Steffen Freund im Interview

„Häufig fehlt der Mut“

Steffen Freund hat einen neuen Job: Seit dem 1. September ist er Assistenztrainer der deutschen U20-Nationalmannschaft. Die Jungs können von den Erfahrungen des Kämpen profitieren – und auch uns lässt er teilhaben. Imago

Herr Freund, wir gratulieren zum neuen Job als Assistenz-Trainer der U-20-Nationalmannschaft. Wie kam es dazu?

Nach Ende meiner Karriere habe ich viele Sachen gemacht. Unter anderem gründete ich eine Sportmanagement-Agentur. Aber ich bin auch seit drei Jahren beim ESV Lok Elstal, einem kleinen Verein in Brandenburg, in der Nachwuchsarbeit aktiv. Wie ich finde, habe ich einen guten Draht zu jungen Leuten. Matthias Sammer ist ein guter Freund von mir. Als er mir anbot, beim DFB zu arbeiten, sagte ich sofort ja. Ich will von U-20-Cheftrainer Frank Engel lernen, wie man ein solches Team führt.

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Was können Sie im Gegenzug den jungen Spielern mit auf den Weg geben?


Als Profi, der sowohl in der Bundesliga als auch in der englischen Premier-League gespielt hat, kann ich wichtige Erfahrungen weitergeben. Zwischen 18 und 21 Jahren – das ist die entscheidende Zeit für einen Profifußballer.

Inwiefern?

Vielleicht hat man schon den ersten Profivertrag unterschrieben, verdient gutes Geld und kann sich ein schickes Auto leisten. Viele denken: Jetzt habe ich es geschafft. Das ist ein Trugschluss. Es ist verdammt schwer, sich als junger Spieler einen Stammplatz zu erkämpfen, egal ob in der 1. oder 2. Liga. Die erfahrenen Spieler wissen, wie sie ihren Platz gegen jüngere Leute verteidigen müssen. Ich will den Jungs klar machen, was sie tun müssen, um sich durchzusetzen. Das hat viel mit Willensbildung und Wertevermittlung zu tun.

Die Trainer und Manager der Bundesliga-Klubs machen es dem Nachwuchs auch nicht immer einfach…

… weil sie lieber einen fertigen Spieler aus dem Ausland holen, als auf junge Leute aus dem eigenen Jugendbereich zu bauen. Das stimmt. Mich stört, dass häufig der Mut dazu fehlt. Dabei gibt es positive Beispiele wie den VfB Stuttgart und Borussia Dortmund, die vor ein paar Jahren auf den eigenen Nachwuchs gesetzt haben und damit erfolgreich waren.

Gezwungenermaßen, weil sich diese Vereine angesichts finanzieller Schwierigkeiten keine Transfers leisten konnten.

Das ist korrekt. Im deutschen Vereinsfußball hat man tatsächlich etwas verpasst. Da sind uns beispielsweise die französischen Klubs deutlich voraus. Die haben rigoros auf den Nachwuchs gesetzt und sind an uns vorbeigezogen. Ich wünsche mir von den Verantwortlichen der Bundesligaklubs mehr Geduld im Umgang mit jungen Spielern. Häufig ist es doch so, dass man sie ein, zwei Jahre mittrainieren lässt und dann an einen kleineren Verein abschiebt.

Andererseits wird schon Jagd auf 13- oder 14-Jährige gemacht…

Da fehlen mir die Worte. Aber das ist inzwischen Teil des Fußballgeschäfts.

Wo sehen Sie den deutschen Nachwuchsfußball im internationalen Vergleich?

Es sieht ganz gut aus. Mein neues Team ist kürzlich bei der EM sehr unglücklich im Halbfinale gegen Griechenland ausgeschieden. Und die U-17-Nationalmannschaft hat gerade den Einzug ins WM-Viertelfinale geschafft. Was fehlt, ist ein Sieg bei einem großen Turnier. Darauf wartet der DFB seit mehr als zehn Jahren.

Jürgen Klinsmann hat einen radikalen Schnitt gemacht. Hat das nicht Signalfunktion für den gesamten deutschen Fußball?

Was Jürgen und sein Team gezeigt haben, war ein enormer Kraftakt. Jürgen war eigentlich aber gar nichts anderes übrig geblieben, als junge Leute einzubauen. Wenn man sich die Altersstruktur anschaut, dann fällt auf, dass es im Alter zwischen 22 und 28 Jahren wenig erstklassige deutsche Spieler gibt. Da hat sich eine Lücke aufgetan. Wir müssen aufpassen, dass uns so etwas nicht noch einmal passiert.

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