Stephan von Bothmer begleitet Spiele auf der Orgel

»Guter Fußball ist zweitaktik«

Stephan von Bothmer begleitet Fußballspiele auf der Kirchenorgel. Klingt komisch, funktioniert aber. Außerdem fördert die Musik eine Menge interessante Erkenntnisse über den Rhythmus des Spiels, seltsame Wahrnehmungen und die EM 2012 zutage.

Steffen Roth
Heft: #
130

Stephan von Bothmer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Orgelspielen zum Fußball passen könnte?
Ich begleite seit 14 Jahren Stummfilme an der Orgel oder dem Klavier und lebe seit acht Jahren auch davon. Dabei gibt es neben der komponierten Filmmusik auch Situationen, in denen man einen Film begleiten muss, den man vorher noch nie gesehen hat. Und vom Film, den ich noch nicht kenne, ist es nur ein kleiner Schritt zu einem, der noch gar nicht existiert: nämlich ein Fußballspiel.

Sind Sie Fußballfan?
Ich gucke sehr gerne zu, aber ich habe keine große Ahnung. Die Anregung, es mal musikalisch mit Fußball zu probieren, kam aus der Emmaus-Kirche in Berlin-Kreuzberg, wo ich schon Stummfilme begleitet hatte.

Gab es dort von den Zuschauern keine Beschwerden, dass der Kommentar fehlte?
Überhaupt nicht, obwohl ich ursprünglich den Ton anlassen und das Ganze mit meiner Musik nur überhöhen wollte. Als ich aber vor vier Jahren das erste Spiel begleitet habe, gab es vorher ein Missverständnis, weshalb der Ton fehlte. Ich war entsetzt, und wir haben uns dann drauf geeinigt, ihn zumindest in der zweiten Halbzeit laufen zu lassen. Aber dann war die erste Halbzeit so ein Erfolg, dass wir es seither nicht mehr geändert haben.

Hat sich Ihre musikalische Herangehensweise im Laufe der Jahre geändert?
Anfangs hatte ich angenommen, dass ich etwa typisch spanische Themen spielen müsste, wenn Spanien spielt. Dann dachte ich, dass Bruchstücke aus den Nationalhymnen eigentlich immer klappen. Aber beides funktionierte nicht die Bohne, weil immer beide Mannschaften im Bild sind. Auf welche musikalische Welt sollte ich da setzen? Spezielle Themen für Ecken, Abseits, Elfmeter gingen auch nicht. Das sieht jeder sowieso, das brauche ich nicht musikalisch zu doppeln – außerdem wäre das ein Abrufen von Jingles und keine Musik.

Was hat letztlich funktioniert?
Synchronizität zwischen Musik und Fußball, also zum Foul in Schmerzensakkorde zu gehen, ist eine Möglichkeit. Aber besonders interessant wird es, wenn das Kombinationsspiel in Gang kommt. Sobald der Ball einen Spieler erreicht und der ihn annimmt, rücke ich die Harmonie ein Stück nach oben, verändere den Rhythmus oder mache was mit der Melodie. Dabei habe ich gemerkt, dass es genau alle zwei Takte passiert. Unglaub­lich, aber mit wenigen Ausnahmen passt es immer ins Taktraster.

Liegt dem Fußball ein gewisser Rhythmus zugrunde?
Jedenfalls, wenn es läuft. Bei dieser EM habe ich beim Spiel Deutschland gegen Griechenland gleich am Anfang gemerkt: Die sind drin, das ist jetzt wieder eine zweitaktige Sache! Bei den Griechen ging es nicht, die kamen zunächst nicht in diese Art von Rhythmus. In der zweiten Halbzeit hingegen lief es für sie plötzlich hervorragend, prompt fiel das griechische Tor. Das fand ich schon ziemlich verblüffend.


Wie gut war denn Deutschland im Halbfinale gegen Italien?
Musikalisch hat es recht gut geklappt, vor allem im Vergleich zum ersten Spiel gegen Portugal. Da war überhaupt kein Rhythmus drin, das war grauenhaft.

Welche Erkenntnisse haben Sie noch gewonnen, seit Sie Fußball auf der Orgel begleiten?
Mir ist irgendwann mal aufgefallen, dass ich extrem schnell spiele. Am Rande dessen, was überhaupt noch geht. Das hat den merkwürdigen Effekt, dass die Zuschauer immer sagen, wie klasse es gewesen sei, dass gerade dieses Spiel vertont wurde, weil es besonders viele Nahaufnahmen und Zeitlupen gegeben habe. Dabei stimmt das nicht: Es gab nicht mehr, sie haben sie nur anders empfunden.

Woher kommt dieser Effekt?
Bei Filmmusik steuert man den Blick, und dadurch nehmen die Zuschauer aus irgendeinem Grund mehr wahr. Offensichtlich gehen die Aufnahmekanäle dadurch ein bisschen auf, dass Musik und Aktion auf dem Platz synchron laufen. Ich erkläre mir das so, dass unser Gehirn durch einen ganz schnellen Beat entsprechend getaktet wird und dann die echte Welt als langsamer empfindet.

Sie haben bislang ausschließlich Spiele bei den großen Turnieren begleitet, warum spielen Sie nicht zwischendurch auch mal?
Das hat sich wegen des großen Aufwands nicht ergeben, obwohl ich nicht auf eine Kirchenorgel angewiesen bin. Mit einer echten Hammondorgel würde das auch super funktionieren. Künstlerisch bin ich jedenfalls eher besser geworden.

Gegen Italien haben Sie sich noch auf der Mundharmonika begleitet, was für lautes Gelächter gesorgt hat.
Ja, weil Deutschland verloren hat. Bei der Mundharmonika denkt man schließlich immer gleich an »Spiel mir das Lied vom Tod«.

Ein Italowestern.
Genau. Beim Stummfilm gab es damals in den zwanziger Jahren die sogenannten »Funny Makers«. Die haben Melodien gespielt, von denen jeder den Text kannte. So haben sie quasi einen Textkommentar mittels Musik machen können. Beim Fußball mache ich das gelegentlich auch. »Ooops, I did it again«, »Wunder gibt es immer wieder« oder was auch immer gut passt. Und so wurde es gegen Italien auch gleich wahrgenommen. »Spiel mir das Lied vom Tod«, weil wir letztlich keinen Fuß auf den Boden bekommen haben.

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