Steffen Freund im Interview

„Kanu ist in ganz Afrika ein Held“

Steffen Freund ist eigentlich Co-Trainer der deutschen U20. Für die Zeit des Afrika-Cups hat er jedoch bei der nigerianischen Nationalmannschaft angeheuert, als Assistent von Berti Vogts. Hier spricht er über seine Mission mit den Super-Eagles. Imago

Herr Freund, waren Sie schon einmal in dem Land, dessen Nationalmannschaft Sie betreuen?

In Nigeria bin ich leider noch nicht gewesen. Ich war aber vor zwei Jahren im Familienurlaub in Kenia, durchaus mit einem komischen Gefühl. Schließlich muss man einige vorbereitende Maßnahmen treffen, wenn man als Europäer nach Afrika reist, angefangen mit den ganzen Impfungen. Ich habe aber keine Sekunde gezögert, als mich Berti Vogts im letzten Herbst angesprochen hat.

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War es überhaupt kein Problem, dass Sie eigentlich beim DFB angestellt sind?

Die ersten Gespräche mit Matthias Sammer und Berti Vogts liefen im Oktober. Die erste Frage war in der Tat, ob so ein Engagement überhaupt möglich ist. Eine tolle Sache für mich, dass es mir der Verband kurzfristig ermöglicht hat, diese Chance wahrzunehmen. Ich besitze ja bereits die Trainer-A-Lizenz und mache ab Juli den Fußballlehrerschein. Beim Afrika-Cup bekomme ich die beste praktische Ausbildung, die man kriegen kann. Ich freue mich wahnsinnig auf dieses Abenteuer.

Wie haben Sie sich auf den afrikanischen Kontinent vorbereitet?

Ich habe mir ein paar Sachen aus dem Internet ausgedruckt (lacht). Entscheidender war, was mir Berti Vogts und Uli Stein erzählt haben. Berti ist schon vorher nach Ghana gereist und hat sich unser Hotel in Sekondi angeschaut. Er sagt: Wir werden dort ordentliche Bedingungen haben, vergleichbar mit denen in Europa. Der Präsident unseres Fußballverbandes hat auch nochmal betont, dass alles gut organisiert ist. Bei einem solchen Turnier hält man sich aber sowieso meistens im Hotel und auf dem Trainingsplatz auf. Da bleibt leider nicht allzu viel Zeit, um etwas mehr vom Land zu sehen. Dass in Ghana manches anders sein wird als in Europa, dass wir auf das Trinkwasser achten müssen, dass gewisse andere Gefahren warten, ist aber klar.

Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit dem nigerianischen Verband?


Ich habe das komplette Präsidium des Fußballverbands, den Pressesprecher und die Mitarbeiter des Trainerteams kennen gelernt und kann nur Gutes berichten. Mir macht die Arbeit mit den nigerianischen Kollegen wirklich sehr viel Spaß. Die Menschen sind alle sehr freundlich und hilfsbereit. Die Zusammenarbeit ist immer von großem Respekt geprägt. Dank dieser Einstellung, die auch in vielen europäischen Ländern längst nicht selbstverständlich ist, entwickelt sich bei uns gerade Schritt für Schritt ein sehr guter Teamgeist.

Welchen Part hat Ihnen Berti Vogts in diesem Team zugedacht?

Bei einem solchen Turnier geht es in einen Bereich, in dem man sich keine großen Fehler leisten kann. Zum Beispiel muss man das Training ordentlich leiten können. Das Vertrauen, das ich das alleine umsetzen kann, hatte Berti Vogts von Anfang an. Ich habe eine klar definierte Aufgabe, gestalte unter anderem das Aufwärmprogramm im koordinativen Bereich. Gemeinsam mit dem Physiotherapeuten kümmere ich auch manchmal um das Krafttraining. Genau an dieser täglichen Trainingsarbeit sieht man, dass die Räder bei uns schön ineinander greifen. Das erleichterte meine Arbeit als Neuling in den ersten Tagen sehr.

Wer sind die Stars in Ihrem Kader?

Die absolute Legende der Mannschaft ist sicherlich Kanu, der über die Ländergrenzen Nigerias hinaus in ganz Afrika bekannt ist. Er hat in seiner Karriere sehr viel erlebt, auf höchstem fußballerischen Niveau, angefangen von Ajax Amsterdam über den FC Arsenal bis jetzt in Portsmouth. Auf Vereinsebene hat er fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Außerdem rechnet man ihm in Afrika hoch an, dass er eine eigene Charity-Organisation ins Leben gerufen hat. Er ist der Kapitän unserer Mannschaft und genießt wirklich Heldenstatus in ganz Afrika.

Welche Spieler stehen sonst noch dafür, dass Nigeria als einer der Favoriten ins Turnier geht?

Wir haben einige großartige Spieler im Kader, wie z.B. Obafemi Martins von Newcastle, John Utaka von Portsmouth, Peter Odemwingie von Lok Moskau oder auch Stephen Ayodele Makinwa von Lazio Rom. Selbst aus der italienischen zweiten Liga haben wir mit Victor Nsofo Obinna von Chievo Verona einen ganz tollen Spieler, insgesamt eine wahnsinnig gut besetzte Offensivabteilung. Joseph Yobo, ein ausgezeichneter Innenverteidiger vom FC Everton, dürften in Deutschland auch ein paar Leute kennen, genauso wie natürlich John Obi Mikel vom FC Chelsea.

Sie haben in der Premier League bei Tottenham Hotspur und Leicester City gespielt. Inwiefern profitieren Sie davon?

Beim Afrika-Cup sind viele Spieler dabei, die in England ihr Geld verdienen. Für mich ist diese Zeit auf der Insel jetzt besonders vorteilhaft, weil ich unseren erfolgreichen Spielern sofort vermitteln konnte, dass ich genau weiß, wie dort der Hase läuft. Da ich ja selbst lange bei den Spurs gespielt habe, wusste jeder sofort, dass ich genügend Erfahrung mitbringe. Mir war auch von vornherein klar, dass gerade jetzt alle Spieler aus der Premier League ziemlich müde sind, nach dem harten Programm vor und nach Weihnachten.

Die afrikanischen Mannschaften erzielen immer wieder Achtungserfolge. Was fehlt ihnen noch für den ganz großen Wurf?

Die technischen Fähigkeiten sind vorhanden, nicht nur bei uns. Die Mannschaften müssen allerdings noch mehr als Team auftreten, sie müssen taktisch zum Teil noch etwas ausgereifter agieren, z.B. in Situationen wie einem 1:0-Rückstand. Da fehlt es vielleicht manchmal noch am Willen, da bräuchte man mehr Biss. Oder es geht darum, einfach mal eine 1:0-Führung nach Hause zu bringen. Das sind alles Sachen, die im europäischen Fußball zur Tagesordnung gehören. Diese taktischen Defizite gilt es zu beheben, um auch einmal in ein WM-Finale vorzustoßen. Aber die fußballerische Qualität ist auf alle Fälle da. Das weiß man spätestens seit den Erfolgen von Kamerun bei der WM 1990. Seitdem wartet man auf den großen Durchbruch der Afrikaner, doch außer dem Olympiasieg von Nigeria gab es keine Titel. Deshalb ist es für uns eine sehr interessante Aufgabe, die Mannschaft in genau diesen Bereichen weiterzuentwickeln. Wenn uns das gelingt, haben wir auch eine gute Chance, beim Afrika-Cup sehr weit zu kommen.

Oft hat die chaotische Terminplanung den afrikanischen Mannschaften einen Strich durch die Rechnung gemacht…

In dem Punkt muss man Berti Vogts ein großes Kompliment machen. Bei uns ist es mittlerweile so, dass der Vize-Präsident von Nigeria auf Berti zugeht und ihm von sich aus zusichert, dass alles wie am Schnürchen klappen wird. Wir wussten, dass wir auf dem Flug nach Accra eine Zwischenlandung in Lagos haben würden, wurden aber beruhigt, dass der Flug von dort direkt fortgesetzt wird, dass man nicht am Flughafen warten muss. Früher konnte aus so einem Trip, der eigentlich zehn Stunden dauert, schon mal 24 werden. So etwas muss man einfach vermeiden, wenn man erfolgreich spielen will. Und genau in diesem Bereich hat Berti Vogts schon Unglaubliches geleistet. Im Trainingslager wurde jeden Abend der Trainingsplan für den nächsten Tag ausgeteilt. Und wenn mal jemand zu spät kommt, brauchen wir gar nichts mehr zu sagen. Da kümmern sich die Spieler mittlerweile selbst drum.

Der deutsche Cheftrainer steht vom ersten Turniertag an unter großem Druck. Wie geht er damit um?

Berti Vogts wusste, was auf ihn zukommt, bevor er den Job übernommen hat. Er hat sich den Status über die Jahre erarbeitet, und dazu gehört auch ein gewisser Erfolgsdruck. Wenn man vor ihm steht und sich überlegt, wo er überall tätig war und was er alles erreicht hat, dann stellt sich erst gar nicht die Frage, ob er zu viel oder zu wenig verdient. Dass man für einen Fachmann wie Berti Vogts etwas mehr zahlen muss, das ist für mich eine unverrückbare Tatsache.

Was lässt Sie merken, welchen Stellenwert der Afrika-Cup in Nigeria hat?

Das kann man daran ablesen, wer alles im Trainingslager vorbei gekommen ist, von den Journalisten über den Vize-Präsidenten bis hin zum Sportminister. Wir hatten immer wieder nigerianische Prominenz zu Gast. Diese Leute reden die ganze Zeit auch nur vom Sieg und rechnen fest damit, dass wir den Cup mit nach Hause bringen. Irgendwie muss man das auch verstehen: Nigeria ist in der Geschichte des Afrika-Cups das Team, das fast immer im Halbfinale war und den Cup auch schon zweimal gewonnen hat. Andere Länder haben auch schon zwei- oder dreimal gewonnen, aber nur Nigeria ist immer so weit gekommen. Von daher kann man die hiesige Situation sogar ein bisschen mit der von Deutschland vergleichen.

Sollte Ihre Mannschaft tatsächlich den Afrika-Cup gewinnen, fahren Sie dann zum ersten Mal in Ihrem Leben nach Nigeria?

Ja, selbstverständlich. Ich wäre ja verrückt, wenn ich die Einladung des Präsidenten des Landes nicht annähme. Außerdem bereue es heute noch, dass ich 1996 nicht gemeinsam mit der Nationalmannschaft nach Frankfurt geflogen bin, um den EM-Titel zu feiern. Ich hatte mir ja im Halbfinale gegen England einen Kreuzbandriss zugezogen und bin leider schnellstmöglich zur OP in die USA gereist. Die Siegesfeier in Nigeria wäre eine späte Entschädigung für mich.

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