Stermann und Grissemann über Fußball

»Da geh i nimmer hin«

Stermann und Grissemann über FußballUdo Leitner

Herr Stermann, Herr Grissemann, es ist unumgänglich: Wir müssen uns über Cordoba unterhalten.

Stermann: Wir müssen nicht. Wir können auch schweigen (schweigt).

Lassen Sie es uns geschichtswissenschaftlich aufziehen. Das 3:2 bei der WM 1978 war der erste Sieg der Österreicher gegen Deutschland nach dem so genannten »Anschlussspiel« 1938. War Hitler Fußballfan?

Stermann: Ich denke nicht. Er war Vegetarier, auch was den Sport anbelangt.  

Für wen wäre er in diesem Spiel gewesen, wenn es ihn interessiert hätte?

Stermann: Er hat, obwohl er Österreicher war, Österreich gehasst. Außer dort, wo es deutschnational war. Da fällt mir ein: Ein rechtsradikaler österreichischer Politiker hat mir einmal in einem Wiener Lokal zugerufen: »Adolf Hitler war Rapidler!« Also ein Anhänger von Rapid Wien. Schlimme Beleidigung. Für den Verein, meine ich.  

Zurück zu Cordoba. Diese Stadt scheint, obwohl sie in Argentinien liegt, mittlerweile der wichtigste Ort deutsch-österreichischer Geschichte zu sein.

Stermann: Vergessen Sie nicht Königsgrätz, wo die Preußen 1866 die Österreicher schlugen. Cordoba war also nur eine Art  Revanche.  

Haben Sie in Cordoba schon mal gemeinsam Urlaub gemacht?

Stermann: Nein, vor allem weil es dort total hässlich sein soll. Beide Mannschaften waren froh, als sie wieder abreisen durften. Sie sind sogar gemeinsam geflogen. Die Stimmung bei den Österreichern war jedoch deutlich besser, denke ich.   

Obwohl der Sieg auch ihnen nichts gebracht hatte. Sie waren schon vorher ausgeschieden.

Grissemann: (erschöpft) Ach, mein Gott. Mir war das vollkommen egal. Das Ausscheiden und der Sieg an sich. Alles eigentlich. Ich habe mich immer mehr für Tennis interessiert als für Fußball. Über Tennis könnten wir jetzt reden.  

Über Thomas Muster?

Grissemann: Gern auch über Horst Skoff. Der ist, wie Gerüchte besagen, im Zuge bizarrer Sex-Praktiken ums Leben gekommen. Betäubungsmittel sollen da im Spiel gewesen sein. Aber das habe ich bloß gehört und erzähle das hier leichtfertig nach.  

Ein David-Carradine-Tod.

Grissemann: Nicht ganz. Carradine hat sich strangulieren lassen, wenn ich mich nicht irre. Ein bisschen zu lange, dann war er tot. Ach, Kwai Chang Caine! Ich kenne mich aber auch damit nicht aus, selbst wenn ich so aussehe (deutet auf das Frauenkleid, das er für den bevorstehenden Auftritt trägt).

Herr Grissemann, Sie lenken ab. Nervt Sie das Thema Cordoba etwa?  

Grissemann: Ja. Schon insofern, als es ja ein integraler Bestandteil unserer Show ist. Wir haben diesen Film gemacht, in dem wir das Originalspiel als Nazis noch einmal kommentieren. (denkt nach, dann schlaff) Es geht mir wirklich wahnsinnig auf die Nerven.

Stermann: Ich schließe mich an. Dieser Film ist für uns, was »Last Christmas« für die Gruppe WHAM ist.



Dann muss die EM 2008 ja die Hölle für Sie gewesen sein. Rund um das Gruppenspiel Österreich-Deutschland gab es einen neuerlichen Cordoba-Hype. Ein Fast-Food-Riese verkaufte sogar einen »MacCordoba«.


Stermann: Entsetzlich! Nicht mal Hans Krankl wollte noch drüber reden. Selbst ich als Deutscher hätte mir gewünscht, dass Österreich gewinnt, damit man Cordoba durch Wien ersetzen kann.  

Die Fusion, die Sie in besagtem Film thematisieren, hat es während der WM 1982 in ähnlicher Weise gegeben: beim Nichtangriffspakt von Gijon. Die Mannschaften hatten sich zu einem 1:0 verabredet, das ihnen zum Weiterkommen reichte.


Stermann: Schade, dass Japan und Italien nicht auch mitgespielt haben! Selten waren Deutschland und Österreich sich so einig.  

Ernst Happel wandelte zwischen Deutschland und Österreich, wird hier wie da immer noch verehrt. Warum war der eigentlich immer so schlecht gelaunt?

Grissemann: (angewidert) Er war Wiener! Ein typischer Wiener. Für ihn als Trainer hatte das einen Vorteil: Die Spieler hatten Angst vor ihm, diesem unheimlichen Mann. Spieler brauchen Trainer, die so aussehen. Oder gibt es auch Trainer, die lustig aussehen? Wie Dirk Bach, zum Beispiel?   

Horst Ehrmantraut. Aber den kennen Sie sicherlich nicht.

Grissemann: Nein, aber das macht mir auch nichts aus.  

Die Frage wäre, ob Happel heute noch Erfolg hätte. Der Trend geht zum Dressman an der Seitenlinie.

Stermann: Sie meinen Labbadia, der aussieht wie ein Kellner in einem italienischen Edelrestaurant. Aber ein Gegenbeispiel fällt mir mindestens ein: Peter Pacult, Happels Nachnachnachnachnachfolger bei Rapid Wien. Er gab neulich so ein Anti-Interview: »So viel Blödheit, wie Sie da erzählen, ist schon einmal grenzenswert!«, sagte er. Jetzt nennen sie ihn »Happelchen«.  

Grissemann: (plötzlich interessiert) Wer ist denn in Ihren Augen der beste Österreichische Fußballer derzeit?  

Andreas Ivanschitz. Und Paul Scharner vielleicht.

Grissemann: Und was ist mit Toni Polster?  

Seine Musikkarriere hat seinem Anssehen eher geschadet.

Stermann: (mitleidig) Die hätte er sich sparen können. Aber ich erinnere mich, dass er ein guter Fußballer war. Mit ein paar Freunden bin ich mal ins Stadion gegangen, wir hatte Leuchthüte mit je einem Buchstaben auf, und zusammen ergab das: »Toni Polster Fußballgott«.   

Sie haben aber einen großen Freundeskreis!


Stermann: Jetzt, wo Sie’s sagen...   

Können Sie über Fußballer auch lachen?

Stermann: (ernst) Das ist nicht unsere Aufgabe.  

Grissemann: Im Spiel der Österreicher gegen Spanien sagte Peter Schöttl beim Halbzeitstand von 0:5: »Hoch werden wir es nicht mehr gewinnen.« Es ging 0:9 aus. War schon witzig.  

Stermann: Das stimmt. Aber man sollte nicht ins Stadion gehen, um zu lachen.

Ihr Kollege Thomas Bernhard sagte: »Dem Sport ist zu aller Zeit und vor allem von allen Regierungen aus gutem Grund immer die größte Bedeutung beigemessen worden: er unterhält und benebelt und verdummt die Massen; und vor allem die Diktatoren wissen, warum sie immer und in jedem Fall für den Sport sind.« Hat der Mann Recht?

Stermann: Wie alle Leute hat er sowohl Recht als auch Unrecht. St.Pauli-Fans würden sicherlich Nein sagen. Und selbst Bayern München hat eine antifaschistische Vergangenheit.  

Kann einem der Fußball umgekehrt sogar die Augen öffnen? Beispielsweise für das Absurde, Herr Grissemann?

Grissemann: (wieder erschöpft) Weiß ich nicht. Nein.  

Stermann: Ich finde es schlichtweg schön, vor allem den Raum, indem das Ganze stattfindet. Dieses Aufgeräumte des Spielfeldes – herrlich! Das kann man doch gar nicht kritisieren.  

So schön, dass es egal ist, wer am Ende gewinnt?

Stermann: Nur nicht beim MSV Duisburg, meinem Heimatverein!  

Was gilt der MSV in Österreich, wo sie seit 23 Jahren leben?

Stermann: (traurig) Nichts.  

Nichts?

Stermann: Gar nichts. Obwohl: Neulich saß ich einem Restaurant, und da kamen wildfremde Menschen zu mir und sagten, ich solle mal mit rauskommen. Ich wehrte mich, aber sie ließen nicht locker. Ich ging also mit ihnen hinaus, obwohl es sehr kalt war, und da stand doch tatsächlich ein Opel Kadett mit einem MSV-Aufkleber. Der einzige MSV-Aufkleber in Österreich!

Vermissen Sie den MSV?  

Stermann: Es bleibt im Rahmen des Erträglichen. In meiner Wahlheimat Wien gibt es genug andere Angebote. In Duisburg kann man ja fast nur ins Stadion gehen. Die Stadt war jedenfalls nicht der Grund dafür, dass das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas geworden ist.  

Sie haben für eines Ihrer Stücke eine Mannschaft erfunden, die nur aus zwei Spielern besteht, von denen einer dauerverletzt ist. Einen Ball gibt es nicht, als Spielgerät dient ihnen eine Schreibmaschine.

Stermann: Eine Metapher für widrige Umstände. Nicht jeder kann sich Kältekammern leisten wie Bayer Leverkusen. In Afrika spielen sie alle mit Schreibmaschinen. 





Hape Kerkeling hat einmal im Handstreich den Grazer AK übernommen, unter tätiger Mithilfe von Klaus Augenthaler. Planen Sie eine ähnliche Unterwanderung?

Stermann: Nein, wir können nicht so gut schauspielern wie der Kerkeling. Ich habe mal Herbert Prohaska gefragt, als er noch Nationaltrainer war, wie lange wir mitspielen könnten, bis er merkt, dass wir nicht dazu gehören. Er hat geantwortet: »Bei der Hymne würd’ ich’s merken!«



Es hat viele Versuche gegeben, den Fußball auf die Bühne zu bringen. Der Regisseur Massimo Furlan tanzte einmal die Laufwege von Hans Krankl beim 3:2 von Cordoba nach.

Stermann: Klingt genial, ist aber sterbenslangweilig. Sehr öd.  

Grissemann: Für die Laufwege von Toni Polster hätte ein einziges Foto gereicht.  

Sie haben ja doch Ahnung!

Stermann: Er ist ein Freak! Als Kind war er sogar ein Fan von Admira Wacker.  

Grissemann: (enttäuscht) Ja, aber es besteht mittlerweile ein Alkoholverbot in den Stadien. Da geh i nimmer hin.  

Beim Tennis gibt es nur Erdbeeren.

Grissemann: Manchmal aber auch Schampus. Außerdem fehlt mir beim Fußball das Duell Mann gegen Mann.  

Stermann: (erhitzt) Da sind es doch elf Mann gegen elf Mann!  

Grissemann: Aber die schießen doch nie Tore, immer geht’s 0:0 aus. Ich weiß schon, dass es für einen Fußballfan das einzig Wahre ist, wenn dann doch ein Tor fällt, diese Exstase, und dass Handballergebnisse für ihn ein Graus sind. Aber mir ist das zu fad. Auch beim Fußball gibt es zuweilen diese direkten Duelle, die Sie vom Tennis kennen: Eric Cantona streckte einen pöbelnden Fan nieder, Zinedine Zidane Marco Materazzi. Momente, in denen Mannschaftssportler zu Individualisten werden.

Grissemann: (begeistert) Quasi zu Thomas Muster! Aber das machen nur die Heros. Und wenn mich etwas interessiert, dann sind es diese Heros. Diese Klaus Kinskis des Fußballs. Aber da gibt es zu wenige.  

Stermann: Stefan Effenberg!  

Gewagter Vergleich. Dann könnten Sie auch Mario Basler nennen.  

Stermann: (wütend) Niemals! Es gab da mal eine Szene im Pokalspiel Bayern München gegen Eintracht Braunschweig: Mario Basler lässt sich einwechseln, verwandelt einen Freistoß und lässt sich wieder auswechseln. Es gibt nichts Unhöflicheres.

Elf Effenbergs gegen Elf Baslers. Wäre das denn ein Spiel nach Ihrem Geschmack, Herr Grissemann?

Grissemann: Hoffnungslos. Ich war als Kind im Fußball immer wahnsinnig schlecht, bin stets als Letzter gewählt worden. Genauso wie beim Schwimmen. Deshalb interessiert mich Schwimmen auch nicht.  

Schade. Jetzt wären die Schwimm-Fragen gekommen. Dann so: Es gibt Serien wie »Ein Bayer auf Rügen« und »Zwei Münchner in Hamburg«. Wenn Ihr Leben verfilmt würde, wer würde Sie darstellen?

Stermann: Solange es nicht Ottfried Fischer ist...  

Grissemann: Mich soll bitte der Peter Pacult spielen.  

Immer mehr Schauspieler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zeigen sich im Fußball-Umfeld. Sympathisch?

Stermann: Sehr sympathisch. Wirklich. Es war ja schon sympathisch, als Helmut Kohl sich in die Kabine zu Beckenbauer geschoben hat. Sehr sympathisch. Wirklich.  

Herr Stermann, hat Ihnen der MSV Duisburg Ihnen mal ein Angebot gemacht, Vereinsbotschafter zu werden?

Stermann: Im Gegenteil. Ich bin freiwillig Mitglied geworden und habe sogar den Umbau des Stadions finanziell unterstützt. Aber als ich dann mal anrief, um zu fragen, ob ich nicht doch noch eine Karte für das schon ausverkaufte Pokalspiel gegen die Bayern erwerben könnte, haben sie Nein gesagt. (verbittert) Sie haben sogar gelacht.  

Wenn man Ihnen beiden anbieten würde, Österreichisches Nationaltrainer-Tandem zu werden, was wären Ihre Maßnahmen?  

Stermann: Erst mal gaaaanz viel sprechen.  

Grissemann: (desinteressiert) Viererkette.  

Stermann: Man müsste sich in einem Kreis aufstellen, wagenburgmäßig den Ball schützen und ihn nach vorn tragen.  

Genial!

Stermann: Ehrlich gesagt, würde ich am liebsten jetzt schon zurücktreten. Wenn ich das sehe: Ried gegen Kapfenberg! 500 Zuschauer im Rieder Waldstadion! Davon 30 aus Kapfenberg! Aber vom Platz aus kannst du dir eine Bratwurst per SMS bestellen. Das ist Österreich.  

Statt eine Bluesplatte aufzulegen, könnte man Ried gegen Kapfenberg im Fernsehen anschauen und sich besaufen.

Grissemann: (angetan) Das wäre einen Versuch wert...   

Stermann: Wenn es richtig provinziell ist, hat es auch wieder seinen Reiz. Neulich fuhr ich durch Sankt Martin. Die Spiele auf dem dortigen Dorfplatz soll Peter Handke zu »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« inspiriert haben. Heute ist er wahrscheinlich Fan von Partizan Belgrad.  

Grissemann: (neugierig) Mal was anderes. Bin ich eigentlich Ihr erster Interviewpartner, der Frauenkleider trägt?  

Ja. Aber Sie interessieren sich nicht für Fußball, also ist das in Ordnung.

Stermann: (begeistert) Endlich sind wir beim Frauenfußball angelangt! Und ich hatte schon befürchtet, das kommt gar nicht mehr. Letztes Jahr war ich mit meiner Frau auf Vancouver Island, am Arsch der Welt. Ich ging zu einem Kiosk, um eine Landkarte zu kaufen. Und plötzlich stand Birgit Prinz neben mir! Da bin ich ganz langsam zum Auto zurück geschlichen und habe zu meiner Frau gesagt: »Du, da vorn in dem Kiosk steht die Birgit Prinz.« Daraufhin sagte sie: »Wer?« Wahnsinn.

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