Stéphane Chapuisat über Hitzfeld, Kahn und Kung-Fu

»Der Tritt war gar nicht so schlimm«

Stéphane Chapuisat, Kultfigur von Borussia Dortmund, ist vermutlich der beste Schweizer Fußballer aller Zeiten. Im Interview erinnert sich der 43-Jährige an Rituale beim Schuhbinden, Oliver Kahns Kung-Fu-Tritt, Dortmund-Fans in Tadschikistan und Abendessen mit Ottmar Hitzfeld.

Stéphane Chapuisat, in Ihrer Biografie »Stéphane Chapuisat – eine Geschichte« steht folgender Satz: »Ottmar Hitzfeld hat auch heute, Jahre später noch, eine Verbindung zu Stéphanes Seele.« Was genau wollte der Verfasser, Philippe Dubath, damit sagen? 

Manchmal kann man die Verbindung zwischen zwei Menschen nicht bis ins letzte Detail erklären. Wir haben viel Schönes zusammen erlebt. Sechs Jahre sind eine lange Zeit (1991 bis 1997 war Hitzfeld Chapuisats Trainer beim BVB, d. Red.). Die Chemie stimmte zwischen uns. Vielleicht deshalb, weil wir beide aus der Schweiz kommen. Als wir uns Anfang Neunziger kennen lernten, waren wir beide zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Als Schweizer Nationaltrainer ist er natürlich bei allen größeren und wichtigeren Events dabei. Meistens verbinden wir einen solchen Anlass mit einer Verabredung. Das letzte Mal, als wir uns sahen, kam er für eine Partie zwischen den Young Boys und den Grasshoppers nach Bern. Wir trafen uns vor dem Spiel zum Abendessen.

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Worüber sprechen Sie dann?

Wir schwelgen in Erinnerungen. Die gemeinsamen Erfolge verbinden uns. Darüber denkt man gerne nach. Wir haben uns auch schon über Schweizer Nationalspieler ausgetauscht.

Fragt er Sie auch mal nach Ihrer Meinung, oder geben Sie ihm von sich aus Tipps?

Nein, ich schlage keine Spieler vor. Ottmar Hitzfeld braucht keine Tipps von mir (lacht). Ich äußere höchstens mal meine Meinung, aber ob er darauf hört, überlasse ich gern ihm.





Ein Rückblick: Wann wussten Sie, dass Sie Fußballprofi werden wollen? 

In den Achtzigern war in der Schweiz im Profifußball noch alles anders und schwieriger. Also habe ich zuerst eine Lehre als kaufmännischer Angestellter in einem Treuhandbüro abgeschlossen und dann kam gleich der Fußball. Ein anderer Beruf kam für mich nie in Frage.  



So richtig Schwung bekam Ihre Karriere als Sie Manager Felix Magath im Winter 1990/1991 von Lausanne-Sport zu Bayer 05 Uerdingen holte. Was bedeutete Ihnen der Wechsel nach Deutschland?
Das Angebot von Uerdingen war für mich als Schweizer natürlich eine große Ehre, schließlich durften Vereine zu dieser Zeit nur drei Ausländer unter Vertrag nehmen. Ich wollte meine Chance unbedingt nutzen. Leider hatte ich großes Pech und verletzte mich bereits in der ersten Woche bei einem Hallenturnier und fiel drei Monate aus. Ich konnte gegen Ende der Saison 1990/91 nur noch in acht Partien für unser Team auflaufen. Glücklicherweise rief ich damals meine beste Leistung ab und als wir in die zweite Liga abstiegen, war Dortmund bereit, mich auszuleihen. Darauf hatte ich die Chance mich ein Jahr in der Bundesliga zu beweisen.

Stimmt es, dass Sie erst in Uerdingen zu »Chappi« wurden?

Man hat kurz nach meinem Wechsel zu Bayer Uerdingen angefangen, mich so zu nennen. Den Fans aus Uerdingen war mein Name wohl zu lang.

War es Hitzfeld, der Sie dann 1991 von Bayer Uerdingen zum BVB holte?

Zuerst war ich mit Dortmund nur über die Vereinsleitung in Kontakt, sie wusste nämlich noch gar nicht, wer Trainer werden würde. Als Ottmar Hitzfeld dann für die Saison 1991/1992 als Coach feststand, hat er sich für meinen Wechsel eingesetzt.





War Hitzfeld Ihr prägendster Trainer?

Jeder Trainer hat natürlich seine Charakteristiken. Ich habe auch einen guten Draht zu Roy Hodgson gepflegt (Nationaltrainer der Schweiz von 1992 bis 1995, d. Red.). Aber für mich war Hitzfeld der Wichtigste. Ich hätte gerne noch unter seiner Leitung im Nationalteam gespielt. Immerhin wusste ich ja, wie er tickt.

Unter der Leitung Hitzfelds wurden Sie mit dem BVB schließlich zweimal Deutscher Meister und gewannen 1997 den Champions-League-Titel.
Wir hatten damals ein ganz tolles Team. Das war sicherlich meine schönste Zeit in Deutschland.

Im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals 1998 gegen die Bayern (1:0) war es Ihr Tor, das den Halbfinaleinzug garantierte. Damals trafen Sie gegen Oliver Kahn. Im April 1999 kam »der Titan« mit einem Kung-Fu-Tritt auf Sie zugeschossen. Die Rache des Kahn?

Zum Glück habe ich Oliver Kahn damals kommen sehen! Es sieht allerdings brutaler aus, wenn man es auf den Videos und den Bildern anschaut. Aus meiner Perspektive war es gar nicht so schlimm.

1995 buhlten verschiedene italienische Klubs um Ihre Dienste. Sie sagten damals: »Borussia ist besser als Italien.« Wollten Sie wirklich nicht wechseln?

Ich hatte einige Kontakte. Das größte Interesse bestand von Seiten des AS Rom, aber das war für mich zu dem Zeitpunkt kein Thema, weil ich mich in Dortmund sehr wohlfühlte.





Stürmer sollen angeblich besonders abergläubisch sein. Wie bereiteten Sie sich auf Spiele mit den Borussen vor?

Als junger Spieler glaubt man noch, dass Rituale ein gutes Spiel garantieren. Ich habe immer zuerst meinen linken und dann erst meinen rechten Schuh gebunden.Aber je älter man wird, desto mehr legt man diese Gewohnheiten ab. Irgendwann habe ich realisiert, dass wir trotzdem Spiele verloren (lacht).

Sie wurden zweimal Torschützenkönig in der Schweiz (2001, 2004) und mit 106 Toren in 228 Bundesligaeinsätzen stehen Sie – zusammen mit Aílton – auf dem dritten Platz der ewigen Liste ausländischer Bundesliga-Torschützen. Welches war Ihr schönstes Tor?

Ich habe kein spezielles Lieblingstor. Ein Treffer gegen die Bayern bedeutete mir in der Bundesliga natürlich am meisten – fast mehr als ein gelungener Fallrückzieher. Wichtig war für mich auch: Ein Tor muss Bedeutung haben, am liebsten war mir, das 1:0 zu erzielen. 




Sie waren nicht nur ein Star in der Bundesliga. Ihr Portrait zierte 2004 eine Briefmarke in Tadschikistan. Wie kam es denn dazu?
Als mich ein Schweizer Journalist darauf aufmerksam machte, war ich sehr überrascht. In Tadschikistan gab es damals wohl einen Post-Beamten, der Dortmund-Fan war (lacht).

Bewahren Sie eigentlich noch andere Schätze aus Ihrer Spielerzeit auf?

Ich habe sogar noch Panini-Hefte irgendwo in einer Kiste mit Erinnerungsstücken. Außerdem noch zwei, drei Kisten voller Trikots. Für mehr fehlt mir einfach der Platz. Aber mein wertvollster Schatz sind die Medaillen: vom Champions-League-Sieg und den nationalen Meisterschaften.

Sie sind Vater von drei Kindern. Werden Sie Ihre Fußballleidenschaft mit Ihnen teilen?

Mein Sohn ist erst 16 Monate alt, aber wenn er größer ist, werde ich ihn bestimmt sehr häufig mit auf den Bolzplatz nehmen. Ob er Fußballprofi werden will, muss er dann selber entscheiden. Aber ich werde sicher versuchen, ihm den Weg zum Tor zu zeigen. Meine Töchter betreiben andere Sportarten.





Bei den Berner Young Boys fungieren Sie als Scout und Stürmertrainer. Suchen Sie in den neuen Spielern auch immer ein Stück von sich selbst?

Das kommt natürlich auf die Position an. Wir entscheiden im Team, welchem Profil ein Spieler entsprechen muss. Bei den Angreifern fokussiere ich mich auf den Abschluss und viel Technik. Aber ich verrate Ihnen etwas: Auch als Stürmer muss man heutzutage viel nach hinten arbeiten.

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