

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Wie schaffen Sie es, alle bei Laune zu halten?

Gar nicht. Das Erste, was du als Trainer lernst: Du kannst es nie allen recht machen.

Wie geht man damit um?

Ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Meine Aufgabe ist es, mit meiner Mannschaft erfolgreich zu sein, und nicht, von allen geliebt zu werden. Fußballer respektieren es, wenn der Trainer offen und ehrlich mit ihnen umgeht. Kommunikation und Ehrlichkeit sind die Schlüssel zum Erfolg.

So einfach ist das also?

Das ist nur einfach zu sagen. Professionelle Fußballer wollen immer Erfolg, ganz egal, wie viel sie verdienen oder wie bekannt sie sind, das macht dabei keinen Unterschied. Also kommuniziere ich nicht mit Superstars, sondern mit professionellen Fußballern, die erfolgreich sein wollen.

Die meisten Trainerjobs enden allerdings deshalb vorzeitig, weil die Chemie zwischen Spielern und Trainer nicht mehr stimmt.

Das ist richtig, aber ich sage meinen Spielern auch immer: Die Letzten werden die Ersten sein. Die Helden am Ende der Saison sind häufig nicht die Helden der ersten Spiele.

Klingt ein klein wenig platt.

Vielleicht, aber ich habe zwei gute Beispiele, um das zu unterstreichen: Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer. Die saßen in der Saison 1998/99 für Manchester United häufig nur auf der Bank, haben ihre persönlichen Interessen die gesamte Zeit dem Erfolg der Mannschaft untergeordnet und erhielten dafür am Ende der Saison die ultimative Auszeichnung: Ihre Tore haben das Champions-League-Finale gegen Bayern München entschieden! Sheringham und Solskjaer sind zu Legenden geworden – weil sie sich professionell verhalten haben.

Und Ihre Spieler verstehen das?

Ich kann es nur hoffen.

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War das einer der Gründe für Ihr Scheitern als englischer Nationaltrainer? Dass die Spieler Sie nicht verstanden haben?

Es war extrem schwierig, meine Überzeugungen und Grundsätze auf die Nationalspieler zu übertragen. Nicht weil sie es nicht verstehen wollten oder ich nicht in der Lage war, es ihnen zu vermitteln – die Arbeit als Nationaltrainer unterscheidet sich total von der Arbeit als Klubtrainer. Das sind zwei völlig unterschiedliche Berufe!

Inwiefern?

Als Klubcoach kümmerst du dich 24 Stunden, sieben Tage die Woche um deine Mannschaft. Du arbeitest beinahe jeden Tag mit ihnen, bist ständig in Kontakt. Natürlich ist es da leichter, einen Zugang zu den Spielern zu finden. Als Trainer einer Nationalmannschaft gehören dir die Spieler nicht. Du leihst sie dir nur aus. Du arbeitest nur ein paar Tage im Jahr mit ihnen zusammen und gibst sie dann wieder zurück. Das macht es extrem schwierig, eine Mannschaft nach eigenen Vorstellungen zu formen. Ich habe es nicht geschafft und dafür Prügel kassiert.


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2007 scheiterten Sie im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel mit 2:3 gegen Kroatien. Ausgerechnet im heimischen Wembleystadion.

Was aus sehr vielen Gründen furchtbar war. Ich hätte gerne die Chance bekommen, England während eines Turniers zu coachen. Als Co-Trainer meines Vorgängers Sven-Göran Eriksson bin ich in den Genuss von drei großen Turnieren gekommen, das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Da hat man endlich die Möglichkeit, über mehrere Wochen hinweg mit der Mannschaft zu arbeiten. Das ist Luxus.

Die englische Presse hat sie nach dem Qualifikations-Aus förmlich zerrissen: »Der Trottel mit dem Regenschirm« oder »McClown«, so lauteten die Schlagzeilen. Das muss weh getan haben.

Als ich 2006 den Job von Sven-Göran Eriksson übernahm, wusste ich ja, was auf mich zukam. Ich kannte die Prozesse – die englischen Medien haben Sven auch nicht mit Samthandschuhen angefasst. Ich hatte eine Aufgabe, das war die Qualifikation zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Dieses Ziel habe ich nicht erreicht, die Konsequenzen durfte ich in den Zeitungen lesen. Der Vorteil ist: Mich kann jetzt so schnell nichts mehr erschüttern.

Off the record – Begegnung mit Steve McClaren>>>

Ihr Verhältnis zur englischen Presse ist erstaunlich schlecht. Als Sie 2006 mit dem Underdog FC Middlesbrough sensationell das UEFA-Cup-Finale gegen den FC Sevilla erreichten, dort aber mit 0:4 verloren, warf Ihnen selbst die seriöse Tagespresse taktische Kardinalfehler vor.

Ich bin ja kein Einzelfall. Jeder Job hat Konsequenzen, und die Konsequenz der Arbeit als englischer Fußballtrainer ist schlechte Presse. So war es bei mir, bei allen anderen, und so ist es aktuell auch mit Fabio Capello (dem aktuellen englischen Nationaltrainer, d. Red.). Niemand ist dagegen immun.

Ein Trainer kann es also niemandem recht machen?

Ich erinnere mich an eine Taxifahrt während meiner Zeit als Nationaltrainer. Kaum hatte mich der Fahrer erkannt, beschwerte er sich: »Ach Trainer, Sie stellen die falschen Leute auf!« Ich bat ihn, mir seine Wunschformation zu nennen. Er legte los und als er fertig war, schaute er wieder in den Rückspiegel: »Mit dieser Mannschaft gewinnen wir jedes Spiel!« »Das kann ich nur hoffen«, antwortete ich, »ihre Startelf besteht aus 13 Spielern!«

Wie hat er reagiert?

Ich habe ihm gesagt, er müsse zwei Akteure wieder streichen. Er meinte: »Das kann ich nicht. Das ist zu schwer.« Was ich damit sagen will: An die ganzen Regenschirm-Geschichten verschwende ich keine Gedanken mehr. Es war ein Job, ich habe ihn nicht wie erhofft zu Ende geführt und dafür die Konsequenzen getragen.

Nach den Erfahrungen von 2008: Würden Sie jemals wieder ein Nationalteam trainieren?

Ja, natürlich!

Steve McClaren, wenn Sie einen Wunsch als Trainer frei hätten: Wie würden Sie sich wünschen?

Während meiner Zeit bei Derby County saßen wir kurz vor dem Saisonbeginn zusammen in der Kabine. Ich fragte in die Runde: »Leute, was wollen wir in diesem Jahr erreichen? Eine positive Tordifferenz? Ein Platz in der oberen Tabellenhälfte?« Einer meiner Neuzugänge war Stefano Eranio aus Italien. Was für ein fantastischer Spieler! Vielleicht der erste professionelle Fußballer, der je für Derby County gespielt hat. Ich werde nie vergessen, wie er plötzlich aufstand und sagte: »Warum setzen wir uns nicht zum Ziel, nur das nächste Spiel zu gewinnen? Jedes gottverdammte Spiel. Egal, gegen wen.« Ich dachte: keine schlechte Idee.

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