Steffen Karl erlebte die Wende in der Kaserne

»Ich konnte nicht raus«

Steffen Karl wurde im Sommer 1989 wegen einer unbedachten Äußerung lebenslang für die oberen DDR-Ligen gesperrt. Den Mauerfall erlebte er in einer NVA-Kaserne. Wir sprachen mit dem späteren BVB-Profi über die Wendezeit. Steffen Karl erlebte die Wende in der Kaserne
Heft#96 11/2009
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Steffen Karl, wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Ich saß in Rostock in meiner Kaserne. Zu dem Zeitpunkt war ich bei der NVA und durfte gar keinen Fußball spielen.

Wie kam es dazu?

Thomas Weiß, ein ehemaliger Kollege von mir, war im Sommer 1989 bei einem UI-Cup-Spiel von Wismut Aue aus Schweden in den Westen abgehauen. Einige Wochen später, Ende Juli 89, habe ich im Kreis meiner Mitspieler vom Halleschen FC nach zwei, drei Bierchen über Thomas gesagt: »Ich wünsche ihm alles Gute, vielleicht sieht man sich ja irgendwann mal wieder.« Das hat ein Mitspieler gemeldet, und daraufhin wurde ich lebenslänglich für die erste und zweite Liga gesperrt.

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Wissen Sie heute, wer das war?

Ich habe meine Unterlagen eingesehen, aber der Name spielt keine Rolle. Damals wäre mein Leben verbaut gewesen, aber zum Glück kam dann die Wende.

Und am 9. November saßen Sie mit den Kameraden auf der Stube?


Abends saßen wir im Fernsehraum zusammen und sahen uns die Bilder der Menschen an, die rüber fuhren. Alle haben gejubelt.

Aber Sie waren ja eigentlich kein Soldat, sondern Fußballspieler.

Die Kaserne war in Rostock direkt an der Kopernikusstraße, genau gegenüber des Ostseestadions. Freitagabends durfte ich mir dann ansehen, wie die Flutlichter angingen und die Massen ins Stadion geströmt sind. Und ich konnte nicht raus!

Selbst Hansa unternahm keine Bemühungen, Sie zu reaktivieren? Sie waren ja gerade 19, hatten Ihre fußballerische Zukunft noch vor sich.

Kurz vor Weihnachten lud mich der damalige Parteisekretär zu einem Spiel ein und bot mir einen Vertrag an, den ich im Januar unterschreiben sollte. Dazu kam es dann ja nicht mehr.

Anfang Januar entschieden Sie sich, nicht in Ihre Kaserne in Rostock zurückzukehren.

Statt nach Rostock bin nach meinem Weihnachtsurlaub am 3. Januar 1990 mit meiner späteren Frau Peggy von Halle mit dem Taxi nach Leipzig gefahren und dort in den Zug nach Frankfurt am Main gestiegen.

War Ihre Degradierung der Auslöser für Ihre Fahnenflucht?


Für mich war es völlig unverständlich, wie man so eine Äußerung, die nach zwei, drei Bier getroffen wurde, so auf die Goldwaage legen konnte, um mich lebenslänglich zu sperren. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen.

Vorher hatten Sie nie mit dem Gedanken gespielt, in den Westen zu gehen?


Überhaupt nicht. Mir ging es ja gut im Osten. Uns Fußballern ging es generell gut, wir hatten ein geregeltes Einkommen und alle Privilegien, die man bekommen konnte. Warum hätte ich rübergehen sollen?

Wie erklären Sie sich die drastische Bestrafung?

Das war ein Staatsakt. Ein ganz klares Exempel, das da statuiert wurde. Man wollte damit andere abschrecken.

Wer teilte Ihnen die Degradierung mit?


Der damalige Präsident des HFC, Bernd Bransch. Am Donnerstagabend habe ich die Sache über Thomas Weiß gesagt, und direkt am nächsten Mittag musste ich zum Rapport.

Sie wurden dann zum Provinzverein Stahl Hettstedt delegiert.

Die Bezirksliga, damals die dritte Liga in der DDR, war die höchste Klasse, in der ich noch spielen durfte. Dort waren acht Spieler aus dem Kader im Stahlwerk angestellt und acht auf dem Vereinsgelände. Ich habe zwei Mal pro Woche den Platz gemäht.

Wie sah der Alltag aus?

Um acht Uhr morgens trabte man an und um zwölf war schon Feierabend, weil nachmittags trainiert wurde. Um halb vier war dann Schluss. Für mich hat sich im Vergleich zu Halle nicht viel verändert, außer dass ich plötzlich zwei Klassen tiefer spielte. Das Stahlwerk habe ich nur zwei Mal von innen gesehen.

In Hettstedt waren Sie ja sicherlich der Star der Mannschaft.

Das könnte man so sagen, obwohl ich noch sehr jung war. Ich hatte ja bereits alle U-Auswahlen durchlaufen, von der U 15 bis zur U 21.

War der Mauerfall für Sie absehbar?

Dass sich was zusammenbraute, merkte man schon. Aber es hätte ja auch andersrum laufen können, so wie es früher immer gelöst wurde. Mit Gewalt und Verhaftungen.

Sie hätten unter Umständen den Demonstranten auf Staatsseite gegenüber gestanden.

Ich wäre wahrscheinlich der erste gewesen, der abgehauen wäre. Ich hätte sicherlich auf keinen geschossen!

Gab es je eine Reaktion von Seiten der NVA?

Im Frühjahr 1990 erhielten meine Eltern in Halle ein Schreiben, ich sei unehrenhaft entlassen.

Was haben Sie nach Ihrer Ankunft im Westen Anfang Januar 1990 gemacht?

Am Frankfurter Bahnhof bin ich in die erstbeste Telefonzelle und habe versucht, meinen alten Kumpel Thomas Weiß zu erreichen. Über die Geschäftsstelle von Eintracht Frankfurt, wo Thomas spielte, habe ich ihn nach langem Hin und Her erreicht.

Wie ging es weiter?

Zusammen mit Thomas’ Vater knüpften wir Kontakte zu Bundesligisten. Zuerst spielte ich bei Gladbach vor, Präsident Grashoff sah aber offenbar nicht durch bei der ganzen Sache, obwohl ich ihm meine Situation geschildert habe. Zum Glück hatte ich einen Tag später ein Probetraining bei Borussia Dortmund. Dort ging es dann schnell, ich flog direkt mit ins Trainingslager nach Portugal.

Wie wurden Sie in der Mannschaft voller Wessis aufgenommen?


Insgesamt ganz gut. In Portugal war ich aber mit Jürgen Wegmann auf dem Zimmer. Der sprach praktisch gar nicht mit mir. Aber er war ja sowieso eher ein Eigenbrötler...

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